{"id":55234,"date":"2019-10-17T08:43:58","date_gmt":"2019-10-17T06:43:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=55234"},"modified":"2019-10-17T09:31:42","modified_gmt":"2019-10-17T07:31:42","slug":"journal-mittwoch-16-oktober-2019-melancholia-in-den-kammerspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/10\/journal-mittwoch-16-oktober-2019-melancholia-in-den-kammerspielen.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 16. Oktober 2019 &#8211; <i>Melancholia<\/i> in den Kammerspielen"},"content":{"rendered":"<p>Schlechte Nacht. Vormittags f\u00fchlten sich meine Beine dann so schwer an, als sei ich am Vortag 16 Kilometer gejoggt. Ich hinkte gestern wieder besonders stark.<\/p>\n<p>Wieder ein durch und durch sonniger Tag, aber die Temperaturen sinken langsam auf Jackennotwendigkeit.<\/p>\n<p>Der Arbeitstag ging ein wenig durcheinander los, wurde dann auch noch hektisch. Und das ausgerechnet gestern, wo ich mal wirklich fr\u00fcher gehen wollte, um die Wahrscheinlichkeit zu erh\u00f6hen, dass ich mein Theaterabo wahrnehmen w\u00fcrde &#8211; ich wei\u00df inzwischen, dass ich nach einem normalen Neun-Stunden-Arbeitstag keinerlei Energie f\u00fcr Abendunternehmungen au\u00dfer Essen \u00fcbrig habe.<\/p>\n<p>Vormittagssnack N\u00fcsse und eine Banana, mittags frische rote Paprika und Tomate, dann Birne und Banane mit H\u00fcttenk\u00e4se.<\/p>\n<p>Ich schaffte es, das B\u00fcro tats\u00e4chlich schon um halb vier zu verlassen, obwohl das eine oder andere brannte. (Was allerdings nicht eigentlich meine Sachen waren, doch Menschen fielen aus, Menschen waren weg &#8211; ich f\u00fchlte mich verantwortlich.)<\/p>\n<p>So radelte ich erst zur Bank, dann zum Buchladen am Josephsplatz, schlie\u00dflich zum Stachus, um im Kaufhaus sorgf\u00e4ltig ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Hunger hatte ich inzwischen auch, Herr Kaltmamsell war beruflich aush\u00e4usig, also besorgte ich f\u00fcrs Abendessen Tomaten, Gurke, Nudeln und kleine Mozzarella.<\/p>\n<p>F\u00fcrs Techniktagebuch <a href=\"https:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/188382046574\/15-oktober-2019\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">\u00fcber die neueste Generation st\u00e4hlerne Kuh<\/a> geschrieben.<\/p>\n<p>Ich konnte es kaum fassen, dass ich dann tats\u00e4chlich zu den Kammerspielen radelte &#8211; allerdings in Jeans, zum Umziehen reichte die Energie nicht; tut mir leid, liebe andere Theaterbesucher, diesmal kein feines Kleid.<\/p>\n<p>Gegeben wurde <a href=\"https:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/inszenierung\/melancholia\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\"><i>Melancholia<\/i><\/a>. Ich hatte vorher nichts dar\u00fcber gelesen, au\u00dfer dass das St\u00fcck auf dem gleichnamigen Lars von Trier-Film basierte, doch dass der Zuschauerraum nicht mal halb voll war, verriet mir: Wohl keine umjubelte Erfolgsinszenierung.<\/p>\n<p>Das Inszenierungsprinzip: Die Schauspieler erz\u00e4hlten das St\u00fcck mit verteilten Rollen. Sie interagierten nicht, sondern sprachen immer ins Publikum. Es gab kein B\u00fchnenbild au\u00dfer einem Boden-bedeckenden Podest, auf dem sich die Darsteller bewegten, und einem Dutzend Scheinwerfern, dass von der Decke hing und dynamisch Richtung Publikumsraum strahlte, keine Requisiten. Erst durch die Fotos auf der Website sah ich, dass die Oberfl\u00e4che des Podests stark spiegelte und damit Effekte erzeugte &#8211; in der f\u00fcnften Reihe, in der ich sa\u00df, sah ich nur die Unterseite der Konstruktion.<\/p>\n<p>Ein Lesedurchgang also, ein H\u00f6rspiel &#8211; ausgesprochen kosteng\u00fcnstig.<\/p>\n<p>Ich kenne den Film nicht, beim Rausgehen nach den zwei Stunden ohne Pause bemerkte jemand hinter mir: &#8220;Schauspieler erz\u00e4hlen einen Film nach, hm.&#8221; Die jetzt hinterherglesene <a href=\"https:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/inszenierung\/melancholia\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Interpretation des Kammerspiel-Programmhefts<\/a> sah ich dabei nicht. F\u00fcr mich war das eine zweigeteilte Geschichte innerer und \u00e4u\u00dferer Depression: Der l\u00e4ngere erste Teil erz\u00e4hlt, wie machtlos eine Depressive gegen\u00fcber ihrer Krankheit ist &#8211; und wie falsch eine verst\u00e4ndnislose Umwelt darauf reagiert.