{"id":50213,"date":"2019-02-22T08:59:05","date_gmt":"2019-02-22T07:59:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=50213"},"modified":"2020-02-04T17:07:32","modified_gmt":"2020-02-04T16:07:32","slug":"journal-donnerstag-21-februar-2019-reharecherche-und-james-baldwin-if-beale-street-could-talk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/02\/journal-donnerstag-21-februar-2019-reharecherche-und-james-baldwin-if-beale-street-could-talk.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 21. Februar 2019 &#8211; Reharecherche und James Baldwin, <i>If Beale Street could talk<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Ein kurzer Arbeitstag gestern: Ich hatte zwar den sp\u00e4test m\u00f6glichen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung zur Reha-Beratung gebucht, den um 15 Uhr, aber das hie\u00df halt trotzdem, dass ich mir fast einen halben Tag frei nehmen musste.<\/p>\n<p>In Neuperlach bekam ich an einer gro\u00dfen Empfangstheke ein Nummernzettelchen und wartete in einer Sofalandschaft, bis ich aufgerufen wurde. Der Beratungstermin selbst war schnell vorbei: Es wurde festgestellt, dass ich grunds\u00e4tzlich berechtig bin, dann druckte die Angestellte die n\u00f6tigen Formulare aus und erkl\u00e4rte freundlich und kurz, wie sie auszuf\u00fcllen und wohin sie zu schicken waren. Als Bearbeitungszeit nach Abschicken k\u00fcndigte sie etwa drei Monate an.<\/p>\n<p>Auch wenn ich nicht wie erhofft mit abgeschlossenem Antrag aus der Beratung kam, half sie mir: Alternativ h\u00e4tte ich mich durch all die verlinkten Formulare auf der Website lesen m\u00fcssen und selbst das Relevante finden.<\/p>\n<p>Beim Heimkommen bemerkte ich Kr\u00e4henrufe in einem der gro\u00dfen B\u00e4ume vor unserem Haus. Als ich die Kr\u00e4he oben im Baum entdeckte, sah ich, dass ihre Rufe ein Ziel hatten: Da sa\u00df, unbewegt, ein Sperber (weil nur gut taubengro\u00df wahrscheinlich ein m\u00e4nnlicher). Bald setzten sich weitere Kr\u00e4hen um ihn herum, Herr Sperber sa\u00df weiter stoisch und guckte.<\/p>\n<p>Abends Leserunde bei uns. Ich hatte Ofenk\u00fcrbis mit Auberginenso\u00dfe aus Ottolenghis namenlosem ersten Kochbuch zubereitet, dazu Ruccolasalat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190221_01_Ottolenghikuerbis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190221_01_Ottolenghikuerbis.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"484\" class=\"alignnone size-full wp-image-50217\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das passte \u00fcberraschend gut zusammen und ganz hervorragend dazu der <a href=\"https:\/\/meinklang.at\/produkt\/gruener-veltliner-2018\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Gr\u00fcne Veltliner von Meinklang<\/a>, den ich zum Probieren gekauft hatte.<\/p>\n<p>Gelesen hatten wir James Baldwin, <i>If Beale Street could talk<\/i>, ver\u00f6ffentlicht 1974, bzw. deutsch von Miriam Mandelkow <i>Beale Street Blues<\/i>. Selbst hatte ich den Roman auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen. Durchaus zuvorderst als die Geschichte des jungen schwarzen New Yorker Paars Tish und Fonny in den sp\u00e4ten 1960ern\/fr\u00fchen 1970ern, also die Geschichte ihrer Familien, des Alltags mit Arbeit, Kirche, Schule, Liebe &#8211; und Willk\u00fcr der wei\u00dfen Beh\u00f6rden. Ich merkte, dass ich mich immer wieder daran erinnern musste, dass die handelnden Personen bis auf markierte Ausnahmen PoC waren. Das lag zum einen daran, dass mein Lesen durch und durch davon gepr\u00e4gt ist, dass sonst Wei\u00dfe \u00fcber Wei\u00dfe erz\u00e4hlen, dass die Norm wei\u00dfer Alltag ist. Aber auch daran, dass Baldwin ganz in der Tradition klassischer Romane schreibt (anders als zum Beispiel Chimamanda Ngozi Adichie, deren selbstbewusste Perspektive und Erz\u00e4hltechnik mich sofort in ihre nicht-wei\u00dfe Welt mitnahmen) &#8211; eine weitere Leseebene. Eine klare eigene Stimme, die sich von der wei\u00dfen Tradition abgrenzt, las ich in den wenig sp\u00e4ter erschienenen Romanen von Alice Walker und Toni Morrison. Doch auch Baldwins Figuren sind vielschichtig, haben einen vielschichtigen Alltag, komplexe Beziehungen &#8211; und sind Opfer der Verh\u00e4ltnisse, in denen die schlechte Laune eines wei\u00dfen Polizisten Leben zerst\u00f6ren kann.