{"id":499,"date":"2004-08-07T10:08:04","date_gmt":"2004-08-07T08:08:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/08\/vaterlandslose-gesellin.htm"},"modified":"2005-06-24T09:46:36","modified_gmt":"2005-06-24T07:46:36","slug":"vaterlandslose-gesellin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/08\/vaterlandslose-gesellin.htm","title":{"rendered":"Vaterlandslose Gesellin"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort \u201eGebietsanspruch\u201c versetzt mir jedes Mal einen Rempler. Weil ich es nur theoretisch verstehe. Jemand oder eine Gruppe von Menschen beansprucht also ein St\u00fcck Boden als ihr Eigentum, weil jemand fr\u00fcher darauf wohnte oder es im Besitz hatte, den etwas mit den Beanspruchern verbindet: Verwandtschaft, Volksstamm, Religion.<\/p>\n<p>\u201eReparationsforderungen\u201c l\u00f6st ein \u00e4hnliches Zucken bei mir aus, wenn es aus dem Mund eines Menschen kommt, dessen Urgro\u00dfmutter ihren Bausparer halt woanders investierte.<\/p>\n<p>Ich gebe ja zu, dass ich sogar mit dem Konzept des Erbens Schwierigkeiten habe. Meine Eltern haben sehr hart gearbeitet, um aus bitterer Armut zu Haus- und Grundbesitzern aufzusteigen. Aber habe ich irgendein Recht auf dieses Eigentum, nur weil sie mich auf die Welt gebracht haben? Ich habe zu ihrem Wohlstand absolut nichts beigetragen.<\/p>\n<p>Dieser Wurzelmangel ist nat\u00fcrlich durch meine Abstammung zu erkl\u00e4ren. Spanischer Papa, Immigrant der ersten Generation; polnische Mama, in Deutschland geborenes Kind einer Zwangsarbeiterin und eines Soldaten. Wenn es jemand auf Blutlinien abgesehen hat, und die deutsche Einwanderungspolitik hatte das bis vor kurzem \u2013 siehe Sp\u00e4taussiedler -, habe ich keinen Tropfen deutschen Blutes in meinen Adern. Wenn mir nur einfallen w\u00fcrde, was deutsches Blut noch mal genau ist.<\/p>\n<p>Mein Vater ist weg gegangen, um sein Gl\u00fcck zu machen. Hat also genau die Initiative gezeigt, deren Mangel in der deutschen Wirtschaft heute gern beklagt wird. Ich wei\u00df nicht, wie meine Gef\u00fchlslage w\u00e4re, wenn er nicht freiwillig gegangen, sondern vertrieben worden w\u00e4re. Andererseits: Meine polnische Oma ging ganz und gar nicht freiwillig. Ihre ebenso verschleppte Schwester kehrte nach dem Krieg zur\u00fcck nach S\u00fcdpolen und k\u00fcmmerte sich um die Schmiede und die L\u00e4ndereien des Vaters. Wie, bittesch\u00f6n, k\u00e4me ich denn dazu, auch nur einen Kieselstein davon als meinen anzusehen?<\/p>\n<p>Nahe liegend, dass ich mit Begriffen wie \u201eVaterland\u201c gleich doppelt Probleme habe. Ich habe ein Zuhause, ich bin Deutsche \u2013 aber was soll jetzt bitte mein Vaterland sein? W\u00f6rtlich genommen Spanien? Dort habe ich nie mehr als f\u00fcnf Wochen am St\u00fcck verbracht, der letzte l\u00e4ngere Festlandsaufenthalt ist sechs Jahre her. Oder ganz Deutschland? Um das behaupten zu k\u00f6nnen, s\u00e4he ich mich erst mal verpflichtet, mehr davon kennen zu lernen.<\/p>\n<p>Sollte also Migration als Mittel gegen National-Chauvinismus empfohlen werden? Nicht so einfach, denn gleichzeitig profitiere ich von Menschen und Familien, die sich seit Generationen nicht aus ihrem Geburtsort wegbewegt haben. Nur sie kennen wirklich jeden Stein des Landstriches, wissen die Geschichte jedes Hauses, geben die Lebensgeschichten ihrer Vorfahren und Nachbarn weiter.<\/p>\n<p>Habe ich mir vielleicht ein Recht auf Mitsprache verwirkt, weil ich keine Nachkommen haben werde? Und damit nicht beurteilen kann, wie Blutsbeziehungen sich auf die Einstellung zu Landbesitz auswirken?<\/p>\n<p><img BORDER=0 SRC=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/archives_speisen\/August04.jpg\" ALT=\"August04\" HEIGHT=359 WIDTH=568\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort \u201eGebietsanspruch\u201c versetzt mir jedes Mal einen Rempler. Weil ich es nur theoretisch verstehe. 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