{"id":44854,"date":"2018-06-02T07:49:37","date_gmt":"2018-06-02T05:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=44854"},"modified":"2018-06-02T10:08:37","modified_gmt":"2018-06-02T08:08:37","slug":"journal-freitag-1-juni-2018-vier-stunden-lunch-date-in-dublin-und-eine-kleine-lektion-in-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/06\/journal-freitag-1-juni-2018-vier-stunden-lunch-date-in-dublin-und-eine-kleine-lektion-in-demokratie.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 1. Juni 2018 &#8211; Vier Stunden Lunch Date in Dublin und eine kleine Lektion in Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Am Vorabend sp\u00e4t im Bett gewesen (nachts einmal von brutalen H\u00fcftschmerzen aufgewacht und die &#8211; erst dritte &#8211; Ibu des Urlaubs genommen), lange geschlafen.<\/p>\n<p>Morgens f\u00fcr den R\u00fcckflug eingecheckt, von Null weg gebloggt (sonst schreibe ich fast immer bereits am Vorabend und baue morgens nur noch Fotos ein oder lese nochmal dr\u00fcber), Tee getrunken, die Verabredung zum Mittagessen konkretisiert.<\/p>\n<p>Die Verabredung zeigt uns ein wundersch\u00f6nes neues Institut am College und f\u00fchrte uns dann zum Mittagessen in einen kleinen Chinesen auf der anderen Seite des Flusses. Wir teilten ausgezeichnete gebratene Bohnen, einen k\u00f6stlich saftigen ganzen gebratenen Wolfsbarsch und in Ei frittierten Mais (sah aus wie St\u00fcckchen K\u00e4se-Erdnussflips, schmeckte erstaunlich gut). Und sprachen und sprachen, vor allem \u00fcber Irland damals und heute. Dann f\u00fchrte uns die Verabredung in einen vorher mehrmals empfohlenen unabh\u00e4ngigen und auf irische Verlage spezialisierten Buchladen: <a href=\"https:\/\/www.dublintown.ie\/business\/book-upstairs\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Books upstairs<\/a>. Hier kamen wir lange nicht heraus, Herr Kaltmamsell besitzt jetzt ein Buch \u00fcber irische Geschichte 1913-1923 und zwei Anthologien mit irischen Gedichten, ich nahm die aktuelle Ausgabe des irischen Literaturmagazins <a href=\"https:\/\/stingingfly.org\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\"><i>The Stinging Fly<\/i><\/a> mit.<\/p>\n<p>Dann verhalf uns die Verabredung zu einem weiteren Geheimtipp: Zu diesem unabh\u00e4ngigen und gar nicht so kleinen Buchladen geh\u00f6rt ein Caf\u00e9 im 1. Stock, in dem man keine Romanhandlung spielen lassen d\u00fcrfte, weil jeder vor Klischee\u00fcberdruss das Lesen einstellen w\u00fcrde. Wir tranken Tee, a\u00dfen S\u00fc\u00dfes und sprachen noch mehr \u00fcber Irland, aber auch \u00fcber Indien.<\/p>\n<p>Nach vier Stunden hatte auch diese Mittagspause ein Ende (hey, in Spanien ist die mit Siesta und so immer so lange!).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem: Na gut, das waren gestern ein paar Regentropfen, gegen die allerdings nur die verweichlichtesten Touristen einen Schirm brauchten.<\/p>\n<p>In der Ferienwohnung lasen und packten wir, bevor wir noch auf ein letztes Pint und einen Happen in ein Pub ums Eck gingen. (Und auch bei dieser Gelegenheit habe ich nicht herausgefunden, warum hier in allen Pubs, allen L\u00e4den, auf jeder beschallten Fl\u00e4che 1980er-Pop dudelt!)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180601_01_TempleBar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180601_01_TempleBar.jpg\" alt=\"\" width=\"362\" height=\"453\" class=\"alignnone size-full wp-image-44880\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180601_06_Liffey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180601_06_Liffey.jpg\" alt=\"\" width=\"557\" height=\"430\" class=\"alignnone size-full wp-image-44881\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Derzeit befasse ich mich ziemlich mit Irland, Reisen macht halt dann doch was mit einer. Zum Beispiel ging und geht mich das Referendum um den Abtreibungsparagrafen ganz anders an, weil ich im Land bin. Und f\u00fchrt zu Nachdenken \u00fcber