{"id":47722,"date":"2018-10-24T06:56:04","date_gmt":"2018-10-24T04:56:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=47722"},"modified":"2018-10-24T16:23:39","modified_gmt":"2018-10-24T14:23:39","slug":"journal-dienstag-23-oktober-2018-lesrunde-zu-michael-ondaatje-warlight","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/10\/journal-dienstag-23-oktober-2018-lesrunde-zu-michael-ondaatje-warlight.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 23. Oktober 2018 &#8211; Lesrunde zu Michael Ondaatje, <i>Warlight<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Der Tag wurde immer grauer, am Nachmittag begann es zu tr\u00f6pfeln. Ich nahm f\u00fcr den Heimweg den Notschirm aus meiner B\u00fcroschublade mit, doch es blieb erst mal trocken. Abends setzte st\u00fcrmischer Wind ein.<\/p>\n<p>Es traf sich die Leserunde bei uns. Es gab <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/lifeandstyle\/2010\/oct\/09\/mejadra-recipe-yotam-ottolenghi\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mejadra<\/a>, Salat und Apple Crumble zu essen (gute Esserinnen und Esser, in dieser Runde bleibt fast nie etwas \u00fcbrig) sowie Michael Ondaatjes <i>Warlight<\/i> zu bereden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_ondaatje_warlight.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_ondaatje_warlight.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"243\" class=\"alignnone size-full wp-image-47498\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mir hatte der Roman sehr gut gefallen, auch wenn ich die l\u00e4ngste Zeit \u00fcber nicht so recht wusste, welche Geschichte er mir eigentlich erz\u00e4hlte. Sie spielt auf jeden Fall im Nachkriegs-London, und wie immer war ich ganz begeistert von Ondaatjes Kunst der Erz\u00e4hlperspektive. Wir sehen dieses London aus der personalen Perspektive der Hauptperson Nathaniel, einerseits so beschr\u00e4nkt und schlaglichtartig, wie subjektive Wahrnehmung nun mal ist (also ohne den \u00dcberblick und die Herstellung von Zusammenh\u00e4ngen einer mehr wissenden Erz\u00e4hlerstimme), andererseits wird aber diese subjektive Wahrnehmung aus der sp\u00e4teren Sicht dieser Hauptperson reflektiert.<\/p>\n<p>Die Handlung beginnt mit dem Abschied von Nathaniels Eltern, die ihn, den 14-j\u00e4hrigen, und seine wenige Jahre \u00e4ltere Schwester bei einem Freund zur\u00fccklassen, den die Kinder gar nicht kennen und untereinander <i>The Moth<\/i> nennen. Der Vater geht vorgeblich beruflich ins Ausland, seine Frau begleitet ihn wie damals \u00fcblich &#8211; was sich sp\u00e4ter als nicht ganz richtig herausstellt.<\/p>\n<p>Zu einem runden Ganzen wurde der Roman f\u00fcr mich erst am Schluss, und dieses Ganze ist in erster Linie die Geschichte einer Frau, n\u00e4mlich der von Nathaniels Mutter, und einer Zeit.<\/p>\n<p>Auch die anderen Leserinnen und Leser unserer Runde waren begeistert vom Buch, wir sprachen lange und detailliert dar\u00fcber. Die skurrile Mischung an Personen, die sich im ersten Teil im Elternhaus von Nathaniel trifft und die grotesken Seiten der Londoner Halbwelt erinnerten Herrn Kaltmamsell an Dickens; mir gefiel vor allem der Unterschied zu Dickens: Ondaatjes Erz\u00e4hlerstimme schildert immer trocken bis lakonisch und ohne Superlative oder Unterstreichungen. Herr Kaltmamsell wies auch auf die Unzuverl\u00e4ssigkeit des letzten und dritten Teils des Buches hin: Hier erleben wir den 28-j\u00e4hrigen Nathaniel, der herausfindet, was die Vergangenheit seiner Mutter wirklich war und was in London nach seinem pl\u00f6tzlichen Verschwinden passierte &#8211; aber war das alles so? Nathaniel erz\u00e4hlt lebendig und voller Details &#8211; die er unm\u00f6glich kennen kann. Und er widerspricht in einigen Aspekten dem, was im ersten Teil des Buches erz\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Ein weiterer Mitleser sah in dem Roman vor allem die hervorragende Schilderung der Nachkriegszeit: Krieg endet n\u00e4mlich keineswegs mit Kriegsende, er bestimmt das Leben noch viele Jahre danach. (Selbst ich habe Anfang der 70er noch in Bunkerresten gespielt.) Auch die Vieldeutigkeit des Romantitels war Gespr\u00e4chsanlass, man kann ihn als F\u00e4rbung des ganzen Lebens auf viele Jahre durch Krieg lesen.<\/p>\n<p>Sie merken schon: Leseempfehlung.<\/p>\n<p>Der fr\u00f6hliche Abend in dieser Runde tat mir wieder ausgesprochen gut. Eine geplagte Mitleserin sprach gestern aus, was auch ich mir immer wieder gedacht hatte: Da kann der Tag oder das Leben im Moment noch so beschissen gewesen sein, ein Leseabend mit diesen lieben, schlauen, bescheuerten Menschen rei\u00dft das jedesmal raus. <\/p>\n<p><i>Nachtrag: Einige lesenswerte Besprechungen des Romans.<\/i><\/p>\n<p>Im <i>Guardian<\/i>: <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2018\/jun\/05\/warlight-michael-ondaatje-review\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Warlight by Michael Ondaatje review \u2013 magic from a past master&#8221;.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/05\/07\/books\/review-warlight-michael-ondaatje.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dwight Garner zieht in der <i>New York Times<\/i><\/a> einen Vergleich, der auch in unserer Leserunde fiel (und auch er assoziiert Dickens, und er meint es nicht nett):<\/p>\n<blockquote><p>\u201cWarlight\u201d reads, at its not-infrequent best, like a late-career John le Carr\u00e9 novel. It hooks you in ways that make its quiet storm of bombast (\u201cHe always knew the layered grief of the world as well as its pleasures\u201d) almost possible to bear.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im <i>New Statesman<\/i> fasst Ian Samson zusammen (er meint es als Lob):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.newstatesman.com\/culture\/books\/2018\/08\/michael-ondaatje-s-warlight-watching-wes-anderson-film-through-telescope\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Michael Ondaatje\u2019s Warlight is like watching a Wes Anderson film through a telescope&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Hirsh Sawhney schreibt im <i>Times Literary Supplement<\/i> (sch\u00f6ne Illustration zur Besprechung) eine Apologie von Ondaatjes Schreib- und Erz\u00e4hlstil &#8211; dem entnehme ich, dass er daf\u00fcr Gegenwind bekommen hat.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.the-tls.co.uk\/articles\/public\/michael-ondaatje-warlight\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Don\u2019t listen to the critics&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Auch Anna Mundow meint in der <i>Washington Post<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/entertainment\/books\/warlight-is-a-quiet-new-masterpiece-from-michael-ondaatje\/2018\/05\/04\/82b0fbe8-4fbd-11e8-84a0-458a1aa9ac0a_story.html?noredirect=on&#038;utm_term=.fdab6ea0b5f9\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Warlight&#8217; is a quiet new masterpiece from Michael Ondaatje&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/25dd1a4fecb842769acbed14001c219f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tag wurde immer grauer, am Nachmittag begann es zu tr\u00f6pfeln. 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