{"id":42973,"date":"2018-02-22T06:13:42","date_gmt":"2018-02-22T05:13:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=42973"},"modified":"2018-02-22T06:13:42","modified_gmt":"2018-02-22T05:13:42","slug":"journal-mittwoch-21-februar-2018-sollten-jugendliche-so-frueh-wie-moeglich-selbst-geld-verdienen-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/02\/journal-mittwoch-21-februar-2018-sollten-jugendliche-so-frueh-wie-moeglich-selbst-geld-verdienen-muessen.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 21. Februar 2018 &#8211; Sollten Jugendliche so fr\u00fch wie m\u00f6glich selbst Geld verdienen m\u00fcssen?"},"content":{"rendered":"<p>Seit einer Diskussion dar\u00fcber vor wenigen Tagen auf Twitter denken einige in meinem Internet dar\u00fcber nach (z.B. <a href=\"http:\/\/fraunessy.vanessagiese.de\/2018\/02\/20\/dienstag-20-februar\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nessy<\/a>, <a href=\"http:\/\/dasnuf.de\/ferienjobs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dasnuf<\/a>, <a href=\"http:\/\/anneschuessler.com\/2018\/02\/19\/ueber-verantwortung-selbststaendigkeit-und-arbeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anne Sch\u00fc\u00dfler<\/a>), ob man Druck auf Jugendliche in Schule und Studium aus\u00fcben sollte, selbst Geld zu verdienen.<\/p>\n<p>In meiner eigenen Jugend (1980er) war es sehr \u00fcblich, so fr\u00fch wie m\u00f6glich Geld zu verdienen, meine Peer Group verband das sogar mit Prestige: Wir konnten es kaum erwarten, endlich alt genug daf\u00fcr zu sein. So verdiente ich mein erstes eigenes Geld mit Musikauftritten (Querfl\u00f6te in einem Holzbl\u00e4serquintett), mit 17 hatte ich <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/09\/das-erste-mal-fabrik.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den ersten Putzeinsatz in der Fabrik<\/a>, einmal half ich bei einer Inventur im Kaufhaus, und sobald ich 18 war, verdiente ich Geld als Kellnerin in einer Kneipe.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach eigenem Geld war bei mir so gro\u00df, dass ich nicht sagen k\u00f6nnte, ob meine Eltern nachschoben. Ich bilde mir ein, dass sie meinen Wunsch als selbstverst\u00e4ndlich ansahen und wei\u00df, dass sie mir tatkr\u00e4ftig bei der Suche nach lukrativen Jobs halfen.<\/p>\n<p>Nach meinem Zeitungs- und Rundfunksvolontariat verdiente ich im Studium Geld fast nur mit berufsnahen T\u00e4tigkeiten: Radiobeitr\u00e4ge, Urlaubsvertretung Zeitung, Hiwi an der Uni. Nur in einem Sommer hatte die Redaktion keinen Job f\u00fcr mich und <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/02\/mein-merkwuerdigster-ferienjob.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ich ging wieder sechs Wochen in die Fabrik<\/a>.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich habe ich in allen Jobs eine Menge f\u00fcrs sp\u00e4tere Leben gelernt \u2013 doch so empfand ich es nicht: In erster Linie erlebte ich ungeheuer Spannendes, Besonderes. Eine Fabrik von innen! Im Kaufhaus nach \u00d6ffnungszeiten! Die Bestellung &#8220;a Ma\u00df Goa\u00df&#8221; war kein Scherz, sowas gab es wirklich!<\/p>\n<p>Doch \u00e4hnliche Abenteuer kann auch eine Jugendliche erleben, die auf eine Pfadfinder-Freizeit als Betreuerin mitf\u00e4hrt. Die sich mit ihrem Orchester \u00fcber Monate auf eine Auslandsfahrt vorbereitet. Ich glaube nicht, dass man durchs fr\u00fche Geldverdienen etwas so Unersetzliches lernt, dass das jeder und jede tun m\u00fcsste. Vor allem nicht gegen ihren Willen.