{"id":53407,"date":"2019-07-19T07:02:39","date_gmt":"2019-07-19T05:02:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=53407"},"modified":"2019-07-19T07:02:39","modified_gmt":"2019-07-19T05:02:39","slug":"journal-donnerstag-18-juli-2019-reha-entlassungsprogramm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/07\/journal-donnerstag-18-juli-2019-reha-entlassungsprogramm.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 18. Juli 2019 &#8211; Reha-Entlassungsprogramm"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fch aufgewacht nach einer Nacht mit wilden Tr\u00e4umen. Zumindest, glaube ich, habe ich niemanden darin umgebracht.<\/p>\n<p>Der erste Termin war um 7 Uhr Rotlicht. Der Apparat war so schlampig an die Liege beschoben, dass ich 20 Zentimeter nach oben rutschen musste, bis ich die W\u00e4rme in der Lendenwirbels\u00e4ule sp\u00fcrte. Auch schon egal.<\/p>\n<p>Um 7.30 Uhr trank ich im Speisesaal nur schnell ein Gl\u00e4schen Hafermilch, um meine Aufgestandensein zu belegen. Ich beeilte mich, damit bis zum n\u00e4chsten Termin genug Zeit f\u00fcr Crosstrainer war. Zu meiner Erleichterung war der Ausdauerraum offen und unbelegt, ich konnte eine Dreiviertelstunde strampeln.<\/p>\n<p>Noch verschwitzt hatte ich um 8.30 Uhr die Abschlussuntersuchung im Stationszimmer (Schwesternzimmer). Eine andere Krankenpflegerin als bei der Eingangsuntersuchung wog mich, genauer: Sie wies mich an, mich auf die Waage zu stellen und ihr das Ergebnis durchzugeben. Wie schon in der Eingangsuntersuchung bat ich darum, das Ergebnis nicht kennen zu m\u00fcssen. Die Pflegerin guckte verdutzt, las dann aber selbst ab und notierte. (Mein Gewicht und all die tausend Zw\u00e4nge, die sich f\u00fcr mein verbeultes Gem\u00fct daraus oder gar aus seiner Ver\u00e4nderung ergeben, tue ich mir in diesem Leben nur noch bei zwingender Notwendigkeit an.)<\/p>\n<p>Immer noch schwitzend vom Crosstraining hatte ich einen Termin im Maschinenraum; ich spielte mein Programm durch.<\/p>\n<p>Danach blieb gerade genug Zeit zum Wechsel in Badeanzug und Bademantel, damit schlappte ich zum Termin Bewegungsbad: Diesmal Wassergymnastik mit zwei Styroporscheiben (Durchmesser wie Ein-Kilo-Scheiben f\u00fcr Langhanteln), wieder nur mittellustig.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen Abschlusstermin bei der Stations\u00e4rztin. Sie konnte sich an keine meiner Erkl\u00e4rungen vor zwei Wochen erinnern, auch schon egal. Entsprechend spulte sie ihr Standardprogramm f\u00fcr das Ende der Reha ab, ermahnte mich, die hier begonnenen k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4ten auch daheim weiterzuf\u00fchren, au\u00dferdem sei die hier gelernte richtige Ern\u00e4hrung wichtig. Ich nickte einfach. Den Abschlussbogen hatte ich wahrheitsgem\u00e4\u00df ausgef\u00fcllt. Die \u00c4rztin stolperte \u00fcber das Kreuzel &#8220;nicht erreicht&#8221; beim Reha-Ziel &#8220;Flexibilit\u00e4t rechte H\u00fcfte steigern&#8221; und erkundigte sich nach dem Grund: Na, weil ich keine Anwendung daf\u00fcr bekommen hatte. (Allerdings gibt es einen Physio-Einzeltermin am Freitag.) Und nein: Die mitgebrachten Schmerzen sind nicht besser geworden, daf\u00fcr habe ich durch den Schlingentisch nach Langem mal wieder R\u00fcckenschmerzen.<\/p>\n<p>Konstruktiv war der Hinweis der \u00c4rztin auf die Nach-Reha. Ich rief beim nahe zur Arbeit gelegenen Reha-Zentrum an (10 Minuten zu Fu\u00df) und versicherte mich, dass es dort in den n\u00e4chsten drei Monaten Kapazit\u00e4ten gibt. Die Adresse reichte ich anweisungsgem\u00e4\u00df an die Klinikverwaltung hier weiter, damit die entsprechenden Unterlagen zusammengestellt werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Blieb noch ein Termin f\u00fcr den Nachmittag: &#8220;R\u00fcckengerechtes Arbeiten\/PC&#8221;. Wir \u00fcbten Heben von Lasten, z.B. Biertragl aus Autokofferraum.