{"id":468,"date":"2004-07-19T08:22:16","date_gmt":"2004-07-19T06:22:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/07\/mariella.htm"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"mariella","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/07\/mariella.htm","title":{"rendered":"Mariella"},"content":{"rendered":"<p><i>\u201eAch \u00fcbrigens, morgen kommt Mariella zum Spielen.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Wenn meine Kinder Freunde einladen, dann stellen sie mich meist vor vollendete Tatsachen.<\/p>\n<p><i>\u201eUnd damit Du\u2019s gleich wei\u00dft:<br \/>\nMariella darf  keine Schokolade essen!\u201c<\/i><\/p>\n<p>Auf meine Frage, ob Mariella denn allergisch gegen Schokolade sei, oder vielleicht Diabetikerin, sch\u00fcttelte meine Tochter energisch den Kopf.<\/p>\n<p><i>\u201eNein nein, keins von beiden! Ihre Mutter sagt nur immer, dass sie von Schokolade zu fett wird.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Meine Tochter  wei\u00df, was eine Allergie und auch, was ein Diabetes ist.<br \/>\nEine ihrer besten Freundinnen muss Insulin spritzen und viele ihrer Kumpels sind Allergiker.<br \/>\nDennoch konnte ich die Antwort nicht so recht glauben, denn ich hatte Mariella schon einmal gesehen (was bei den von meinen Kindern angeschleppten Kumpels nicht immer der Fall sein muss).<br \/>\nSie war ein zartes, fast schon untergewichtiges Gesch\u00f6pf, in gepflegten, vollkommen fleckenlosen, m\u00e4dchenhaften und offensichtlich sehr teuren Kleidchen.<br \/>\nIhre K\u00f6rperhaltung verriet, dass sie vermutlich schon seit einiger Zeit Ballettunterricht  hatte.<br \/>\nAls sie von ihrer Mutter zu uns gebracht wurde, fragte ich diese, ob es etwas g\u00e4be, was das Kind nicht essen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><i>\u201eS\u00fc\u00dfigkeiten!\u201c, <\/i><\/p>\n<p>die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.<br \/>\nAuf meine vorsichtige Nachfrage, warum sie die denn nicht essen d\u00fcrfe, kam tats\u00e4chlich, ich konnte es kaum glauben:<\/p>\n<p><i>\u201eDie machen dick!\u201c<\/i><\/p>\n<p>Diesem kleinen spindeld\u00fcrren Gesch\u00f6pf, mit seinen erbarmungsw\u00fcrdigen Streichholz\u00e4rmchen und \u2013 beinchen wurde wirklich der Genuss von Schokolade, Keksen und Gummib\u00e4rchen verwehrt, weil es sonst Gefahr lief, augenblicklich zu <b>dick<\/b> zu werden?<br \/>\nAls ich den herausfordernden Blick der Mutter sah, beschloss ich, doch lieber die Klappe zu halten.<br \/>\nDie Mutter ging, die Kinder spielten und irgendwann war es Zeit, etwas zu essen.<br \/>\nW\u00e4hrend sich meine beiden Kids die Teller mit Spaghetti und Tomatenso\u00dfe voll h\u00e4uften, nahm Mariella von allem nur ganz wenig, was sie dann aber brav, gesittet und stocksteif auf der vorderen Stuhlkante sitzend aufa\u00df.<br \/>\nDabei achtete sie sehr genau darauf, nur ja nicht zu kleckern, so dass sie sehr lange an ihrer Portion m\u00fcmmelte.<br \/>\nMeine Tochter, die sie, w\u00e4hrend sie selbst ihre Nudeln in sich hineinschaufelte, die ganz Zeit beobachtet hatte, sah mich mit ihrem \u201eBitte-sag-jetzt-nichts-Blick\u201c eindringlich an, schmiss Gabel und L\u00f6ffel beiseite und griff mit der ganzen Hand beherzt in Spaghetti und Tomatenso\u00dfe.<\/p>\n<p><i>\u201eWir essen manchmal mit den Fingern!\u201c<\/i><br \/>\n(Und damit hier keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen \u2013 die Betonung liegt auf <i>manchmal<\/i>.)