{"id":48704,"date":"2018-12-03T06:30:22","date_gmt":"2018-12-03T05:30:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=48704"},"modified":"2018-12-03T06:30:22","modified_gmt":"2018-12-03T05:30:22","slug":"journal-sonntag-2-dezember-2018-regentag-und-beifang-aus-dem-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2018\/12\/journal-sonntag-2-dezember-2018-regentag-und-beifang-aus-dem-internet.htm","title":{"rendered":"Journal Sonntag, 2. Dezember 2018 &#8211; Regentag und Beifang aus dem Internet"},"content":{"rendered":"<p>Als ich sp\u00e4t und ausgeschlafen aufstand, schimmerte das Licht drau\u00dfen rosa. Ich zog den Rollladen hoch und sah, dass der 1. Advent einen Regenbogen gespannt hatte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/181202_01_Regenbogen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/181202_01_Regenbogen.jpg\" alt=\"\" width=\"417\" height=\"411\" class=\"alignnone size-full wp-image-48720\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es begann zu regnen, das soll auch die n\u00e4chsten Tage zu bleiben. Doof, weil nass und grau, aber so bitter n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Ich hatte gro\u00dfe Lust auf eine Runde Schwimmen, musste ich halt mit der U-Bahn zum Olympiabad fahren statt zu radeln. Vor der Olympiahalle standen Menschenschlangen, plakatiert waren &#8220;J\u00fcrgen H\u00f6ller Powerdays&#8221;. Daheim fand ich heraus, dass man hier lernen sollte &#8220;Wie auch Du alles in Deinem Leben ver\u00e4ndern, alles verbessern, alles aufbauen und erfolgreich und gl\u00fccklich leben kannst&#8221;. Naheliegend, dass sich daf\u00fcr Schlangestehen im Regen lohnt. (Andererseits h\u00e4tte man am Sonntagvormittag gradsogut in die Kirche gehen k\u00f6nnen, da wird in etwa dasselbe versprochen.)<\/p>\n<p>Schwimmen war entspannt und sch\u00f6n, zum ersten Mal seit ewig hatte ich keine Probleme mit dem eingeklemmten Nackennerv, nicht mal auf den letzten 1.000 Metern. Und ich war so erwachsen, daraus nicht gleich eine Verl\u00e4ngerung meiner Schwimmrunde abzuleiten.<\/p>\n<p>Daheim kochte ich zum nachmitt\u00e4glichen Fr\u00fchst\u00fcck Porridge und genoss ihn sehr.<\/p>\n<p>Internetlesen, zweite Runde Stollenbacken, Wochenendzeitung lesen, zum Abendbrot machte ich aus Ernteanteilr\u00fcben <a href=\"https:\/\/chili-und-ciabatta.de\/2010\/10\/rote-bete-gratin-mit-schafskaese-und-minze\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Rote-Bete-Gratin<\/a>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Erste Folge einer neuen Kolumne im <i>SZ-Magazin<\/i> \u00fcbers Dicksein:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/ueber-gewicht-mein-dickes-leben\/natuerlich-darf-ich-gluecklich-sein-86372\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Nat\u00fcrlich darf ich gl\u00fccklich sein&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Ich kenne das ja auch: Von Kindesbeinen an auf Di\u00e4t gesetzt zu werden und unausl\u00f6schlich eingebimst zu bekommen, dass mein Aussehen eigenverschuldet deutlich suboptimal ist. Das T\u00fcckische in meinem Fall: Ich war gar nicht dick (<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/05\/verurteilt.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">auch wenn die Schul\u00e4rztin mich als &#8220;pyknisch&#8221; einordnete<\/a>). Weder wurde ich in der Schule geh\u00e4nselt noch sprachen mich Nachbarn auf der Stra\u00dfe an, ich passte auch in ganz normale Kleidung. Fassungslosigkeit kenne ich im Gesicht der Nachbarin, der ich als Grundschulkind beim Drau\u00dfenspielen wichtigtuerisch erz\u00e4hlte, dass ich gerade F\u00dcNF KILO abnehmen sollte! Ich erinnere mich, wie sie das murmelnd in Prozent meines vermutlichen Gesamtgewichts umrechnete und den Kopf sch\u00fcttelte.<\/p>\n<p>Letzthin startete eine Twitterin die Umfrage, was unsere sch\u00f6nsten Erinnerungen an die eigenen Kindergeburtstage waren. Meine: Ich durfte an diesem einen Tag im Jahr soviel essen wie ich wollte. Durfte zum Fr\u00fchst\u00fcck Teel\u00f6ffel um Teel\u00f6ffel Kakaopulver in die Milch r\u00fchren, und meine Mutter bekam lediglich schmale Lippen. Durfte noch ein St\u00fcck Kuchen nehmen ohne ihr &#8220;Du hattest schon eines!