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Zimmer wurde ich \u00fcber meiner Buchlekt\u00fcre sehr m\u00fcde und legte mich ein St\u00fcndchen hin. Nach dem Abendessen Spaziergang zum Supermarkt, Obst und H\u00fcttenk\u00e4se f\u00fcr die kommenden Tage.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190718_03_Kirchgasse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/190718_03_Kirchgasse.jpg\" alt=\"\" width=\"535\" height=\"417\" class=\"alignnone size-full wp-image-53417\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>The Bonfire of the Vanities<\/i> ausgelesen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Jutta Pivecka, nur wenig \u00e4lter als ich, hat \u00fcber die Generation unserer M\u00fctter nachgedacht:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bzw-weiterdenken.de\/2019\/07\/friedensmuetter-ein-danke-an-unsere-muetter\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;FRIEDENSM\u00dcTTER. Ein Danke an &#8216;unsere M\u00fctter'&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Vieles davon passt auch auf meine Mutter. Was mich immer am meisten beeindruckt hat: Sie und viele ihrer Altersgenossinnen, die neue Wege beschritten haben, hatten ja keine Rollenvorbilder: Sie schufen diese neuen Wege ganz selbst.<\/p>\n<blockquote><p>Als ich \u00fcber die Frauen aus der Generation meiner Mutter nachdachte, erkannte ich, wie unglaublich der Fortschritt ist, den sie \u201euns\u201c, den M\u00e4dchen, die sie gro\u00dfzogen, erm\u00f6glichten. Ich benutze bewusst das Wort \u201eFortschritt\u201c, wohlwissend, dass es ambivalent ist und dass jeder \u201eFortschritt\u201c in der Geschichte auch einen Preis hat (&#8230;). Die meisten M\u00fctter meiner Freundinnen waren keine \u201e68er\u201c, auch wenn sie dieser Alterskohorte angeh\u00f6rten. Sie studierten nicht, sondern machten \u2013 im besten Fall \u2013 eine Lehre, viele blieben Ungelernte. Das Elternhaus verlie\u00dfen sie, wenn sie heirateten. Trotzdem kam der Kulturwandel, der Ende der 60er Jahre einsetzte, auch bei den meisten von ihnen an: nicht nur die R\u00f6cke wurden k\u00fcrzer, sondern auch Autofahren gelernt, Volkshochschulen besucht, oft eine Teilzeiterwerbst\u00e4tigkeit aufgenommen, wenn die Kinder \u201eaus dem Gr\u00f6bsten\u201c raus waren. Die Emanzipation unserer M\u00fctter vollzog sich h\u00e4ufig nicht laut, nicht revolution\u00e4r, sondern im Kleinen, im Alltag. Meine Mutter schaute sich bei einer amerikanischen Freundin ab, dass auch einmal die Frau sitzen bleiben kann, wenn der Tisch abger\u00e4umt werden muss, dass M\u00e4nner durchaus Abtrocknen und Staubsaugen k\u00f6nnen. Sie lernte Fremdsprachen, weil sie mehr von der Welt verstehen und reisen wollte. Die Volkshochschulen, die in jenen Jahren in vielen St\u00e4dten ihr Programm erweiterten, machten Bildung auch in der Provinz f\u00fcr breite Schichten zug\u00e4nglich. Es waren \u00fcberwiegend Frauen, \u201eunsere\u201c M\u00fctter, die diese Kurse besuchten. In den evangelischen und katholischen Frauengruppen wurden in jenen Jahren \u00fcber neue Erziehungsstile und -theorien, Feminismus und Matriarchat diskutiert. Meine Mutter las Alice Miller und Alice Schwarzer. Sie kn\u00fcpfte Freundschaften mit Frauen au\u00dferhalb des d\u00f6rflichen Zirkels, sie lebte mir vor, wie ich erst heute erkennen kann, dass Beziehungen zwischen Frauen frei gew\u00e4hlte sein k\u00f6nnen, jenseits von Verwandtschaft und Nachbarschaft. Das war neu. Das hatte <i>ihr<\/i> niemand vorgelebt.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/2a95acd5bc4949f28c3e4f92d5758faf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fch aufgewacht nach einer Nacht mit wilden Tr\u00e4umen. Zumindest, glaube ich, habe ich niemanden darin umgebracht. 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