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird aus der Perspektive der jungen Tish, die eben ihre Schwangerschaft entdeckt hat. Der Vater des Kinds, ihr Partner Fonny, sitzt im Gef\u00e4ngnis. Wir erfahren erst nach und nach, was ihm vorgeworfen wird. Die Handlung des Romans erz\u00e4hlt, wie Tishs Familie versucht, ihn zu enlasten. In R\u00fcckblicken erfahren wir die Geschichte seiner Kindheit und Jungend, unter anderem, wie er und Tish ein Paar wurden.<\/p>\n<p>Ich las <i>If Beale Street could talk<\/i> aber auch als zeitgebundenes Gesellschaftsgem\u00e4lde, das das New York der 60er und die Menschen darin zeichnete (inklusive, f\u00fcr mich sehr interessant, den Jargon, den sie verwenden). Mich bedr\u00fcckte das Bewusstsein, wie wenig sich bis heute an der fehlenden Chancengleichheit ver\u00e4ndert hat; kein Wunder, dass bei der Besprechung der aktuellen Verfilmung immer wieder der Bogen zu &#8220;Black Lives Matter&#8221; geschlagen wird.<\/p>\n<p>Die anderen aus der Runde hatten den Roman meist nicht ganz gelesen, aber aus Zeitgr\u00fcnden. Es herrschte allgemeines Wohlwollen, wir waren uns aber einig, dass die Bedeutung von <i>If Beale Street could talk<\/i> vor allem au\u00dferliterarisch ist. (Unter anderem geht Baldwins Versuch, aus der Perspektive einer jungen Frau zu schreiben, stellenweise fast l\u00e4cherlich schief.) Au\u00dferdem gab es einige Hinweise darauf, dass sich die deutsche \u00dcbersetzung deutlich anders liest; unter anderem wirken die Dialoge im Englischen wie allt\u00e4gliche Stra\u00dfensprache, im Deutschen kommen die eingestreuten Kraftausdr\u00fccke erheblich brutaler r\u00fcber.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Seyda Kurt zum gestrigen Tag der Muttersprache:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ze.tt\/tag-der-muttersprache-ich-will-nicht-mehr-dass-menschen-verstummen\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Tag der Muttersprache: Ich will nicht mehr, dass Menschen verstummen&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Bei den Diskussionen um Herkunfts- und Dominanzsprache geht es wohlgemerkt nie um das Franz\u00f6sische oder Englische \u2013 genau so wenig, wie es um franz\u00f6sische oder britische Migrant*innen geht, wenn von Integration gesprochen wird. Es geht immer um Menschen, die selbst in der zweiten, dritten Generation aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft als fremd gelesen werden. Es geht um marginalisierte Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder der Klasse, der sie angeh\u00f6ren, das Selbstbild einer kulturell homogenen, wei\u00df-christlichen Gesellschaft st\u00f6ren. W\u00e4hrend ein franz\u00f6sischer Akzent als charmant und feingeistig wahrgenommen wird \u2013 mais oui, das passt doch zu uns Deutschen durchaus! \u2013 wurden meine Eltern aufgrund ihres t\u00fcrkischen Akzents oft verh\u00f6hnt.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/b31df4645f3444c3b31499388d162b76\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kurzer Arbeitstag gestern: Ich hatte zwar den sp\u00e4test m\u00f6glichen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung zur Reha-Beratung gebucht, den um 15 Uhr, aber das hie\u00df halt trotzdem, dass ich mir fast einen halben Tag frei nehmen musste. 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