{"id":42224,"date":"2018-01-09T10:56:24","date_gmt":"2018-01-09T09:56:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=42224"},"modified":"2018-01-09T18:41:26","modified_gmt":"2018-01-09T17:41:26","slug":"der-einzige-fan-des-grossraumbueros","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/01\/der-einzige-fan-des-grossraumbueros.htm","title":{"rendered":"Der einzige Fan des Gro\u00dfraumb\u00fcros"},"content":{"rendered":"<p>In der j\u00fcngsten <i>FAS<\/i> stand schon wieder eine Wutrede gegen Gro\u00dfraumb\u00fcros: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/zur-hoelle-mit-dem-grossraumbuero-15377843.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Zur H\u00f6lle mit dem Gro\u00dfraumb\u00fcro&#8221;.<\/a> Seit inzwischen Jahrzehnten ist es dasselbe Spiel: Die Forschung lobt und preist den vielf\u00e4ltigen Nutzen von Gro\u00dfraumb\u00fcros, doch jeder und jede Betroffene findet es furchtbar.<\/p>\n<p>Ich scheine der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein, der Gro\u00dfraumb\u00fcros wirklich mag.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte an meiner B\u00fcrosozialisation liegen. Als ich kurz nach meinem 19. Geburtstag in einer Zeitungsredaktion mein Volontariat antrat, tat ich das in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro. Allerdings muss man m\u00f6glicherweise ohnehin pr\u00e4zisieren, was das bedeutet. Der <i>FAS<\/i>-Wutredner oben beschreibt eine B\u00fcrolandschaft, in der niemand einen festen Arbeitsplatz hat, in der es keine R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten gibt &#8211; gerade ersteres w\u00e4re nichts f\u00fcr mich. Zwar neige ich \u00fcberhaupt nicht dazu, mein B\u00fcro oder meinen Arbeitsplatz zu wohnzimmerisieren (Topfpflanzen, Familien- und Urlaubsfotos, Dekogegenst\u00e4nde, Kleidungs- und Lebensmittelvorr\u00e4te, Schilder oder Karten mit lustigen Spr\u00fcchen), doch ich mag beim Arbeiten eine vertraute Umgebung, in der ich die Macken der Tastatur und den Standort des Telefons ebenso kenne wie den blinden Handgriff, mit dem ich das Rollo vors blendende Sonnenlicht ziehe.<\/p>\n<p>Das Gro\u00dfraumb\u00fcro, in dem ich mein Arbeitsleben als Zeitungsvolont\u00e4rin begann, bestand aus Inseln mit mehreren Schreibtischen, die die Ressorts bildeten, durch menschenhohe Schr\u00e4nke voneinander getrennt. Alle hatten dort ihren eigenen Schreibtisch. Ich genoss es bei der Arbeit in der Regionalredaktion mitzubekommen, was in der Sportredaktion nebenan passierte (ein Gro\u00dfteil der Anekdoten, die ich \u00fcber diese Zeit erz\u00e4hle, speist sich daraus), aber auch zu h\u00f6ren, wie es den Kolleginnen und Kollegen in meinem eigenen Ressort gerade ging, was sie am Telefon besprachen, woran sie arbeiteten. Das Eintreffen der Fotolaborantin am fr\u00fchen Nachmittag h\u00f6rte ich nicht, sondern roch ich: Sie wandelte immer in einer Wolke des Parfums Cool Water.<\/p>\n<p>So geht es mir bis heute: In einem Gemeinschaftsb\u00fcro f\u00fchle ich mich auf dem aktuellen Stand, schnappe st\u00e4ndig interessante Informationsfetzen auf, auf die ich oft f\u00fcr meine eigenen Aufgaben zur\u00fcckgreife. Doch das funktioniert nur durch meine Art der Wahrnehmung und Filterung: Ich kann halt sehr viel gleichzeitig verarbeiten (daf\u00fcr wahrscheinlich nicht besonders tief oder bleibend), ohne dass ich mich davon abgelenkt f\u00fchle. Wenn ich mich im Gro\u00dfraumb\u00fcro konzentrieren m\u00f6chte, kann ich 90 Prozent davon ausblenden; gest\u00f6rt f\u00fchle ich mich dann nur durch direkte Ansprache.