{"id":41672,"date":"2017-12-08T06:39:46","date_gmt":"2017-12-08T05:39:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=41672"},"modified":"2017-12-09T07:50:08","modified_gmt":"2017-12-09T06:50:08","slug":"journal-donnerstag-7-dezember-2017-wovon-meine-grosseltern-gelebt-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/12\/journal-donnerstag-7-dezember-2017-wovon-meine-grosseltern-gelebt-haben.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 7. Dezember 2017 &#8211; Wovon meine Gro\u00dfeltern gelebt haben"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Weg in die Arbeit blauer Himmel und davor ein gro\u00dfer M\u00f6wenschwarm \u00fcber der Theresienwiese. Der Tag blieb sonnig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171207_01_Bueroblick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171207_01_Bueroblick.jpg\" alt=\"\" width=\"591\" height=\"418\" class=\"alignnone size-full wp-image-41688\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich hatte meinen Turnbeutel dabei, um nach p\u00fcnktlich abgeschlossener Arbeit zumindest zu meiner w\u00f6chentlichen Dosis Krafttraining zu kommen. Doch ich hatte zu viel Arbeit und zudem Dezember, ich kam erst sp\u00e4t raus.<\/p>\n<p>Aber: Zum Abendbrot endlich heimischer Christkindlmarkt am Sendlinger Tor (dieses Jahr durch die U-Bahnhof-Baustelle beschnitten) mit Regensburger spezial und einer Portion Pommes.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171207_02_Christkindlmarkt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171207_02_Christkindlmarkt.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"429\" class=\"alignnone size-full wp-image-41689\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Mittags sah ich diesen Tweet via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/DonnerBella\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">@DonnerBella<\/a> und beantwortete ihn:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171207_Tweet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/171207_Tweet.jpg\" alt=\"\" width=\"576\" height=\"174\" class=\"alignnone size-full wp-image-41673\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mich erwischte, wie wenig Heroik und Geschichten dahinter stecken (im Gegensatz zu manch anderen Antworten auf die Frage): Meine Gro\u00dfeltern k\u00e4mpften einfach blo\u00df darum, irgendwie \u00fcber die Runden zu kommen. Keine Heldentaten, kein gesellschaftliches Engagement. Deshalb hier ein wenig ausf\u00fchrlicher, weil doch gerade diese erb\u00e4rmlichen, kleinen Leben nie zu Romanen werden.<\/p>\n<p>Polnischer Gro\u00dfvater: Ich habe mich f\u00fcr den Mann entschieden, bei dem meine Mutter gro\u00df wurde, den sie &#8220;Onkel Hans&#8221; nannte, der unverheiratet mit meiner Gro\u00dfmutter zusammenlebte. Er war nicht ihr biologischer Vater, der hatte die Familie sitzen lassen, als meine Mutter und ihre j\u00fcngere Schwester noch ganz klein waren. Ich nannte diesen Onkel Hans Opa; er starb, als ich noch ein Kleinkind war. Mit den wenigen Erinnerungen an ihn verbinde ich positive Gef\u00fchle: Opa kaufte mir S\u00fc\u00dfigkeiten (&#8220;Nini, gehma zum Kreidl?&#8221; hat er mich laut meiner Mutter gefragt) und hatte einen Hund, einen wei\u00dfen Spitz-Mischling namens Lulu (viel mehr deutsche 50er geht vermutlich nicht vong Hund her).