{"id":41528,"date":"2017-12-01T07:11:41","date_gmt":"2017-12-01T06:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=41528"},"modified":"2017-12-01T14:08:06","modified_gmt":"2017-12-01T13:08:06","slug":"journal-mittwoch-donnerstag-29-30-november-2017-zehn-jahre-auf-twitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/12\/journal-mittwoch-donnerstag-29-30-november-2017-zehn-jahre-auf-twitter.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch\/Donnerstag, 29.\/30. November 2017 &#8211; Zehn Jahre auf Twitter"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag Panikarbeit, dennoch das Pensum f\u00fcr zwei weggeschafft. Der Anlass ist einer mit vielen Unw\u00e4gbarkeiten, deshalb Erleichterung erst in einer Woche.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg lange nachgedacht, was ich denn zu Abend essen will &#8211; Herr Kaltmamsell war aush\u00e4usig, ich musste mir also selbst etwas \u00fcberlegen (&#8220;Versorgungsehe&#8221; bedeutet eigentlich etwas anderes, oder?). Zum Gl\u00fcck fiel mir ein, dass ich ungeheuer gerne Rahmspinat h\u00e4tte. Den kaufte ich gefroren, verl\u00e4ngerte ihn daheim mit Gem\u00fcsebr\u00fche zur Suppe und lie\u00df zwei Eier darin stocken &#8211; wunderbar.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Am Freitag war mein Weg in die Arbeit zehn Minuten von Schneeflocken umwirbelt, \u00fcber den Tag schneite es immer wieder. Ich arbeitete ruhiger. Dreimal erreichten mich auf meinem Smartphone Anrufe &#8211; auf so viel komme ich sonst nicht mal im halben Jahr. Zwei davon waren beruflich wegen des Anlasses oben: Da ich kein Arbeitshandy habe (und sehr froh bin, dass ich mich in eine Position gearbeitet habe, in der ich keines brauche), hatte ich f\u00fcr dringendste Notf\u00e4lle &#8211; z.B. Spedition mit Messematerial verirrt sich auf dem Weg zum Anlass &#8211; meine private Telefonnummern angegeben; sie scheint sich zu verbreiten. So war das sicher nicht gedacht, ich werde nach dem Anlass oben ein paar Anrufernummer sperren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Noch nebens\u00e4chlicher: Mein Hirn nudelt inzwischen alle Musikst\u00fccke des Langhanteltrainings (immer ein Quartal lang dieselben) als Ohrw\u00fcrmer durch, zum Gl\u00fcck immer eins nach dem anderem f\u00fcr ein paar Stunden. Ich baue darauf, dass die jeweiligen Muskeln dabei nachlegen. (Gestern Vormittag war&#8217;s allerdings die Musik des Warm-ups.)<\/p>\n<p>Hinter dem gestrigen Tag lauert der f\u00fcr mich gef\u00e4hrlichste Monat: Dezember. Schon in den letzte Novembertagen blitzten die Erinnerungen, die mich jeden Dezember wieder \u00fcberfallen und wehrlos hinunterziehen &#8211; auch weiterhin nichts wirklich Schlimmes, bei mir war doch nie etwas wirklich Schlimmes, und doch fluten sie mich mit Gef\u00fchlen bis fast zur Bewusstlosigkeit.<\/p>\n<p>Weil Herr Kaltmamsell gestern verhindert war, holte den Ernteanteil vom Verteilerpunkt ich ab &#8211; und machte daf\u00fcr fr\u00fch Feierabend (im Grunde lediglich p\u00fcnktlich &#8211; ich glaube, da rei\u00dft gerade was ein). Es schneite immer dichter, der Gr\u00fcnkohl im Ernteanteil wurde angemessen winterlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171130_01_Ernteanteil.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171130_01_Ernteanteil.jpg\" alt=\"\" width=\"423\" height=\"438\" class=\"alignnone size-full wp-image-41575\" \/><\/a><\/p>\n<p>Einen Teil Zuckerhut (gegen\u00fcber Gr\u00fcnkohl in der Kiste) schnippelte ich mir zu einem Salat f\u00fcrs Abendbrot. Als Dressing: Frisch gepresster Saft einer rosa Grapefruit, ein Schuss Himbeersirup, grober und Dijon-Senf, Oliven\u00f6l (Salz, Pfeffer), dazu wunderbare israelische Menjou-Datteln, fein gehackt. Eine sehr k\u00f6stliche Kombination, merken.