{"id":57510,"date":"2020-02-14T06:17:05","date_gmt":"2020-02-14T05:17:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=57510"},"modified":"2021-02-01T16:59:42","modified_gmt":"2021-02-01T15:59:42","slug":"journal-donnerstag-13-februar-2020-auf-den-spuren-von-marieluise-fleisser-ali-smith-autumn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/02\/journal-donnerstag-13-februar-2020-auf-den-spuren-von-marieluise-fleisser-ali-smith-autumn.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 13. Februar 2020 &#8211; Auf den Spuren von Marieluise Flei\u00dfer \/ Ali Smith, <i>Autumn<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Die letzten Stunden vor Weckerklingeln schlecht geschlafen, aber derzeit sind meine Schlafvorr\u00e4te ja gut gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Yoga diesmal im Stehen. Daf\u00fcr schob ich dann doch meine Matte zur Seite: Ich habe keine Yogamatte, sondern eine zwei Zentimeter dicke Gymnastikmatte aus weichem Schaum, die das Krafttraining erfordert. Bei so mancher Yoganummer darauf merkte ich, wie wacklig diese Unterlage ist &#8211; sicher gut f\u00fcr die tiefe Muskulatur zur Stabilisierung. Gestern konzentrierte ich mich lieber auf andere Details und stand barfu\u00df auf dem Riemchenparkett (dessen Holz ich mir beim Thema &#8220;Ground&#8221; bewusst machte). Anschlie\u00dfend H\u00fcftdehnung auf d\u00e4mpfender Matte.<\/p>\n<p>Mittags Schmalzbrot, nachmittags zwei Orangen. Auf dem Heimweg kaufte ich noch Brot &#8211; der Kunde vor mir in der B\u00e4ckerei war ein kleines Kind, so richtig mit Bestellen und auf Nachfragen der Verk\u00e4uferin antworten, Geld r\u00fcberreichen, Wechselgeld nehmen (Letzteres erst auf Ermahnung der Verk\u00e4uferin) &#8211; das alles zwar, wie ich bemerkte, unter den Augen der Mutter, die an einem der Caf\u00e9tische sa\u00df, ich freute mich aber trotzdem.<\/p>\n<p>Daheim bereitete ich noch <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/buschbohnen-und-mangetouts-mit-haselnussen-und-orangen.htm\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Buschbohnen-Zuckerschoten-Salat<\/a> zu und deckte den Tisch, dann kam die Leserunde. (Der Butterscotch Pudding war nicht sturzfest geworden, ich servierte ihn als Creme-Blob mit der Salzkaramell-So\u00dfe.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_smithautumn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_smithautumn.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"244\" class=\"alignnone size-full wp-image-57224\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir sprachen \u00fcber Ali Smith, <i>Autumn<\/i>. Ich hatte den schmalen Roman gern gelesen, die Geschichte der nicht mehr ganz jungen Frau, die im frischen post-Brexitreferendum Gro\u00dfbritannien einem greisen Mann im Pflegeheim vorliest: Er war als schon alter Mann der Begleiter einiger ihrer Kindheitsjahre mit seiner Begr\u00fc\u00dfungsfrage &#8220;What are you reading&#8221; und seinen Beschreibungen von Kunstwerken seiner unerreichten Geliebten im <i>Swinging London<\/i>. Ihre Erinnerungen mochte ich, auch die Handlung in der Gegenwart, in der sie sich als Kunsthistorikerin durchschl\u00e4gt, wieder bei ihrer seltsamen Mutter eingezogen ist. Sch\u00f6n immer wieder Kapitel mit nicht-realistischem Erz\u00e4hlen, die Assoziationen freilegen und bei mir innere Bilder erzeugten. Doch unterm Strich fand ich das Buch belanglos, es wird mir nicht in Erinnerung bleiben.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich war das Echo der Leserunde, sehr sch\u00f6n fand ich die Beobachtung eines Mitlesers, dem das Buch besser als uns anderen gefallen hatte: Die Erz\u00e4hlweise des Romans gleicht den Collagen der K\u00fcnstlerin, deren Werk der alte Mann beschreibt und \u00fcber den die Erz\u00e4hlerin forscht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200213_01_FleissersIngolstadt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200213_01_FleissersIngolstadt.