{"id":43677,"date":"2018-04-10T05:35:50","date_gmt":"2018-04-10T04:35:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=43677"},"modified":"2018-04-10T09:32:46","modified_gmt":"2018-04-10T08:32:46","slug":"montag-9-april-2018-didier-eribon-tobias-haberkorn-uebers-rueckkehr-nach-reims","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/04\/montag-9-april-2018-didier-eribon-tobias-haberkorn-uebers-rueckkehr-nach-reims.htm","title":{"rendered":"Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (\u00dcbers.), <i>R\u00fcckkehr nach Reims<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_eribon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-43568\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_eribon.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"252\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich hatte franz\u00f6sisch-intellektuelles Theoretisieren bef\u00fcrchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lekt\u00fcre wartete), tats\u00e4chlich bekam ich eine sehr interessante Erz\u00e4hlung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen \u00fcber Didier Eribons <i>R\u00fcckkehr nach Reims<\/i>, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute zu akademischen Ehren gebracht hatte um den Preis des Bruchs mit seiner Herkunft.<\/p>\n<p>Das Buch erz\u00e4hlt in Fragmenten, ich bespreche es in Fragmenten.<\/p>\n<p>Unter den vielen Dingen, die ich aus der Lekt\u00fcre lernte: Zwischen Soziologen und Psychologen besteht wohl eine Erzfeindschaft um die Deutung der Welt. Die einen sehen gesellschaftliche Strukturen als Haupteinfluss des Lebensverlaufs, die anderen Charakter und Gef\u00fchle, geformt von individuellen Erlebnissen.<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmten Namen, die Eribon zu seiner intellektuellen Entwicklung auff\u00fchrt, von Sartre \u00fcber Foucault bis Barthes und Bourdieu sagten mir schon alle was, gelesen hatte ich von ihnen kaum etwas (nur im Studium, Zusammenhang Literaturtheorie). Zu Beginn des Buchs befremdete mich Eribons wissenschaftliches Fachvokabular beim Beschreiben pers\u00f6nlicher Erinnerungen und Erlebnisse, zwar gew\u00f6hnte ich mich daran, fand es bis zum Schluss ein wenig albern.<\/p>\n<p>Am bereicherndsten fand ich Eribons Ausf\u00fchrungen, warum die kleinen Leute in Frankreich heutzutage Front National w\u00e4hlen. Meine Zusammenfassung: Weil die Linken den Klassenkampf zugunsten des Neoliberalismus aufgegeben und die kleinen Leute damit im Stich gelassen haben &#8211; mir fiel sofort die verheerende Agenda 2010 ein. Ganz sind die beschriebenen Mechanismen aber nicht auf Deutschland \u00fcbertragbar, bei uns ist es ja eher der beleidigte Mittelstand, der AfD w\u00e4hlt, nicht die Schicht, die mit einem Vollzeitjob nicht den Lebensunterhalt sichern kann. Letzteres ist \u00fcbrigens meiner Ansicht nach eine auch heute funktionierende Definition der Arbeiterklasse, die schon lange nichts mehr mit Fabrik und Produktion zu tun hat: Heute sind es die Regaleinr\u00e4umerinnen, die Putzfrauen, die Sicherheitskr\u00e4fte, die auf Zweitjobs angewiesen sind. Fr\u00fcher (TM) hielten Arbeiter Hasen und H\u00fchner, bauten Obst und Gem\u00fcse an, um den Lebensunterhalt zu sichern &#8211; das war durchaus auch ein Zweitjob.