{"id":60233,"date":"2020-07-01T20:32:08","date_gmt":"2020-07-01T18:32:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=60233"},"modified":"2021-06-28T16:30:51","modified_gmt":"2021-06-28T14:30:51","slug":"meine-probleme-mit-natascha-wodin-sie-kam-aus-mariupol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/07\/meine-probleme-mit-natascha-wodin-sie-kam-aus-mariupol.htm","title":{"rendered":"Meine Probleme mit Natascha Wodin, <i>Sie kam aus Mariupol<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_wodin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_wodin.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\" class=\"alignnone size-full wp-image-60225\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Buch zwischen den Genres, in dem die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin im Dritten Reich im Rentenaltern den Wurzeln ihrer Mutter nachforscht. Das Thema ist eng verkn\u00fcpft mit meiner eigenen Familiengeschichte (ich bin die Enkelin einer polnischen Zwangsarbeiterin), deshalb interessierte mich das Buch, au\u00dferdem geschrieben von einer Romanautorin. Aus demselben Grund f\u00fcrchtete ich mich davor: Ich habe mehrfach erlebt, dass es mir emotional die F\u00fc\u00dfe wegzieht, wenn mir die Geschichte meiner Gro\u00dfmutter nahe kommt.<\/p>\n<p>Doch gleich das erste Viertel beruhigte mich: Die hochwohlgeborene Familie dieser Mutter, geboren im ukrainischen Mariupol, unterscheidet sich in praktisch allem von dem Hintergrund meiner polnischen Oma, ich war weit genug weg von pers\u00f6nlicher Betroffenheit.<\/p>\n<p>Und so folgte ich der Erz\u00e4hlerinnenstimme interessiert bei ihrer Recherche, h\u00e4tte gerne mehr \u00fcber den Hobbyhistoriker Konstantin erfahren, der viele Tage und N\u00e4chte opfert, um der Erz\u00e4hlerin bei ihrer Suche zu helfen, verfolgte gespannt, wie dabei die technischen M\u00f6glichkeiten der Digitalisierung und des Internets genutzt werden.<\/p>\n<p>Doch dann begann ich mich doch bei der Lekt\u00fcre immer unwohler zu f\u00fchlen. Zun\u00e4chst war ich irritiert von den st\u00e4ndigen Charakterprojektionen auf Basis der Fotos: Physiognomie\/Gesichtsaudruck auf diesem einen Bild wird immer 1:1 mit Pers\u00f6nlichkeit gleichgesetzt. Das las sich sehr nach 19.-Jahrhundert-Schmonzette &#8211; und hat nat\u00fcrlich die Kehrseite negativer Zuschreibungen, wenn jemand nicht ins Bild der edlen, vornehmen und entsprechend zartgliedrigen Familie passt, das Wodin sich konstruiert: Der vierschr\u00f6tig aussehende Kusin stellt sich prompt als Gewaltt\u00e4ter heraus.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil erfindet Wodin dann aus den recherchierten Fragmenten, den schriftlichen Lebenserinnerungen ihrer Tante und bekannten historischen Hintergr\u00fcnden eine stringente Lebensgeschichte ihrer Mutter. Ihr ganzes Mitgef\u00fchl und zahllose Empathie-erzeugende Details geh\u00f6ren den enteigneten reichen und gebildeten Familienmitgliedern, die in den revolution\u00e4ren Zeiten alles verloren, verfolgt wurden, hungerten. Selbstverst\u00e4ndlich war auch mir all dieses Leid nachvollziehbar, doch ich h\u00f6rte schon sehr laut das Schweigen \u00fcber die Ursachen der revolution\u00e4ren Umst\u00fcrze im Russland und der Ukraine des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Die Geschichte der armen, armen reichen Leute in der russischen Revolution hingegen ist bereits so zum Topos geworden, den die Emigranten im Westen pflegten (sogar die Rolle der loyalen und treusorgenden Dienstbotin ist besetzt, und zwar mit dem Kinderm\u00e4dchen Tonja), dass mir zu einem perfekten Bild nur noch das Auftauchen der letzten Zarentochter Anastasia fehlte.