<\/p>\n<p>Laut den Erz\u00e4hlungen meiner Mutter war er nach dem Krieg Schwarzmarkth\u00e4ndler; mindestens einmal wurde er wohl erwischt, und die Polizei stand vor der T\u00fcr. Dass meine Oma f\u00fcr ihn vor Gericht l\u00fcgen musste, warf sie ihm laut meiner Mutter regelm\u00e4\u00dfig bei Streiten vor. Weil er einen Arm im Krieg gelassen hatte als polnischer Soldat, bekam er Behindertenrente &#8211; davon lebte er wohl nach Ende der Schwarzm\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Polnische Gro\u00dfmutter: Bevor die Deutschen sie aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klimont%C3%B3w_(Powiat_Sandomierski)\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">s\u00fcdpolnischen Klimont\u00f3w<\/a> zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppten, hatte sie eine Schneiderinnenlehre begonnen. Nach dem Krieg lebte sie von der Unterst\u00fctzung der US-Besatzer, dann von Gelegenheitsarbeiten. Wovon sie am \u00f6ftesten und mit am meisten Liebe erz\u00e4hlte: Ein Jahr war sie in Ingolstadt in der st\u00e4dtischen G\u00e4rtnerei angestellt, das scheint ihr sehr gefallen zu haben. Alle anderen Arbeiten machte sie halt, um Geld zu verdienen. Die Fertigkeiten als Schneiderin nutzte f\u00fcr eigene und die Kleidung ihrer Kinder; meiner Mutter gab sie zudem einiges Schneiderwissen weiter. Die l\u00e4ngste Zeit als meine Oma arbeitete sie in der Fabrik, n\u00e4mlich bei Telefunken an der Stanze. Sie arbeitete Akkord (&#8220;Akkord de is de Mord!&#8221;) und klagte \u00fcber den L\u00e4rm, den Kapo und wies immer wieder darauf hin, ihre Arbeit mache sie &#8220;kaputt&#8221;.<\/p>\n<p>Spanischer Gro\u00dfvater: An ihn habe ich kaum Erinnerungen von wenigen Spanienurlauben, er starb, als ich acht war. Aus den Erz\u00e4hlungen meines Vaters wei\u00df ich, dass er sich als Tagel\u00f6hner in Madrid \u00fcber Wasser hielt, mal als Beifahrer im Lastwagen, wo er dem Fahrer beim Be- und Entladen half, mal auf dem Bau. Jedes Mal, wenn ich morgens die wartenden Tagel\u00f6hner im s\u00fcdlichen Bahnhofsviertel sehe, denke ich an ihn. (Und stelle fest, dass ich sehr wenige Details \u00fcber seinen Alltag wei\u00df, ich muss meinen Vater nach mehr fragen.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/familienalbum-3-meine-yaya.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Spanische Gro\u00dfmutter<\/a>: Weil der Verdienst ihres Mannes auch im Madrid der 40er und 50er keine Familie ern\u00e4hrte (mein Vater hat einen Bruder und eine Schwester), ging sie Putzen. Wie ihre Schwester war meine Yaya ums Ende des B\u00fcrgerkrieges als junges M\u00e4dchen ohne jegliche Schulbildung aus der kargen Sierra n\u00f6rdlich von Madrid in die Stadt gekommen, um als Dienstm\u00e4dchen zu arbeiten. Sie war sehr sparsam (bis knickert, was sich im Alter absurd verst\u00e4rkte), und dadurch und durch die finanzielle Unterst\u00fctzung ihrer Kinder (sprich: meines Gastarbeiter-Vaters) konnte sie sich als Rentnerin sogar eine eigene kleine Wohnung in einer der Madrider Trabantenst\u00e4dte leisten. (Auch hier muss ich meinen Vater mal nach Details fragen.)<\/p>\n<p>Uiuiui, beim Aufschreiben schn\u00fcrt es mir die Kehle zu vor schlechtem Gewissen und vor Scham. Ich hatte es so viel einfacher als diese Vorfahren, mir wurden Begabung und im Grunde jede M\u00f6glichkeit und Chance hinterher getragen, im Gegensatz zu ihnen lebe ich in Freiheit und Wohlstand &#8211; doch ich habe nichts daraus gemacht. (Gibt es <i>survivor guilt<\/i> auch bei Armutsabk\u00f6mmlingen?) <\/p>\n<p>M\u00f6gen Sie mir (in Ihren Blogs oder hier in den Kommentaren) erz\u00e4hlen, wovon Ihre Gro\u00dfeltern gelebt haben? <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/9cd3f64fd15f4eac9edd406f515f2879\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg in die Arbeit blauer Himmel und davor ein gro\u00dfer M\u00f6wenschwarm \u00fcber der Theresienwiese. Der Tag blieb sonnig. 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