{"id":45517,"date":"2018-07-06T18:40:57","date_gmt":"2018-07-06T16:40:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=45517"},"modified":"2018-07-13T15:50:44","modified_gmt":"2018-07-13T13:50:44","slug":"freitag-6-juli-2018-bachmannpreislesen-2018-tag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/07\/freitag-6-juli-2018-bachmannpreislesen-2018-tag-2.htm","title":{"rendered":"Freitag, 6. Juli 2018 &#8211; Bachmannpreislesen 2018, Tag 2"},"content":{"rendered":"<p>Das Wichtigste vorweg: Bov Bjergs Text, auf den ich sehr hingefiebert hatte, war nicht nur sehr gut, sondern in einer anderen Liga als der Rest &#8211; auf fast schon unfaire Art. Und die Jury bemerkte die Qualit\u00e4t. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/demhoferseikatz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">@demhoferseikatz<\/a> hat mich beim Zuh\u00f6ren eingefangen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180706_TDDLTweet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-45520\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180706_TDDLTweet.jpg\" alt=\"\" width=\"579\" height=\"450\" \/><\/a><\/p>\n<p>Doch auch insgesamt war das ein erntereicher Lesetag mit einigem Bemerkenswerten, den ich durchgehend und frei von Kopfweh im Fernsehstudio verbrachte.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Wagnis bisher ging die erste Autorin des Tages ein: Corinna T. Sievers zeigte sich im <a href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/2914748\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vorstellungsfilm<\/a> als Zahn\u00e4rztin der b\u00f6sartigsten Klischees, als sehr schlanke Blondine in der Praxis, am Klavier, im teuren Gel\u00e4ndewagen &#8211; es fehlte nur, dass sie an einem FDP-Wahlplakat mit ihrem eigenen Konterfei vorbeifuhr. Und las dann eine Geschichte vor, in der eine sehr schlanke, langhaarige Zahn\u00e4rztin in ihrer Praxis eine M\u00e4nner-Pornophantasie auslebte: <a href=\"https:\/\/files.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201822\/der_nchste_bitte_sievers_3.5.2018_2_600479.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Der N\u00e4chste, bitte!&#8221;<\/a> Ein so aggressives Verwirrspiel mit den Rollen Autorin\/Erz\u00e4hlerin habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Der pornografische Text hingegen befremdet mich wie alle platte Pornografie das tut.<\/p>\n<p>Auch die Jury \u00e4u\u00dferte im Lauf der Diskussion die Sorge, ob Sievers am Montag ihre Praxis wieder in Betrieb w\u00fcrde nehmen k\u00f6nnen. Doch erst mal sprach Winkels von einem &#8220;ungew\u00f6hnlichen Text&#8221; und verdutzte mich damit, der &#8220;sehr explizit das Begehren einer Frau benennt&#8221;. Er warf die Frage nach dem Adressaten auf: die Sachlichkeit und die szientistische Sprache weise auf eine Akademie hin. Keller bemerkte die klinische Sorgfalt, doch ihr war der Text nicht radikal genug: Er bleibe stecken &#8220;in der Pose der Provokation&#8221;. Auch Gm\u00fcnder hatte sich mehr gew\u00fcnscht als &#8220;pornografische K\u00e4lte&#8221;, die Wilke als &#8220;mit Handschuhen und Mundschutz geschrieben&#8221; bezeichnete. Letztere interessierte sich mehr f\u00fcr den Ekel, der am Anfang thematisiert wurde. Auch sie sah die Provokation, insgesamt aber eine nachgeschriebene M\u00e4nnerphantasie.