{"id":545,"date":"2004-09-08T12:50:17","date_gmt":"2004-09-08T10:50:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/09\/nachbarn.htm"},"modified":"2004-09-09T09:18:22","modified_gmt":"2004-09-09T07:18:22","slug":"nachbarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/09\/nachbarn.htm","title":{"rendered":"Nachbarn"},"content":{"rendered":"<p>Die Unterhaltung bei <a href=\"http:\/\/infragelb.de\/pepa\/index.php?p=50#comments\" target=_new>pepa \u00fcber seelenheilende Musik<\/a> brachte mich drauf: Meine Nachbarn h\u00e4tten mich um meine Magisterpr\u00fcfungen herum wegen der Dauerbepl\u00e4rrung durch die Bachmotette <i>Jesu meine Freude<\/i> vermutlich erw\u00fcrgt \u2013 w\u00e4ren das nicht zwei Kontrabassisten \u00fcber mir gewesen und eine meist menschenleere Kunstgalerie sowie ein Weinlokal unter mir.<\/p>\n<p>Dabei stand ich nie eng mit Nachbarn; I am a very private person after all. Obwohl es \u00fcber alle Nachbarn meines Alleinlebens Geschichten zu erz\u00e4hlen g\u00e4be.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst in Eichst\u00e4tt, meinem ersten Zimmer nach dem Auszug aus dem Elternhaus. Die K\u00fcche benutzte ich zusammen mit einer Krankenschwester, die ich praktisch nie sah. Doch das Bad teilte ich mir zudem mit dem Fr\u00e4ulein Anni. Sie war die alte, kleine, halslos dicke Schw\u00e4gerin eines ebenfalls alten Schreiners, dem das Haus geh\u00f6rte. So manchen Abend klopfte sie vorsichtig an die T\u00fcr meiner Wohnk\u00fcche unterm Dach, um unter einem Vorwand ein Gespr\u00e4ch zu beginnen. Nie lie\u00df sie sich dazu bewegen, Platz zu nehmen. Doch weil sie es mit der H\u00fcfte hatte, st\u00fctzte sie sich immer mit den Unterarmen auf eine Stuhllehne und dr\u00fcckte dadurch den Busen so weit hoch, dass er mit ihrem Kinn zu verschmelzen schien.<br \/>\nEs stellte sich heraus, dass das Fr\u00e4ulein Anni seit ihrer Kindheit hatte ins Kloster der ortsans\u00e4ssigen Benediktinerinnen (<a href=\"http:\/\/www.bistum-eichstaett.de\/abtei-st-walburg\/\" target=_new>St. Walburg<\/a>) gehen wollen. Nur kam sie aus armen Verh\u00e4ltnissen und brachte deshalb die damals noch f\u00fcr den Eintritt n\u00f6tige Mitgift nicht zusammen. (Ich habe seinerzeit mal wegen einer Oster-Geschichte im Kloster St. Walburg recherchiert: Die alten Ordensschwestern stammten tats\u00e4chlich alle aus besten H\u00e4usern.) So arbeitete das Fr\u00e4ulein Anni bis ins hohe Alter in der Klosterk\u00fcche, um wenigstens auf diese Weise ihrem Lebenstraum nahe zu kommen. Sie ist schon vor vielen Jahren gestorben, meine Mutter schickte mir die Todesanzeige (hm, ich glaube, Heimat ist, wo einen die Todesanzeigen der Lokalzeitung interessieren).<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in meiner Geburtsstadt lebte ich in einem \u00e4lteren baugenossenschaftlichen Wohnblock; um mich herum fast ausschlie\u00dflich t\u00fcrkische Einwanderer. Viel Kontakt hatte ich nicht, allein schon wegen meiner Arbeitszeiten beim Radio. Doch ich fand es beruhigend, dass ich zu jeder Nachtzeit heimkommen konnte und irgendwo noch Licht brannte. Oder im Sommer die Frauen nachts drau\u00dfen sa\u00dfen, eine Handarbeit auf dem  Scho\u00df, die Kinder um sie herum spielend. Als die Familien von ihren Sommeraufenthalten in der T\u00fcrkei zur\u00fcckkamen, holte ich mir den Raki-Rausch meines Lebens: Alle Wohnungst\u00fcren standen offen, auf dem Laubengang davor ging es fr\u00f6hlich zu, ich wurde von allen Seiten auf mitgebrachte K\u00f6stlichkeiten eingeladen. Und beging den Fehler, den ekligen Raki m\u00f6glichst schnell runterzukippen, um den unangenehmen Geschmack weg zu bekommen. Meine Nachbarn missdeuteten die Geschwindigkeit als Begeisterung und schenkten ebenso schnell nach.