{"id":42704,"date":"2018-02-10T10:59:19","date_gmt":"2018-02-10T09:59:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=42704"},"modified":"2018-02-10T11:46:25","modified_gmt":"2018-02-10T10:46:25","slug":"journal-freitag-9-februar-2018-deborah-feldman-unorthodox-freundinnenbesuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/02\/journal-freitag-9-februar-2018-deborah-feldman-unorthodox-freundinnenbesuch.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 9. Februar 2018 &#8211; Deborah Feldman, <i>Unorthodox<\/i> \/ Freundinnenbesuch"},"content":{"rendered":"<p>Gestern traf sich unsere kleine Leserunde, um \u00fcber Deborah Feldmans <i>Unorthodox<\/i> zu sprechen; eine Mitleserin hatte die Autorin auch k\u00fcrzlich bei einer Podiumsdiskussion erlebt. Ich war diesmal besonders auf die Urteile und Leseerlebnisse der anderen gespannt, um sie mit meiner sehr gemischten Sicht abzugleichen. Denn ich hatte durch diese Autobiografie zwar viel \u00fcber die Ideologie und Urspr\u00fcnge der Hassidim gelernt, auch \u00fcber die oft haarstr\u00e4ubenden Details der konkreten beschriebenen Spielart. Und ich erkannte das Muster, das sie mit allen radikalreligi\u00f6sen Sekten und Esoteriken verbindet: Je absurder der Glauben, je weiter weg von Ratio und sonstigem gesellschaftlichem Konsens, desto inniger und richtiger f\u00fchlt er sich f\u00fcr die Mitglieder der Gemeinschaft an.<\/p>\n<p>Doch, und jetzt kommt das gro\u00dfe Aber: Ich f\u00fchlte mich beim Lesen unwohl. Feldman schreibt ja nicht nur intime Details \u00fcber sich selbst, sondern entbl\u00f6\u00dft bis ins Intimste andere Menschen von Verwandten bis Ehepartner &#8211; echte Menschen, die sich nicht wehren konnten. Das ist in meinen Augen unanst\u00e4ndig und gemein. Ihre eigene Befreiung ist durchaus interessant und sei ihr unbenommen; schlie\u00dflich zeigt sich Deborah Feldman \u00fcberzeugt, dass sie von Kindesbeinen an nicht wirklich dazu passte. Doch dass sie die Privatsph\u00e4re so vieler anderer Menschen f\u00fcr ihre Geschichte ausschlachtet, kann ich nicht gut hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig hatte ich st\u00e4ndig ein Gegenbeispiel im Hinterkopf, wie man die Mechanismen einer hassidischen Gemeinschaft interessant vermitteln kann, ohne jemanden zu blo\u00df zu stellen: Naomi Aldermans <i>Disobedience<\/i> fiktionialisiert und literarisiert das Thema. Der Roman spielt im Norden Londons unter den dortigen ultraorthodoxen Juden und erz\u00e4hlt die Geschichte einer Rabbinertochter, die einst ausbrach und nun anl\u00e4sslich des Todes ihres Vaters zur\u00fcck kommt.<\/p>\n<p>In unserer Leserunde hatten fast alle Feldmans Buch mit \u00e4hnlichem Unbehagen gelesen wie ich. Es wurde auch Kritik laut \u00fcber die gro\u00dfe Selbstzentriertheit der Autorin, die sich auf Kosten aller anderen Beschriebenen in m\u00f6glichst gutem Licht darstelle. Nur eine Mitleserin stand ganz auf Feldmans Seite und fand ihre \u00f6ffentliche Rache nachvollziehbar und berechtigt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Sonst ein ruhiger Arbeitstag, auf dem frostigen Heimweg ging ich im Westend bei einem Laden mit Feinkost und Wein aus Griechenland vorbei, um f\u00fcr den Abend Wei\u00dfwein zu besorgen. Es wurde ein Nykteri aus Santorini (mineralisch, etwas Holz), der gut zu den beiden Currys passte (Palak Paneer, Auberginen-Kichererbsen-Tomaten-Curry), die wir servierten. Dass daheim beim Mantelablegen die Tasche mit den Eink\u00e4ufen vom Fenstersims fiel und eine der drei Weinflaschen darin zerbrach, h\u00e4tte es allerdings nicht gebraucht. (Herr Kaltmamsell h\u00f6rte mein verzweifeltes &#8220;NEIN!&#8221;, eilte herbei, schickte mich sofort weg von der Ungl\u00fccksstelle &#8211; &#8220;Geh kochen&#8221; &#8211; und k\u00fcmmerte sich um die Sauerei.)<\/p>\n<p>Der \u00dcbernachtungsbesuch kam erst nachts von seinem M\u00fcnchenbesuchsanlass zur\u00fcck, hatte aber schon vorher f\u00fcr herzhaftes Gel\u00e4chter und f\u00fcr Freude gesorgt. Wir hatten die Freundin darauf hinweisen m\u00fcssen, dass derzeit das Wasser in unserer Dusch-\/Badewanne sehr langsam abl\u00e4uft (Rohrfrei hatte nichts verbessert) &#8211; wir aber noch keine Zeit gefunden hatten, den Spengler kommen zu lassen. Bei meiner Heimkehr lag dieser Zettel im Wohnzimmer:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180209_01_Wannenabfluss.