<\/p>\n<p>Oh ja, das war wirklich meilenweit entfernt von der Geschichte <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/01\/familienalbum-14-oma.htm\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">meiner polnischen Gro\u00dfmutter Kazimiera Zbydniewska<\/a>, die als 17-j\u00e4hrige Schneiderei-Lehrling aus dem s\u00fcdpolnischen Klimontov zur Zwangsarbeit auf einem schw\u00e4bischen Bauernhof verschleppt wurde, eine st\u00e4mmige Person mit dreckiger Lache, die gerade mal halbwegs lesen konnte. Und dennoch ebenso viel Anspruch auf Erbarmen hat wie eine gebildete, zarte Anwaltstochter. Wodins Buch aber vermittelt mir den unangenehmen Eindruck, dass das Leid von Menschen mit verm\u00f6gender, gebildeter Herkunft besonders schwer wiegt, weil die&#8217;s doch wirklich nicht verdient haben.<\/p>\n<p>Die detaillierte Beschreibung der Monate, die ihre Eltern als Zwangsarbeiter in Leipzig durchlitten, erweckt durchaus eine Zeit und Schicksale zu Leben, unterstrichen durch grausame und rassistische Zitate aus historischen Quellen. Tats\u00e4chlich erz\u00e4hlen sie mehr das Leid, dass die Tochter bei dem Gedanken daran empfindet.<\/p>\n<p>Mit dem Schlussteil konnte ich wieder mehr anfangen, in dem Wodin ihre Kindheitserinnerungen zur Geschichte macht, die harten Jahre am Rand der Gesellschaft, in Armut, ohne Freunde, und den Weg ihrer Mutter in den Suizid (wobei nie das Wort Depression auftaucht, sondern sie immer nur das veraltete &#8220;Geisteskrankheit&#8221; verwendet).<\/p>\n<p>Sehr gut nachvollziehen kann ich ja Wodins Sehnsucht, ihre Wurzeln zu kennen: Mit elf die Mutter durch Suizid zu verlieren, muss entsetzlich gewesen sein. Aber ist es nicht etwas arg \u00fcberkompensiert, schlussendlich die gesamte eigene Pers\u00f6nlichkeit als Resultat der Vorfahren zu konstruieren? Eigene Liebe zur Oper &#8211; es gab einen Onkel, der Operns\u00e4nger war. Liebe zur Sprache &#8211; eine andere Tante war Literaturwissenschaftlerin. Ein ganzes Leben mit dem Gef\u00fchl, eigentlich etwas Besseres zu sein &#8211; gro\u00dfb\u00fcrgerliche Unternehmer-Gro\u00dfeltern.<\/p>\n<p>Dass historische Romane etwas verm\u00f6gen, was rein faktische Geschichtsschreibung nicht kann, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2017\/jun\/03\/hilary-mantel-why-i-became-a-historical-novelist\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">hat die Gro\u00dfmeisterin Hilary Mantel klug dargelegt<\/a>. Die <i>fiction<\/i>&#8211;<i>non fiction<\/i>-Mischung <i>Sie kam aus Mariupol<\/i> tut meiner Meinung nach genau das Gegenteil: Durch Emotionalisierung jede Reflexion verhindern. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/4eceba02375746daa4e2ffab25bbbdbe\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch zwischen den Genres, in dem die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin im Dritten Reich im Rentenaltern den Wurzeln ihrer Mutter nachforscht. Das Thema ist eng verkn\u00fcpft mit meiner eigenen Familiengeschichte (ich bin die Enkelin einer polnischen Zwangsarbeiterin), deshalb interessierte mich das Buch, au\u00dferdem geschrieben von einer Romanautorin. 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