{"id":52980,"date":"2019-06-29T09:53:37","date_gmt":"2019-06-29T07:53:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=52980"},"modified":"2019-07-14T20:11:50","modified_gmt":"2019-07-14T18:11:50","slug":"journal-freitag-28-juni-2019-rueckreise-von-utrecht-in-die-hitze-und-hektik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/06\/journal-freitag-28-juni-2019-rueckreise-von-utrecht-in-die-hitze-und-hektik.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 28. Juni 2019 &#8211; R\u00fcckreise von Utrecht in die Hitze und Hektik"},"content":{"rendered":"<p>Noch vor dem Wecker aufgewacht, Wasser getrunken, geduscht, gepackt, vorbereiteten Blogpost nochmal gepr\u00fcft und ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Ich hatte mich f\u00fcr die in M\u00fcnchen angek\u00fcndigte Hitze gekleidet (kurze Hose, kurze \u00c4rmel), in Utrecht war mir damit kalt, ich zerrte ein zus\u00e4tzliches T-Shirt aus dem Koffer. Am Bahnhof Kaffee bei Starbucks, weil das hier der einzige Kaffeeladen war, der wenigstens f\u00fcrs Trinken im Lokal keine Pappbecher verwendete. Brotzeit geholt bei Pret A Manger (Zimtschnecke und ein ein belegtes Vollkornbaguette, dass sich als besonders k\u00f6stlich herausstellte: Avocado, angeschmorte Tomaten, ger\u00f6stete Pinienkerne, etwas Tapenade, ein wenig Ruccola, Babyspinat, frischer Basilikum).<\/p>\n<p>Der ICE nach Frankfurt fuhr mit nur einem statt zwei Zugeteilen ein, Menschen und Gep\u00e4ck pressten sich in alle G\u00e4nge. Doch diesmal war die Stimmung entspannt (ich war sofort bereit, das auf den hohen Anteil Niederl\u00e4nder und Niederl\u00e4nderinnen zur\u00fcckzuf\u00fchren), man half mir und meinem Koffer zum reservierten Platz &#8211; und begl\u00fcckw\u00fcnschte mich freundlich zu meiner Reservierung.<\/p>\n<p>Der Zug fuhr Stop-and-go, die durchsagende Schaffnerin betonte ein ums andere Mal, das sei plangem\u00e4\u00df und liege an den Baustellen auf der Strecke. Ich hatte keine Gelegenheit sie zu fragen, woher dann die wachsende Versp\u00e4tung kam, die schon bald ein Erreichen meines Anschlusszugs in Frankfurt unm\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Statt mit 25 Minuten Umsteigezeit erreichten wir Frankfurt zehn Minuten nach Abfahrt meines Anschlusszugs, der den Bahnhof laut DB-App p\u00fcnktlich verlassen hatte. Da ich jetzt fast eine Stunde bis zur n\u00e4chsten Verbindung Zeit hatte, sah ich erst mal am geplanten Abfahrtgleis vorbei &#8211; und jetzt profitierte ich vom Ungl\u00fcck anderer: Der Anschlusszug stand noch am Gleis. Weil auch er nur halb so lang war wie geplant und auch er dadurch v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt, versuchte der Zugchef Passagiere bis zum n\u00e4chsten Halt Aschaffenburg zum Wechsel in alternative Z\u00fcge dorthin zu \u00fcberreden. Mein Gl\u00fcck: Der Wagon mit meiner Reservierung war da, ich kam an einen Platz.<\/p>\n<p>Als wir endlich fuhren, w\u00fcnschte ein h\u00f6rbar ersch\u00f6pfter Zugchef: \u201eSo weit es geht, w\u00fcnsche ich eine angenehme Reise. Ich kann Ihren Unmut zu 100 Prozent verstehen.\u201c Und er appellierte, den Unmut nicht am Team auszulassen, sie seien ebenfalls Opfer und nicht Verursacher der Umst\u00e4nde. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sehr die Unbillen, \u00fcber die wir Reisende maulen, bei den Bahnbesch\u00e4ftigten ankommen, die als Personal jeden Tag ICE fahren &#8211; als w\u00fcsste ich an keinem Arbeitstag, ob mein B\u00fcro \u00fcberhaupt steht, in welchen Zustand es sein wird, wie lange ich im Einsatz sein werde. Und das mit der Aussicht, es nur mit ver\u00e4rgerten und \u00fcbel gelaunten Kunden zu tun zu haben. Doch auch gestern war die Schaffnerin, die unsere Tickets kontrollierte, sichtlich verschwitzt und angestrengt, freundlich und geduldig, l\u00e4chelte sogar. Meine Bewunderung.<\/p>\n<p>Tausch von drei Wochen PMS-Brustschmerzen gegen Uteruskr\u00e4mpfe. Plus Springflutmenstruation &#8211; in Kombination mit schwankendem ICE kann das dazu f\u00fchren, dass jemand ein eh nicht mehr besonders appetitliches Zugklo mit angefeuchteten Papiert\u00fcchern von Blutspritzern befreien muss. (<i>Too much information<\/i>? Stellen Sie sich mal vor, wie viel ungewollte Information der Mensch in der Kloschlange nach mir bekommen h\u00e4tte, h\u00e4tte ich nicht mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen geputzt.)<\/p>\n<p>Ich las f\u00fcr unsere Leserunde Jakob Arjouni, <i>Kismet<\/i>, f\u00fchlte mich 20 Jahre in die Vergangenheit transportiert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190628_01_Holledau.