{"id":477,"date":"2004-07-23T10:55:31","date_gmt":"2004-07-23T08:55:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/07\/analgetisches-lachen.htm"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"analgetisches-lachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/07\/analgetisches-lachen.htm","title":{"rendered":"analgetisches Lachen"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin ein ausgesprochen fauler Mensch.<br \/>\nIch suche permanent nach Wegen, mir das Leben zu erleichtern.<br \/>\nAuf diese Art und Weise stie\u00df ich eines Tages auf das pr\u00e4operative Lachen. L\u00e4ngere Zeit schon war mir aufgefallen, dass ich w\u00e4hrend der Narkosef\u00fchrung eine ruhigere Kugel schieben konnte, wenn ich meine Patienten, bevor sie einschliefen, wenigstens einmal zum Lachen gebracht hatte.<br \/>\nKomplikationen waren bei denen, die lachend einschliefen deutlich weniger zu beobachten, als bei solchen, die distanziert oder grimmig waren oder bei jenen, die sich aus Angst erbittert gegen den Schlaf wehrten. <br \/>\nSelbst der Schmerzmittelbedarf nach der Operation schien sich durch dieses, die Angst relativierende, entspannende Lachen, erheblich zu reduzieren.<\/p>\n<p>Dass Schmerzen stimmungsabh\u00e4ngig wahrgenommen werden &#8211; ist ein alter Hut.<br \/>\nAuch, dass das Lachen positive physiologische Wirkungen hat &#8211; ist bekannt.<br \/>\nDass man sich aber sogar unter starken Schmerzen vor Lachen fast wegschmei\u00dfen kann, DAS habe ich erst geglaubt, nachdem ich es selbst erleben durfte,<br \/>\nund das kam so:<\/p>\n<p>Ich war schwanger.<br \/>\nViel zu lange schon,  der errechnete Geburtstermin war bereits \u00fcberschritten. <br \/>\nAber meine Tochter, ganz \u00e4hnlich wie ihr fauler Bruder knapp drei Jahre davor, dachte gar nicht daran, sich geb\u00e4ren zu lassen.<\/p>\n<p>Ich hatte die Schnauze gestrichen voll.<br \/>\nBei aller demonstrativ-weihevollen M\u00fctterlichkeit:<br \/>\nEs macht irgendwann einfach keinen Spa\u00df mehr, nur noch wie eine Mischung aus \u00fcbergewichtiger Ente und schnaufendem Walro\u00df durch die Landschaft zu watscheln und mit dem Bauch an jeder Ecke anzusto\u00dfen. Au\u00dferdem hatte ich seit Wochen &#8211; ach was,  seit Monaten!, meine  eigenen F\u00fc\u00dfe nicht mehr gesehen.<br \/>\nUm die Geburt in Gang zu bringen, versuchte ich alles M\u00f6gliche &#8211; bis hin zum Trampolinspringen .<br \/>\nNichts \u2013 das Kind in meinem Bauch strampelte zwar wie ein Berserker, aber eine Wehe lie\u00df sich beim besten Willen nicht ausl\u00f6sen, nicht einmal eine kleine. <br \/>\n(Jetzt im Nachhinein und wenn ich mir meine Tochter so ansehe, dann sollte dieses Strampeln vermutlich am ehesten so etwas wie \u201eweitermachen!\u201c oder \u201enochmaaaal!\u201c bedeuten&#8230;)<\/p>\n<p>Eines Nachts, schon weit in der 41.Schwangerschaftswoche, wurde ich von einem Ziehen in meiner  monstr\u00f6sen Plauze geweckt.<\/p>\n<p>Juhuu, es geht los! <br \/>\nZur allgemeine Freude der Hebammen erreichte ich nachts um f\u00fcnf den Krei\u00dfsaal&#8230;..<\/p>\n<p>&#8230;..um kurz darauf , um halb sechs, wieder auf der Stra\u00dfe zu stehen.