Voraussetzungen f\u00fcr eine wirklich brauchbare Abstimmung. Dazu schreibt Fintan O&#8217;Toole im <i>Guardian<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2018\/may\/29\/brexit-ireland-referendum-experiment-trusting-people\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;If only Brexit had been run like Ireland\u2019s referendum&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>A brave experiment in trusting the people helped defeat tribalism and fake \u2018facts\u2019<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Political circumstances are never quite the same twice, but some of what happened and did not happen in Ireland surely contains more general lessons.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Irish voters were subjected to the same polarising tactics that have worked so well elsewhere: shamelessly fake \u201cfacts\u201d (the claim, for example, that abortion was to be legalised up to six months into pregnancy); the contemptuous dismissal of expertise (the leading obstetrician Peter Boylan was told in a TV debate to \u201cgo back to school\u201d); deliberately shocking visual imagery (posters of aborted foetuses outside maternity hospitals); and a discourse of liberal elites versus the real people. But Irish democracy had an immune system that proved highly effective in resisting this virus. Its success suggests a democratic playbook with at least four good rules.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was also war es, was allein schon mal eine Referendumsformulierung hervorbrachte, die bei einer Abstimmung tats\u00e4chlich Volkes Wille zeigen konnte?<\/p>\n<p>1. Vertraue dem Volk. &#8220;Es wurde ein B\u00fcrgergremium zusammengestellt, das aus 99 zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten (aber demografisch repr\u00e4sentativen) W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern bestand. Seine Aufgabe: Sich damit auseinanderzusetzen, wie man mit dem Abtreibungsverbot in der Verfassung umgehen solle; eine Aufgabe, an der Politik und Justiz 35 Jahre lang gescheitert waren. Diese sogenannten normalen Menschen &#8211; Lastwagenfahrer, Hausfrauen, Studenten und Studentinnen, Landwirte &#8211; opferten ihre Wochenenden, um 40 Expertinnen und Experten in Medizin, Recht und Ethik zuzuh\u00f6ren, au\u00dferdem Frauen, die von Irlands extrem restriktiver Rechtssituation betroffen waren und zudem 17 verschiedenen Lobbygruppen. Sie erarbeiteten Empfehlungen, die in Politik und Medien gro\u00dfe \u00dcberraschung hervorriefen, weil sie viel weiter gingen als erwartet &#8211; und viel weiter, als das politische System ohne dieses Gremium gegangen w\u00e4re.<br \/>\n(&#8230;)<br \/>\nEs stellte sich heraus: Diese Stichprobe &#8216;des Volks&#8217; wusste ziemlich gut, was &#8216;das Volk&#8217; dachte.&#8221;<sup><a href=\"#footnote_1_44854\" id=\"identifier_1_44854\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Meine &Uuml;bersetzung; im Original: &ldquo;The question of how to deal with the constitutional prohibition on abortion &ndash; a question that has bedevilled the political and judicial systems for 35 years &ndash; was put to a Citizens&rsquo; Assembly, made up of 99 randomly chosen (but demographically representative) voters. These so-called ordinary people &ndash; truck drivers, homemakers, students, farmers &ndash; gave up their weekends to listen to 40 experts in medicine, law and ethics, to women affected by Ireland&rsquo;s extremely restrictive laws and to 17 different lobby groups. They came up with recommendations that confounded most political and media insiders, by being much more open than expected &ndash; and much more open than the political system would have produced on its own.\n(&hellip;)\nAnd it turned out that a sample of &lsquo;the people&rsquo; actually knew pretty well what &lsquo;the people&rsquo; were thinking.