<\/p>\n<p>Die Hauptfigur Justine (umwerfend gespielt von Julia Riedler) ist Mittelpunkt einer luxuri\u00f6sen Hochzeit, geliebt und beruflich erfolgreich &#8211; doch das Gef\u00fchl der Deplaziertheit und ihre Niedergeschlagenheit kn\u00fcppelt sie auch an diesem Jubeltag bis zur Gel\u00e4hmtheit nieder. Sie sch\u00e4mt sich daf\u00fcr, ihr schlechtes Gewissen \u00fcber ihre Undankbarkeit deprimiert sie noch mehr. Justines Schwester Claire (gespielt von Eva L\u00f6bau, die ihre Rolle aus meiner Sicht eher handwerklich-mechanisch anging), die die Hochzeit organisiert hat, schwankt zwischen Vorw\u00fcrfen und immer neuen Aufmunterungsversuchen, die ob ihrer Wirkungslosigkeit Justines Stimmung weiter verschlechtern. Majd Feddah als Justines bedrohlicher Schwager und Agenturchef \u00fcbt immer gr\u00f6\u00dferen Druck auf sie aus, treibt sie von Depression in Verzweiflung. Als Abschluss dieses ersten Teils ruft Justine eine apokalyptische Vision ins Publikum. <\/p>\n<p>Der zweite Teil ist der \u00e4u\u00dfere Untergang: Auf die Erde rast der Planet Melancholia zu. W\u00e4hrend die Schauspieler den immer schlimmeren Tumult bis zum Einschlag des Planeten erz\u00e4hlen, bewegen sie sich immer weniger durch den B\u00fchnenraum, bis sie am Ende aufgereiht am Podestrand zum Publikum sitzen.<\/p>\n<p>Dieser letzte Teil wurde mir arg lang, weil ich nicht mehr sitzen konnte (meine Mutter als Theater-Veteranin seit Jugendtagen wird ja immer misstrauisch, wenn ein nicht sehr kurzes St\u00fcck keine Pause hat: haben die Angst, dass das Publikum in der Pause flieht?) und mein rechtes Bein schmerzend nicht wusste wohin. Dennoch hatte ich einen bereichernden Abend &#8211; mit deutlich mehr entspannenden Humormomenten, als ich aufgrund des Titels erwartet hatte.<\/p>\n<p>Lesenswerte Rezensionen <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/muenchner-kammerspiele-lars-von-triers-melancholia-auf-der.691.de.html?dram:article_id=451499\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">vom Deutschlandfunk<\/a> und in <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/theater-erloesung-im-untergang-1.4488222\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">der <i>S\u00fcddeutschen<\/i><\/a>, etwas wohlwollender <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/lars-von-triers-melancholia-in-muenchen-angst-komik-optimismus-16241325.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">in der <i>FAZ<\/i><\/a>.<\/p>\n<p>Vor allem aber innerer Jubel: Ich habe es ins Theater geschafft!<\/p>\n<p>Heimradeln durch die ruhige Herbstnacht, zu Hause machte ich dem ebenfalls gerade erst eingetroffenen Herrn Kaltmamsell eine eher symbolisch heilende Honigmilch.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ian Dunt versucht nochmal ganz von vorne und f\u00fcr Anf\u00e4nger zu erkl\u00e4ren, worum sich das Grenz-Problem in den Brexit-Verhandlungen mit der EU dreht. (Dass auch er nicht ohne Verletzungen bis hierher gekommen ist, sieht man an der \u00dcberschrift.)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.politics.co.uk\/blogs\/2019\/10\/16\/brexit-what-the-bloody-hell-is-going-on-now\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Brexit: What the bloody hell is going on now?&#8221;<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Wherever you put that line, it breaks promises made to someone. They&#8217;ve been countless attempts to find a sneaky way out of this problem, but none have worked. No matter how clever you are, there is no way around the fact that customs and regulatory borders exist and that you have to put them somewhere.<\/p><\/blockquote>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/dalcashdvinsky\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">@dalcashdvinsky<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a3c6de43fd6d438f8e238e929ec2739f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlechte Nacht. Vormittags f\u00fchlten sich meine Beine dann so schwer an, als sei ich am Vortag 16 Kilometer gejoggt. Ich hinkte gestern wieder besonders stark. Wieder ein durch und durch sonniger Tag, aber die Temperaturen sinken langsam auf Jackennotwendigkeit. Der Arbeitstag ging ein wenig durcheinander los, wurde dann auch noch hektisch. 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