{"id":53079,"date":"2019-07-04T07:18:12","date_gmt":"2019-07-04T05:18:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=53079"},"modified":"2023-09-20T08:43:29","modified_gmt":"2023-09-20T06:43:29","slug":"journal-mittwoch-3-juli-2019-rehawoerter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/07\/journal-mittwoch-3-juli-2019-rehawoerter.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 3. Juli 2019 &#8211; Rehaw\u00f6rter"},"content":{"rendered":"<p>Mal sehen, wann das hier mit wirklich sportlicher Bewegung losgeht &#8211; selbst an normalen B\u00fcrotagen bewege ich mich so viel wie hier in den vergangenen beiden Tagen. (Das ist ein sehr detaillierter Post, weil ich zwischen allen Tagesordnungspunkten Zeit zum Aufschreiben hatte.)<\/p>\n<p>Gestern war das Sporthindernis, dass weiter eingef\u00fchrt wurde. Der Tag begann um 6.45 Uhr mit Blutabnahme, \u00dcbergabe des Therapieplans f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage und &#8220;Bufettschulung&#8221; &#8211; letzteres bekam sofort einen Platz unter meinen Lieblingsw\u00f6rtern, bedeutete aber lediglich, dass Grunds\u00e4tzliches zu Mengen, Bestandteilen und Kaloriengehalt der angebotenenen Speisen gesagt wurde. Anschlie\u00dfend theoretisch Fr\u00fchst\u00fcck, das halt auch hier viele Stunden vor Einsetzen meines Appetits liegt. Die eine Chance, die ich dem Kaffee gab, bleibt die letzte, am Donnerstag probiere ich Schwarztee. Die harten gr\u00fcnen Birnen, die das einzige angebotene Frischobst waren (im Juli), lie\u00df ich liegen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190703_02_Fensterblick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190703_02_Fensterblick.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"418\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Blick aus meinem Zimmerfenster.<\/p>\n<p>Ruhe-EKG, dann die erste Einf\u00fchrung: Hier gibt es keine Menschen f\u00fcr Massagen, sondern eine Maschine, die &#8220;Brain light&#8221; hei\u00dft (ich erfinde nichts). Sie besteht aus einem gigantischen Lederfernsehsessel, in dem man Kopfh\u00f6rer und eine Brille aufsetzt: Je nach gew\u00e4hltem Programm (es gibt ca. 30) kommen aus dem Kopfh\u00f6rer aufmunternde Worte und Musik oder nur Musik; die Brille, so hie\u00df es, machte therapeutische Farben, Blitze, Funken. Die Maschine sah sehr teuer aus, ist aber sicher immer noch g\u00fcnstiger als ein Mensch &#8211; der ja eine aufw\u00e4ndige Ausbildung braucht, um sich, anders als die Maschine, auf jeden Patienten einstellen zu k\u00f6nnen. Am Freitag habe ich den ersten Anwendungstermin daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Hausdurchsage \u00fcber Lautsprecher: Heute werden die Klinik mit einer Drohne gefilmt, man m\u00f6ge zwischen 8.30 und 10.30 Uhr die Zimmerfenster schlie\u00dfen und die Jalousinen oben lassen.<\/p>\n<p>Zweite Einf\u00fchrung: Vortrag &#8220;Grad der Behinderung&#8221;. Eine Expertin erl\u00e4uterte Gesetzeslage, b\u00fcrokratische Abl\u00e4ufe und alle Formulare, die es f\u00fcr den Antrag auf Schwerbehinderung braucht, inklusive Formulierungs- und Terminierungstricks. Ich war ein wenig verst\u00f6rt \u00fcber Satzanf\u00e4nge wie &#8220;wer das Gl\u00fcck hat, 50 Prozent zu bekommen&#8221;, weil ich bislang davon ausgegangen war, dass eine Schwerbehinderung weder ein Lottogewinn noch ein Karriereschritt ist.