{"id":4661,"date":"2009-05-21T09:11:41","date_gmt":"2009-05-21T07:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=4661"},"modified":"2009-05-21T16:29:50","modified_gmt":"2009-05-21T14:29:50","slug":"heute-ist-rosentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/05\/heute-ist-rosentag.htm","title":{"rendered":"Heute ist Rosentag"},"content":{"rendered":"<p>Der Mitbewohner erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p><i>Wie ich Kaltmamsell kennen und lieben gelernt habe<\/p>\n<p>Meine erste Erinnerung an Kaltmamsell ist im Arbeitszimmer der studentischen Hilfskr\u00e4fte am Lehrstuhl f\u00fcr englische Literaturwissenschaft. Es muss sp\u00e4t im Herbst gewesen sein, da wir beide erst nach Semesteranfang am Lehrstuhl begonnen hatten. (Ich einige Tage oder Wochen vor ihr.) Aber es war noch ein sehr sch\u00f6ner Tag; die Sonne schien warm ins helle Zimmer. Kaltmamsell trug ein wei\u00dfes Hemd und sah sch\u00f6n aus. Sie sa\u00df schon am Tisch und wir plauderten, ich auf der linken Seite des Zimmers, sie gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Ich mochte sie. Sie war ein bisschen besserwisserisch und ich hatte mich, glaube ich, einige Male ein bisschen \u00fcber sie ge\u00e4rgert. Aber sie war fr\u00f6hlich, humorvoll und nahm die h\u00e4ufigen Diskussionen nicht zu ernst. Sie war ein gleichwertiger Diskussionspartner und das imponierte mir.<\/p>\n<p>Im Laufe des Winters mochte ich sie dann immer mehr. Au\u00dferhalb der Universit\u00e4t hatten wir keinen Kontakt, an der Uni zeigte ich ihr meine Sch\u00e4tze, soweit das m\u00f6glich war, zum Beispiel den David-Hockney-Band mit meinen Lieblings-Fotocollagen, auf den ich im Lauf einer Recherche f\u00fcr den Professor gesto\u00dfen war. (Gesucht war eine bestimmte Don-Quichote-Illustration.)<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch, dass \u00fcber den Winter mein Interesse ein bisschen erkaltete. Warum? Ich wei\u00df nicht mehr. Vermutlich allgemeine Wintertr\u00e4gheit. Bald darauf ging es aber wieder los. Ich wei\u00df noch, dass ich im Fr\u00fchling mit Freunden in K\u00f6ln oder D\u00fcsseldorf war, andere Freunde besuchen. Von dort aus rief ich Kaltmamsell an \u2013 es muss einen Grund (oder Vorwand) daf\u00fcr gegeben haben; ich wei\u00df nicht mehr welchen. Dass ich in sie verliebt war, wusste ich damals schon, aber ich hatte es nicht eilig, ihr das zu sagen. Jedenfalls erfuhr ich bei dem Anruf, dass Kaltmamsell mich zum Fr\u00fchst\u00fcck eingeladen hatte, zusammen mit Freunden und Bekannten von ihr. Ich ging aus der Telefonzelle \u2013 Handys gab es damals noch nicht \u2013 und dachte: \u201eJa!\u201c<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck war sehr lecker, ich war sehr unauff\u00e4llig. So unauff\u00e4llig, wie ich war, f\u00fchlte ich mich gar nicht. Aber es stimmt, ich habe nett gel\u00e4chelt und ansonsten kein Wort gesagt. Da waren aber auch lauter richtig interessante und wirklich coole Leute dort. Kreative, sprachgewandte, vielwissende. Mir geht es heute noch so: Wenn kluge K\u00f6pfe zusammensitzen, gehe ich davon aus, dass die alle viel Wichtigeres zu sagen habe als ich und dass ich nur st\u00f6re. (Tats\u00e4chlich freuen die Klugen sich \u00fcber Input von anderen, auch von mir. Aber verinnerlicht habe ich das noch nicht.)