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"396\" class=\"alignnone size-full wp-image-57520\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mittwochabend hatte ich im Bett ausgelesen <i>Flei\u00dfers Ingolstadt. Eine literarische Topographie<\/i>, ein Geschenk meiner Mutter, herausgegeben 1998 von der damals k\u00fcrzlich gegr\u00fcndeten <a href=\"http:\/\/fleisser.net\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Marieluise-Flei\u00dfer-Gesellschaft<\/a>: Zeitgen\u00f6ssische Schwarz-Wei\u00df-Fotos Ingolst\u00e4dter Ansichten zu Textausschnitten aus Flei\u00dfers Werk. Und diese Texte fand ich noch viel besser, als ich Flei\u00dfer eh in Erinnerung hatte &#8211; ich werde mir ihr Gesamtwerk besorgen. Wenn ich \u00fcberhaupt versuche, meine dunkelgrau gef\u00e4rbte Einstellung zu meiner Geburtsstadt zu erkl\u00e4ren, verweise ich schon bislang immer auf Flei\u00dfers Werk. Und stehe dabei hilflos vor der Tatsache, dass sie nach ihren Jahren in Berlin aus Geldmangel dorthin zur\u00fcckgekehrt ist und einen Tabakwarenh\u00e4ndler heiratete, der ihr das Schreiben verbot.<\/p>\n<p>Flei\u00dfers Sprache, ob in ihren Dramen oder in Prosatexten, ist eigenwillig und poetisch verknappt &#8211; wie naheliegend, dass Herta M\u00fcller, die einen \u00e4hnlichen Umgang mit Sprache hat, 1994 einen Text zu Flei\u00dfers 20. Todestag schrieb:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/taz.de\/!1578989\/?goMobile=1542240000000\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Am Ende war es keiner gewesen&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>In den S\u00e4tzen der Geschichte steht das Einfachste des M\u00f6glichen. Will man es nacherz\u00e4hlen, zerbricht es. Es ist so authentisch, da\u00df es keinen fremden Atem annimmt. Will man es wiedergeben, geht man schon in die Breite. Man tut dort etwas hin, wo bei der Flei\u00dfer nichts stehen darf. Man reiht um das Nackte herum Verkleidetes, weil man sich helfen mu\u00df. Aber in den S\u00e4tzen stehen die nackten Nadeln aus den W\u00f6rtern. Alles, was die Ebene des Geschriebenen treffen will, rutscht ab. Es geht einem wie in dieser Passage der Autorin: \u201eWas dich bei\u00dft, sind nicht deine Fl\u00fcgel, wo heraussto\u00dfen wollen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel &#8230; Man m\u00f6chte halt \u00fcber sich hinaus und mu\u00df pochen an fremder T\u00fcr &#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz, ganz gro\u00dfartig auch: <a href=\"http:\/\/elfriedejelinek.com\/andremuller\/marieluise%20Fleisser.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">1971 hat die junge Elfriede Jelinek die verehrte Flei\u00dfer bei ihr daheim interviewt<\/a>. (Man hat wohl irgendwas richtig gemacht, wenn man zwei sp\u00e4tere Literaturnobelpreistr\u00e4gerinnen zu seinen Bewunderinnen z\u00e4hlt).<\/p>\n<p><i>Der starke Stamm<\/i> wird gerade am Residenztheater gespielt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Gar nicht weit weg, und doch las ich auf katholisch.de zum ersten Mal davon:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.katholisch.de\/artikel\/24425-warum-ein-benediktinerpater-fuer-den-gemeinderat-kandidiert\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;M\u00fcnsterschwarzacher M\u00f6nche engagieren sich in der Kommunalpolitik<br \/>\nWarum ein Benediktinerpater f\u00fcr den Gemeinderat kandidiert&#8221;.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d5c58637a33e422a918c7ee9208584c9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten Stunden vor Weckerklingeln schlecht geschlafen, aber derzeit sind meine Schlafvorr\u00e4te ja gut gef\u00fcllt. 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