<\/p>\n<p>So ging mein Arbeitsleben auch weiter: In der ersten PR-Agentur gab es drei bis f\u00fcnf Schreibtische in einem Raum, T\u00fcren standen immer offen; wer viel am St\u00fcck telefonieren musste, konnte sich in ein Einzelb\u00fcro zur\u00fcckziehen. Mit der n\u00e4chsten Agentur erlebte ich den Umzug von winzigen, mit zwei bis drei Schreibtischen vollgestopften B\u00fcros in den Gro\u00dfraum: Licht! Luft! Platz! (Wurfspiele mit dem Kollegen am anderen Ende!) Als ich dann ins Gro\u00dfunternehmen wechselte, bekam ich die ersten Jahre ein Einzelb\u00fcro. Das war als Privileg gemeint, doch ich f\u00fchlte mich beengt und von allem abgeschnitten: Meine B\u00fcrot\u00fcr war als einzige auf dem Gang immer offen, so versuchte ich mir ein bisschen Gro\u00dfraum vorzugaukeln.<\/p>\n<p>Dann wechselte ich in einen Neubau der Konzernzentrale: Dort waren es meine Kolleginnen und Kollegen gewesen, die sich einige Monate zuvor von Zweierb\u00fcros auf Gro\u00dfraum hatten umstellen m\u00fcssen, und alle hassten es. Dabei war an schalld\u00e4mpfende Teppiche und Decken gedacht worden, zwischen Dreier- oder Viererinseln von Schreibtischen standen Schr\u00e4nke, es gab &#8220;Think Tanks&#8221; zum Telefonieren, f\u00fcr kleine Besprechungen oder zum konzentrierten Arbeiten. Ich fand&#8217;s super, endlich wieder immer halbwegs zu wissen, wer gerade an was arbeitete und sich wo befand &#8211; wenn ich f\u00fcr Kolleginnen ans Telefon ging, konnte ich immer ein bisschen helfen. Doch der Widerstand gegen die Umstellung war an diesem Standort enorm: Die Rechtsabteilung hatte allen Ernstes auf die trennenden Schr\u00e4nke Akten bis zur Decke gestapelt, um Einzelb\u00fcros zu simulieren.<\/p>\n<p>Sinnvolles Arbeiten in diesem Gro\u00dfraumb\u00fcro erforderte allerdings durchaus individuelle Disziplin: Hingehen statt Rufen, R\u00fcckzug f\u00fcr Besprechungen oder bei lauten T\u00e4tigkeiten. Als mein damaliger Chef mich einmal zu oft quer durchs B\u00fcro zu sich rief, rief ich &#8220;Wuff!&#8221; zur\u00fcck und rannte hundehechelnd zu ihm. (H\u00e4tte schief gehen k\u00f6nnen, doch er lachte sehr und lie\u00df diese Rufe fortan bleiben.)<\/p>\n<p>Bemerkenswert finde ich, dass es mir beim Wohnen genau umgekehrt geht, dort f\u00fchle ich mich durch die Anwesenheit anderer Menschen gest\u00f6rt: WG-Wohnen war nie etwas f\u00fcr mich. Schon als Sch\u00fclerin freute ich mich, wenn beim Heimkommen niemand zu Hause war, in meiner Studienzeit wohnte ich allein und teilte nur w\u00e4hrend meines Auslandsjahrs in Wales in einem <i>student house<\/i> K\u00fcche und Bad, hielt mich aber meistens in meinem Zimmer auf. Und es war ein sehr gro\u00dfer Schritt, mit einem Partner zusammenzuziehen &#8211; mit dem einzigen Menschen, der mich beim Wohnen nicht st\u00f6rt. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/353796d70fe94474acb14294abb463b9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der j\u00fcngsten FAS stand schon wieder eine Wutrede gegen Gro\u00dfraumb\u00fcros: &#8220;Zur H\u00f6lle mit dem Gro\u00dfraumb\u00fcro&#8221;. Seit inzwischen Jahrzehnten ist es dasselbe Spiel: Die Forschung lobt und preist den vielf\u00e4ltigen Nutzen von Gro\u00dfraumb\u00fcros, doch jeder und jede Betroffene findet es furchtbar. 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