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Twitter benachrichtigte mich zu meinem Anmeldejubil\u00e4um; das hatte ich bei anderen mitbekommen und selbst bereits nachgerechnet. In der Nacht auf Donnerstag stimmte dann auch das Datum: Ich twittere seit zehn Jahren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/071130_10_jahre_Twitter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/071130_10_jahre_Twitter.jpg\" alt=\"\" width=\"526\" height=\"317\" class=\"alignnone size-full wp-image-41577\" \/><\/a><\/p>\n<p>Durchaus ein denkw\u00fcrdiges Jubil\u00e4um, zehn Jahre Web-Geschichte. Ich h\u00f6rte zum ersten Mal von Twitter auf der Jurysitzung BoBs der Deutschen Welle; meiner Erinnerung nach war es das Jurymitglied f\u00fcr China, der dieses neue Ding erw\u00e4hnte. Ich verstand es nicht sofort, und wie alle neuen Internetmoden ignorierte ich Twitter erst mal. Viel mehr beeindruckte mich das Handy eines anderen Jurymitglieds, das ein Navigationssystem hatte, mit dem er sich bei diesem seinem ersten Berlinbesuch orientierte.<\/p>\n<p>Erst als Twitter immer noch und immer h\u00e4ufiger in Blogs erw\u00e4hnt wurde (das war damals mein Hauptaufenthaltsort im Web), sah ich es mir mal an.<\/p>\n<p>Mein erster Tweet war dann:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/071130_Ersttweet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/071130_Ersttweet.jpg\" alt=\"\" width=\"440\" height=\"124\" class=\"alignnone size-full wp-image-41534\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dieses Spitzenniveau versuchte ich \u00fcber die Jahre konsequent zu halten, auch wenn das mal Anstrengung kostete.<\/p>\n<p>Schon bald war Twitter meine wichtigste Nachrichtenquelle. Und mein Ventil f\u00fcr alle m\u00f6glichen Impulse, deshalb auch die meiste Zeit auf privat gestellt. Aber auch diese Plattform hatte wie alle interaktiven Teile des Webs als wichtigste Auswirkung: Menschen (zu einem davon fahre ich in einer Woche auf eine Geburtstagsfeier). Ich fand Freundinnen und Freunde, schloss mich Netz-Feministinnen an, Twitter wurde zum losen Verbindungsband vieler bereits \u00fcber Blogs geschlossener Freundschaften.<\/p>\n<p>In den ersten Monaten wechselte ich noch lustig die Favicons (es gab daf\u00fcr immer neue Tools), sah oft den Failwhale, weil Twitter mal wieder \u00fcberlastet war, gestaltete mit den anderen Nutzern n\u00fctzliche Funktionen wie @-Replies und \u00fcber RT Retweets. \u00dcber offene Schnittstellen gab es st\u00e4ndig neue Gimmicks wie das Einbinden von Fotos, und um mobil zu twittern, musste man eine SMS an eine bestimmte Telefonnummer schicken &#8211; zun\u00e4chst gab es nur eine in USA, dann auch in Deutschland.<\/p>\n<p>Ich war Teil <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2008\/07\/auf-die-buhne-fertig-los.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">der m\u00f6glicherweise ersten Twitter-Lesung<\/a>, auf der ich praktisch lernen durfte, wie man auf der B\u00fchne so richtig abkackt, aber dann wusste ich das auch.