{"id":4969,"date":"2009-06-17T06:36:27","date_gmt":"2009-06-17T04:36:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=4969"},"modified":"2011-06-17T09:57:04","modified_gmt":"2011-06-17T07:57:04","slug":"journal-16-juni-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/06\/journal-16-juni-2009.htm","title":{"rendered":"Journal 16. Juni 2009"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Semiotik von Arbeitshierarchien<\/b><\/p>\n<p>Mit einem neuen, altgedienten Kollegen hatte ich einen h\u00f6chst interessanten Austausch \u00fcber die Zeichensysteme in Unternehmen, die die hierarchische Einordnung eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin markieren. Denn klar: Das Gehalt w\u00e4chst mit dem Aufstieg, und ab einer bestimmten Chefigkeit gibt es einen Dienstwagen. Aber diese Dinge sieht ja nicht, wer zum Beispiel eine Abteilung betritt und m\u00f6glichst schnell herausfinden will, wer das Sagen hat. Meiner Berufserfahrung nach gibt es in jedem Unternehmen eine ungeschriebene Hierarchiesemiotik, die bei dieser Einsch\u00e4tzung hilft. Hier einige Beispiele:<\/p>\n<p><b>Quadratmeter<\/b><br \/>\nIn konservativen B\u00fcrolandschaften l\u00e4sst sich die Hierarchie allgemeinverst\u00e4ndlich an der Architektur ablesen: Fu\u00dfvolk teilt sich mit mehreren Kollegen und Kolleginnen einen Raum, eine Gruppenleiterin ist am Eckplatz mit etwas Luft darum zu erkennen, erheblich chefiger macht die Zuweisung eines Einzelb\u00fcros, Oberchefs sind die Menschen mit Vorzimmer, in der Topposition inklusive mehrk\u00f6pfigem Vorzimmerpersonal. (Sonderregeln gelten f\u00fcr l\u00e4rmreiche Branchen, in denen F\u00fchrungskr\u00e4fte auf erheblich niedrigeren Hierarchieebenen Schallschutz erhalten.) Verheerend f\u00fcr dieses Zeichensystem ist die konsequente Einf\u00fchrung von Gro\u00dfraumb\u00fcros; oft brechen heftige K\u00e4mpfe um gelernte Hierarchiemarker in Wandform aus. Ich kenne nur eine Oberchefin (Ebene direkt unter Vorstand) eines traditionellen Gro\u00dfunternehmens, die einen Platz mitten in ihrer Mannschaft bevorzugt und ihr standesgem\u00e4\u00dfes Einzelb\u00fcro zu einem Besprechungsraum umbauen hat lassen.<\/p>\n<p><b>Fenster<\/b><br \/>\nEs gibt Unternehmen, die die Rangh\u00f6he von F\u00fchrungskr\u00e4ften durch die Anzahl der Fenster in deren B\u00fcro signalisieren. Damit wird das Privileg des Einzelb\u00fcros unabh\u00e4ngig von Vorzimmer weiter heruntergebrochen. Die popeligsten Einzelb\u00fcros haben zwei Fenster, die besseren drei; die h\u00f6chste Stufe sind vier Fenster \u00fcber Eck. Obwohl auch dies nirgendwo festgehalten ist, sind erboste Beschwerden von Menschen belegt, die sich durch Unterfensterung diskriminiert f\u00fchlten.<br \/>\n(Andererseits stelle ich mir vor, wie Papi abends heimkommt: \u201eInge, mach den Sekt auf: Ich habe ein drittes Fenster bekommen.\u201c)<\/p>\n<p><b>Teppich<\/b><br \/>\nAuch dieses Zeichensystem funktioniert nur mit Einzelb\u00fcros. Abstufungen sind, wie ich mir habe erz\u00e4hlen lassen: \u00fcberhaupt Teppich, schlichte Auslegeware, weicher Teppich, farbiger Teppich. Es lohnt sich sicher zu recherchieren, ob dieser Aufstieg mit einer bestimmten Zusatzm\u00f6blierung des B\u00fcros einher geht, also in Form von Sofas, Beistelltischchen etc.