<\/p>\n<p>In diesem <i>Zeit<\/i>-Interview von 2016 f\u00fchrt Eribon seine Erkl\u00e4rung des Rechtsrutschs der Arbeiterschicht aus:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2016-07\/didier-eribon-linke-angela-merkel-brexit-frankreich-front-national-afd-interview\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;&#8216;Ihr k\u00f6nnt nicht glauben, ihr w\u00e4rt das Volk'&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Den letzten Ansto\u00df, dass ich das Buch trotz bef\u00fcrchteter Anstrengung lesen wollte, <a href=\"https:\/\/istrici.wordpress.com\/2017\/02\/01\/01-02-2017\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">war die Rezeption des <i>girls from the trailer park<\/i><\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Was mich dann aber doch daf\u00fcr eingenommen hat, ist, wie der Autor auch nach Jahrzehnten von Arriviertheits\u00fcbungen diesen Status kontinuierlich von verschiedenen Seiten aus auseinandernimmt, wie er ohne Mitleid mit sich selbst und anderen schildert, was ihn das gekostet hat und welche \u00dcberraschungen eine solche Grenz\u00fcberschreitung mit sich bringt<\/p><\/blockquote>\n<p>Was mich befremdete: dass Eribon sich seiner Herkunft sch\u00e4mt und sie lange verheimlichte (dass er seine Eltern 30 Jahre nicht besuchte, stie\u00df mich in seiner H\u00e4rte ab). Ich als Gastarbeiterkind ging mit meiner Herkunft immer eher hausieren &#8211; doch schon wenig \u00dcberlegen macht mir klar, dass sie nicht vergleichbar ist: Die Ausbrecher aus Abstammung und vorgezeichnetem Lebensweg waren meine Eltern und war nicht ich, ich habe ihren Aus- und Aufstieg lediglich fortgesetzt. Und im Gegensatz <a href=\"https:\/\/istrici.wordpress.com\/2018\/04\/08\/08-04-2018\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zur Bloggerin oben<\/a> hatten beide gute Feen, die ihren Aufstieg wollten und erleichterten: Die meines Vaters <a href=\"http:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/familienalbum-5-die-spanische-weinbauernseite.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">war ein Onkel<\/a>, der ihn und seinen Bruder in Madrid f\u00f6rderte und den beiden zu raren Pl\u00e4tzen erst in einer guten Salesianerschule, dann in einer Berufsschule verhalf. Die meiner Mutter war eine Grundschullehrerin bei den Franziskanerinnen, die nicht nur daf\u00fcr sorgte, dass sie Deutsch lernte, sondern ihr sogar den Besuch des Gymnasiums erm\u00f6glicht h\u00e4tte &#8211; da aber verweigerte sich meine polnische Gro\u00dfmutter (angeblich weil sie bef\u00fcrchtete, meine Mutter w\u00fcrde dann ins Kloster gehen).<\/p>\n<p>Dieses Nutzen von Chancen f\u00fcr Leistung und Erfolg verlangten meine Eltern auch von mir &#8211; es stand jederzeit au\u00dfer Zweifel, dass ich gesellschaftlich jedes Recht darauf hatte. Mit dieser Haltung ging ich durchs Leben &#8211; und f\u00fchlte mich den Notars-, Apothekers-, Lehrerinnen- und Architektenkindern in meiner Schulklasse nie unterlegen (ich war auch keineswegs die einzige Sch\u00fclerin aus der Arbeiterklasse). Im Studium beneidete ich Kommilitonen wohl um Elternh\u00e4user mit Bibliotheken und Zeitungsabos &#8211; weil ich mir das auch w\u00fcnschte. Und klar musste ich viel Habitus an der Uni erst mal lernen &#8211; doch das musste ich in der Fabrik bei Ferienjobs genauso (&#8220;Mahlzeit!&#8221;). Wenn der Professor aus sehr gutem Hause, an dessen Lehrstuhl ich als Hiwi arbeitete, mich am Semesterende schon wieder nach meinen Urlaubspl\u00e4nen fragte und ich ihm schon wieder erkl\u00e4ren musste, dass ich die vorlesungsfreie Zeit zum Geldverdienen brauchte statt f\u00fcr Urlaub &#8211; dann sah ich das als peinliche Wissensl\u00fccke auf seiner Seite: Lebensumst\u00e4nde anderer Schichten zu kennen, forderte ich in alle Richtungen als Allgemeinbildung ein. (Ein Ansinnen, mit dem ich mich in den Augen einer Soziologin vermutlich l\u00e4cherlich machte.)<\/p>\n<p>Im Zuge meines Fortkommens gab es zwar auch den einen oder anderen Bruch in Priorit\u00e4ten und Lebensstil im Vergleich zu meiner Herkunft, doch ich war immer sehr stolz auf das, was meine Eltern geschafft hatten (unterlegen f\u00fchlte ich mich am ehesten noch ihnen).