&#8221;. Kann sich jemand vorstellen, welches Drama f\u00fcr mich der eine Geburtstag war (zehnter?), an dem ich Magen-Darm hatte? Weinend vor der endlich erlaubten Schachtel Pralinen sa\u00df und keine Lust darauf hatte? Zumindest bin ich recht sicher, dass meine Mutter fair genug war, mich das Allesessen nachholen zu lassen.<\/p>\n<p>Das weiterhin T\u00fcckische: Gl\u00fccklichseind\u00fcrfen ist ziemlich sicher auch f\u00fcr mich mit D\u00fcnnsein verbunden. Obwohl ich ein paar Jahre lang Gr\u00f6\u00dfe 36-38 d\u00fcnn war und selbstverst\u00e4ndlich auch nicht gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/9506_Selbst.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/9506_Selbst.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"350\" class=\"alignnone size-full wp-image-48709\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hier 1995 mit 27 (das Foto schmeichelt mir).<\/p>\n<p>Im Nachhinein erscheint mir absurd, welchen Preis ich daf\u00fcr zu zahlen bereit war: F\u00fcnfmal die Woche Sport, ein- bis zweimal die Woche Abendessen ausfallen lassen (wenn ich nachts vor Hunger aufwachte, a\u00df ich halt ein St\u00fcckchen K\u00e4se, dann ging&#8217;s), kontinuierliches Kalorienz\u00e4hlen und fast immer Wahl kalorien\u00e4rmerer Alternativen (Milch 1,5%, Magerjoghurt, S\u00fc\u00dfstoff statt Zucker, Frischk\u00e4se statt Butter, Magerquark etc.).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Das zweite Mal an diesem Wochenende erz\u00e4hlte mir jemand, welchen pers\u00f6nlichen Erkenntnisgewinn der direkte Austausch mit Menschen ganz anderer Kulturen bewirkt. Dieses zweite Mal war es schriftlich:<br \/>\nAstronom Dalcash Dvinsky wohnte in Schottland ein paar Monate zusammen mit einem Astronomenkollegen aus dem Irak.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/medium.com\/@dalcashdvinsky\/leaving-scotland-by-the-pound-70e82540fddb\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Leaving Scotland by the pound&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Er lernte viel &#8211; unter anderem dass das verbindende gemeinsame Interesse nicht etwa Himmelsk\u00f6rper waren.<\/p>\n<blockquote><p>While astronomy was not the expected common denominator, we found a shared interest in war, religion, and dictatorships.<\/p>\n<p>For him this interest was admittedly more first-hand than for me. But at least I grew up in a militaristic oppressive undemocratic one-party system (East Germany), although my dictator was a feeble man (Erich Honecker) whereas Laith\u2019s dictator (Saddam Hussein) was so strong that he could swim across the Tigris, twice (an anecdote I learned from Laith). I learned how to throw a fake hand grenade in middle school, just like Laith. I had pictures of dictators and mass murderers in my class rooms, just like Laith. Dictatorships are, after all, fairly similar, all over the world, we found out. There seems to be a standard set of rules how to run a tyranny, maybe a Wiki or a textbook or a university course that every tyrant has to take.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Mir war nicht klar, welche Rolle die Fernsehserie <i>Holocaust<\/i> f\u00fcr die deutsche Aufarbeitung der Judenverfolgung spielte. Hier der <i>Spiegel<\/i>-Artikel von 1979 mit ausf\u00fchrlichem Hintergrund:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-40350860.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Holocaust&#8217;: Die Vergangenheit kommt zur\u00fcck&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p> Eine amerikanische Fernsehserie von trivialer Machart schaffte, was Hunderten von B\u00fcchern, Theaterst\u00fccken, Filmen und TV-Sendungen, Tausenden von Dokumenten und allen KZ-Prozessen in drei Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte nicht gelungen war: die Deutschen \u00fcber die in ihrem Namen begangenen Verbrechen an den Juden so ins Bild zu setzen, da\u00df Millionen ersch\u00fcttert wurden. Im Haus des Henkers wurde vom Strick gesprochen wie nie zuvor, &#8220;Holocaust&#8221; wurde zum Thema der Nation.