<\/p>\n<p>Gomringer hatte die Geschichte als Erfahrung einer ungew\u00f6hnlich liebenden gelesen, sie interessierte sich f\u00fcr die Seitenfiguren und h\u00e4tte gerne gewusste, wie es mit ihnen weitergeht. Ihr zufolge wurden die Motive Tierisches, \u00c4rztin und M\u00e4rtyrergedanke behandelt. Kastberger erz\u00e4hlte den Schwank, wie er vergangenes Jahr in Klagenfurt zum Zahnarzt musste, an der Geschichte war ihm die Form sehr aufgefallen: Klassisches pornografisches Setting, Kammerspiel mit Regieanweisungen, doch nur eine Verschiebung der Perspektive auf die Frau war ihm zu wenig. Diese Pespektive bezeichnete Wiederstein als &#8220;womansplaining&#8221;, in dem der Mann nur &#8220;herumliegen und abladen&#8221; d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Als ringsum Vergleiche mit erotischer Literatur durch die Nationen und Jahrhunderte fielen, nahm Keller das als Beweis, dass dem Text zu viel fehle, sonst br\u00e4uchte es beim Reden dar\u00fcber nicht so viel &#8220;literaturwissenschaftlichen St\u00fctzbeton&#8221; (mein Postkartenausdruck des Tages). Innertextlich ging es noch um M\u00e4nner\/Frauen (Gomringer: &#8220;mit m\u00e4nnlicher Kraft erz\u00e4hlt&#8221;), Schmutz und Macht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180706_02_ORF_Studio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-45525\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/180706_02_ORF_Studio.jpg\" alt=\"\" width=\"514\" height=\"319\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Selbst hatte ich ganz andere Sorgen: Ich wusste nicht, woher ich atmen sollte. Meine Sitznachbarin verstr\u00f6mte eine ultrapenetrante Parfumwolke, die auch nach einer Stunde nicht schw\u00e4cher geworden war. Sollten Sie mich bei den ersten beiden Lesungen also hinter Sievers und dann Ally Klein mit seltsam weggedrehtem Kopf gesehen haben: Ich versuchte irgendwie an parfumarme Atemluft zu kommen. Deshalb und weil ich im B\u00fcro ein \u00e4hnliches Problem habe: Bitte, bitte gehen Sie sparsam mit Parfum um. Wenn Sie einen Duft schon etwas l\u00e4nger verwenden, das hei\u00dft mehr als einen Monat, nehmen Sie ihn selbst kaum mehr wahr: Bitte verwenden Sie nicht so viel, bis Sie ihn selbst wieder riechen, Sie bel\u00e4stigen Ihre Umgebung.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ally Klein las <a href=\"https:\/\/files.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201822\/ally-klein-carter-bachmannpreis_final_600475.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Carter&#8221;<\/a>. Wieder h\u00f6rte ich sehr K\u00f6rperliches, doch jetzt in noch mehr Details und praktisch ohne Handlung: Reines Setting zur minuti\u00f6sen Schilderung zweier Panikattacken &#8211; die auch in einem Panik-Crescendo vorgetragen wurden. Aus meiner Sicht eine gelungene schreiberische Et\u00fcde, doch mich w\u00fcrde das Ergebnis der \u00dcbungen mehr interessieren als die \u00dcbung.<\/p>\n<p>Winkels thematisierte eingangs die Vortragsweise, hatte in dem langsamen Finden von Sinneswahrnehmungen eine Kosmogonie entdeckt. F\u00fcr Gm\u00fcnder hatte der Text einen &#8220;Sog von Anfang an&#8221;, er mochte das Pr\u00e4zise. Gomringer z\u00e4hlte einige der vielen Fragen auf, die der Text offen lie\u00df (Gefangenschaftszenario?), fand ihn beklemmend. F\u00fcr Kastberger erzeugte der Titel &#8220;Carter&#8221; einen Spannungsbogen, den dorthin f\u00fchre der Text, f\u00fcr Keller hatte er &#8220;die Sprache zum Labor gemacht&#8221;. Wiederstein sprach von einem &#8220;Adoleszenztext&#8221;, der geradezu organisch funktioniere.