<\/p>\n<p>Ihr Bruder zog sofort mit .Kleckern und Rumsauen ist schlie\u00dflich sein Metier.<br \/>\nMariella war irritiert. Ich gab ihr ausdr\u00fccklich die Erlaubnis, es den anderen nachzumachen.<br \/>\nSie schaute mich weiterhin \u00e4ngstlich an.<br \/>\nErst als auch ich mein Besteck zur Seite legte, um ebenfalls mit den Pfoten weiter zu dinieren, traute sie sich, sehr z\u00f6gernd, mit ihren winzigen Fingerchen das Essen zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Von diesem Moment an ver\u00e4nderte sich das Kind.<br \/>\nEs war, als ob mit jedem Bissen ein wenig mehr Leben in Mariella kam.<br \/>\nZuerst entspannte sich ihre Haltung, dann, ganz langsam, auch ihr Gesicht.<br \/>\nNachdem sie ihre Puppenportion aufgegessen hatte, schaufelte sie sich noch einmal einen ordentlichen Berg Spaghetti auf ihren Teller \u2013 So\u00dfe wollte sie keine mehr.<br \/>\nSie hatte Angst, sich zu bekleckern.<br \/>\nDann a\u00df sie eine geschlagene Stunde (die beiden anderen spielten l\u00e4ngst schon wieder) so strahlend und mit einem derartigen Genuss, dass ich ihr einfach zusehen musste.<br \/>\nZum Schluss stieg sie triumphierend auf den Stuhl, nahm immer wieder eine Nudel in die Hand, um sie dann mit einem wohligen Seufzer vom ganz nach oben gereckten Arm in den Mund flutschen zu lassen.<br \/>\nZwischendurch schaute sie mich immer wieder fragend an.<br \/>\nNicht nur, als m\u00fcsse sie sich r\u00fcckversichern, dass sie das hier auch wirklich d\u00fcrfe, sondern auch ein wenig so, als wolle sie sehen, ob ich auch wahrnehme, wie gut es ihr gerade geht und ob ich sie auch weiterhin aufmunternd anl\u00e4chle.<br \/>\n(Was ich ganz automatisch tat \u2013 ihre Freude war so gro\u00df, jeder h\u00e4tte gel\u00e4chelt!)<\/p>\n<p>Als sie endlich vom Stuhl geklettert und sich wieder hingesetzt hatte, strahlte sie immer noch.<br \/>\nNicht mehr so freudig-aufgeregt wie gerade eben noch, sondern zufrieden und ruhig, eben&#8230;<\/p>\n<p><i>&#8230;\u201cSo, jetzt bin ich  <b>satt<\/b>.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Und irgendwie hatte ich den Eindruck , dass sie das zum ersten Mal wirklich war,<\/p>\n<p>                                                 <b>satt!<\/b><\/p>\n<p>Dann fiel ihr ein :<i> \u201cWenn das Mama w\u00fcsste!\u201d<\/i><\/p>\n<p>Meine Tochter erz\u00e4hlte mir erst Wochen sp\u00e4ter, sie habe sie damals nur eingeladen, weil sie ihr leid tat. Es wollte keiner mehr mit ihr spielen, weil sie sich, wie sie selbst sagte, aus Angst vor irgendwelchen Bakterien, st\u00e4ndig die H\u00e4nde wusch.<\/p>\n<p>Sie war zu diesem Zeitpunkt erst sieben Jahre alt.<\/p>\n<p>\n<i>Leider habe ich dieses Kind, das in der Realit\u00e4t nicht Mariella hei\u00dft, aus den Augen verloren. Sie lebt jetzt in einer anderen Stadt, wo sie angeblich eine elit\u00e4re Privatschule besuchen soll.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAch \u00fcbrigens, morgen kommt Mariella zum Spielen.\u201c Wenn meine Kinder Freunde einladen, dann stellen sie mich meist vor vollendete Tatsachen. \u201eUnd damit Du\u2019s gleich wei\u00dft: Mariella darf keine Schokolade essen!\u201c Auf meine Frage, ob Mariella denn allergisch gegen Schokolade sei, oder vielleicht Diabetikerin, sch\u00fcttelte meine Tochter energisch den Kopf. \u201eNein nein, keins von beiden! 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