&rdquo;\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>2. Sei ehrlich. Die Abschaffungsseite legte alle Karten auf den Tisch und ver\u00f6ffentlichte auch das geplante neue Gesetz &#8211; selbst auf die Gefahr hin, dass die Gegenseite es verzerren und zerlegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>3. Rede mit jedem und jeder, vorurteilsfrei. Auch mit der betagten Kirchg\u00e4ngerin, die sich als eben doch kein hoffnungsloser Fall herausstellte. Es zeigte sich, dass viele konservativ denkende Menschen es satt hatte, als Zerrbilder angesehen zu werden und es honorierten, als komplexe, intelligente und mitf\u00fchlende Individuen anerkannt zu werden.<\/p>\n<p>4. Nicht nur ist das Private politisch: Mach das Politische privat. Irische Frauen machten ihre eigenen Geschichten \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>via <a href=\"http:\/\/readonmydear.com\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Read on my dear<\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Apropos R\u00fcckflug:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/reisen-fliegende-konsumenten-1.3996006\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Eine Flugreise ist das gr\u00f6\u00dfte \u00f6kologische Verbrechen&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Die Atmosph\u00e4re geh\u00f6rt allen Erdenb\u00fcrgern zu gleichen Teilen. Ein gro\u00dfer Teil der Menschheit ist noch nie geflogen. Aber die kleine Minderheit, die regelm\u00e4\u00dfig fliegt, schadet der Umwelt extrem.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Das gilt auch f\u00fcr all die weltl\u00e4ufigen \u00d6kos, die zwar auf Plastikt\u00fcten verzichten und Biogem\u00fcse kaufen, zum Wandern aber nach Chile fliegen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist mir in den vergangenen Jahren immer bewusster geworden, und mittlweile zucke ich, wenn eine Freundin strahlend erz\u00e4hlt, dass sie f\u00fcr eine Party mal kurz f\u00fcr zwei Tage von M\u00fcnchen nach Barcelona fliegt. Im Moment versuche ich auf eine private Flugreise pro Jahr runterzukommen, beruflich kann ich Fliegen inzwischen komplett vermeiden, weil nicht mehr international t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Doch wenn ich wie gew\u00fcnscht dieses Jahr im Herbst nach Brighton m\u00f6chte und nicht fliegen, muss ich wirklich umdenken, n\u00e4mlich die Anreise als Teil des Urlaubs sehen und auf zwei Tage mit Zwischenstopp ausweiten (die Alternative Reisebus ist mir mit \u00fcber 24 Stunden Fahrtzeit zu unbequem). <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/cda8c4ad56c24566b6865f88850accd9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_44854\" class=\"footnote\">Meine \u00dcbersetzung; im Original: &#8220;The question of how to deal with the constitutional prohibition on abortion \u2013 a question that has bedevilled the political and judicial systems for 35 years \u2013 was put to a Citizens\u2019 Assembly, made up of 99 randomly chosen (but demographically representative) voters. These so-called ordinary people \u2013 truck drivers, homemakers, students, farmers \u2013 gave up their weekends to listen to 40 experts in medicine, law and ethics, to women affected by Ireland\u2019s extremely restrictive laws and to 17 different lobby groups. They came up with recommendations that confounded most political and media insiders, by being much more open than expected \u2013 and much more open than the political system would have produced on its own.<br \/>\n(&#8230;)<br \/>\nAnd it turned out that a sample of &#8216;the people&#8217; actually knew pretty well what &#8216;the people&#8217; were thinking.&#8221;<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_44854\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Vorabend sp\u00e4t im Bett gewesen (nachts einmal von brutalen H\u00fcftschmerzen aufgewacht und die &#8211; erst dritte &#8211; Ibu des Urlaubs genommen), lange geschlafen. 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