<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt bestand darin, dass ich Kaltmamsell, U., F. und U.2 zum Pokern einlud. F. kannte ich von ein oder zwei Seminaren im Grundstudium. U. auch vom Grundstudium, aber woher genau? Ich hatte schon immer gerne Leute zu Besuch zu mir eingeladen, auch wenn ich noch bei meinen Eltern wohnte. Ich glaube, ich w\u00e4re nie auf die Idee gekommen, zu Kaltmamsell und den anderen zu sagen: kommt doch mal vorbei. Aber eigentlich wollte ich nur das. Also musste es Pokern sein. (Das war mehr als ein Jahrzehnt vor der allgemeinen Pokermanie in England und dann auch Deutschland.) U. war ein erfahrener Spieler, ich hatte wenig Erfahrung, die anderen gar keine. Ich hatte ein Einladungsheft gemacht, mit einer Kurzgeschichte von James Thurber drin, einem Cartoon, den Spielregeln, einem \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Bl\u00e4tter, einer Anfahrtsroute.<\/p>\n<p>Es gab Nachos mit Guacamole, und wohl auch noch andere Sachen. Das Pokern machte viel Spa\u00df, die Zeit verflog sehr rasch, pl\u00f6tzlich war es lang nach Mitternacht. U. fragte mich, ob diese Kaltmamsell \u2013 die er erst an diesem Abend richtig kennengelernt hatte, obwohl ich mich an gemeinsames Rauchen an der Uni erinnere \u2013 mit F. zusammen sei. Da dachte ich mir, dass ich rasch handeln sollte.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag nahm ich mir vor, Kaltmamsell meine Liebe zu gestehen. Am Vortag hatte ich \u00fcberpr\u00fcft, dass es in unserem Vorstadtviertel einen Blumenladen gab, und dass der Rosen f\u00fchrte. Also ging ich hin und kaufte dort die gr\u00f6\u00dfte rote Rose, die ich jemals \u2013 auch seitdem \u2013 gesehen habe.<\/p>\n<p>Warum so und nicht anders? Ich hatte die Zeit des Verliebtseins genossen, auch ohne dass Kaltmamsell davon wusste. Es war ein sehr sch\u00f6nes Gef\u00fchl gewesen, wie \u00fcberhaupt der Fr\u00fchling ein sehr sch\u00f6ner war. Aber das konnte ja nicht ewig so weiter gehen. Ich erwartete keine bestimmte Reaktion von Kaltmamsell. Sie konnte Ja sagen oder Nein, aber ich rechnete damit, dass unser unkompliziertes Verh\u00e4ltnis eben das danach nicht mehr sein w\u00fcrde. Also wollte ich die Sache m\u00f6glichst dezent und unaufdringlich erledigen. Unaufdringlich konnte ich ja gut.<\/p>\n<p>Also kaufte ich diese Rose und steckte sie in eine \u00fcbergro\u00dfe Plastikt\u00fcte. Ich fuhr n\u00e4mlich mit der Stra\u00dfenbahn durch die halbe Stadt und wollte auch nicht gleich mit der Rose ins Haus fallen. Ich trug ein gr\u00fcnes Hemd, ein sehr helles Olivgr\u00fcn, das gut zu meinen Augen passte. Das wusste ich nicht, glaube ich, bis es mir Kaltmamsell gesagt hat. Darunter ein wei\u00dfes T-Shirt, eine blaue Jeans, Turnschuhe. (Ich hatte mich kurzfristig gegen meine bunten Schuhe aus Brighton entschieden.) Eine Jacke? Keine Jacke, glaube ich. Aber eben die Plastikt\u00fcte mit der Rose.<\/p>\n<p>Bei Kaltmamsell klingelte ich an der T\u00fcr, sie lie\u00df mich etwas \u00fcberrascht herein. Mittlerer Nachmittag. Was sie trug, wei\u00df ich nicht mehr. Wir plauderten, ich wei\u00df nicht wor\u00fcber. Dann sagte ich, dass sie als Single ja sehr gl\u00fccklich sei (das hatte Kaltmamsell gelegentlich betont), aber wenn sie des Single-Seins jemals \u00fcberdr\u00fcssig werden sollte, st\u00fcnde ich jederzeit zur Verf\u00fcgung. Packte die Rose aus der Tasche, gab sie ihr. Wir m\u00fcssen zwei, drei S\u00e4tze \u00fcber das Thema gesprochen haben (\u201eOh, ah, das ist aber&#8230; ich wei\u00df gar nicht, was ich sagen soll\u201c, vermutlich), danach machte ich weiter Smalltalk, vermutlich an das Gespr\u00e4ch zuvor ankn\u00fcpfend. Darauf war ich besonders stolz, so ganz geschickt und nonchalant weiter \u00fcber Pokern oder englische Literatur oder so etwas weiter zu plaudern. Dann empfahl ich mich.