<\/p>\n<p>Auch, wie anders, f\u00fcr deren Nationalisten. Schon vor Wochen hatten Anonyme mit Vergeltung gedroht, vorletzten Donnerstag flogen die Fetzen: Um 20.40 Uhr zerri\u00df ein Zehn-Kilo-Sprengsatz die Leitungen zum S\u00fcdwestfunk-Sender Waldesch bei Koblenz. 21 Minuten sp\u00e4ter detonierte eine Bombe in der Richtfunkstelle Nottuln bei M\u00fcnster und zerst\u00f6rte ein Antennenkabel.<br \/>\nAuf Hunderttausenden von Bildschirmen erlosch das Erste Programm, in dem gerade das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte noch einmal dokumentarisch durchleuchtet wurde: &#8220;Endl\u00f6sung&#8221;.<\/p>\n<p>In den Funkh\u00e4usern wurden eilends die Eintrittskontrollen versch\u00e4rft. Polizei bezog Posten vor freistehenden Sendeanlagen. Das Bundeskriminalamt lie\u00df am Koblenzer Tatort tonnenweise Schnee abtragen und dessen Tauwasser an geheimer Stelle nach Beweisst\u00fccken durchsieben.<\/p>\n<p>Eine Gruppe namens &#8220;Internationale revolution\u00e4re Nationalisten&#8221; bekannte sich inzwischen telephonisch zu den Attentaten und best\u00e4tigte damit den Verdacht von Bundesanwalt Rebmann, &#8220;da\u00df der Anschlag aus Anla\u00df des Fernsehfilms &#8220;Endl\u00f6sung&#8221; mit rechtsradikaler Zielsetzung geplant und ausgef\u00fchrt worden ist&#8221;.<\/p>\n<p>Der Knall in Hunsr\u00fcck und M\u00fcnsterland indes machte das bundesdeutsche TV-Publikum erst richtig hellh\u00f6rig f\u00fcr das Medienereignis &#8220;Holocaust&#8221;, dem der Bericht &#8220;Endl\u00f6sung&#8221; nur als Vorspiel diente und dessen Nachhall noch nicht ann\u00e4hernd absch\u00e4tzbar ist.<\/p>\n<p>Vor kurzem noch mu\u00dfte den Deutschen das amerikanische Fremdwort, das sich aus den griechischen W\u00f6rtern &#8220;holos&#8221; (vollst\u00e4ndig) und &#8220;kaustos&#8221; (verbrannt) zusammensetzt, als exotische Vokabel vorkommen, letzte Woche war es in aller Munde, bis hinauf zu Helmut Schmidt und Helmut Kohl, die &#8220;Holocaust&#8221; sogar in die Parlamentsdebatte warfen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Den st\u00e4rksten Zuspruch fand die Serie im Sendebereich des WDR, den geringsten bei Saar- und Hessenfunk. Am Dienstag schaute, trotz ung\u00fcnstig sp\u00e4ter Sendezeit, jedes neunte Berliner Kind unter 13 Jahren dem Drama zu, in Nordrhein-Westfalen immerhin noch jedes 17. \u00dcberall registrierten P\u00e4dagogen ein &#8220;\u00e4u\u00dferst gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis der Sch\u00fcler, dar\u00fcber zu sprechen&#8221;. Und so, beispielsweise, sprachen sie: J\u00fcrgen Knipprath, 13, hatte &#8220;fr\u00fcher mal geglaubt, da\u00df die Juden vorher irgendwelche Verbrechen begangen haben. Aber die hatten ja \u00fcberhaupt nichts getan&#8221;.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Die CSU-nahe &#8220;Sch\u00fcler Union Bayern&#8221; forderte vom Bayerischen Rundfunk eine Nachfolgeserie \u00fcber die Vertreibung Millionen Deutscher aus ihrer Heimat: Einseitige Schuldbekenntnisse wie in &#8220;Holocaust&#8221; seien der Jugend nicht zuzumuten.<br \/>\nEin anonymer Anrufer drohte, Heinz Galinski, der Leiter der J\u00fcdischen Gemeinde Berlin, werde umgebracht, wenn man die Serie nicht schleunigst absetzt.<br \/>\nDoch weit mehr noch, wie nicht erwartet, meldeten sich Irritierte, Betroffene, \u00dcberlebende. Manche sch\u00e4mten sich, klagten sich selbst an, einige weinten. H\u00e4ufig wurden neue Dokumente, Proze\u00dfakten, Tageb\u00fccher und Gedichte angeboten.<\/p><\/blockquote>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/sixtus\/status\/1069164586107052033\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">@sixtus<\/a><\/p>\n<p>(Ich war zw\u00f6lf und durfte noch lange nicht nach der Tagesschau fernsehen, sah die Serie also nicht &#8211; w\u00e4re auch noch nichts f\u00fcr mich gewesen.) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/ac965f87203545a7b0d2691403333246\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich sp\u00e4t und ausgeschlafen aufstand, schimmerte das Licht drau\u00dfen rosa. Ich zog den Rollladen hoch und sah, dass der 1. Advent einen Regenbogen gespannt hatte. Es begann zu regnen, das soll auch die n\u00e4chsten Tage zu bleiben. Doof, weil nass und grau, aber so bitter n\u00f6tig. 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