<\/p>\n<p>Obwohl mein Kopfweh fast weg war, f\u00fchlte ich mich matschig und enegielos, die Pause bis zur n\u00e4chsten Einf\u00fchrung nutzte ich also nicht f\u00fcr Ortserkundung, sondern Rumlungern und nach \u00d6ffnung der Cafeteria f\u00fcr einen Vollautomaten-Cappuccino.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Gruppeneinf\u00fchrung war eine Anleitung Ergometer &#8211; mein erstes Mal auf dem klassischen Trimmdich-Rad. Nein, das wird nichts f\u00fcr mich, mir tat der Po schon nach wenigen Minuten weh, meine Lendenwirbels\u00e4ule jammerte, und Konditionstraining im Sitzen f\u00fchlte sich albern an. ABER! Das erste Mal Schwitzen seit Ankunft.<\/p>\n<p>Mittagessen um halb zw\u00f6lf, jetzt hatte ich Hunger. Sal\u00e4tchen, Rindergulasch (die vegetarische Alternative w\u00e4re Pizza gewesen), eine \u00fcberraschend aromatische Banane.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcndchen Sitzen und Lesen im Freien, dann das sportliche Highlight des Tages: &#8220;Anleitung Trainingstherapie&#8221; stellte sich als Ger\u00e4teeinweisung im Maschinenraum heraus. <i>Nat\u00fcrlich<\/i> genoss ich die Erkenntnis der Trainerin, dass sie es mit einer erfahrenen und recht kr\u00e4ftigen Patientin zu tun hatte &#8211; und es freute mich, dass sie auf dieser Basis die eine oder andere Erschwernis in meinen Trainingsplan einbaute (Wackelkissen!). Woran ich mich wohl gew\u00f6hnen muss: So kurz nach dem Mittagessen machte sich beim Sport der Mageninhalt bemerkbar. Zur Erinnerung: Ich kann nur mit wirklich leerem Magen unbeschwert h\u00fcpfen, schwimmen, heben. Das ist bei einem Bewegungsprogramm verteilt \u00fcber den Tag zwischen acht Uhr morgens und vier Uhr nachmittags nicht durchzuhalten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Eingangsuntersuchung hatte der Arzt den Kopf dar\u00fcber gesch\u00fcttelt, dass ich als Schwimmstil Kraul angab, das sei nicht gut f\u00fcr die Lendenwirbels\u00e4ule (ich wollte nicht renitent sein und nachbohren, ob er mich denn schon mal habe kraulschwimmen sehen und mir erkl\u00e4ren k\u00f6nne, was an dieser stabilen Wasserlage ohne Hohlkreuz und mit minimalem Beinschlag &#8211; beides im Gegensatz zu Brustschwimmen &#8211; bitte schlecht f\u00fcr die LWS ist), ich m\u00fcsse r\u00fcckenschwimmen. Ok, witterte ich meine Chance, aber dann m\u00fcsse ich das mal systematisch beigebracht bekommen. Seine Miene hellte sich auf: Das k\u00f6nne man im Therapieplan eintragen. Und so ging ich gestern Nachmittag in Badeanzug und Bademantel zu &#8220;Therapeutisches R\u00fcckenschwimmen&#8221;.<\/p>\n<p>Im Schwimmbecken die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung: Man brachte mir und vier weiteren Patientinnen keineswegs R\u00fcckenkraulen bei. Kennen sie diese Schwimmbahnen blockierenden Menschen, die auf dem R\u00fccken im Wasser liegend vage mit Armen und Beinen wedeln? <i>Das<\/i> ist therapeutisches R\u00fcckenschwimmen. Es wurde mir als Entspannungstechnik erkl\u00e4rt, dezidiert <i>keine<\/i> Sportart. Wei\u00df ich das also auch, zudem dass es sehr, sehr langweilig ist, wenn man es 40 Minuten im Kreis machen muss. Hoffentlich war das ein einmaliger Programmpunkt.