<\/p>\n<p>Und die Jugendlichen, die gar nichts davon machen, weil sie lieber den ganzen Tag Schmink-Tutorials auf YouTube und TV-Serien gucken, haben halt vermutlich kein Bed\u00fcrfnis nach Abenteuern. Denn darum geht es: Menschen haben verschiedene Bed\u00fcrfnisse, auch wenn sie noch sehr jung sind.<\/p>\n<p>Unmut und Leid hingegen bereitete mir Hausarbeit. F\u00fcr T\u00e4tigkeiten im Haushalt gab es bei uns kein Geld, meine Mutter priorisierte den Aspekt, dass in einer Gemeinschaft jeder und jede seinen und ihren Teil beitragen muss. Dem stimme ich zu. Doch ich hasste jede dieser Pflichten leidenschaftlich (auch wenn ich selbstverst\u00e4ndlich eine Menge dabei lernte), f\u00fchlte mich gezwungen und unterdr\u00fcckt. Dabei h\u00e4tte es eine Alternative gegeben, wie ich erst vor wenigen Tagen durch Lekt\u00fcre bei Frau\u2026\u00e4h\u2026Mutti lernte:<br \/>\nIn <a href=\"http:\/\/schnickeldi.de\/?p=194\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;N\u00e4hk\u00e4stchenplauderei&#8221;<\/a> schildert sie, wie sie ihre drei Kinder zu Hilfe bei der Gartenarbeit erzog.<\/p>\n<blockquote><p>Wir gingen zusammen raus, arbeiteten gemeinsam und am Abend wurde gegrillt oder es gab Pizza vom Italiener.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn ich mir vorstelle, meine Mutter h\u00e4tte Hausputz als Gemeinschaftsprojekt aufgezogen (und darum ging es ihr ja eigentlich), 1. Was ist alles zu tun? 2. Du putzt das Bad, ich sauge Staub 3. Und dann belohnen wir uns &#8211; dann w\u00e4re das ganz sicher eine ganz andere Nummer geworden. Aber dann h\u00e4tte es sich vielleicht nicht mehr nach verdienstvoller Pflichterf\u00fcllung angef\u00fchlt?<\/p>\n<p>Das mit dem Geld: Ich bin halt schon mal mit einem \u00fcberdurchschnittlich hohen Autarkiebed\u00fcrfnis (SELBER!) auf die Welt gekommen, das machte fr\u00fches Verdienen eines eigenen Gelds besonders attraktiv. Und ich sp\u00fcre, dass ich mich irrationalerweise bis heute ein wenig denen \u00fcberlegen f\u00fchle, die sich auch noch zu Zeiten komplett von ihren Eltern durchf\u00fcttern lie\u00dfen, als sie bereits Alternativen f\u00fcr Selbst\u00e4ndigkeit gehabt h\u00e4tten \u2013 was v\u00f6llig bescheuert ist, den damit mache ich pers\u00f6nliche Autarkie zum absoluten Wert. Andere Leute sind anders und haben andere Bed\u00fcrfnisse: Zum Beispiel lebten manche lieber gen\u00fcgsam, um sich weniger anstrengen zu m\u00fcssen, oder sie zahlten f\u00fcr Mu\u00dfe den Preis, sich materiell st\u00e4rker ihren Eltern unterordnen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein Jahr im Ausland hat wie kaum etwas Anderes zu positiven Seiten meiner Charakterentwicklung beigetragen \u2013 sehe ich das auch als verpflichtend an?<\/p>\n<p>Das mit dem Job neben Schule und Studium geh\u00f6rt wahrscheinlich zu dem weiten Feld &#8220;Heute ist es anders als fr\u00fcher \u2013 muss es deshalb automatisch schlechter sein?&#8221;. Kinder spielen heute deutlich seltener unbeaufsichtigt drau\u00dfen, sind deutlich weniger Gefahren ausgesetzt, und ich bin sicher, dass das einen Unterschied macht. Aber muss das ein Unterschied zum Schlechten sein? Gef\u00e4hrlich wird diese Haltung, wenn sie eigenes Leiden verherrlicht: &#8220;Mir hat&#8217;s auch nicht geschadet.&#8221; Das kann zum einen Selbstbetrug sein (so neigen Menschen, die in ihrer Kindheit physische Gewalt erfahren haben, sp\u00e4ter belegbar selbst mehr zu Gewalt). Zum anderen haben Zwang und Leiden, Angst und Stress in fr\u00fchen Jahren sicher Einfluss auf den Charakter \u2013 aber ich w\u00e4re sehr vorsichtig mit der Prognose, dass dieser Einfluss auch nur tendenziell positiv ist.