{"id":55048,"date":"2019-10-09T06:56:40","date_gmt":"2019-10-09T04:56:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=55048"},"modified":"2019-10-21T16:25:48","modified_gmt":"2019-10-21T14:25:48","slug":"journal-dienstag-8-oktober-2019-nachdenken-ueber-zusammennehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/10\/journal-dienstag-8-oktober-2019-nachdenken-ueber-zusammennehmen.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 8. Oktober 2019 &#8211; Nachdenken \u00fcber Zusammennehmen"},"content":{"rendered":"<p>Ungute Nacht, Aufwachen mit migr\u00e4noidem Kopfweh. Krankmelden war aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht drin, also eine weitere \u00dcbung in Zusammennehmen. (W\u00e4re ich spirituell veranlagt, interpretierte ich meine schmerzhaft verknoteten H\u00fcftmuskeln vielleicht als k\u00f6rperliche Manifestation eines jahrzehntelangen Zusammennehmens, das ja nichts anderes ist als Bek\u00e4mpfung meiner angeborenen Faulheit und Schlechtigkeit, nichts anderes als Im-Zaum-Halten von Schlamperei und Schlendrian. Dann w\u00e4re jetzt die ideale Medizin eine Spritze Schlendrian intramuskul\u00e4r.)<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck regnete es nicht mehr, ich konnte radeln.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191008_01_Bueroblick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191008_01_Bueroblick.jpg\" alt=\"\" width=\"591\" height=\"386\" class=\"alignnone size-full wp-image-55066\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Besprechungstermin verschaffte mir einen seltenen Anblick die Hansastra\u00dfe runter.<\/p>\n<p>Das Rad brauchte ich n\u00e4mlich am Nachmittag: Ich war wieder als Sch\u00f6ffin zum Amtsgericht vorgeladen. (Die Kopfschmerzen waren bis dahin zum Gl\u00fcck weg.) Am Eingang wurde ich ungewohnt streng kontrolliert &#8211; fand gestern irgendein besonderer Prozess statt? Vorm Verhandlungssaal traf ich wieder auf die Sch\u00f6ffin, mit der ich bereits zweimal verhandelt hatte. Wir musste eine ganze Weile warten, denn unsere war die letzte Verhandlung in einer Reihe seit dem Vormittag, es hatte wohl Verz\u00f6gerungen gegeben.<\/p>\n<p>Herr Richter erkl\u00e4rte uns, worum es gehen w\u00fcrde: Betrug, der Beschuldigte hatte Hotel\u00fcbernachtungen nicht gezahlt (&#8220;Eingehungsbetrug&#8221;) und war mit der Bahn schwarzgefahren &#8211; beides in vielen, vielen F\u00e4llen. Doch schon die erste Schilderung der Sachlage machte klar, wozu die Verhandlung dienen w\u00fcrde: Der Herr hatte von scheinbar nichts auf gleich fast zwei Jahre lang Betrug an Betrug gereiht &#8211; was war nur passiert?<\/p>\n<p>Das erwies die Verhandlung tats\u00e4chlich, und ich war wieder davon ber\u00fchrt, wie sehr es in Strafgerichtsverhandlungen um Menschen geht. Klar ist da eine Straftat, klar wird sie nach dem Strafgesetzbuchs strukturiert und eingeordnet, gem\u00e4\u00df Prozessrecht untersucht. Doch dabei steht immer Menschenliches im Vordergrund: Welche Aspekte des Menschlichen waren bei all dem relevant? Ein Richter, eine Richterin muss sich in enorm kurzer Zeit ein Bild von dem\/der Beschuldigten machen &#8211; und bislang war ich sehr beeindruckt, wie nachvollziehbar das Ergebnis jeweils war, wie geschickt, einf\u00fchlsam und offen der Richter\/die Richtern fragten. Gestern war es sehr schnell allen Beteiligten inklusive der Staatsanw\u00e4ltin ein Anliegen, dem Beschuldigten neben einer Strafe auch eine Zukunft mitzugeben.<\/p>\n<p>Beim Heimradeln in milder Luft dachte ich an dem Zusammennehmen und Verknoten und dem Schlendrian weiter: Eigentlich hatte ich seit Monaten geplant, gestern Abend die halbj\u00e4hrliche Infoveranstaltung eines bestimmten, in Arbeitsn\u00e4he gelegenen Qi-Gong-Anbieters zu besuchen. Denn Qi Gong hatte mir in der Reha gefallen und gut getan, au\u00dferdem hatte ich Herrn Kaltmamsell daf\u00fcr interessiert, der mitkommen wollte. Ein Anf\u00e4ngerkurs mit w\u00f6chentlichen Qi-Gong-Stunden h\u00e4tte dann am Mittwoch der kommenden Woche begonnen. Doch nun \u00fcberlegte ich, ob ich mir da nicht zu viel aufhalste: Schlie\u00dflich bin ich noch bis Anfang n\u00e4chsten Jahres an die w\u00f6chentliche Reha-Einheit abends gebunden, Physio-Termine m\u00fcssen untergebracht werden, noch habe ich gro\u00dfe Hoffnungen, mein Theaterabo in dieser Spielzeit wirklich wahrzunehmen &#8211; und dann eine zus\u00e4tzliche w\u00f6chentliche Verpflichtung? Vielleicht w\u00fcrde mir Qi Gong bei einem Start in einem halben Jahr noch viel besser tun. Ich plante um. (Zudem stellte sich heraus, dass auch Herr Kaltmamsell in einem halben Jahr besser Zeit daf\u00fcr haben w\u00fcrde.)