<\/p>\n<p>Auch weiterhin folge ich am liebsten Leuten, die sich besonders gut und pr\u00e4gnant ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Allerdings nehme ich an, dass diese Qualit\u00e4t noch rarer wird, da k\u00fcrzlich die Beschr\u00e4nkung auf 140 Zeichen aufgehoben wurde. Heute braucht man Twitter zwar endlich nicht mehr st\u00e4ndig zu erkl\u00e4ren, doch ist es meinem Gef\u00fchl nach schon lange eine Sache f\u00fcr alte Leute, etabliert, uncool und vergangen wie die urspr\u00fcnglichen Blogs.<\/p>\n<p>Was zum Gl\u00fcck geblieben ist: Die Verbindung zu den Menschen dort.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Kathrin Passig schreibt im <i>Merkur<\/i> ausf\u00fchrlich \u00fcber:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/2017\/11\/23\/fuenfzig-jahre-black-box\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;F\u00fcnfzig Jahre Black Box&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Sie denkt darin unter anderem gr\u00fcndlich \u00fcber die Sorge nach, heutzutage verstehe ja kein Mensch mehr die Programme in den alles beherrschenden Computern, das sei gef\u00e4hrlich:<\/p>\n<blockquote><p>Dass ein Sachverhalt schon l\u00e4nger besteht, ohne dass bisher die Welt untergegangen ist, muss nicht hei\u00dfen, dass er harmlos ist. Vielleicht geht die Welt ein bisschen sp\u00e4ter trotzdem unter, oder vielleicht sind wir bereits die gr\u00fcndlich indoktrinierten Produkte dieser Fehlentwicklung, unf\u00e4hig, das Problem \u00fcberhaupt noch zu erkennen. Aber jedenfalls greift es zu kurz, die Machine-Learning-Verfahren der letzten Jahre zu beschuldigen und eine R\u00fcckkehr zu der einfach und vollst\u00e4ndig durchschaubaren Software zu fordern, wie wir sie noch vor f\u00fcnf Jahren, na gut: vor zehn \u2026 oder wenigstens zwanzig \u2026 aber doch ganz sicher vor f\u00fcnfzig Jahren hatten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn, wenig \u00fcberraschend: Schon damals wurde beklagt, keiner verstehe den Code mehr.<\/p>\n<blockquote><p>Die meisten dieser Ph\u00e4nomene sind nicht auf Software beschr\u00e4nkt, man kann sie auch an Geb\u00e4uden oder technischen Einrichtungen beobachten, die im Lauf der Jahrzehnte umgebaut und an neue Erfordernisse angepasst worden sind. Die Dokumentation ist selten auf demselben Stand oder auch nur am selben Ort wie ihr Gegenstand. Das James Gregory Telescope in St Andrews ist das gr\u00f6\u00dfte Teleskop Schottlands, ich schreibe Teile dieses Beitrags in seiner N\u00e4he. Die Betriebsf\u00e4higkeit des \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre alten Ger\u00e4ts h\u00e4ngt im Wesentlichen von einem einzigen pensionierten Physiker ab, der sich in seiner Freizeit in die verschiedenen historischen Schichten der Teleskoptechnik eingearbeitet hat. Eine Dokumentation der verschiedenen Umbauten existiert \u2013 au\u00dfer im Kopf von Roger Stapleton \u2013 nur fragmentarisch und an verstreuten Orten. Das ist keine Ausnahme, sondern der Normalzustand; vom unvollendeten Berliner Flughafen h\u00f6rt man, dass er diesen Zustand der Undokumentiertheit bereits vor seiner Er\u00f6ffnung erreicht hat.<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/0b0c06ac2de940018b3daacca6de7a79\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag Panikarbeit, dennoch das Pensum f\u00fcr zwei weggeschafft. Der Anlass ist einer mit vielen Unw\u00e4gbarkeiten, deshalb Erleichterung erst in einer Woche. Auf dem Heimweg lange nachgedacht, was ich denn zu Abend essen will &#8211; Herr Kaltmamsell war aush\u00e4usig, ich musste mir also selbst etwas \u00fcberlegen (&#8220;Versorgungsehe&#8221; bedeutet eigentlich etwas anderes, oder?). 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