{"id":5956,"date":"2009-10-27T16:24:27","date_gmt":"2009-10-27T14:24:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=5956"},"modified":"2009-10-27T21:34:07","modified_gmt":"2009-10-27T19:34:07","slug":"mein-vater-und-fahrrader","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/10\/mein-vater-und-fahrrader.htm","title":{"rendered":"Mein Vater und Fahrr\u00e4der"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal frage ich mich, ob nicht alle Kaltmamsells das Problem mit Geselligkeit haben, das ich an mir beobachte. Inzwischen unterstelle ich meinem Vater ja, seine Manie des Geschirrsp\u00fclens von Hand sofort nach dem Abr\u00e4umen sei lediglich eine Flucht vor den Menschen, die dann noch um den Tisch sitzen. Als er letzthin wieder mal unauff\u00e4llig von der gro\u00dfen Kaffeetafel verschwunden ist und ich aus der K\u00fcche ein verd\u00e4chtiges Klappern h\u00f6re, gehe ich ihm nach und greife nach einem Geschirrtuch; je \u00e4lter ich werde, umso mehr genie\u00dfe ich die seltenen entspannten Momente mit meinem Vater.<\/p>\n<p>Wir plaudern \u00fcber Fahrr\u00e4der, und w\u00e4hrend er hei\u00dfes Wasser ins Becken nachf\u00fcllt, erz\u00e4hlt mein Vater, wie er sich seinerzeit in Madrid im Parque del Retiro selbst das Fahrradfahren beibrachte. Es habe ihn, so berichtet er, einfach gewurmt, dass ihn der Pfarrer auf dem Dorf so bl\u00f6d angeredet hatte. Im Sommer n\u00e4mlich, wenn er in die <i>sierra<\/i> n\u00f6rdlich von Madrid zu den Verwandten ins <i>pueblo<\/i> geschickt wurde, auf dass sie ihn gegen Handlangerdienste durchf\u00fcttern m\u00f6gen, im Sommer fungierte er sonntags als Ministrant, als <i>monaguillo<\/i>. Der Pfarrer habe nicht nur eine Kirche in dieser sonst gottverlassenen Gegend Kastiliens betreut, sondern eine ganze Reihe. Und so forderte er den Burschen auf, mit ihm zur n\u00e4chsten Messe ins n\u00e4chste Dorf zu radeln. Ein Fahrrad h\u00e4tten seine Verwandten sogar gehabt \u2013 nur dass mein sp\u00e4terer Vater nie gelernt hatte, darauf zu fahren. Da habe ihn der Pfarrer, und hier dr\u00fcckt er den Sp\u00fclschwamm, dass es nur so sch\u00e4umt, saubl\u00f6d angeredet.<\/p>\n<p>16 sei er damals gewesen. Zur\u00fcck in Madrid sei er zum Fahrradverleih des Retiro gegangen. Mein Vater legt den letzten ges\u00e4uberten Kuchenteller vorsichtig zum Abtropfen ab und beschreibt mit beiden H\u00e4nden, wo genau im Retiro Ende der 50er Jahre die H\u00fctte dieses Verleihs stand. Halbstundenweise habe er sich R\u00e4der ausgeliehen, um das Fahren zu lernen, erst ein Dreirad, dann das richtige Fahrrad. Schlie\u00dflich habe er damals als Elektrikerlehrling erstmals ein bisschen eigenes Geld gehabt (nicht etwa aus der Lehre, sondern weil er das Erlernte umgehend mit seinem besten Freund Pedro in elektrische Installationen gegen Schwarzgeld umwandelte). Doch ganz allein wollte ihm das Radfahren nicht gelingen; er brauchte einfach jemanden, der ihn auf den ersten Metern ein bisschen am Gep\u00e4cktr\u00e4ger hielt. Wieder sprang <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/familienalbum-5-die-spanische-weinbauernseite.htm\">sein Onkel, der Wirt einer <i>tasca<\/i>,<\/a> ein: Er beordnete einen seiner Kellner in den Retiro und hie\u00df ihn, meinem Vater zu helfen. Das klappte wohl, und mein Vater konnte fortan Fahrrad fahren. (Dieser Onkel habe auch daf\u00fcr gesorgt, dass mein Vater im Elektrogro\u00dfhandel f\u00fcr seine Schwarzjobs auf Rechnung einkaufen durfte und nicht Vorkasse zahlen musste.) Inzwischen ist das gesamte Kaffee- und Kuchengeschirr sauber und trocken. Beim Verstauen in den Schrank kann ich nicht helfen \u2013 ich wei\u00df schon lange nicht mehr, wo der feste Platz welcher Dinge bei meinen Eltern ist.<\/p>\n<p>Mit dem Lappen in der Hand erz\u00e4hlt mein Vater weiter: Wenige Jahre sp\u00e4ter in Deutschland habe er seine Radlk\u00fcnste gut genutzt. In meiner sp\u00e4teren Geburtsstadt kauften er und zwei befreundete Spanier beim Kellerhals (dort bekam auch ich mein erstes) gebrauchte Fahrr\u00e4der. Gleich am n\u00e4chsten Sonntag fuhren sie 30 Kilometer in einen Nachbarort, weil sie geh\u00f6rt hatten, dass dort Spanierinnen wohnten. Zu denen fragten sie sich auch erfolgreich durch und verbrachten einen lustigen Nachmittag. Doch dann mussten sie wieder zur\u00fcckradeln. Alle drei, so schmunzelt mein Vater und beginnt die Arbeitsfl\u00e4che zu wischen und zu wieneren, seien v\u00f6llig fertig gewesen. Die beiden anderen h\u00e4tten sich am n\u00e4chsten Tag in der Fabrik krank gemeldet. Er nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>Gleich nachdem er meine Mutter kennenlernte, f\u00e4llt ihm nun ein, habe er sich mit ihr zu einer Radtour verabredet. Mit dem alten Gebrauchtrad habe er sich dabei aber auf keinen Fall blicken lassen wollen. Also \u00fcberredete er seine beiden Freunde, dass sich alle drei neue Fahrr\u00e4der kauften: dasselbe Modell, nur in verschiedenen Farben, auf Pump. Mein Vater w\u00e4hlte das blaue. Damit, so war er sicher, w\u00fcrde er meine Mutter beeindrucken k\u00f6nnen. Als sie zum Treffpunkt f\u00fcr die Tour mit einem richtig alten Rad anfuhr, sei er beruhigt gewesen.<\/p>\n<p><i>(Soweit die Erz\u00e4hlung meines Vaters, die ich so wenig wie m\u00f6glich erg\u00e4nzt habe. Vielleicht schm\u00fccke ich sie irgendwann zu einer richtigen Geschichte aus.)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal frage ich mich, ob nicht alle Kaltmamsells das Problem mit Geselligkeit haben, das ich an mir beobachte. Inzwischen unterstelle ich meinem Vater ja, seine Manie des Geschirrsp\u00fclens von Hand sofort nach dem Abr\u00e4umen sei lediglich eine Flucht vor den Menschen, die dann noch um den Tisch sitzen. 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