{"id":551,"date":"2004-09-11T16:25:28","date_gmt":"2004-09-11T14:25:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/09\/wo-waren-sie-als.htm"},"modified":"2004-09-11T16:26:51","modified_gmt":"2004-09-11T14:26:51","slug":"wo-waren-sie-als","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/09\/wo-waren-sie-als.htm","title":{"rendered":"Wo waren Sie, als\u2026"},"content":{"rendered":"<p>Ein Durchschnittsnachmittag in der Agentur. Heute bei den 38 gleichzeitig zu erledigenden Dingen der Arbeitsliste: Redakteuren hinterher telefonieren, die wir zu einer Software-Pr\u00e4sentation (Ergonomie-Simulation) mit anschlie\u00dfendem Oktoberfest-Besuch eingeladen hatten. Der Kollege gegen\u00fcber schaute an seinem Bildschirm vorbei zu mir: \u201eEin Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen.\u201c Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass das in seinem B\u00f6rsenticker gestanden hatte, den er als Leiste unten auf seinem Bildschirm durchlaufen lie\u00df.<\/p>\n<p>Was? Die Information suchte sich z\u00f6gerlich einen Platz im Hirn, zwischen \u201eMedien-Ente\u201c und \u201eOh. Mein. Gott.\u201c, bastelte ein paar Bilder aus Hollywood-Katastrophenfilmen dazu.<\/p>\n<p>Der Kollege hatte mittlerweile bei CNN recherchiert und best\u00e4tigte: \u201eEin normales Passagierflugzeug. In einen Turm des World Trade Center.\u201c Noch hielten wir die Katastrophe f\u00fcr einen schreckliche Unfall. Ich starrte den Kollegen an, w\u00e4hrend er weiterklickte, w\u00e4hrend sein Gesicht immer ernster und blasser wurde. \u201eUnd jetzt ein zweites, in den zweiten Turm.\u201c Die Information war endg\u00fcltig bei \u201eOh. Mein. Gott.\u201c gelandet. Die Kopfbilder dazu bedienten sich immer noch bei Hollywood-Produktionen.<\/p>\n<p>Nach endlosen Minuten, keine Ahnung, was ich in denen gemacht habe: Die ersten Bilder auf meinem Bildschirm. Und das automatische Zuschalten des Emotionsblockers: \u201eZu \u2013 viel \u2013 zu \u2013 viel \u2013 zu \u2013 viel\u2026\u201c<\/p>\n<p>Mein Team und das weitere Team im Gro\u00dfraum lie\u00dfen alles liegen und stehen und rannten ins Nebengeb\u00e4ude: Im dortigen Konferenzraum gab es einen Fernseher. Ich blieb sitzen. Holte die Telefonliste auf den Bildschirm. Rief bei einem Redakteur des Weka-Verlags in Poing an, ich kann mich nicht erinnern, welchen: \u201eIch wei\u00df ja nicht, ob das jetzt sehr unpassend ist, wenn ich Sie nach der Veranstaltung von VVYY frage\u2026\u201c Er lachte, lachte ganz normal: \u201eAch was, uns bleibt doch eh nichts \u00fcbrig.\u201c<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde kamen die Kollegen wieder und berichteten: Flugzeug auf das Pentagon abgest\u00fcrzt, weiteres Flugzeug unterwegs. Ich nickte und schob die Berichte aus dem Bewusstsein. Arbeitete weiter. Auf den Nachrichten-Websites war ohnehin kein Durchkommen mehr. Wenn ein Kollege eine neue Information gefunden hatte, rief er sie in den Raum. Ich hatte das immer dringendere Bed\u00fcrfnis, jemanden anzurufen. Der Mitbewohner war nicht daheim. Erst am Abend erreichte ich meine Mutter: Sie wusste bereits Bescheid, war recht unger\u00fchrt und kam gerade von zwei Stunden Step Aerobics zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bei mir war es erst <a href=\"http:\/\/www.ndrtv.de\/weltspiegel\/20020901\/usa_wtc.html\" target=_new>der Dokumentarfilm der franz\u00f6sischen Br\u00fcder Naudet<\/a> \u00fcber die New Yorker Feuerwehr, der mich das Geschehen ein Jahr sp\u00e4ter begreifen lie\u00df und mich endlich auch emotional ersch\u00fctterte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Durchschnittsnachmittag in der Agentur. Heute bei den 38 gleichzeitig zu erledigenden Dingen der Arbeitsliste: Redakteuren hinterher telefonieren, die wir zu einer Software-Pr\u00e4sentation (Ergonomie-Simulation) mit anschlie\u00dfendem Oktoberfest-Besuch eingeladen hatten. 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