{"id":56110,"date":"2019-11-30T09:48:29","date_gmt":"2019-11-30T08:48:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=56110"},"modified":"2019-12-25T09:31:35","modified_gmt":"2019-12-25T08:31:35","slug":"journal-freitag-29-november-2019-kent-haruf-plainsong","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2019\/11\/journal-freitag-29-november-2019-kent-haruf-plainsong.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 29. November 2019 &#8211; Kent Haruf, <i>Plainsong<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Viel bessere Nacht. Ich bin versucht, das auf die 600 mg Ibu vor dem Schlafengehen zur\u00fcckzuf\u00fchren &#8211; doch die hatten eine Woche vorher \u00fcberhaupt keine Wirkung gehabt.<\/p>\n<p>Ich hatte den Wecker fr\u00fch gestellt, f\u00fcr ein wenig Zeit auf dem Crosstrainer. Die tat mir dann auch gut.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen war es nass und ungem\u00fctlich. Ich beschloss, dass ich das Rad auch mal nur deshalb stehenlassen kann, weil ich einfach keine Lust auf Radeln habe, und nahm Tram und U-Bahn in die Arbeit. Zu Mittag ein St\u00fcck Brot, H\u00fcttenk\u00e4se mit einem Rest Himbeermarmelade (mache ich regelm\u00e4\u00dfig: H\u00fcttenk\u00e4se oder Quark in ein Marmeladenglas mit Marmeladenrest l\u00f6ffeln, umr\u00fchren). Nachmittagssnack war ein Apfel und ein St\u00fcck schwarze Schokolade.<\/p>\n<p>Den R\u00fcckweg hatte ich eigentlich als gem\u00fctlichen Spaziergang geplant, doch jetzt regnete es richtig. Ich nahm den ebenso gem\u00fctlichen Bus 62, der im Abendverkehr besonders langsam war, und las auf meinem Handy Kent Harufs <i>Plainsong<\/i> weiter &#8211; ein elektronisches Buch hat halt den Vorteil, dass ich es auch dann lesen kann, wenn ich das Kindle, also das Pendant zum physischen Buch, nicht bei mir habe.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Einkaufsrunde im Basitsch war ich fr\u00fch daheim, machte es mir mit einem Glas Wasser im Sessel bequem und las erst mal den Roman aus. Ich war ebenso angetan davon wie von seinem Nachfolger <i>Eventide<\/i>; Kent Haruf hat da etwas ganz Besonders geschaffen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_harufplainsong.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_harufplainsong.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"227\" class=\"alignnone size-full wp-image-56077\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wie auch im zweiten Band von Harufs Trilogie, <i>Eventide<\/i>, wirkte die Handlung durch die scheinbare Abwesenheit einer einordnenden Erz\u00e4hlstimme dokumentarisch. Wir befinden uns wieder auf dem US-amerikansichen platten Land, in der fiktiven Gemeinde Holt, Colorado, sehen den Bewohnerinnen und Bewohnern im Alter zwischen zehn und sehr, sehr alt beim Leben und Sterben zu. Und wieder wird hier, anders als gewohnt, den Figuren keine innere Reflexion unterstellt, die wir mitverfolgen k\u00f6nnten. Als Leserin kann ich nur aus ihren \u00c4u\u00dferungen und Handlungen r\u00fcckschlie\u00dfen. Wenn zum Beispiel einer der alten Br\u00fcder McPheron am Abend nach der Anfrage ausbricht, ihm sei egal, was sein Bruder meine, das junge schwangere M\u00e4dchen werde aufgenommen, Punkt &#8211; wird nur indirekt, aber sehr klar, welche inneren Dialoge und Abw\u00e4gungen in den Stunden davor in ihm rumort haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein Highlight des ganzen Romans sind diese beiden alten Br\u00fcder, Raymond und Harold, und wie sie versuchen, dem ungewollt schwangeren M\u00e4dchen Victoria, das von daheim rausgeflogen ist, ein Heim zu geben. Die Beschreibung des Hauses bei ihrer Ankunft f\u00fchrt vor, dass die beiden versucht haben, sich in ihren Blick hinein zu versetzen; wie bewusst sie sich sind, dass sie dem M\u00e4dchen vor allem Angst einjagen, sagen sie sogar zu der gemeinsamen Freundin, der Lehrerin Maggie, die sie um diesen Gefallen gebeten hat. Und als Maggie ihnen zukommen l\u00e4sst, dass Victoria unter dem Schweigen im Haus leidet, dass sie sich abends Gespr\u00e4che w\u00fcnscht, &#8220;euch wird schon ein Thema einfallen&#8221;, machen die Br\u00fcder jede Anstrengung, das zu \u00e4ndern. Nach dem Abendessen setzt Harold an: &#8220;We just was wondering&#8230; what you thought of the market.