{"id":52475,"date":"2019-06-09T09:33:02","date_gmt":"2019-06-09T07:33:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=52475"},"modified":"2019-06-16T07:08:51","modified_gmt":"2019-06-16T05:08:51","slug":"journal-samstag-8-juni-2019-dann-doch-krank-gary-shteyngart-lake-success","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/06\/journal-samstag-8-juni-2019-dann-doch-krank-gary-shteyngart-lake-success.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 8. Juni 2019 &#8211; Dann doch krank, Gary Shteyngart, <i>Lake Success<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Der Nachtschlaf war von schlechten Tr\u00e4umen und Luftr\u00f6hrenschmerzen geplagt, dann wieder schmerzten nach dem Schlucken Brust und R\u00fccken (war blo\u00df Luft, nach ein paar R\u00fclpsern alles weg, doch meine Assoziationsmaschine erinnerte sich erstaunlicherweise sofort an das dramatische <a href=\"https:\/\/dasnuf.de\/herzleiden\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Herzleiden von dasnuf<\/a>).<\/p>\n<p>Morgens war klar: Ich bin krank. Doch da war die Fr\u00fchst\u00fccksverabredung mit einer Freundin, auf die ich mich sehr freute; ich beschloss, das Kranksein um ein paar Stunden zu verschieben. Irgendwie w\u00fcrde ich meiner kompletten Heiserkeit schon ein wenig Stimme abringen.<\/p>\n<p>Also vormitt\u00e4glicher Fu\u00dfweg in die Maxvorstadt zum <a href=\"http:\/\/heinrich-matters.de\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Heinrich Matters<\/a>, das in Einrichtung und Personal so treffsicher seinem Stereotyp entsprach, dass es es den Spa\u00df verdirbt, sich dar\u00fcber lustig zu machen (vielleicht ein ganz kleiner \u00fcber blondgestr\u00e4hnten Wuscheldutt als Kellnerinnen-Uniform?). Das Ergebnis ist gem\u00fctlich, die Fr\u00fchst\u00fccks-Bowl mit Joghurt, ger\u00f6stetem Granola und Obst schmeckte sehr gut, ich komme sicher nochmal.<\/p>\n<p>Der Marsch dorthin war beschwerlich gewesen (erst mit entz\u00fcndeten Atemwegen wird klar, wie fundamental Atmen f\u00fcr Unbeschwertheit ist), doch das angeregte Gespr\u00e4ch lenkte mich wunderbar von den K\u00f6rperlichkeiten ab. Und mit genug Anstrengung konnte ich auch sprechen, unterst\u00fctzt von zwei gro\u00dfen Tassen hei\u00dfem Ingwer.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg ein paar Eink\u00e4ufe in der Lebensmittelabteilung des Hertie am Bahnhof. Vor allem wegen Obst ging ich hin, denn die Qualit\u00e4t der Ware ist dort ausgezeichnet. Leider wird das Erlebnis seit einigen Jahren nicht mehr bereichert durch den angestellten Herrn in formaler Kleidung plus Sch\u00fcrze, nach dem ich fr\u00fcher immer Ausschau hielt. Er verhielt sich, als sei die Obst- und Gem\u00fcseabteilung sein eigener Laden, drapierte sorgf\u00e4ltig, f\u00fcllte kontinuierlich nach, hatte immer einen pr\u00fcfenden Blick \u00fcber die Auslagen &#8211; betrachtete die Kundschaft allerdings immer ausgesprochen misstrauisch; es war klar, dass sie das st\u00f6rende Element an seinem Job war. Diesmal nahm ich Flachpfirsiche und eine Mango mit.<\/p>\n<p>Daheim meldete ich mich ins Bett ab, verdunkelte mein Schlafzimmer und schlief ein paar Stunden.<\/p>\n<p>Nachmittags las ich Gary Shteyngart, <i>Lake Success<\/i> aus: Ich hatte die Geschichte des US-amerikanischen Hedgefond-Managers Barry gerne gelesen, der im Wahljahr 2016 nach einem Streit mit seiner Frau ausbricht und sich mit Greyhound-Bussen quer durchs Land auf den Weg zu seiner College-Liebe macht. Die mit diesem Mittel (sich dessen bewusst) von den verschiedenen Seiten der USA erz\u00e4hlt, von Menschen, die Erfolg ausschlie\u00dflich in angeh\u00e4uften Geldsummen messen, bis zu denen, die sich von Tag zu Tag durchschlagen. Zwischenkapitel schildern das Leben der zur\u00fcckgebliebenen Ehefrau und des gemeinsamen Sohnes (die interessierten mich viel mehr und h\u00e4tten f\u00fcr meinen Geschmack die Haupthandlung sein k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Der Roman ist klassisch realistisch erz\u00e4hlt, das einzige nicht-realistische Detail ist die Fortf\u00fchrung der Handlung zehn Jahre in die Zukunft. Nur dass mir die Hauptfigur Barry halt ziemlich egal war, wie \u00fcberhaupt seine Geldwelt. Mir ist schon bewusst, dass haupts\u00e4chlich sie f\u00fcr die gro\u00dfen Unrechte in der Welt verantwortlich ist, doch das gesamte Wertesystem, das ihr zugrund liegt, geht an mir vorbei.<\/p>\n<p>Insgesamt Leseempfehlung, muss ja nicht alles gleich ein Meilenstein der Literaturgeschichte sein.<\/p>\n<p>Gegen f\u00fcnf war ich eigentlich schon wieder bettreif, blieb aber wach, weil ich bef\u00fcrchtete, sonst nachts nicht schlafen zu k\u00f6nnen. Also setzte ich mich an die offene Balkont\u00fcr (der Tag war sonnig und mild geworden) und las Internet.<\/p>\n<p>Und wenn Sie jetzt rufen: &#8220;H\u00dcHNERBR\u00dcHE! WARUM GIBT NIEMAND DER FRAU H\u00dcHNERBR\u00dcHE?!&#8221; &#8211; selbstverst\u00e4ndlich reichte Herr Kaltmamsell genau das an, h\u00e4tte es am liebsten schon am Vorabend getan, an dem ich auf Salade ni\u00e7oise bestanden hatte. Das gekochte Huhn hatte er f\u00fcr Sonntag verplant, zum gestrigen Abendessen gab es Or<del>i<\/del>ecchiette (!) mit M\u00f6nchsbart aus Ernteanteil.<\/p>\n<p>Fr\u00fch ins Bett, sofort eingeschlafen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/55658b7e1c2146afaf2a3442aa704281\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nachtschlaf war von schlechten Tr\u00e4umen und Luftr\u00f6hrenschmerzen geplagt, dann wieder schmerzten nach dem Schlucken Brust und R\u00fccken (war blo\u00df Luft, nach ein paar R\u00fclpsern alles weg, doch meine Assoziationsmaschine erinnerte sich erstaunlicherweise sofort an das dramatische Herzleiden von dasnuf). Morgens war klar: Ich bin krank. 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