{"id":55270,"date":"2019-10-19T08:47:41","date_gmt":"2019-10-19T06:47:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=55270"},"modified":"2019-10-19T09:13:57","modified_gmt":"2019-10-19T07:13:57","slug":"journal-freitag-18-oktober-2019-daniel-mendelsohn-matthias-fienbork-uebers-eine-odyssee-mein-vater-ein-epos-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/10\/journal-freitag-18-oktober-2019-daniel-mendelsohn-matthias-fienbork-uebers-eine-odyssee-mein-vater-ein-epos-und-ich.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 18. Oktober 2019 &#8211; Daniel Mendelsohn, Matthias Fienbork (\u00dcbers.), <i>Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_mendelsohn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-55033\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_mendelsohn.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"239\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mendelsohns <i>Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich<\/i>, \u00fcbersetzt von Matthias Fienbork ausgelesen. Das Buch war ein Geschenk von Buchh\u00e4ndlerin und Autorin <a href=\"https:\/\/www.piaziefle.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pia Ziefle<\/a> f\u00fcr Herrn Kaltmamsell und mich, und bei mir schon mal: Volltreffer.<\/p>\n<p>Mendelsohn, studierter Altphilologe, erz\u00e4hlt die Geschichte seiner Beziehung zu seinem Vater anhand der Odyssee nach: Er hat dazu ein Uni-Seminar gegeben, an dem sein Vater, Mathematiker und damals schon Rentner, gebeten hatte teilzunehmen. Die Besch\u00e4ftigung mit Homers Epos bringt die beiden auch dazu, gemeinsam eine Themen-Kreuzfahrt auf den Spuren der Odyssee zu unternehmen. Dabei lernt man gleich viel \u00fcber antike griechische Epen, die Geisteshaltung dahinter, und \u00fcber eine amerikanisch-j\u00fcdische Familie, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts aus dem Kleinb\u00fcrgertum hocharbeitet.<\/p>\n<p>Ich las das Buch gefesselt wie schon lange nicht mehr, es hatte mir so viel zu sagen. Zum einen rief es Erinnerungen an meinen eigenen Griechischunterricht wach, vor allem an den Leistungskurs bei Richard Nusser. Er war damals ein junger Lehrer, wir waren sein erster Leistungskurs (der gr\u00f6\u00dfte Kurs dieses Jahrgangs, aber schon damals war Altgriechisch an Gymnasien ein rares Randgebiet &#8211; <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/03\/teinete-toxa.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">2004 habe ich einen nostalgischen Text dar\u00fcber gebloggt<\/a>). Vielleicht glich der Stil, in dem Herr Nusser seinen Kurs leitet, deshalb dem universit\u00e4ren Seminarstil, wie ihn Mendelsohn beschreibt &#8211; weil er selbst so frisch von der Uni kam. Wir f\u00fchlten uns ernst genommen, in keiner Phase meiner Schulzeit wuchs ich so viel.<\/p>\n<p>In diesem Handlunsgsstrang vermittelt Mendelsohn durch die Passagen, die er im Seminar bespricht, und durch die Unterrichtsgespr\u00e4che die Struktur der Odyssee, Hintergr\u00fcnde \u00fcber Schl\u00fcsselbegriffe, auch die heutigen Reaktionen und Lesarten, daneben seine eigene Studiengeschichte mit Homer.<\/p>\n<p>Zum anderen ist das hier aber auch ein Buch \u00fcber seinen Vater Jay &#8211; wie der Titel schon sagt. Ein schwieriger Mensch, gepr\u00e4gt durch die brutale Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das brachte mich zum Nachdenken \u00fcber meinen eigenen Vater, gerade weil er in so vieler Hinsicht anders ist als der beschriebene. Parallelen sah ich in der jetzigen Lebensphase, in der die F\u00fcrsorgerichtung sich langsam von Elternf\u00fcrsorge f\u00fcr Kinder zu F\u00fcrsorge f\u00fcr die alternden Eltern dreht.