<\/p>\n<p>Also statt Programm ein gem\u00fctlicher Restabend. Herr Kaltmamsell hatte Jam\u00f3n-Br\u00fche (Sie erinnern sich an den ganzen Jam\u00f3n von vergangener Weihnacht? Br\u00fche hat er aus dem Knochen gemacht) aufgetaut und damit schlichten Cocido madrile\u00f1o gemacht, also ohne zus\u00e4tzliches Fleisch, sondern nur mit geschmacksgebendem Tocino, Chorizo, Morcilla. K\u00f6stlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191008_03_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191008_03_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"425\" class=\"alignnone size-full wp-image-55065\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zum Nachtisch garte ich die Riesenquitte in Alufolie im Ofen und servierte sie mit Joghurt und Honig &#8211; genauer je ein Viertel f\u00fcr jeden, weil bereits die tellerf\u00fcllend waren. Und wenn ich schon am Schw\u00e4nzen war, schw\u00e4nzte ich auch das abendliche Entspannungsbad (zudem war das Hei\u00dfwasser noch nicht wieder zuverl\u00e4ssig hergestellt).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Nochmal <i>der<\/i> Ossi.<br \/>\nIch finde es ziemlich naheliegend, dass mich zerst\u00f6rerische, antidemokratische Bewegungen in dem Staat bewegen, dessen Pass ich an Grenzen vorweise &#8211; ob in meiner Geburtsstadt Ingolstadt (<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/abstiegsaengste-und-neid-lassen-auch-in-der-boomtown-ingolstadt-die-afd-erstarken-ld.1420746\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">letztes Jahr verlinkte ich diesen Artikel<\/a>) oder in Leipzig.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/mitarbeiter\/wissenschaftliche-mitarbeiter\/michael-luhmann\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Michael L\u00fchmann<\/a> vom G\u00f6ttinger Institut f\u00fcr Demokratieforschung schreibt im <i>Kreuzer<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/kreuzer-leipzig.de\/2019\/10\/07\/die-tiefe-der-ddr\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Die Tiefe der DDR<br \/>\nWarum w\u00e4hlen Ostdeutsche besonders oft rechts?&#8221;<\/a><\/p>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/holgi\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">@holgi<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Verbissen werden positive Bilder gegen den ignoranten Westen verteidigt, heftig wird die Zur\u00fccksetzung nach 1989 beklagt, intensiv wird am m\u00f6glichst widerspruchsfreien Bild des Ostdeutschen gebaut. Der Grund daf\u00fcr ist recht simpel und verweist zugleich auf die Virulenz, aber auch Aufgeladenheit der Debatte: Sie dockt eben nicht unmittelbar an die ostdeutsche Freiheitsrevolution von 1989 an, sie beginnt nicht mit dem Niederringen von Diktatur, Mauer und Stacheldraht, sondern sie setzte bereits 2015 ein, als im Osten der Bundesrepublik, insbesondere in Sachsen, die rechte Regression in einer neuen (alten) Qualit\u00e4t zu w\u00fcten begann. Ist der Osten, der Ossi besonders rechtsextrem?<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Der Kern des ostdeutschen Rechtsrucks nahm seinen Ausgang ausgerechnet in den Stadien des DDR-Fu\u00dfballs, breitete sich vom Berliner BFC Dynamo auf weitere Stadien aus. Nicht zuf\u00e4llig jedenfalls ist die lange Geschichte rechter Fankultur bei Lokomotive Leipzig bis in die Jetztzeit, etwa im Umfeld von Legida, dem Sturm auf Connewitz oder den gewaltt\u00e4tigen Angriffen auf einen T\u00fcrsteher auf Mallorca in j\u00fcngster Zeit lokalisierbar und historisch eingeordnet verl\u00e4ngerbar. Auch der ostdeutsche Antifaschismus stammt, mit etwas zeitlichem Versatz, noch aus den Tiefen der DDR. In Potsdam, Halle und anderswo entstand im antifaschistischen Staat eine staatsunabh\u00e4ngige Antifa. Der im Angesicht rechter \u00dcbergriffe etwa auf die Berliner Zionskirche auch l\u00e4ngst sichtbare gewaltt\u00e4tige Rechtsradikalismus hatte das Entstehen einer staatsunabh\u00e4ngigen Antifa hervorgerufen und wirkt, als Gegenwehr gegen rechte Hegemonieversuche, bis heute spezifisch fort. <\/p>\n<p>Auch die Revolution von 1989, die lange \u2013 und von ihrer Intention her auch zu Recht \u2013 als friedliche Freiheitsrevolution