{"id":547,"date":"2004-09-10T09:22:06","date_gmt":"2004-09-10T07:22:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/09\/schoen.htm"},"modified":"2004-09-10T19:53:46","modified_gmt":"2004-09-10T17:53:46","slug":"schoen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/09\/schoen.htm","title":{"rendered":"Sch\u00f6n"},"content":{"rendered":"<p>Zwar w\u00fcrde ich gerne wissen, wie es sich anf\u00fchlt, von Natur aus eine atemberaubend sch\u00f6ne Frau zu sein &#8211; aber mein Wunschtraum ist das nicht. Weil ich mal eine atemberaubend sch\u00f6ne Frau n\u00e4her kannte und miterlebte, welchen Preis diese Sch\u00f6nheit hatte.<\/p>\n<p>Als ich Birgit \u00fcber eine Mitstudentin kennen lernte, waren wir Anfang 20, und sie hatte eben ihre Lehre als Goldschmiedin abgeschlossen. Birgit hatte lange dunkle Locken, ein aristokratisch fein ziseliertes Gesicht, sie war gro\u00df und sehr schlank, hatte endlose Beine und Arme. Ihr L\u00e4cheln war ein bisschen vorsichtig, aber immer warm, ihre Bewegungen ein wenig eckig, aber immer ruhig. Ach, das sind alles minder wichtige Details: Birgit tauchte auf und erf\u00fcllte den Raum, die Gesellschaft mit Sch\u00f6hnheit. Sie zog die Blicke jedes und jeder Anwesenden an und l\u00f6ste Wohlgefallen, L\u00e4cheln, Herzklopfen, Verzauberung, Sehnsucht aus &#8211; niemals Gleichg\u00fcltigkeit oder gar Missfallen, wenn auch manchmal Neid. Birgit an ihrem Goldschmiedetisch, wie sie den langen edlen Nacken unter den hochgesteckten Locken \u00fcber ein Schmuckst\u00fcck beugt, ihr hellh\u00e4utiges Gesicht von der Reflexion der Arbeitsfl\u00e4che beleuchtet, die Ruhe und das Geschick ihrer geschulten Finger in Bewegung. Birgit am Esstisch der Altbau-WG, in wie immer sehr praktischer und unauff\u00e4lliger Kleidung, beim Zigarettendrehen schmunzelnd dem Gespr\u00e4ch folgend, an dem sie sich meist nur durch kurze und kluge Bemerkungen beteiligte. Oder sie erz\u00e4hlte von einer ihrer ber\u00fcchtigten Getr\u00e4nkepilz-Plantagen, die sie zum gro\u00dfen Ekel ihrer Mitbewohner in einer gro\u00dfen Glassch\u00fcssel auf der Waschmaschine im Bad anlegte.<\/p>\n<p>Birgit konnte sich nicht mal erlauben, sich f\u00fcr ein Fest ein wenig zu schminken, etwas H\u00fcbsches anzuziehen, mehr Schmuck anzulegen &#8211; weil sie damit ihre Sch\u00f6nheit ins Unertr\u00e4gliche verst\u00e4rkte. Dann stand sie wieder den ganzen Abend allein rum, niemand traute sich auch nur in ihre N\u00e4he. Die Menschen, die sie bereits kannten nicht, weil sie das Gef\u00fchl hatten, sich neben ihr in ein buckliges, schrumpliges Nichts zu verwandeln. Unbekannte nur volltrunken, weil sie unwirklich und wie aus einem anderen Universum wirkte. Seither verstehe ich, warum so sch\u00f6ne Menschen oft unter sich sind &#8211; nur ebenso sch\u00f6ne Menschen k\u00f6nnen diese Erfahrungen wohl nachf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich auch nicht, als Birgit sich die Haare abschneiden lie\u00df. Oder als die Malaria sie zeichnete. Oder wenn sie morgens faltig gelegen und zerstrubbelt in einem l\u00f6chrigen Schlafshirt beim Fr\u00fchst\u00fcck auftauchte. Jede Ver\u00e4nderung hob lediglich einen Aspekt ihrer Sch\u00f6nheit besonders hervor.<\/p>\n<p>Ihr Ehrgeiz lag bei ihrem Beruf. Doch im Handwerk scheint bei Bewerbungsgespr\u00e4chen gro\u00dfe Sch\u00f6nheit eher zum R\u00fcckschluss auf geringe Kompetenz zu f\u00fchren: Birgit war froh, wenn sie \u00fcberhaupt mal die Chance bekam, ihr K\u00f6nnen praktisch zu beweisen. Sie hatte sogar den Verdacht, dass ihre hervorragenden Zeugnisse nicht ernst genommen und lediglich mit der bet\u00f6renden Wirkung ihres Aussehens erkl\u00e4rt wurden (auch wenn sie selbst das nie so formulierte). Selbst die B\u00fcrojobs, um die sie sich in besonders mageren Zeiten bem\u00fchte, gingen eher an Frauen, die eine weniger gro\u00dfe Ablenkungsgefahr darstellten.<\/p>\n<p>Solch gro\u00dfe Sch\u00f6nheit kann einsam machen. Und doch \u00fcberwiegt in meiner Erinnerung die Freude dar\u00fcber, dass ich ein paar Jahre lang jemand so sch\u00f6nen betrachten durfte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwar w\u00fcrde ich gerne wissen, wie es sich anf\u00fchlt, von Natur aus eine atemberaubend sch\u00f6ne Frau zu sein &#8211; aber mein Wunschtraum ist das nicht. Weil ich mal eine atemberaubend sch\u00f6ne Frau n\u00e4her kannte und miterlebte, welchen Preis diese Sch\u00f6nheit hatte. Als ich Birgit \u00fcber eine Mitstudentin kennen lernte, waren wir Anfang 20, und sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=547"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}