{"id":41757,"date":"2017-12-13T06:47:32","date_gmt":"2017-12-13T05:47:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=41757"},"modified":"2017-12-13T10:12:18","modified_gmt":"2017-12-13T09:12:18","slug":"journal-dienstag-12-dezember-2017-wollen-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/12\/journal-dienstag-12-dezember-2017-wollen-muessen.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 12. Dezember 2017 &#8211; Wollen m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichten \u00fcber den Lebensunterhalt von Gro\u00dfeltern (gro\u00dfen Dank, dass Sie sich die M\u00fche des Erinnerns und Aufschreibens machen!) gehen mir sehr in Kopf und Herz herum. Es scheint mir, dass sich ein Muster abzeichnet, das vermutlich historisch und soziologisch begr\u00fcndbar ist.<\/p>\n<p>Das Erwerbsleben Ihrer und meiner Gro\u00dfeltern ist im Durchschnitt gekennzeichnet durch Gen\u00fcgsamkeit, Kurzfristigkeit, \u00dcberleben, Bescheidenheit. Es klingt durch, dass diese Menschen wussten, wo ihr Platz in der Gesellschaft war und sich dort einrichteten. Die Vertreibung aus Osteuropa bewirkte sogar eher einen gesellschaftlichen Abstieg. (Auch ich erinnere mich noch an alte Frauen, die bei jeder Gelegenheit erz\u00e4hlten, dass sie ihn riesigen Gutsh\u00f6fen und mit Personal aufgewachsen waren &#8211; und somit eigentlich etwas Besseres.)<\/p>\n<p>Unsere Eltern dann erlebten Aufstieg, Streben nach Wohlstand, genug Freiheit f\u00fcr berufliche Ambitionen, aber oft noch nicht genug Freiheit (materiell, gesellschaftlich, pers\u00f6nlich), um sie auch umzusetzen &#8211; gerade unsere M\u00fctter.<br \/>\nIch zum Beispiel habe einen mords Respekt vor meinen Eltern, die jeweils aus dem vorgezeichneten Lebensweg ausbrachen &#8211; meine Mutter aus der weiblichen Rolle (vielleicht nicht praktisch und im Erwerbsleben, sie sorgte dann doch die meiste Zeit nicht selbst f\u00fcr ihren Lebensunterhalt), doch als reflektierte und selbst erfundene Feministin, die sich mit jedem und jeder anlegte, die sie der Ungerechtigkeit gegen\u00fcber Frauen (wie sie Sexismus nannte) \u00fcberf\u00fchrt sah. Und mein Vater, der aus der bitteren Armut seiner Familien und aus der Franco-Diktatur ausbrach &#8211; durch Auswandern und hart erarbeitetem materiellen Wohlstand.<\/p>\n<p>Und nun wir, ganz grob die Babyboomer-Generation: Wir hatten fast alle Chancen der Welt (vor allem wenn wei\u00df und m\u00e4nnlich) &#8211; aber halt auch den Druck, sie wahrzunehmen und etwas aus uns zu machen. &#8220;Was du willst, das kannst du&#8221; pr\u00e4gte unsere Ausbildung und unser Berufsleben. Das impliziert nicht nur eine unrealistische Kontrolle \u00fcber alle Aspekte des eigenen Lebens, sondern auch das Wollenm\u00fcssen: Tr\u00e4ume haben, Ziele setzen, ihr Erreichen anstreben, Leistung gerne auch zum Preis der Selbstverleugnung, hohe materielle Anspr\u00fcche, die noch mehr Zeit f\u00fcr Geldverdienen erfordern. Das ist sehr weit weg von Gro\u00dfeltern, die mit eigener H\u00e4nde Arbeit (Freunden und Nachbarn) nach der Vertreibung ein H\u00e4usl errichteten, ihr Gem\u00fcse anbauten, ihre Kleidung schneiderten und strickten und in einem kleinen Angestelltenjob das Geld f\u00fcr die Dinge verdienten, die sie nicht selbst herstellen konnten.<br \/>\nAndererseits klingt der letzte Satz schwer nach dem <i>Landlust<\/i>&#8211; und DIY-Pinterest-Leben, nach dem sich heute sehr viele zu sehnen scheinen.<\/p>\n<p>\u00dcber deren Kinder wiederum h\u00f6re ich aus dem Arbeitsleben, dass gerade die am besten ausgebildeten mit namhaften Praktika im In- und Ausland sowie Bestnoten (also tendenziell die aus gehobenen Gesellschaftsschichten, denn Elternhaus und Ausbildung sind deutlich enger verkn\u00fcpft als bei uns Babyboomern) Jobs anstreben, die ihnen genug Zeit f\u00fcr eigene Interessen bieten &#8211; zumindest beruflich k\u00f6nnten sich der Zwang zum Wollenm\u00fcssen und Prestige durch Leistung und Selbstausbeutung verlieren.<\/p>\n<p>Bei dieser Betrachtung habe ich allerdings nur diejenigen herangezogen, deren Familien sp\u00e4testens seit den 60ern in deutschsprachigen Gebieten wohnen. Wenn man die Einwanderer der <del datetime=\"2017-12-13T09:11:59+00:00\">80er<\/del> 90er (Jugoslawienkrieg) bis heute einschl\u00f6sse, s\u00e4he der Verlauf wahrscheinlich anders aus.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ein grauer Wintertag, nachmittags sah ich immer wieder Schneeflocken vorm B\u00fcrofenster.<\/p>\n<p>Ich ging morgens endlich wieder zum Langhantel- und damit Kraftraining, merkte die zweiw\u00f6chige Pause vor allem bei den Oberk\u00f6rper-\u00dcbungen.<\/p>\n<p>Arbeit in heftiger Taktzahl und L\u00e4nge, ich hoffe, dass es jetzt ein wenig ruhiger wird.<\/p>\n<p>Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Bratkartoffeln (im Fett der Ente von vor Wochen gebraten) und Spiegeleier, zum Nachtisch gab es reichlich Pl\u00e4tzchen. Zum Lesen ins Bett kam ich nicht so fr\u00fch wie geplant, weil die beim Heimkommen eingeschaltete Waschmaschinenladung statt zun\u00e4chst angezeigter zwei fast drei Stunden brauchte. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/cb57ae043eb34ed1bf12817935c30115\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichten \u00fcber den Lebensunterhalt von Gro\u00dfeltern (gro\u00dfen Dank, dass Sie sich die M\u00fche des Erinnerns und Aufschreibens machen!) gehen mir sehr in Kopf und Herz herum. Es scheint mir, dass sich ein Muster abzeichnet, das vermutlich historisch und soziologisch begr\u00fcndbar ist. 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