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190628_01_Holledau.jpg\" alt=\"\" width=\"524\" height=\"393\" class=\"alignnone size-full wp-image-52990\" \/><\/a><\/p>\n<p>Endlich Heimatanblick.<\/p>\n<p>In M\u00fcnchen war es hei\u00df, doch Herr Kaltmamsell hatte durch Verdunkelung und geschicktes L\u00fcften f\u00fcr angenehme Wohnungstemperatur gesorgt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ausruhen war keine Zeit: Am n\u00e4chsten Tag zwischen 8 und 18 Uhr w\u00fcrde mein Gep\u00e4ck f\u00fcr die Reha abgeholt, ich musste also alles zusammenstellen, was ich bereits abschicken konnte (und vorher in den Unterlagen nachlesen, was ich mitbringen sollte). Das war vor allem Sportausstattung, aber auch der erste Schwung Kleidung. Den Rest bringe ich selbst n\u00e4chsten Dienstag mit.<\/p>\n<p>Abends kam Herr Kaltmamsell von der Abiturfeier seiner Schule zur\u00fcck und kochte uns Abendessen (Orecchiette mit Tomaten-Gem\u00fcse-Sugo, von mir kam der Salat mit Orangensaft-Tahini-Knoblauch-Dressing).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190628_02_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190628_02_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"484\" class=\"alignnone size-full wp-image-52991\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir erz\u00e4hlten einander ein wenig von unseren vergangenen Tagen. (Das h\u00e4tte besser geklappt, wenn wir ausw\u00e4rts Essen gegangen w\u00e4ren, doch wir waren beide zu ersch\u00f6pft, um das Haus nochmal verlassen zu wollen.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Die <i>taz<\/i> hat sich mit der legend\u00e4ren Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen unterhalten:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/taz.de\/Gisela-Friedrichsen-ueber-Gerichtsfaelle\/!5602167\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">\u201e&#8217;Ich war die einzige Frau&#8217;\u201c.<\/a><\/p>\n<p>Fragw\u00fcrdige \u00dcberschrift, hochinteressantes Gespr\u00e4ch. Unter anderem unterstreicht Friedrichsen, was f\u00fcr mich zu den wichtigsten Erkenntnissen meiner wenigen Sch\u00f6ffinneneins\u00e4tze geh\u00f6rt, selbst wenn es nur um kleine Amtsgerichtsf\u00e4lle ging:<sup><a href=\"#footnote_1_52980\" id=\"identifier_1_52980\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"In Torbergs Tante Jolesch kommt der Begriff &ldquo;Bassenaprozess&rdquo; vor, an den ich oft denken musste.\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<blockquote><p>Vor Gericht spielt sich ein Theaterst\u00fcck ab, dessen Ausgang niemand kennt. Eingebettet in ein Zeremoniell, werden eine Vorgeschichte, die Tat als H\u00f6hepunkt und die Geschichte danach erz\u00e4hlt und dann ist da ja auch noch der Prozess selbst, der ein \u00e4u\u00dferst dynamisches Geschehen ist. Vor Gericht entfaltet sich ein Entwicklungsroman mit realen Personen, der Einblick in Milieus bietet, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat, von der Deutschen Bank bis zum obdachlosen Junkie.<\/p>\n<p><strong>Warum lesen Sie nicht einfach einen spannenden Krimi?<\/strong><\/p>\n<p>Was mich immer fasziniert hat: Das Recht ist ein scheinbar starres Gebilde aus Paragrafen, Regeln und geregelten Ausnahmen. Und dann erleben Sie die Geschichten der Angeklagten, Zeugen und Opfer und denken: Daf\u00fcr kann es doch gar keinen Paragrafen geben. Aber das Recht ist in der Lage, das alles so zu sezieren und zu analysieren, dass am Ende meist ein Urteil ergeht, das gar nicht so verkehrt ist.<\/p>\n<p><strong>Geht es vor Gericht um Gerechtigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Jeder versteht darunter etwas anderes. Wenn es um das Urteil geht, sollte man besser von Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit oder Angemessenheit sprechen.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/e5c403538a1d46cb8a4d4ed98341d91d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_52980\" class=\"footnote\">In Torbergs <i>Tante Jolesch<\/i> kommt <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=Hdx2DwAAQBAJ&#038;pg=PT20&#038;lpg=PT20&#038;dq=tante+jolesch+bassena&#038;source=bl&#038;ots=Vxqry6loOI&#038;sig=ACfU3U17cue49Zl7j_hB077f7vN7D0NFQQ&#038;hl=de&#038;sa=X&#038;ved=2ahUKEwjh6_jIlo7jAhVNYVAKHXQYANoQ6AEwC3oECAkQAQ#v=onepage&#038;q=tante%20jolesch%20bassena&#038;f=false\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">der Begriff &#8220;Bassenaprozess&#8221;<\/a> vor, an den ich oft denken musste.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_52980\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch vor dem Wecker aufgewacht, Wasser getrunken, geduscht, gepackt, vorbereiteten Blogpost nochmal gepr\u00fcft und ver\u00f6ffentlicht. 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