<\/p>\n<p>Mal wieder erinnerte ich mich an den Vorsatz, mir das Leben meiner Eltern von ihnen systematisch erz\u00e4hlen zu lassen &#8211; am liebsten in Gegenwart ihrer Enkel, denn es geht ja nicht nur um die Erinnerungen als Familiengeschichte, sondern auch um das Erlebnis des Erz\u00e4hlens.<\/p>\n<p>Ein weiteres Thema des Buchs: das Lehren. Mendelsohn denkt an seine eigenen Lehrerinnen, Mentoren, sinniert, dass es immer spannend ist, wer aus einem Seminar Lebensver\u00e4nderndes mitnimmt. Und er ist sich dessen bewusst, dass oft der oder die Lehrende am meisten von einem Kurs profitiert.<\/p>\n<p>Ich kann schlecht beurteilen, wie das Buch bei jemandem ohne jeglichen Bezug zu Homer ankommt &#8211; kann mir aber vorstellen, dass es sogar ein guter Einstieg sein kann. Also: Gro\u00dfe Leseempfehlung. (Die deutsche \u00dcbersetzung schien mir angemessen, nur an wenigen Stellen stolperte sie, an denen ich besonders amerikanische\/umgangssprachliche Ausdr\u00fccke im Original vermute).<\/p>\n<p>Hier <a href=\"https:\/\/geophon.de\/daniel-mendelsohn-odyssee\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">eine lesenwerte Besprechung auf Geophon mit Interview-O-T\u00f6nen<\/a>.<\/p>\n<p>Im <i>Guardian<\/i> lobt Emily Wilson die Meisterschaft der Erz\u00e4hlstruktur und die Originalit\u00e4t des Buchs:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2017\/sep\/13\/an-odyssey-a-father-a-son-and-an-epic-by-daniel-mendelsohn-review\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;An Odyssey by Daniel Mendelsohn review \u2013 a father, a son and Homer\u2019s epic&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Memoirs about reading are an interesting hybrid, located somewhere between criticism and personal recollection. An Odyssey is a stellar contribution to the genre \u2013 literary analysis and the personal stories are woven together in a way that feels both artful and natural.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Es war keine Wunderheilung \u00fcber Nacht eingetreten, nach dem Weckerklingeln am Morgen meldete ich mich in der Arbeit krank. Ich stand zwar auf, um mit Herrn Kaltmamsell Milchkaffee zu trinken, doch nachdem ich ihn in den zweiten Tag seiner Fortbildung verabschiedet hatte, ging ich zur\u00fcck ins Bett &#8211; und schlief nochmal ein paar Stunden (sicheres Zeichen f\u00fcr Krankheit, womit ich beruhigt war und meinem K\u00f6rper glaubte, dass ich mich nicht nur anstellte und blau machen wollte). Um die Mittagszeit f\u00fchlte ich mich fit genug f\u00fcr Dusche und Stra\u00dfenkleidung, auch f\u00fcr ein bisschen frische Luft: Drau\u00dfen war nochmal ein heller, goldener und warmer Oktobertag. Ich machte eine kleine Einkaufsrunde zum Basitsch (f\u00fcr den Abend war mit Herrn Kaltmamsell Hiehnebriehe mit Tortellini verabredet, deren Zutaten besorgt werden mussten) und merkte, dass ich mal besser sehr langsam ging.<\/p>\n<p>Daheim hatte ich dann richtig Hunger. Es gab ein Laugenz\u00f6pferl, dazu den ersten Granatapfel der Saison (Vitamin C!) mit Joghurt. Ich trank hei\u00dfen Ingwer, dann war ich wieder bettm\u00fcde. Nochmal zwei Stunden tiefer Schlaf.<\/p>\n<p>Erleichterung, dass meine H\u00fcfte in den letzten Tagen zumindest beim Schlafen nicht zickte und ich mich im Bett nicht auch noch damit herumschlagen musste. Insgesamt litt ich ohnehin nicht allzu sehr, au\u00dferdem hatte ich den Eindruck, dass die Erk\u00e4ltung den Zeitraffer einlegt hatte: Bereits am ersten vollerk\u00e4lteten Tag zeigten sich alle Phasen von Rachenweh \u00fcber Rotz bis Husten.