<br \/>\nFalscher Alarm, keine Wehen &#8211; und das mir, der erfahrenen Fachfrau \u2013 mein Gott, war das <i>peinlich<\/i>.<\/p>\n<p>Von diesem Moment an, muss ich wohl die Geburt gedanklich abgeschrieben haben \u2013 was soll\u2019s, bleibe ich halt bis an mein Lebensende hochschwanger,  man kann sich schlie\u00dflich an Vieles gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter und keine Wehe weiter, sollten wir am Nachmittag Besuch von einer lieben alten Freundin bekommen, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten.<br \/>\nIch hatte mich mittags ein wenig hingelegt, denn schwanger sein macht m\u00fcde.<br \/>\nMein Partner war aufgebrochen, um die Freundin vom Bahnhof abzuholen.<br \/>\nKurz nachdem er gegangen war, bemerkte ich ein Ziehen im Bauch.<br \/>\nZehn Minuten sp\u00e4ter war da wieder ein Ziehen, ein wenig heftiger, aber so etwas kann ja mal vorkommen, nicht wahr?<br \/>\nAuch als ich unseren Besuch bereits heftig schnaufend und vor dem Sofa kniend begr\u00fc\u00dfen musste, dachte ich mir nichts weiter dabei. Warum soll man nicht auch mal vor einem Sofa kniend Tee trinken und gem\u00fctlich plauschen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Obwohl der Tee schmackhaft und die Unterhaltung interessant war, hielt ich es komischerweise irgendwann nicht mehr vor dem Sofa aus.<br \/>\nIch verzog mich ins Badezimmer \u2013 ein warmes Bad hatte bis jetzt noch jeden Wehenanflug zum Erliegen gebracht.<br \/>\nIn der Wanne hielt ich es dann aber auch bald nur noch aus, indem ich, wie ich es aus dem Geburtsvorbereitungskurs vor drei Jahren erinnerte,  tief ein- und sehr, sehr laut (auf \u201eL\u201c!) wieder ausatmete.<br \/>\nMeine Freundin, die mit diesen Laut\u00e4u\u00dferungen nicht anzufangen wusste, fragte meinen Partner daraufhin besorgt, ob eines unseren Elektroger\u00e4te defekt w\u00e4re.<br \/>\nIrgendwann war aber auch der Nutzen dieser Strategie ersch\u00f6pft. Ich musste mir eingestehen, dass das, was mich da gerade m\u00e4chtig beutelte, eindeutig Geburtswehen waren.<\/p>\n<p>Man gebiert aber nicht so einfach, wenn man Besuch hat!<br \/>\nDas ist extrem unh\u00f6flich!<br \/>\nSo etwas macht man nicht, nein!<\/p>\n<p>Nach einer ganzen Weile und f\u00fcnf Wehen weiter, schlich ich zerknirscht ins Wohnzimmer, um mit leisem Stimmchen zuzugeben, dass ich alte spa\u00dfbremsende Spielverderberin, das Gespr\u00e4ch unterbrechen und bitte umgehend in die Klinik gebracht werden m\u00f6chte.<br \/>\nEigenartigerweise hatte keiner der Anwesenden etwas dagegen einzuwenden.<br \/>\nDer Weg zum Auto war dann auch schon nicht mehr ganz so easy. Die Wehen rollten jetzt schon im Abstand von etwas drei Minuten \u00fcber mich hinweg.<br \/>\nAls wir endlich im Auto sa\u00dfen, kamen wir gerade einmal zwei Stra\u00dfen weiter.<\/p>\n<p>Stau!<\/p>\n<p><i>(Mein damaliger Partner und heutiger Ex-Ehemann fluchte schon immer gern beim Autofahren. Aus R\u00fccksicht auf unseren Sohn, hatte er aber F\u00e4kal- und sonstige unfl\u00e4tige Fl\u00fcche zugunsten weniger anst\u00f6\u00dfiger abgelegt.<br \/>\nSeine Autofahrerstandarbeschimpfung lautete zu dieser Zeit:<br \/>\n\u201eNun fahr doch, du PFLAUME!