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-42767\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180209_01_Wannenabfluss.jpg\" alt=\"\" width=\"423\" height=\"439\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gro\u00dfe Liebe f\u00fcr diese Freundin. Genau so erlebe ich sie, seit wir uns im ersten Semester kennenlernten: Hinschauen, zupacken, machen &#8211; und gleichzeitig genau absch\u00e4tzen, bei wem sie wie weit gehen kann. Und nachts brachte sie dann auch noch neue Zahnb\u00fcrsten als Geschenk mit. DARF WIEDERKOMMEN! (*winkt*)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Interview mit Alexander Gerst, der Anfang Juni zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation ISS fliegt:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.helmholtz.de\/luftfahrt_raumfahrt_und_verkehr\/und-dann-ist-es-wirklich-schoen-die-milchstrasse-zu-sehen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;&#8216;Und dann ist es wirklich sch\u00f6n, die Milchstra\u00dfe zu sehen'&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Interessant, wie oft Gerst die zwischenmenschliche Komponente betont, wie wichtig es ist, dass die Mitglieder einander wirklich verstehen und wissen, was der oder die andere meint. Zudem die Antwort auf eine Frage, die auch ich mir gestellt habe: Geht man sich auf der ISS nicht zwangsl\u00e4ufig irgendwann auf die Nerven?<\/p>\n<blockquote><p>Bei meinem letzten Flug gab es wirklich keine Situation, wo wir uns irgendwie richtig angenervt h\u00e4tten. Das liegt daran, dass wir als Kollegen nicht einfach nur zusammengew\u00fcrfelt werden. Wir trainieren so lange in den krassesten Situationen, beim Winter Survivaltraining, bei -30 Grad etwa, wo man ohne Schlafsack, ohne Zelt nachts drau\u00dfen im Schnee sitzt. Da kommen diese Sachen vorher raus. Man lernt sich kennen und wei\u00df, wo der andere vielleicht ein bisschen was f\u00fcr sich braucht. Und dann kommt noch das gro\u00dfe Volumen der Raumstation dazu. Die ist ja fast so gro\u00df wie eine Boeing 747 \u2013 und man ist zu sechst da. Das hei\u00dft, es passiert tats\u00e4chlich \u00f6fter mal, dass man einen halben oder ganzen Tag in irgendeinem Modul arbeitet und fast niemanden sieht. Und da haben wir uns immer wieder auch mal so auf einen Kaffee getroffen, einfach nur, um mal wieder mit den Kollegen zu reden. Relativ wenige Aufgaben macht man zu zweit, und dadurch ist es wirklich sch\u00f6n, wenn man sich sieht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sich in einer Raumstation auf einen Kaffee treffen &#8211; neues Coolness-Level.<\/p>\n<p>(Beim Lesen habe ich immer mein inneres kreischendes Fangirl im Hinterkopf &#8211; das st\u00f6rt tats\u00e4chlich manchmal ein bisschen die Konzentration.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Der Philosoph Konrad Paul Liessmann im Gespr\u00e4ch:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/mensch-und-arbeit-wir-binden-alles-an-lohnarbeit.694.de.html?dram:article_id=396034\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Mensch und Arbeit<br \/>\n&#8216;Wir binden alles an Lohnarbeit'&#8221;<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Man k\u00f6nnte das ja auch so sehen, dass wir so besessen sind vom Paradigma der industriellen Arbeit, dass f\u00fcr uns Dinge nur dann einen Wert haben, oder besser gesagt T\u00e4tigkeiten nur dann einen Wert haben, wenn ich sie als Arbeit auffasse.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Es ist doch paradox, obwohl schon so viel automatisiert wird und in naher Zukunft noch automatisiert werden wird, dass wir nicht das Gef\u00fchl haben, wunderbar, da gibt es endlich Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen. Ganz im Gegenteil. Wir haben gr\u00f6\u00dfte Sorge, dass die uns nicht die Arbeit abnehmen, sondern uns die Arbeitspl\u00e4tze wegnehmen, und da ist insgesamt, was die Rahmenbedingungen unserer Arbeitsorganisation betrifft, offensichtlich etwas schiefgelaufen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Daran denke ich ja schon l\u00e4nger herum, zum Beispiel an dem Umstand, dass aller technischer Fortschritt keineswegs dazugef\u00fchrt hat, dass wir weniger Zeit f\u00fcr Erwerbsarbeit aufwenden. Notfalls erfinden wir T\u00e4tigkeiten und Berufsbilder, um einen Platz im Arbeitsleben zu finden, an dem wir \u00dcberstunden machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gelingt es mir, mich immer weniger \u00fcber meine Erwerbsarbeit zu definieren. Erst k\u00fcrzlich winkte ich wieder in einem angeregten Gespr\u00e4ch auf die Frage &#8220;Und was machst du beruflich?&#8221; ab: &#8220;Ach, Sekret\u00e4rin.&#8221; Womit ich auf keinen Fall diese T\u00e4tigkeit abwerten will, sondern lediglich signalisiere, dass sie in meinem Leben keine bedeutende Rolle spielt und ich nicht weiter darauf eingehen werde.<br \/>\nDummerweise hindert mich dieser Fortschritt nicht daran, mich dieser Erwerbst\u00e4tigkeit sehr verpflichtet zu f\u00fchlen; zum Beispiel habe ich bis heute ein schlechtes Gewissen, wenn ich zuweilen andere Belange priorisiere. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/a4cbf99361d54685982abe354ea99484\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern traf sich unsere kleine Leserunde, um \u00fcber Deborah Feldmans Unorthodox zu sprechen; eine Mitleserin hatte die Autorin auch k\u00fcrzlich bei einer Podiumsdiskussion erlebt. 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