<\/p>\n<p>Schwierig waren allerdings schon immer Menschen, die alles zugleich haben wollten: Geld und Dinge, \u00fcber die sie ungefragt verf\u00fcgen k\u00f6nnen, gleichzeitig keine Anstrengung einsahen, sondern bedingungslose Wunscherf\u00fcllung beanspruchten \u2013 und die Zorn \u00fcber die gef\u00fchlte Unfairness empfanden, wenn Bedingungen gestellt wurden. Doch ob sich solche Charakterfehler durch Zwangsarbeit als Jugendliche beheben lassen, bezweifle ich.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Eine US-amerikanische Lehrerin erz\u00e4hlt aus der Schule:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/medium.com\/@dinachka82\/the-teens-will-save-us-af5448b4ddfd\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;The Teens Will Save Us&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Every year, before I teach 1984 to my seniors, I run a simulation. Under the guise of \u201cthe common good,\u201d I turn my classroom into a totalitarian regime; I become a dictator.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>I\u2019ve done this experiment numerous times, albeit not consecutively, and every year I have similar results. This year, however, the results were different. This year, a handful of students did fall in line as always. The majority of students, however, rebelled.<\/p><\/blockquote>\n<p>Klar ist das Loch in der Geschichte der Lehrerin, dass Klassen miteinander sprechen: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die aktuellen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler noch nie von dem Experiment geh\u00f6rt haben, das Dina Leygerman ja jedes Jahr an ihrer Schule durchf\u00fchrt. Und doch: Es wehren sich genau die jungen Leute, die unter Verdacht stehen, heutzutage durch F\u00fcrsorge und ohne Leiden im Gegensatz zu uns zu verweichlichen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Allerletztens f\u00fchrt mich das zum generellen Nachdenken \u00fcber die Verherrlichung von Leiden: Das Ideal des &#8220;Verlassens der eigenen Komfortzone&#8221;, sich in der Fastenzeit zielgerichtet Leid zuzuf\u00fcgen (hat jemand meine Idee mit dem t\u00e4glichen Hammerschlag auf den eigenen Daumen umgesetzt?), mit &#8220;mir hat&#8217;s auch nicht geschadet&#8221; vorauszusetzen, dass die Erfahrung von Leid einen zum besseren (wertvolleren? h\u00f6herwertigen? gottgef\u00e4lligeren?) Menschen macht &#8211; soll das so?<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Jetzt aber noch echtes Tagebuch: Wetter weiter kalt, gestern zumindest mit Sonne. Als ich zwischen 17.45 und 18.15 Uhr zum Sport ging, war es noch nicht ganz dunkel. Sport war eine Runde Crosstrainer und Rudern, dann Hot Iron. Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell das restliche H\u00fchnerfleisch als aserbaidschanisch-j\u00fcdisches Omelett mit Maroni drin: Sehr gut. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/9a2b380f3a5a44febe4c3614360dacd0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einer Diskussion dar\u00fcber vor wenigen Tagen auf Twitter denken einige in meinem Internet dar\u00fcber nach (z.B. Nessy, dasnuf, Anne Sch\u00fc\u00dfler), ob man Druck auf Jugendliche in Schule und Studium aus\u00fcben sollte, selbst Geld zu verdienen. 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