gefeierte Erhebung gegen die Herrschaft der SED, zeugt von jener fr\u00fchen Teilung. Nat\u00fcrlich war der Ruf \u00bbWir sind das Volk\u00ab zun\u00e4chst ein emanzipatorischer, ein Aneignungsruf, der das \u00bbWir\u00ab der Bev\u00f6lkerung gegen das \u00bbDie\u00ab der Obrigkeit im Arbeiter-und-Bauern-Staat zur\u00fcckforderte. Aber es gab eben auch 1989 jene, und Peter Richter berichtet davon in seinem wunderbaren Roman \u00bb89\/90\u00ab, die schon 1989 das \u00bbWir\u00ab mit dem \u00bbVolks\u00abgedanken zu einen suchten \u2013 durchaus in einem v\u00f6lkischen Sinne: \u00bbDie Vorstellung eines ethnisch homogenen Volkes war an der Oberfl\u00e4che zun\u00e4chst kaum sichtbar, zeigte ihre Virulenz aber schon in den rassistischen Pogromen der fr\u00fchen 1990er Jahre und j\u00fcngst in der Welle fremdenfeindlicher Hetze und Gewalt gegen Migranten sowie in den Wahlerfolgen der AfD\u00ab, so k\u00fcrzlich der Historiker Ralph Jessen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Es ist dies eine unbequeme Sicht auf die Lage in Ostdeutschland, die drei\u00dfig Jahre nach 1989 nat\u00fcrlicherweise zur Einordnung herausfordert. Und es ist, mit Blick auf Aufarbeitungs- und historische Verarbeitungsprozesse, auch ein normaler Effekt. Belastete Vergangenheiten, davon zeugt der beiderseitige Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte, werden erinnerungslogisch h\u00e4ufig abgespalten, Schuldigkeiten delegiert, Vorw\u00fcrfe umgedreht. Das ist ein normaler Prozess der Erinnerungskultur, der am Anfang solcher Debatten steht. Aber um das zu brechen, ist es wichtig, sich mit offenem Visier der Vergangenheit zu stellen, sie anzunehmen, die sprichw\u00f6rtlichen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Das aber findet im selbstethnisierenden Teil der Diskussion um Ostdeutschland nicht statt, im Gegenteil, an ihren Extrempunkten gemeindet die AfD die \u00bbWende\u00ab ein und in der popul\u00e4ren Debatte wird der ostdeutsche Opferdiskurs gepflegt und mit einer westdeutschen Schulddebatte angereichert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Apropos:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191008_Tweet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191008_Tweet.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"206\" class=\"alignnone size-full wp-image-55068\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/jakobspringfeld\/status\/1181167968002150400\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Zum Thread.<\/a><\/p>\n<p>Noch aproposer:<br \/>\nChristian Gesellmann ist mit seinem Buch <i>Ostdeutschland verstehen<\/i> auf Lesereise und berichtet auf <i>Krautreporter<\/i> aus dem Osten:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/krautreporter.de\/3076-die-ddr-war-eine-extreme-leistungsgesellschaft-das-wird-heute-oft-vergessen\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Die DDR war eine extreme Leistungsgesellschaft, das wird heute oft vergessen&#8221;. <\/a><\/p>\n<blockquote><p>Auf was die Verk\u00e4uferin hier so subtil anspielt, ist ein offensichtlich extrem pr\u00e4sentes Konzept davon, was ein \u201eordentlicher Mensch\u201c macht, und was nicht. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel zeitig Aufstehen und Abendbrot um sechs, und wer sich nach acht noch Bier im Konsum kauft statt zu Hause dem Schlaf entgegen zu fernsehen, mit dem muss ja irgendwas faul sein. Wer um 11 Uhr vormittags beim B\u00e4cker immer noch Guten Morgen sagt, obwohl doch \u201eschon beinah Mittag ist\u201c, der muss ein Lotterleben f\u00fchren. Wer in seinem Beruf nicht genug verdient, der ist selber schuld, wenn er nicht lieber was anderes macht. Wer seinen Zug verpasst, der ist nicht rechtzeitig aufgestanden. Wer m\u00fcde ist, der ist nicht rechtzeitig ins Bett gegangen. Wer nach zehn noch Musik h\u00f6rt, ist ein Assi. Wer dick ist, kann sich nicht beherrschen. Wer auf die Fresse kriegt, der wird es schon irgendwie verdient haben, und wer vergewaltigt wird, hat sich wahrscheinlich wie eine Schlampe angezogen.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/4f65556bd80f4bf2a500ef3b71fa36ea\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungute Nacht, Aufwachen mit migr\u00e4noidem Kopfweh. Krankmelden war aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht drin, also eine weitere \u00dcbung in Zusammennehmen. 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