&#8221; So ziehen sie die zun\u00e4chst verdatterte Victoria in eine Unterhaltung \u00fcber Korn- und Viehpreise, denn damit kennen sie sich &#8211; im Gegensatz zu jedem anderen Gespr\u00e4chsthema, das ihnen offensichtlich eingefallen ist &#8211; zumindest aus. Victoria springt darauf an und l\u00e4sst sich einen Abend lang erkl\u00e4ren, wie der Kauf und Verkauf von Ackerfr\u00fcchten und Vieh funktioniert. Ich schwankte beim Lesen zwischen Lachen und Tr\u00e4nen, so sch\u00f6n.<\/p>\n<p>In diesem ersten Band greift Haruf doch noch hin und wieder zum <i>telling<\/i> statt reinem <i>showing<\/i>, zum Beispiel hei\u00dft es explizit, dass die beiden Buben Ike und Bobby ihre Tante f\u00fcr <i>bossy<\/i> halten. Das gibt es in <i>Eventide<\/i> gar nicht mehr &#8211; und macht es meiner Ansicht nach noch besser. (In der Tantenszene kommt auch der einzige Hinweis auf zeitgen\u00f6ssische Technik vor: Sie zeichnet jeden Tag eine Fernsehserie auf, die sie abends ansieht &#8211; offensichtlich mit einem Videorekorder, was die Handlung ungef\u00e4hr in den sp\u00e4ten 80ern platziert.)<\/p>\n<p>In dem Vorwort meiner Ausgabe schreibt Romanautor und Literaturwissenschaftler Peter Carey: &#8220;Although Ken continually fills the reader&#8217;s heart with feelings, he is never, not for a comma, false or sentimental.&#8221; Genau diese Qualit\u00e4t des Buchs lie\u00df mich die Luft anhalten, lachen, weinen &#8211; ohne dass ich mich manipuliert f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Ich freue mich sehr, dass es noch einen dritten Band gibt. Aber den hebe ich mir noch eine Weile auf. F\u00fcr den Moment, in dem ich ihn n\u00f6tig habe.<\/p>\n<p>Zur Feier des Wochenendes gab es Moscow Mules, ich genoss den Biss des Ginger Beers. Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell mir mal wieder einen Wunsch erf\u00fcllt: Rote Bete, Wei\u00dfkraut, Sellerie aus dem Ernteanteil waren Borscht geworden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_02_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_02_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"423\" height=\"423\" class=\"alignnone size-full wp-image-56120\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_02_Nachtmahl.jpg 423w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_02_Nachtmahl-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_02_Nachtmahl-144x144.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 423px) 100vw, 423px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Eintopf war mit reichlich Rind- und Schweinefleisch gemacht (das Rezept stammte aus den 70ern) &#8211; die H\u00e4lfte h\u00e4tte gereicht, merken wir uns f\u00fcrs n\u00e4chste Mal.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/avagardenwilder\/status\/1199935364070174722\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Eine gro\u00dfartige und herrlich alberne Sammlung auf Twitter<\/a>, nachdem gefragt wird:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_FistfightPhilosopher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/191129_FistfightPhilosopher.jpg\" alt=\"\" width=\"466\" height=\"102\" class=\"alignnone size-full wp-image-56121\" \/><\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/103e26a4d7a5423a995a3a4788c1423d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel bessere Nacht. 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