{"id":4687,"date":"2009-05-25T09:44:26","date_gmt":"2009-05-25T07:44:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=4687"},"modified":"2012-05-18T15:57:41","modified_gmt":"2012-05-18T13:57:41","slug":"musikalische-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/05\/musikalische-bildung.htm","title":{"rendered":"Musikalische Bildung"},"content":{"rendered":"<p>Ganz sicher sei er sich zwar nicht, hatte mein Bruder geschrieben, wie die Gesetzeslage in diesem Zusammenhang aussehe, aber m\u00f6glicherweise handle es sich um eine Pflichtveranstaltung f\u00fcr Tanten und Onkel, wenn alle Neffen und Nichten zusammen in einem Konzert auftreten.<\/p>\n<p>Um einen m\u00f6glichen Gesetzesversto\u00df zu umgehen, besuchte ich also gestern das Kinderchorkonzert von Neffe 1 (fast acht Jahre alt), Neffe 2 (fast sechs Jahre) und Nichte (viereinhalb Jahre). Zumal mein Bruder glaubhaft versprochen hatte, dass keine einzige Blockfl\u00f6te erklingen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Erst kurz vorher wurde mir klar, dass ich nicht nur Scharen von Kindern begegnen w\u00fcrde, sondern sehr wahrscheinlich dem einen oder anderen ehemaligen gymnasialen Mitsch\u00fcler: In meinem Abiturjahrgang setzte die Fortpflanzung relativ sp\u00e4t ein, die Ergebnisse m\u00fcssten jetzt also genau Kinderchoralter haben. (Dieser spezielle Chor unterteilt sich in drei Altersklassen: Kindergarten \/ Grundschule \/ bis etwa 16 Jahre.) Begegnungen, die ich <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/04\/ich-geh-da-nicht-hin.htm\">sonst<\/a> <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/04\/ich-geh-da-sowas-von-bestimmt-nicht-hin.htm\">meide<\/a>.<\/p>\n<p>An diesem Nachmittag habe ich viel gelernt. Ein Chor aus Vier- bis Siebenj\u00e4hrigen produziert zwar nur ansatzweise Musik (ohne die Klavierbegleitung w\u00e4re keine Melodie erkennbar gewesen), unterh\u00e4lt das Publikum aber durch die Vorf\u00fchrung der schier unendlichen M\u00f6glichkeiten, wie man sich mit Kleidung die Zeit vertreiben kann: Ein T-Shirt l\u00e4sst sich nach unten ziehen, aber auch nach oben bis fast \u00fcber den Kopf, dabei spielen Saum und Nabel lustig \u201eKuckuck!\u201c. Auch R\u00f6cke eignen sich zu Stoff-Yoga: Testreihen, wie weit sich ein Gummibund dehnen kann, Schieben desselben bis unter die Achseln oder unter die Knie. Als echte Meisterin erwies sich ein kleines M\u00e4dchen, das sich anschickte, ihren Rock aufzuessen, beginnend am Saum. Weniger M\u00f6glichkeiten schienen Hosen zu bieten, weswegen das eine oder andere Kind sich beim Singen zum Kleidungsspiel seinen Socken zuwandte. Ich war v\u00f6llig ins Staunen versunken: Als mein Bruder mich antippte und mir soufflierte, dass jetzt normalerweise der Einsatz f\u00fcr Tanten sei, \u201eMei, s\u00fc\u00df!\u201c zu quietschen, schrak ich richtig zusammen.<\/p>\n<p>Dann hatte ich keine Ahnung, wie Grundschulkinder heutzutage aussehen. Eine so hohe Rate an Busenans\u00e4tzen h\u00e4tte ich fr\u00fchestens in der 6. Klasse vermutet, und dass eine Viertkl\u00e4sslerin gerne mal die K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe 1,60 rei\u00dfen kann, hat mich ebenfalls \u00fcberrascht (sie spielte eine Hauptrolle im aufgef\u00fchrten Kindermusical). Neffe 1 spielte eine tragende Rolle und tat sich nicht nur durch Text- und Spielsicherheit hervor, sondern auch dadurch, dass er die Texte aller anderen, weit weniger Textsicheren, lautlos mitsprach. Macht ihn mir nicht sympathischer.<\/p>\n<p>Sehr <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lake_Wobegon\" target=_new>Lake Wobegon<\/a> war der Rahmen des Konzertes: Die herumwuselnden Organisatorinnen-M\u00fctter, denen man ansah, wie sehr sie darin aufgingen, die Begr\u00fc\u00dfung der Ehreng\u00e4ste (inklusive geistigem Beistand), die Verleihung von Ehrenurkunden des deutschen S\u00e4ngerbundes an vier M\u00e4dchen f\u00fcr zehnj\u00e4hrige Mitgliedschaft, der muntere Ringtausch von Blumenstr\u00e4u\u00dfen f\u00fcr Dirigentinnen, Repetitorinnen, Organisatorinnen, Ehrenvorsitzende etc. Werden solche Veranstaltungen wirklich f\u00fcr die Kinder ausgerichtet? Macht das ihnen Spa\u00df, haben sie was davon?<\/p>\n<p>Was die Begegnungen betrifft: Zwei Mitabiturientinnen (eine davon Dirigentin des j\u00fcngsten Chores) haben mich gl\u00fccklicherweise nicht erkannt, einer begr\u00fc\u00dfte mich mit Umarmung (was ist nur aus dem sch\u00f6nen H\u00e4ndesch\u00fctteln geworden?), eine weitere h\u00e4tte mich \u00fcbersehen, wenn mein Vater sie nicht herbeigerufen h\u00e4tte. Sie fiel mir um den Hals, musste sich aber gleich weiter um ihre Kinder k\u00fcmmern und eilte hinfort mit dem Ruf, dass wir uns unbedingt mal wieder \u2026. Diese letztere war durchaus einst eine gute Freundin, und wir haben einander als Jugendliche sehr beeinflusst. Den Lidstrich trage ich noch heute, wie sie ihn mir beigebracht hat, ich wiederum habe ihr ihre erste schwarze Unterw\u00e4sche geschenkt (w\u00e4hrend ich aus einer dessousbegeisterten Familie komme, hatte ihre Mutter ihr schwarze Unterw\u00e4sche verboten, weil man die nicht rauskochen k\u00f6nne). Aber das war eine andere Frau, die gibt es nicht mehr. So, wie es die Kaltmamsell von damals nicht mehr gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz sicher sei er sich zwar nicht, hatte mein Bruder geschrieben, wie die Gesetzeslage in diesem Zusammenhang aussehe, aber m\u00f6glicherweise handle es sich um eine Pflichtveranstaltung f\u00fcr Tanten und Onkel, wenn alle Neffen und Nichten zusammen in einem Konzert auftreten. 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