<\/p>\n<p>Bevor ich die Studentenwohnung im \u00e4ltesten Teil von Augsburg bekam, musste ich sie mir anh\u00f6ren. Eine befreundete Cellistin hatte sie mir vermittelt, sie kannte die beiden Kontrabassisten im Stockwerk dar\u00fcber. Musiker tun sich eh schwer mit Nachbarn, also musste ich versprechen k\u00f6nnen, mich nie \u00fcber das \u00dcben der beiden \u00dcberwohner zu beschweren. Dazu musste ich wissen, was auf mich zukam. Ich stellte mich in mein zuk\u00fcnftiges Wohnzimmer, die beiden Bassisten stiegen die dreihundert Jahre alte schmale Holztreppe hoch und begannen zu spielen. Den einen direkt \u00fcber mir, ein gro\u00dfer und klobiger junger Mann, h\u00f6rte ich sehr deutlich, jede einzelne Note. Den anderen nur mit Anstrengung. So oder so war mir sofort klar, dass ich mich nie beschweren w\u00fcrde: Ein Profi holt aus dem unget\u00fcmen M\u00f6bel Kontrabass die wundervollsten T\u00f6ne. Mit viel Wehmut erinnere ich mich an die Tage, an denen der Nachbar f\u00fcr ein Vorspielen die Bass-Fuge aus der 5. Symphonie von Beethoven \u00fcbte (3. Satz?), die ich ohnehin immer besonders geliebt hatte.<br \/>\nEr zog Jahre sp\u00e4ter nach Spanien. Ihm war klar geworden, dass er es nie in ein A-Orchester bringen w\u00fcrde &#8211; schon gar nicht, wenn er sein Hobby Eishockeyspielen weiterverfolgen wollte. Also suchte er sich ein gepflegtes Orchester in einer w\u00e4rmeren Gegend, dessen Standort \u00fcber ein Eisstadion mit Mannschaft verf\u00fcgte. Zuletzt h\u00f6rte ich aus Granada von ihm.<\/p>\n<p>Mein heutiger Mitbewohner war der erste Mensch, mit dem ich zusammenzog. Wieder in eine zentrale Altstadtwohnung, \u00fcber einer Metzgerei und zwei Stockwerken Arztpraxis. Von der herzlichen Filialleiterin der Metzgerei habe ich viel \u00fcber Fleischsorten und ihre Zubereitung gelernt. Der ziemlich abgeerntete und kettenrauchende Lungenfacharzt aus Ostdeutschland, der jeden Morgen mit Kippe im Mundwinkel und BILD-Zeitung unterm Arm in die Arbeit kam, hat ma\u00dfgeblich zur Vernichtung letzter Reste meines hehren Medizinerbildes beigetragen.<\/p>\n<p>Jetzt wohne ich in einem durch und durch ehrenwerten Haus. Hier gibt es nicht mal Hausmitteilungen an der Wand; statt dessen bekommt jede Partei ein vervielf\u00e4ltigtes Exemplar in den Briefkasten. Dass um uns herum vor allem Chirurgenwitwen wohnen, wissen wir vom uralten Hausmeister und seiner Frau. Meine Arbeitszeiten und der Aufzug sorgen daf\u00fcr, dass ich h\u00f6chstens einmal die Woche \u00fcberhaupt jemandem im Haus begegne. Die Leute aus der Wohnung gegen\u00fcber sind vielleicht mal eine Geschichte wert, wenn ich ein Beispiel f\u00fcr Beziehungsalbtr\u00e4ume brauche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Unterhaltung bei pepa \u00fcber seelenheilende Musik brachte mich drauf: Meine Nachbarn h\u00e4tten mich um meine Magisterpr\u00fcfungen herum wegen der Dauerbepl\u00e4rrung durch die Bachmotette Jesu meine Freude vermutlich erw\u00fcrgt \u2013 w\u00e4ren das nicht zwei Kontrabassisten \u00fcber mir gewesen und eine meist menschenleere Kunstgalerie sowie ein Weinlokal unter mir. 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