<\/p>\n<p>Das alles dauerte etwa f\u00fcnfundzwanzig Minuten. Wie gesagt, es sollte unaufdringlich sein. Danach war ich erleichtert. Die Antwort war kein deutliches Ja gewesen, also ein Nein, aber wir schieden freundlich, als w\u00e4re es nichts geschehen. \u00c4u\u00dferlich zumindest, und das ist ja das Wichtigste. Dann kann man immer noch so tun, als w\u00e4re wirklich nichts geschehen. &#8212; So etwas habe ich \u00fcbrigens nie davor oder danach gemacht. Aber ich h\u00e4tte mir keinen anderen Rat gewusst. Wie sagt man vorsichtig, dass man verliebt ist?<\/p>\n<p>Das muss ein Freitag gewesen sein. Am Montag kriegte ich dann einen Korb von Kaltmamsell. Den habe ich heute noch: Goldfarben, geflochten, vor allem gef\u00fcllt mit selbst gemachten Schokoladenerdbeeren. (Wie hat Kaltmamsell die nur k\u00fchl gehalten?) Zum Korb gab es, glaube ich, ein Briefchen, das ich auch noch in der Kiste mit Briefen von Kaltmamsell habe. Den Korb habe ich vorsichtig nach Hause transportiert \u2013 ich war mit Rollschuhen an der Uni gewesen. <\/p>\n<p>Ja. Dann ging das so weiter. Wir waren freundlich zu einander und das Wetter war immer noch gut. Das n\u00e4chste, an das ich mich erinnere, ist: Mit A. S. auf einer Bank vor seinem Haus zu sitzen und zu plaudern. Ich hatte Kaltmamsells Postkarte dabei: Kaltmamsell war n\u00e4mlich in Wales und schickte mir eine sehr liebe Postkarte. Was draufstand, wei\u00df ich nicht mehr (aber ich habe die Karte nat\u00fcrlich noch). Allein die Tatsache, dass es eine Postkarte war, vers\u00fc\u00dfte mir das Leben schon sehr. Ich hatte keinesfalls die Hoffnung aufgegeben, dass aus Kaltmamsell und mir ein Paar werden w\u00fcrde, aber ich wollte ihr auf keinen Fall zu nahe r\u00fccken, sondern die von ihr gewollte Distanz wahren.<\/p>\n<p>Wir gingen Cocktails trinken und pokerten. Sa\u00dfen uns am Arbeitsplatz gegen\u00fcber, aber nie gemeinsam in einem Seminar. (Nur in einer Leserunde bei einem der Dozenten.) <\/p>\n<p>Das ging soweit, dass sie mich dann schon sehr deutlich k\u00fcssen musste, bis ich kapierte.<\/i><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Der Tag, an dem er mir die Rose brachte, war der 21. Mai 1993. Seither ist der 21. Mai Rosentag.<\/p>\n<p>Nachtrag: An diesem Tag bekommt er f\u00fcr jedes Jahr eine Rose zur\u00fcck &#8211; die gr\u00f6\u00dften, die ich finden kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/rosentag_2.jpg\" alt=\"rosentag_2\" title=\"rosentag_2\" width=\"375\" height=\"463\" class=\"alignnone size-full wp-image-4671\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mitbewohner erz\u00e4hlt: Wie ich Kaltmamsell kennen und lieben gelernt habe Meine erste Erinnerung an Kaltmamsell ist im Arbeitszimmer der studentischen Hilfskr\u00e4fte am Lehrstuhl f\u00fcr englische Literaturwissenschaft. Es muss sp\u00e4t im Herbst gewesen sein, da wir beide erst nach Semesteranfang am Lehrstuhl begonnen hatten. (Ich einige Tage oder Wochen vor ihr.) 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