<\/p>\n<p>Kritik \u00e4u\u00dferte Winkels an der Unterkomplexit\u00e4t, Wilke an der Ungenauigkeit: Das sei ein Theatertext, der den Vortrag brauche. Genau diese Ungenauigkeit bezeichnete Wiederstein als &#8220;Schwungmasse&#8221; &#8211; und damit hatte mich die Diskussion verloren. Am ehesten verstand ich dann noch die Hinweise auf das Motiv des Unheimlichen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Tanja Maljartschuk ihre Geschichte <a href=\"https:\/\/files.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201822\/maljartschuk_frsche_600487.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Fr\u00f6sche im Meer&#8221;<\/a> las, entspannte sich das Publikum sichtlich. Ich unter anderem, weil ich mich aus der Parfumwolke wegsetzen hatte k\u00f6nnen, aber ebenso wie der Rest des Studios, weil wir jetzt eine richtige, klassische Geschichte h\u00f6rten.<\/p>\n<p>Gomringer machte sich \u00fcber diese Erleichterung m\u00f6glicherweise ein wenig lustig, als sie dem Publikum den Gedanken unterstellte: &#8220;Endlich Literatur.&#8221; Wilke wies darauf hin, wie das Innenleben der Figuren nicht erz\u00e4hlt, sondern gezeigt werde, lobte das Fehlen von Gef\u00fchlsduselei. Kastberger z\u00e4hlte die positiven Aspekte auf: Einfache Geschichte, Motivation klar, Hintergrund sehr hart, Einsamkeit der alten Frau und des Migranten, &#8220;die Verlage werden sich darum rei\u00dfen&#8221;.<\/p>\n<p>Nun entspann sich eine Diskussion, ob der Hauptcharakter Petro eine Verliererfigur sei oder nicht &#8211; kommt halt sehr darauf an, was man als Erfolg definiert. Wiederstein kehrte zur\u00fcck zu literarischen Aspekten, indem er darauf hinwies, dass der Text eine gro\u00dfe N\u00e4he zu seinen Figuren herstelle, was zu Empathie und Demut f\u00fchre.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>In der Mittagspause setzte ich mich um: Von den beiden Nachmittagslesern wollte ich beim Lesen nicht nur die Hinterk\u00f6pfe sehen.<\/p>\n<p>Bov Bjerg las <a href=\"https:\/\/files.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201822\/bjerg_serpentinen_tddl_2018_600477.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Serpentinen&#8221;<\/a>. Und mei: Er kann&#8217;s halt. Vom irref\u00fchrenden Einstieg \u00fcber das Motivsetzen und Erz\u00e4hlen durch Dialoge bis zum Schlie\u00dfen von Verbindungen zwischen Innen und Au\u00dfen ohne Vorspiegelung von erz\u00e4hlerischer Unschuld. Bov versteht sein Handwerk meisterlich. Ich war sehr ger\u00fchrt und dann freute ich mich wie bescheuert.<\/p>\n<p>Wilke sprach von einem &#8220;spektakul\u00e4r unspektakul\u00e4ren&#8221; Text, Winkels sah die Parallelen zwischen Erdgeschichte und Genealogie, sah die Schnitte und Risse in beidem. Die kurzen Einheiten g\u00e4ben dem Text &#8220;etwas Freies&#8221;, das Ende sei ein utopischer Ausblick. Er lobte auch die spezielle Kunst, mit Dialogen zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Gm\u00fcnder gestand seine grunds\u00e4tzliche Sympathie f\u00fcr Texte mit V\u00e4tern und Kindern, er benannte auch die gut eingebauten Leerstellen: Fehlen der Mutter, m\u00f6gliche Flucht. Wilke arbeitete heraus, wie zentral der Begriff &#8220;Versteinerungen&#8221; sei, unter denen der Vater in mehrfacher Hinsicht leide, wie sehr ihn belaste, dass er seinem Kind schaden k\u00f6nne. Keller wies auf die zwei Ebenen der Kommunikation hin, die \u00e4u\u00dfere mit dem Kind und die innere der Erz\u00e4hlerfigur, nannte die Geschichte einen &#8220;radikalen Text&#8221;.