<\/p>\n<p>Abschluss des Reha-Tags waren zwei Vortr\u00e4ge der Klinikleitung. Der des medizinischen Leiters lautete &#8220;Einf\u00fchrung in die Rehabilitation&#8221;, war interessant und diente am ehesten dem Erwartungsmanagement: Was kann eine Reha hier im Haus und was nicht. Unter anderem erw\u00e4hnte er die aktuelle Forschung zur Rolle der Faszien (wohl f\u00fcr die Beweglichkeit bis vor Kurzem stark untersch\u00e4tzt, hingegen verabschiedet man sich auf der Basis von Evidenz gerade vom fl\u00e4chendeckenden Einsatz der Faszienrollen) und wies darauf hin, dass man bei chronischen Schmerzen den Schmerz ruhig auch mal ignorieren kann, wenn er sportlicher Bewegung im Weg steht. HA! Joggen, du hast mich wieder. Kann ich halt danach ein bis zwei Tage nicht aufrecht gehen, egal. (Zudem wei\u00df ich jetzt, warum man mit meiner CD mit MRT-Bildern nichts anfangen konnte: Externe Datentr\u00e4ger d\u00fcrfen aus Sicherheitsgr\u00fcnden nicht gelesen werden.)<\/p>\n<p>Der kaufm\u00e4nnische Leiter erz\u00e4hlte rund um die Klinik, erkl\u00e4rte Hausregeln und ihre Gr\u00fcnde &#8211; es ist sicher nicht einfach, solch einen Laden zu managen. Und er warnte davor, in Social Media (er nannte konkret Facebook) Fotos von vergn\u00fcglichen Seiten der Reha zu posten, z.B. von Kaffee und Torte aus einem Bad Stebener Caf\u00e9: Er deutete an, dann k\u00f6nnten sich b\u00f6swillige Kollegen oder die vergnatzte, weil allein gelassene Familie in der ablehnenden Haltung einer Reha gegen\u00fcber best\u00e4tigt sehen. Auch das hatten wir nicht kommen sehen, als wir das Web vor 20 Jahren mit &#8220;Everybody has a voice!&#8221; bejubelten.<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen f\u00fchlte ich mich munter genug zu einer Ortsbesichtigung (au\u00dferdem fehlte mir Drau\u00dfenbewegung).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190703_03_Kurmusik.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190703_03_Kurmusik.jpg\" alt=\"\" width=\"549\" height=\"365\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Musikpavillon im Kurpark.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190703_07_Kurtheater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190703_07_Kurtheater.jpg\" alt=\"\" width=\"545\" height=\"337\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Kurtheater.<\/p>\n<p>Bad Steben verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber auffallend viele B\u00e4ckereien\/Konditoreien, sonder auch \u00fcber zahlreiche offensichtlich handwerkliche Metzger &#8211; Franken halt. Im gro\u00dfen Edeka am Bahnhof holte ich mir ein Steckerleis. Rechtzeitig f\u00fcr die Tagesschau war ich wieder auf meinem Zimmer.<br \/>\nTemperaturen insgesamt sehr angenehm, es war sch\u00f6n sonnig, aber nicht hei\u00df.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich lese begeistern Ondaatjes <i>The English Patient<\/i>, m\u00f6glicherweise zum ersten Mal. Der Mann schreibt auch hier derart atmosph\u00e4risch dicht, ohne zu \u00fcberfrachten &#8211; drei S\u00e4tze, und er hat mich in eine andere Zeit und in ein anderes Land mitgenommen. Insgesamt vorw\u00e4rts, aber nicht linear chronologisch erz\u00e4hlt, wechselnde Innensichten &#8211; umso mehr f\u00e4llt die bislang fehlende auf. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/e018e8df964744c2adeb7f6e8cc12238\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal sehen, wann das hier mit wirklich sportlicher Bewegung losgeht &#8211; selbst an normalen B\u00fcrotagen bewege ich mich so viel wie hier in den vergangenen beiden Tagen. (Das ist ein sehr detaillierter Post, weil ich zwischen allen Tagesordnungspunkten Zeit zum Aufschreiben hatte.) Gestern war das Sporthindernis, dass weiter eingef\u00fchrt wurde. 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