\u201c)<\/i><br \/>\nWir standen und standen, ich wehte und wehte und mein Sohn wurde in seinem Kindersitz von Minute zu Minute nerv\u00f6ser.<br \/>\nIrgendwann hielt er es nicht mehr aus und ich h\u00f6rte ihn von hinten rufen:<\/p>\n<p><i>\u201eNun fahr doch&#8230;&#8230;.nun fahr doch du&#8230;&#8230;.du&#8230;&#8230;\u201c<\/i><\/p>\n<p>An dieser Stelle fiel ihm vor Aufregung leider nicht das passende Steinobst ein.<br \/>\nUnd anstatt \u201ePflaume\u201c,  brach es pl\u00f6tzlich aus ihm heraus:<\/p>\n<p>&#8230;<b>du KIRSCHE<\/b>!\u201c<\/p>\n<p>Sein Ausruf  fiel bei mir mit einen, mittlerweile kaum mehr auszuhaltenden Wehenh\u00f6hepunkt zusammen.<br \/>\nTrotzdem musste ich lachen&#8230;.lachen&#8230;. und lachen!<br \/>\nMit den Fingern verkrallte ich mich im Deckel des Handschuhfachs, konnte aber trotz heftiger Schmerzen einfach nicht aufh\u00f6ren, mich vor Lachen schier auszusch\u00fctten.<\/p>\n<p>Von da an ver\u00e4nderte sich meine Schmerzwahrnehmung.<br \/>\nDer Schmerz war zwar weiterhin mit voller Wucht vorhanden, gleichzeitig war er wie wegger\u00fcckt, entfernter, nicht mehr so nah, nicht mehr direkt zu mir geh\u00f6rend,  leichter zu ertragen.<\/p>\n<p>So angegackert kam ich in der Klinik an.<br \/>\nHier musste ich vor Schmerzen auf allen Vieren zum Fahrstuhl kriechen, in dem aber der n\u00e4chste Lachkrampf  schon auf mich wartete.<br \/>\nNachdem ich mich \u00e4chzend, mit den H\u00e4nden an den Fahrstuhlw\u00e4nden hochhangelnd, wieder in eine einigerma\u00dfen aufrechte Position gebracht hatte, stieg ein alter Herr hinzu.<br \/>\nEr musterte mich, w\u00e4hrend ich lautstark die n\u00e4chste Wehe veratmete, von oben bis unten:<\/p>\n<p><b>\u201eNa junge Frau,  jetzt geht es aber bald los, was?\u201c<\/b><\/p>\n<p>Bald??<br \/>\nLOSgehen???<br \/>\nDie Geburt war sowas von im Gange und da sprach <i>er<\/i> von <i>\u201ebald\u201c<\/i> und <i>\u201elosgehen\u201c<\/i>?<\/p>\n<p>Das Lachen katapultierte mich bis fast vor die Krei\u00dfsaalt\u00fcr.<br \/>\nIm Krei\u00dfsaal selbst habe ich, nach einem sehr, sehr kurzen Auftritt im Vorwehenraum,  nur noch etwa zehn Minuten verbracht, dann lag auch schon meine lautstark nach Futter krakeelende Tochter auf  meinem Bauch.<\/p>\n<p><i>Ja, genau so war das.<br \/>\nUnd seitdem versuche ich jeden meiner Patienten wenigstens ein bisschen zum L\u00e4cheln zu bringen.<br \/>\nSchlie\u00dflich wei\u00df ich, wie gut das tun kann &#8211;  auch in den absonderlichsten Situationen.<\/i><\/p>\n<p>Mehr zum Thema Humor und Therapie <a href=\"http:\/\/www.aerztezeitung.de\/docs\/2000\/06\/08\/105a1701.asp?cat=\/magazin\/humor\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.tu-dresden.de\/fsmed\/galerie\/pa\/pa_aez.htm\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.aerztezeitung.de\/docs\/2002\/06\/20\/113a1602.asp\">dort.<\/a><br \/>\nUnd mit einer tiefen Verbeugung meinerseits und begeistertem Applaus: <a href=\"http:\/\/www.patchadams.org\">HIER!<\/a><\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin ein ausgesprochen fauler Mensch. 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