<\/p>\n<p><b>Schreibtischstuhl<\/b><br \/>\nSie glauben doch nicht im Ernst, die Form und Ausstattung eines Schreibtischstuhls hingen von Ergonomie ab. In modernen Gro\u00dfraumb\u00fcros wird das Sitzm\u00f6bel zur komplexen Aussage. Sachbearbeiter lassen sich wieder auf dem schlichten Modell ohne alles nieder, ATler und erste F\u00fchrungsebene k\u00f6nnen dann schon die Arme auf Lehnen ablegen, richtig chefig wird es, wenn die R\u00fcckenlehne bis zur Kopfmitte w\u00e4chst, und Hackenschlagen ist angesagt, wenn man auf jemanden zugeht, der unter sich das Ganze in Leder und Chrom hat. Doch auch dieses sch\u00f6ne System ist zerschie\u00dfbar: Bei attestierten R\u00fcckenbeschwerden kann der Betriebsrat schon mal daf\u00fcr sorgen, dass auch ein kleiner Tabellenschubser das High-Tech-Ger\u00e4t untern Hintern bekommt. Wenigstens auf keinen Fall mit Leder\u00fcberzug.<\/p>\n<p><b>Arbeitsger\u00e4t<\/b><br \/>\nHier d\u00fcrfte man sogar mit Funktion argumentieren: Wer aufgestiegen ist, arbeitet nat\u00fcrlich nicht nur <i>nine to five<\/i>, sondern nimmt sich auch mal Arbeit mit nach Hause. Manche Unternehmen unterst\u00fctzten das, indem sie diesen Mitarbeitern einen Laptop spendieren. Man hat allerdings auch von Leuten geh\u00f6rt, die dieses Ger\u00e4t als reines Statussymbol einfordern, ohne es je aus seiner Station\u00e4rbuchse auf ihrem Schreibtisch zu entfernen.<\/p>\n<p><b>Parkplatz<\/b><br \/>\nEin Grenzfall im Zeichensystem der Arbeitsplatzhierarchie, da man ihn nicht beim Betreten eines Gro\u00dfraumb\u00fcros sehen kann. Oft sind die Parkpl\u00e4tze gr\u00f6\u00dferer Unternehmen so weit von den B\u00fcrogeb\u00e4uden entfernt, dass der Weg von dort zum Arbeitsplatz eigentlich ein Wanderabzeichen wert ist. Doch manche Firmengel\u00e4nde haben zudem noch ein paar Parkpl\u00e4tze in Sichtweite der Chefb\u00fcros, gerne in einem Innenhof. Wer seinen Dienstwagen auf solch einem abstellen darf, ist ganz sicher wer.<\/p>\n<p>Kennen Sie weitere solche Zeichen?<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Nach ausgiebigen Aerobic-Hopsen war die Unterw\u00e4sche wie immer tropfnass. Dummerweise hatte ich heute die Wechselw\u00e4sche f\u00fcr nach dem Duschen vergessen. Hiermit kann ich vermelden: <i>Going commando<\/i> unterm Businesskost\u00fcm f\u00fchlt sich sehr unerotisch an.<\/p>\n<p><b>Nahrung:<\/b> Caf\u00e9 con leche, Planetenpfirsiche (ui, die reifen ja nach!), Seelachs mit Asiengem\u00fcse, Rohkostsalat, Milchkaffee, Rinderbr\u00fche, gekochtes Rindfleisch mit Meerrettich, Schokolade (Persteiner Salzmandeln in Trinidad Blend Kakao &#8211; gut!)<br \/>\n<b>Wetter:<\/b> buntwolkig mit heftigen Regenschauern, warm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Semiotik von Arbeitshierarchien Mit einem neuen, altgedienten Kollegen hatte ich einen h\u00f6chst interessanten Austausch \u00fcber die Zeichensysteme in Unternehmen, die die hierarchische Einordnung eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin markieren. Denn klar: Das Gehalt w\u00e4chst mit dem Aufstieg, und ab einer bestimmten Chefigkeit gibt es einen Dienstwagen. 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