<\/p>\n<p>Ganz anders Eribons Hintergrund: Seine Br\u00fcder verblieben in der Arbeiterschicht, unter allen Verwandten, von denen er erz\u00e4hlt, ist er der einzige Wechsler. Seltsam fand ich Eribons Verweigerung jeglicher psychologischer Erkl\u00e4rungen &#8211; was mir vor allem bei der Beschreibung der Rolle seines Schwulseins auffiel: Selbst die Ausgrenzung, Gewalt und die Verachtung, die er als Schwuler erfahren hat, beschreibt er mit gesellschaftlichen Mechanismen, nicht mit Gef\u00fchlen. (Was durchaus interessant ist und mir Lust auf Eribons soziologische Werke \u00fcber das Thema macht.)<\/p>\n<p>\u00dcbrigens gibt es ein Detail an dem Buch, das mir das Lesen auff\u00e4llig erleichtert hat: Der Satzspiegel. Das schmale Format, die Schriftart und -gr\u00f6\u00dfe, viele Abs\u00e4tze &#8211; ich las den Text doppelt so schnell wie derzeit Stanis\u0142aw Lems <i>Sterntageb\u00fccher<\/i> mit ihren kleinen Buchstaben, die mit wenig Zeilenabstand \u00fcber extrabreite Seiten laufen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ein milder Tag, allerdings mit vielen Wolken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180409_02_Magnolie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-43757\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180409_02_Magnolie.jpg\" alt=\"\" width=\"393\" height=\"524\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich machte wieder so Feierabend, dass ich anschlie\u00dfend noch etwas erledigen konnte, und zwar holte ich den eigentlich f\u00fcr vorherigen Samstag geplanten Hosenkauf nach. Der Einfachheit halber ging ich zum Konen, wo ich ja gewohnt bin, einer ausgebildeten Verk\u00e4uferin meinen Wunsch zu schildern und mir dann Kleidung anreichen zu lassen. Doch leider gibt es diesen Konen nicht mehr. Es k\u00fcmmerte sich niemand um mich, ich sah praktisch kein Personal. Und auch beim Konen ist die Waren nicht mehr nach Art der Kleidung (Hose, Bluse, Kleid) sortiert, sondern nach Herstellern. Wenn ich also wie gestern eine wei\u00dfe, 3\/4 lange Hose suchte, musste ich bei allen Herstellern einzeln nachsehen &#8211; die gerne mal auch noch verschiedene Konfektionsgr\u00f6\u00dfensysteme haben von Damengr\u00f6\u00dfen \u00fcber Jeansgr\u00f6\u00dfen bis S\/L\/M etc. Ehrlicherweise hatte das mit den Fachverk\u00e4uferinnen schon beim letzten Einkauf vor einem Jahr nicht mehr geklappt &#8211; auch Herr Kaltmamsell traf bei seinen j\u00fcngsten Eink\u00e4ufen in der Herrenabteilung nicht mehr den einst gewohnten Service an. Ich bekam eine Hose, die auch passte &#8211; glaube ich, schlie\u00dflich stand keine Fachfrau neben mir, die das wirklich einsch\u00e4tzen und im Zweifelsfall eine Alternative empfehlen konnte. Jetzt gibt es leider keinen Grund mehr, zum Konen zu gehen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/7b3da92f950d44bab0505859d540f7c4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte franz\u00f6sisch-intellektuelles Theoretisieren bef\u00fcrchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lekt\u00fcre wartete), tats\u00e4chlich bekam ich eine sehr interessante Erz\u00e4hlung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen \u00fcber Didier Eribons R\u00fcckkehr nach Reims, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,1],"tags":[],"class_list":["post-43677","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bucher","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43677","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43677"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43677\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43767,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43677\/revisions\/43767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43677"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43677"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43677"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}