<\/p>\n<p>Wieder wach buk ich Bagels und setzte das Huhn auf: Angebr\u00e4unte Zwiebel, als Suppengr\u00fcn nahm ich von den Gem\u00fcseresten, die wir in der Gefriere sammeln, Lorbeerblatt, Wacholderbeeren, Pfefferk\u00f6rner, Salz.<\/p>\n<p>Als Herr Kaltmamsell abends heim kam, war die Br\u00fche fertig, ich sch\u00f6pfte sie in einen eigenen Topf und erhitzte darin die gekauften Tortellini mit Ricottaf\u00fcllung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191018_02_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-55284\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191018_02_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"393\" height=\"457\" \/><\/a><\/p>\n<p>Danach gab es noch ein wenig H\u00fchnerfleisch, au\u00dferdem Schokolade. Krankheitsgem\u00e4\u00df fr\u00fch ins Bett, ich begann die Lekt\u00fcre von Margaret Atwoods <i>The Testaments<\/i>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>In einem Interview lassen sich die Politikwissenschaftlerinnen Judith G\u00f6tz und Eike Sanders fragen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ze.tt\/rechter-terror-sind-maenner-das-problem\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8220;Rechter Terror: Sind M\u00e4nner das Problem?&#8221;<\/a><\/p>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/annalist\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">@annalist<\/a><\/p>\n<blockquote><p><strong>Judith G\u00f6tz:<\/strong> Es handelt sich dabei um M\u00e4nner, die an einen Maskulinismus appellieren. Frauen werden dabei als Opfer konstruiert und M\u00e4nner als Besch\u00fctzer, die den imaginierten Untergang aufhalten k\u00f6nnen, indem sie sich zur Wehr setzen. In diesem paranoiden Wahn scheint dann oft jedes Mittel recht. In ihrer Vorstellung hat der Krieg l\u00e4ngst begonnen. Diese Weltsicht appelliert insbesondere an M\u00e4nner.<\/p>\n<p><em>Frau Sanders, ist diese Weltsicht neu, oder gibt es sie schon immer?<\/em><\/p>\n<p><strong>Eike Sanders:<\/strong> Die Figur, dass der Mann berufen ist, die Frau und damit den Volksk\u00f6rper zu besch\u00fctzen, ist alt. Neu ist, dass der Feminismus und Gender-Theorien und die Aufl\u00f6sung der Geschlechterordnung, die als \u201enat\u00fcrlich\u201c apostrophiert wird, als Feindbild explizit in den ansonsten sehr d\u00fcnnen Manifesten der Attent\u00e4ter auftaucht.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p><strong>Judith G\u00f6tz:<\/strong> Antifeminismus hat f\u00fcr die extreme Rechte auch viele Vorteile. Unter dieser Klammer kommen viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zusammen. Diese kommen auch aus der Mitte der Gesellschaft, sie verteidigen die Dichotomie der Geschlechterordnung. Viele Menschen erleben das als Orientierung und Beruhigung. Alles andere wird als bedrohlich wahrgenommen. Antifeminismus hat dadurch eine Br\u00fcckenfunktion zwischen der Mitte und Rechts.<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c742d6f578c945b8af4b13c2ac3252a9\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mendelsohns Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich, \u00fcbersetzt von Matthias Fienbork ausgelesen. Das Buch war ein Geschenk von Buchh\u00e4ndlerin und Autorin Pia Ziefle f\u00fcr Herrn Kaltmamsell und mich, und bei mir schon mal: Volltreffer. 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