{"id":57172,"date":"2020-01-22T07:46:44","date_gmt":"2020-01-22T06:46:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=57172"},"modified":"2020-01-22T08:28:52","modified_gmt":"2020-01-22T07:28:52","slug":"journal-dienstag-21-januar-2020-bov-bjerg-serpentinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/01\/journal-dienstag-21-januar-2020-bov-bjerg-serpentinen.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 21. Januar 2020 &#8211; Bov Bjerg, <i>Serpentinen<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_bjergserpentinen.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_bjergserpentinen.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"247\" class=\"alignnone size-full wp-image-57032\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Bett <a href=\"https:\/\/www.ullstein-buchverlage.de\/nc\/buch\/details\/serpentinen-9783546100038.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\"><i>Serpentinen<\/i> von Bov Bjerg<\/a> ausgelesen, das mir der Claassen-Verlag als Leseexemplar geschenkt hatte. Erst mal geschluckt.<\/p>\n<p><i>Serpentinen<\/i> ist ein M\u00e4nnerbuch, erz\u00e4hlt M\u00e4nnerdinge &#8211; von V\u00e4tern und S\u00f6hnen, von Freunden und Br\u00fcder -, von einem Mann erz\u00e4hlt. Ein M\u00e4nnlichkeitsroman? Auf jeden Fall ein bitterer, schmerzlicher. Keine Spur ist geblieben vom ausgelassenen Lachen in <i>Auerhaus<\/i>, vom komischen Blick in <i>Die Modernisierung meiner Mutter: Geschichten<\/i>. (Auch wenn eine Kaltmamsell drin vorkommt, also eine echte bei einer Feier.)<\/p>\n<p>In <i>Serpentinen<\/i> f\u00e4hrt ein Erz\u00e4hler mit seinem Sohn in Grundschulalter in der Schw\u00e4bischen Alb herum, aus der er stammt. Schon im ersten Kapitel wird klar, dass er nicht gefunden werden will, dass er auf den Spuren seiner Kindheit unterwegs ist, dass er einen Weg aus dem Teufelkreis sucht, der seinen Vater, Gro\u00dfvater, Urgro\u00dfvater in den Suizid gesogen hat. Auch dass er Alkoholiker ist wie sein Vater.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte <i>Serpentinen<\/i> als Fortsetzung von <i>Auerhaus<\/i> lesen: Der Ich-Erz\u00e4hler tr\u00e4gt sich im Hotel als H\u00f6ppner ein, ein Frieder taucht auf. Der Ich ist weggegangen nach Berlin, ist aus seinem Herkunftsmilieu ausgebrochen, Professor f\u00fcr Soziologie geworden (ausgerechnet &#8211; und ja: Eine ausf\u00fchrliche Anspielung auf Didier Eribons <i>R\u00fcckkehr nach Reims<\/i> legt noch eins drauf, dann ist das Leben halt rekursiv). Die vielf\u00e4ltigen Fremdheiten, die dieser Ausbruch nach sich zieht, pr\u00e4gen sein Leben in Berlin.<\/p>\n<p>Das im Jetzt Erlebte steht auf derselben Erz\u00e4hlebene wie Vorgestelltes und Erinnertes &#8211; immer wieder tauchen die Fossilien in der und aus der Schw\u00e4bischen Alb auf, die schon die Jury des Bachmannpreises als Allegorie auf des Erz\u00e4hlers Suche nach seiner Vergangenheit las. Vor allem aber sind sie ebenso interpretationsbed\u00fcrftig und unzuverl\u00e4ssig wie Erinnerungen, wie Vorstellungen. Die Bewegung der Serpentinen findet ihre Fortsetzung im wiederkehrenden Bild von Flie\u00dfendem, von Wassern und Rinnsalen, die sich vereinen und auf das eine gro\u00dfe Wasser zuflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Parallele zwischen Form und Inhalt: Die titelgebenden Serpentinen spiegeln sich in der Erz\u00e4hlstruktur. Bestimmte Elemente und Passagen tauchen immer wieder auf, &#8220;Um was geht es&#8221;, die Vorstellung von den Rinnsalen, der um den Tisch laufende Vater, &#8220;ersoffen, erschossen, erh\u00e4ngt&#8221;, die Braut und zuk\u00fcnftige Witwe. Als Leserin kommt man immer wieder daran vorbei wie auf Serpentinen an der immer gleichen Aussicht aufs Tal &#8211; die sich durch die leicht wechselnde H\u00f6he dann doch immer wieder ein wenig unterscheidet.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler erinnert sich an Brutalit\u00e4t und Willk\u00fcr, mit denen er aufgewachsen ist &#8211; und muss sich dann doch zusehen, wie er immer wieder selbst empathielos auf seinen Sohn losgeht. Wie &#8220;der Junge&#8221; das alles wahrnimmt, bleibt schemenhaft, ebensowenig greifbar wie alle anderen Figuren der Handlung. Sehr konkret ist der Umgang von Vater und Sohn miteinander: Anders als in der Literatur gewohnt ist er handfest mit Erinnerungen an Babywickeln, auf dem Arm Halten, Krankenpflege, dieser v\u00e4terliche Blick enh\u00e4lt auch Sorge um kalte F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>Im Erz\u00e4hlfluss immer wieder kleine Strudel um kryptische Einw\u00fcrfe, manchmal verliert sich der Erz\u00e4hler ganz in seinen inneren Schrecken, die Trag\u00f6die scheint unausweichlich. Mir hat die Lekt\u00fcre weh getan.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ja mei, Ibu hilft halt nicht immer, in diesem Fall auch nicht das vorhergehende Entspannungsbad: Lange schmerzbedingte Schlafpause in der Nacht.<\/p>\n<p>Diesmal fr\u00fch genug von daheim losgekommen, dass die U-Bahn noch einen Sitzplatz f\u00fcr mich hatte, die ersten Seiten Zeitung gelesen.<\/p>\n<p>Viel gearbeitet, vor allem aber: Einen Augenblick lang vergessen, innerlich vor dem Angstprojekt davonzulaufen und &#8211; ZACK! &#8211; wei\u00df ich, wie&#8217;s gehen kann und bin so gro\u00dfe Schritte weiter, dass es kein Angstprojekt mehr ist. Auch sonst beim Machen und Organisieren auf keine Hindernisse gesto\u00dfen, mit schwierigen Dingen nicht allein fertigwerden gemusst.<\/p>\n<p>Nach der Arbeit nur ein kurzer Abstecher zur Apotheke. Nachtmahl war ein Kichererbsen-S\u00fc\u00dfkartoffel-Curry aus der Hand des Herrn Kaltmamsell. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b44bf7d10fcd405ea83f483692d2468c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bett Serpentinen von Bov Bjerg ausgelesen, das mir der Claassen-Verlag als Leseexemplar geschenkt hatte. Erst mal geschluckt. Serpentinen ist ein M\u00e4nnerbuch, erz\u00e4hlt M\u00e4nnerdinge &#8211; von V\u00e4tern und S\u00f6hnen, von Freunden und Br\u00fcder -, von einem Mann erz\u00e4hlt. Ein M\u00e4nnlichkeitsroman? Auf jeden Fall ein bitterer, schmerzlicher. 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