{"id":55377,"date":"2019-10-24T06:58:46","date_gmt":"2019-10-24T04:58:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=55377"},"modified":"2019-11-18T20:03:33","modified_gmt":"2019-11-18T19:03:33","slug":"journal-mittwoch-23-oktober-2019-alleinkochen-kleidungsabschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/10\/journal-mittwoch-23-oktober-2019-alleinkochen-kleidungsabschied.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 23. Oktober 2019 &#8211; Alleinkochen, Kleidungsabschied"},"content":{"rendered":"<p>Wieder viermal aufgewacht, diesmal aber immer nur ganz kurz.<\/p>\n<p>Beim Busfahren in die Arbeit h\u00f6rte ich weiter <a href=\"https:\/\/riceandshine.podigee.io\/21-boatpeople\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Podcast \u00fcber Boatpeople<\/a> &#8211; vielleicht sind O-T\u00f6ne \u00fcber erlebte Flucht und Piratengewalt nicht das Beste f\u00fcr den fr\u00fchen Morgen, ich kam gleich mal mit nassen Wangen im B\u00fcro an.<\/p>\n<p>Der Tag startete wieder neblig, jetzt aber auch k\u00fchl. Am Mittag lichtete sich der Nebel, ich bekam nochmal Sonne ins B\u00fcro.<\/p>\n<p>Mittags packte ich meinen Bulgursalat aus:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191023_01_Desklunch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191023_01_Desklunch.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"444\" class=\"alignnone size-full wp-image-55393\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich hatte am Vorabend Bulgur mit hei\u00dfer (l\u00f6slicher) Gem\u00fcsebr\u00fche quellen lassen, in der ich ein wenig Harissa aufgel\u00f6st hatte, morgens eine gelbe Paprika, eine gro\u00dfe Tomate, Kresse reingeschnippelt, mit einer Hand voll Walnusskernen vermischt. Das Ergebnis war ausgesprochen k\u00f6stlich, ich wunderte mich mal wieder \u00fcber das regelm\u00e4\u00dfig geh\u00f6rte &#8220;F\u00fcr mich allein lohnt es sich ja nicht zu kochen&#8221;. Aber vielleicht hat Essensgenuss f\u00fcr mich einfach einen deutlich \u00fcberdurchschnittlichen Stellenwert.<\/p>\n<p>Drei Wochen Weihnachtsurlaub eingereicht.<\/p>\n<p>Ein Lieblingsoberteil hatte seine Abschiedsvorstellung. Es war eines von zwei Shirts aus Seidenjersey, die ich vor genau 14 Jahren mit meiner ersten Bestellung beim damals neu entdeckten Wrap London erstanden hatte, und das ich viel und sehr gern getragen hatte. Doch mittlerweile waren die L\u00f6cher neben den N\u00e4hten zu viele, die Saumkanten hatte sich schon vor Monaten aufgel\u00f6st. Um nicht sp\u00e4ter damit zu hadern, dass ich das Kleidungsst\u00fcck wegwarf, halte ich zur Erinnerung den Grund fest:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191023_08_Seidenjersey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191023_08_Seidenjersey.jpg\" alt=\"\" width=\"361\" height=\"386\" class=\"alignnone size-full wp-image-55394\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach Feierabend war ich im Westend verabredet, endlich sah ich mal das <a href=\"https:\/\/lakaz.jimdo.com\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">La Kaz<\/a> von innen. Ich kannte das Lokal vom Vorbeigehen und als Kartoffelkombinat-Verteilerpunkt, jetzt stellte es sich als fr\u00f6hlicher und gut besuchter Nachbarschaftstreff heraus. Ich a\u00df einen sehr guten Salat mit gebratenem K\u00fcrbis und Apfel, hatte sogar Lust aus Alkohol (es wurde ein Moscow Mule) und unterhielt mich \u00fcber Bahn im internationalen Vergleich (bekam dabei die italienische f\u00fcr weite Strecken empfohlen), Universit\u00e4tssysteme, Farben, Elterngesundheit.<\/p>\n<p>Nach Hause ging ich zu Fu\u00df, das funktionierte zwar weiterhin nur hinkend, aber ohne gro\u00dfe Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Gibt es eigentlich schon eine Kolumne namens &#8220;Till Raether hat recht&#8221;? Sollte es. Beweisst\u00fcck A:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/leben-und-gesellschaft\/klimawandel-technologie-87927\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Kernseife, rette mich&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Bei der Klimakrise gibt es im Grunde zwei Meinungen. Die eine ist, die Menschen sollten sehr viel weniger Dinge und Ressourcen benutzen und zwar schleunigst, besser 1970 als heute. Die andere ist, dass das leichter gesagt als getan und auch ziemliche Schwarzmalerei ist, denn man k\u00f6nnte das Klima ja auch mit \u00bbTechnologien\u00ab retten, insbesondere mit \u00bbneuen Technologien\u00ab: CO2-Abbau-Fabriken, Flugtaxis, irgendeiner Idee, die einem Milliard\u00e4r schon morgen Vormittag wom\u00f6glich durch den Kopf schie\u00dft. Wer wei\u00df es denn! Leute, seid doch bitte mal ein bisschen optimistisch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich geh\u00f6re zum Team 1970, deshalb verhalte ich mich exakt wie Raether (allerdings waren meine Gro\u00dfm\u00fctter ganz, ganz anders):<\/p>\n<blockquote><p>Im K\u00fcchenbereich liebe ich die unpraktischen dreieckigen braunen Papiert\u00fcten mit F\u00fcnfziger-Jahre-Aufdruck, die die Supermarktkette an den Obst-und-Gem\u00fcse-Stand geh\u00e4ngt hat, damit es aussieht, als w\u00fcrden sie einen Fuck auf die Umwelt geben. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass diese T\u00fcten keine nennenswert bessere Umweltbilanz haben als die aus Plastik, aber es macht mir Freude, darin zu Hause wie meine Oma K\u00fcchenabf\u00e4lle zu sammeln und damit anschlie\u00dfend in einem Wettlauf gegen die Durchsuppung zum Biom\u00fcll zu rennen. Und an meine Gro\u00dfmutter erinnert mich auch das K\u00e4sepapier, das sie einem im Supermarkt empfehlen, weil es den Comt\u00e9 viel besser frisch h\u00e4lt als die topmoderne Plastikfolie. Vor allem, wenn ich es zur Zweit- und Drittverwertung auf dem K\u00fcchentisch glattstreiche und sorgf\u00e4ltig falte, f\u00fchle ich mich wie meine Gro\u00dfmutter 1979. Und ich vermeide Energieverschwendung und Plastikm\u00fcll.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ein sehr ausf\u00fchrlicher und lesenwerter \u00dcberblick \u00fcber die Rolle und Geschichte von Tat\u00f6wierungen bei uns von Valentin Groebner im <i>Merkur<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/2019\/09\/26\/der-taetowierte-mensch\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Der t\u00e4towierte Mensch&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/malomalo\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">@malomalo<\/a><\/p>\n<p>Bei mir \u00fcberwiegt die Ratlosigkeit gegen\u00fcber diesem Ph\u00e4nomen in unserer Kultur. Nur: Es geht mich halt nichts an, wie andere ihren K\u00f6rper schm\u00fccken. Ich registriere interessiert, dass komplett-t\u00e4towierte Arme auch bei noch so sp\u00e4rlicher Kleidung angezogen aussehen, erschrecke hin und wieder, weil besonders kleinteilige und gleichzeitg gro\u00dffl\u00e4chige T\u00e4towierungen auf den ersten Seitenblick wie schlimmer Ausschlag wirken, lasse mich beim Warten an der Ampel von Gesichtern auf der Wade des Vorderradlers anstarren. Das hat alles nichts mit mir zu tun, ich kann meinen K\u00f6rper genauso unt\u00e4towiert lassen wie anderen ihn halt t\u00e4towieren.<\/p>\n<blockquote><p>Die T\u00e4towierten, geht mir im Freibad der friedlichen Schweizer Kleinstadt auf, sind so gesehen Gefangene \u2013 gezeichnete Gefangene ihres eigenen Bed\u00fcrfnisses nach Selbstdarstellung und Niemals-Vergessen, lebenslang. \u00bbGl\u00fcck\u00ab hatte eine junge Frau mit Hornbrille und markantem asymmetrischem Haarschnitt in blaugr\u00fcnen Buchstaben auf ihren Nacken t\u00e4towieren lassen. Die Aufforderung \u00bbbe unique\u00ab habe ich auch schon gesehen, zweimal.<\/p><\/blockquote>\n<p>Na ja &#8211; ich w\u00fcrde in die deutsche Alltagst\u00e4towierung eher nicht zu viel hineinlesen. F\u00fcr manche haben die eigenen Tatoos tiefe Bedeutung, f\u00fcr andere sind sie schlichte Deko &#8211; wie bei jedem anderen Schmuck halt auch. Am ehesten neige ich zu diesen beide Schl\u00fcsseln aus dem Artikel:<br \/>\nDiedrich Diederichsen: &#8220;Selbsthistorisierung.&#8221;<br \/>\nPaul-Henri Campbell: &#8220;Im Prinzip ist Autonomie der Sinn und Zweck von T\u00e4towierungen.&#8221;<br \/>\nAm Ende kommt auch Valentin Groebner zu dem Ergebnis:<\/p>\n<blockquote><p>Am unverstelltesten und unmittelbarsten geben die T\u00e4towierungen Auskunft vermutlich nicht \u00fcber die \u00dcberzeugungen oder Obsessionen derjenigen, die sie auf sich anbringen lassen. Sondern \u00fcber die W\u00fcnsche derer, die sie interpretieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mich als Rezipientin werden vermutlich immer die Assoziationen Unterschicht-Gef\u00e4ngnis-Gewalt mitschwingen &#8211; doch ich wei\u00df, dass sie aus der Zeit und der Umgebung meiner Kindheit herr\u00fchren und lediglich Zuschreibungen sind.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Sie wissen vermutlich mittlerweile, wie gerne ich die Entlarvung von Gender-Rollen durch Umkehrung mag. Zum Beispiel (Link f\u00fchrt zu Facebook):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/watch\/?v=429322797678575\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">BBC: Lazy Susan &#8211; Women behave like men in bars.<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/9db397b465ca4d36b208f565ec2ddb0d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder viermal aufgewacht, diesmal aber immer nur ganz kurz. Beim Busfahren in die Arbeit h\u00f6rte ich weiter Podcast \u00fcber Boatpeople &#8211; vielleicht sind O-T\u00f6ne \u00fcber erlebte Flucht und Piratengewalt nicht das Beste f\u00fcr den fr\u00fchen Morgen, ich kam gleich mal mit nassen Wangen im B\u00fcro an. Der Tag startete wieder neblig, jetzt aber auch k\u00fchl. 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