<\/p>\n<p>Wiederstein war die Rolle der Provinz wichtig, die als Katalysator wirke, Schauplatz von Br\u00fcchen und Ver\u00e4nderungen. Winkels sah die Verzweiflung \u00fcber den Zustand der Zivilisation wiedergegeben, und das mit lyrischen Mitteln. Kastberger war das Motiv der Wurzeln aufgefallen, die tief in die deutsche und \u00f6sterreichische Nachkriegszeit reichten, und der innere Konflikt des Vaters. Auch f\u00fcr Gomringer war die Geschichte &#8220;ein ausgezeichneter Text&#8221;.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Zuletzt las Anselm Neft <a href=\"https:\/\/files.orf.at\/vietnam2\/files\/bachmannpreis\/201827\/machs_wie_miltos_neft_neu_608373.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Mach\u2019s wie Miltos!&#8221;<\/a>, sehr dynamisch und dramatisch mit Rollen. Ich mochte die verschiedenen Zeitstr\u00e4nge, die Detailarmut in der Beschreibung eines Obdachlosenlebens, das Verwirrspiel der Realit\u00e4tsebenen.<\/p>\n<p>Die Jury schien erstmal \u00fcberfahren, Winkels \u00e4u\u00dferte sich verstimmt \u00fcber die &#8220;Massivit\u00e4t&#8221;, mit der er zu Mitleid gebracht werden sollte, er f\u00fchle sich &#8220;erpresst&#8221; und nannte den Text &#8220;\u00fcberinstrumentiert&#8221;. Auch Wilke fand die Geschichte &#8220;\u00fcberfrachtet&#8221;: Obdachloser, Verlust, Miltos, Kritik an Angestelltengesellschaft &#8211; und dann auch noch der Hund. Au\u00dferdem habe die Schnitttechnik bei ihr Skepsis erzeugt: Damit w\u00fcrden oft Schw\u00e4chen verdeckt. Gm\u00fcnder sah nicht Schnitte, sondern Stationen und lobte die Exposition; doch auch er sah einen Text, der zu viel wolle. Gomringer fand hingegen diese &#8220;F\u00fclle gut orchestriert&#8221;.<\/p>\n<p>Eine spannende Lesart bot Wiederstein an: Was, wenn nicht Miltos der unsichtbare, halluzinierte Freund sei, sondern alles andere erfunden? Keller sah sehr viele Stellen in der Geschichte als offen an und gab zu, dass sie Anselm Neft gerne fragen w\u00fcrde, was er von der Diskussion der Jury halte. (Winkels: Das w\u00e4re dann eine andere Veranstaltung.)<\/p>\n<p>Kastberger vermutete, dass der Text f\u00fcr die B\u00fchne gemacht sei und dort mit seinen plakativen Effekten und Stilfiguren besser gewirkt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Kurzer Austausch mit Bekannten, vage Verabredung zum Abendessen. <\/p>\n<p><i>Hier trage ich weitere #tddl-Berichte nach, zum Beispiel<br \/>\nAndrea Diener, <a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/buchmesse\/2018\/07\/06\/probebohrungen-bei-der-pornozahnaerztin-1695\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Probebohrungen bei der Pornozahn\u00e4rztin&#8221;<\/a>.<br \/>\nModeste, <a href=\"http:\/\/modeste.me\/2018\/07\/07\/der-dritte-tag-tddl\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Der dritte Tag (tddl)&#8221;<\/a>.<\/i><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/2a0de6de73ef422c8d2b150fe256ceca\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wichtigste vorweg: Bov Bjergs Text, auf den ich sehr hingefiebert hatte, war nicht nur sehr gut, sondern in einer anderen Liga als der Rest &#8211; auf fast schon unfaire Art. 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