{"id":51137,"date":"2019-04-06T09:38:31","date_gmt":"2019-04-06T08:38:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=51137"},"modified":"2021-03-30T16:10:39","modified_gmt":"2021-03-30T14:10:39","slug":"journal-freitag-5-april-2019-giesinger-freitagabend-philip-k-dick-the-man-in-the-high-castle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/04\/journal-freitag-5-april-2019-giesinger-freitagabend-philip-k-dick-the-man-in-the-high-castle.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 5. April 2019 &#8211; Giesinger Freitagabend, Philip K. Dick, <i>The Man in the High Castle<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Daf\u00fcr, dass ich lang nicht eingeschlafen war, immer wieder wegen Schmerzen aufgewacht und kurz nach f\u00fcnf vom Wecker geweckt worden, f\u00fchlte ich mich morgens in der Arbeit \u00fcberraschend munter.<\/p>\n<p>Der fr\u00fche Wecker sollte mir Zeit f\u00fcr eine Runde Sport vor der Arbeit verschaffen, tat er auch.<\/p>\n<p>Zapfig frisch auf dem Weg in die Arbeit, den ganzen Tag blieb es bedeckt.<\/p>\n<p>Ich machte fr\u00fch Feierabend (also: wirklich fr\u00fch), spazierte \u00fcber den Hauptbahnhof nach Hause, holte mir im Hertie den gewohnten Lidstrich von Artdeco (keine Experimente mehr, das waren dann halt 13 Euro Lehrgeld), im Lindt-Laden unterm Stachus gro\u00dfe Mengen Lindor-Kugeln.<\/p>\n<p>Abends Verabredung mit Freundin im Giesinger, zu dem ich radelte (Notiz an mich: das dauert wirklich nur eine knappe Viertelstunde).<\/p>\n<p>Es gab gemischtes Herz f\u00fcr sie (sie schickte sofort ein Foto an die Tochter, um sich diebisch \u00fcber das erwartete Abscheu-Emoticon zu freuen), Wadengulasch mit gebratenen Semmelkn\u00f6delscheiben und Gurkensalat f\u00fcr mich (sehr gut). Die Gespr\u00e4chsthemen, typischer M\u00e4delsabend halt: Schiffsantriebe (sie hat \u00e4hnliche Gr\u00fcnde wie ich, nach Ungl\u00fccken sofort den Motorenhersteller zu recherchieren) und m\u00f6gliche Gefahren bzw. Gr\u00fcnde f\u00fcr den Ausfall, die Rolle von Software im Passagierflugverkehr, Softwareprojekte in Gro\u00dfunternehmen und das Gewicht pers\u00f6nlicher Befindlichkeiten dabei, Urlaube in Zeiten des Klimawandels, j\u00fcngere Geschichte des W\u00e4schewaschens Dorf vs. Stadt, Kinder und die ver\u00e4nderte Rolle von Eltern bei deren Gewissensentscheidungen, Sportsehnsucht und Sportm\u00f6glichkeiten, st\u00e4dtische Mobilit\u00e4t, Revolution.<\/p>\n<p>\u00dcber zahlreichen Bieren (f\u00fcr mich eher Radler) wurde es fast Mitternacht, bis ich den Giesinger Berg nach Hause rollte.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Am Donnerstagabend hatte ich <i>The Man in the High Castle<\/i> von Philip K. Dick ausgelesen. Auch wenn die letzten beiden Kapitel belegten, dass Dick wirklich keine Romanenden kann, mochte ich das Buch insgesamt sehr.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_dick\" \/><\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zum Genre <i>alternative history<\/i> und spielt in San Francisco Anfang der 1960er &#8211; allerdings in einer Welt, in der das Deutsche Reich und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Der Alltag ist japanisch gepr\u00e4gt, die w\u00f6rtlichen Gedanken und die Dialoge imitieren im erz\u00e4hlten Englisch die japanische Diktion (zumindest das, was ich als Stereotyp davon im Kopf habe), Machtpositionen sind durchwegs von Japanern besetzt.<\/p>\n<p>Wir lernen den erfolgreichen Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler Robert Childan kennen, der gerade dar\u00fcber nachdenkt, was aus seinem Sortiment amerikanischer Artefakte er einem wichtigen japanischen Kunden anbietet, dem Firmenmanager Nobusuke Tagomi. Childan stellt sich im Lauf Handlung als durch und durch loyal den neuen Machthabern gegen\u00fcber und in die Wolle gef\u00e4rbter Faschist heraus, gro\u00dfer Fan auch des Deutschen Reichs (Reichskanzler ist mittlerweile Martin Bormann).<\/p>\n<p>Weitere Protagonisten sind Frank Frink, ein j\u00fcdisch-amerikanischer Veteran des Zweiten Weltkriegs, der gerade seinen Fabrikjob verloren hat und sich mit einem Kollegen mit der Herstellung von Metallschmuck selbst\u00e4ndig macht, Frinks Ex-Frau Juliana, die als Judo-Lehrerin in der neutralen Zone Colorado lebt, und ihr Liebhaber Joe Cinnadella, ein italienischer Fernfahrer, der sich als etwas anderes herausstellt. Praktisch alle Personen befragen f\u00fcr Alltagsentscheidungen ihr <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/I_Ging\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">I Ging<\/a>, aus dessen Spr\u00fcchen dann auch w\u00f6rtlich zitiert wird.<\/p>\n<p>Dick schildert viele Alltagsdetails unter diesen Machtverh\u00e4ltnissen, Hintergrund bildet auch technischer Fortschritt, den die Deutschen angetrieben haben (u.a. wird interkontinental mit Raketen gereist). Der interessante Twist, auf den auch der Titel des Romans anspielt: In vielen Regionen verboten ist in dieser Zeit der Bestseller-Roman <i>The Grasshopper Lies Heavy<\/i>, eine <i>alternative history<\/i>, in der Japan und die Nazis den Zweiten Weltkrieg verloren haben &#8211; allerdings ganz anders als in unserer wirklichen Historie. Der Reiz liegt darin, dass Dick sich ausgedacht hat, wie jemand in seiner alternativen Welt sich eine alternative Welt zusammenreimen w\u00fcrde. Vom Autor hei\u00dft es, er lebe in einer festungsartigen Anlage namens &#8220;High Castle&#8221; in Wyoming. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/4862a0bc959c48389cc41223051020bf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daf\u00fcr, dass ich lang nicht eingeschlafen war, immer wieder wegen Schmerzen aufgewacht und kurz nach f\u00fcnf vom Wecker geweckt worden, f\u00fchlte ich mich morgens in der Arbeit \u00fcberraschend munter. Der fr\u00fche Wecker sollte mir Zeit f\u00fcr eine Runde Sport vor der Arbeit verschaffen, tat er auch. 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