{"id":6143,"date":"2009-11-18T13:35:27","date_gmt":"2009-11-18T12:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=6143"},"modified":"2010-11-03T12:55:46","modified_gmt":"2010-11-03T11:55:46","slug":"fern-der-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/11\/fern-der-bildung.htm","title":{"rendered":"Fern der Bildung"},"content":{"rendered":"<p>Als Gastarbeiterkind mache ich mich nur erkennbar, wenn ich einen Lacher erzielen m\u00f6chte oder es mir darauf ankommt, Stereotypen zu widerlegen. Zwar interessiere ich mich sehr f\u00fcr das Ph\u00e4nomen Einwanderung, gerade nach Deutschland, und verfolge aufmerksam die Haltung der verschiedenen Gesellschaftsgruppen dazu. Mir liegt viel an Chancengleichheit \u2013 so schwierig sie auch zu definieren ist. Doch denke ich ungern dar\u00fcber nach, welche Auswirkungen meine Abstammung von einem spanischen Gastarbeiter und der unehelichen Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin auf mein ganz pers\u00f6nliches Aufwachsen in dieser Gesellschaft hatte. Tendenziell neige ich sogar zum Reflex, weit von mir zu weisen, dass ich dadurch benachteiligt wurde; die Opferrolle passt so \u00fcberhaupt nicht zu meinem Selbstbild. Au\u00dferdem hatten f\u00fcr meine Eltern schulische Leistungen h\u00f6chste Priorit\u00e4t, sie f\u00f6rderten mich nach Kr\u00e4ften. Und so marschierte ich nahezu problemlos durch Abitur und Universit\u00e4tsabschluss. Allerdings als einzige von allen neun Kindern meiner Generation aus den vier spanischen Gastarbeiterfamilien, mit denen ich gro\u00df geworden bin (insgesamt: 1 x Hochschulabschluss, 2 x Abitur, 2 x Fachabitur, 3 x Realschulabschluss, 1 x kein Schulabschluss). Das waren die deutschen 70er und 80er.<\/p>\n<p>Wie ist das heute? <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/Bildung;art772,2458334\" target=_new>In einem Artikel im Tagesspiegel<\/a> weist Bruno Preisend\u00f6rfer \u00fcberspitzt, aber in der Sache richtig darauf hin, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten<sup><a href=\"#footnote_1_6143\" id=\"identifier_1_6143\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Ich finde diese Bezeichnung sehr passend. Wie lautete nochmal die Kritik daran?\">1<\/a><\/sup> von Bildung fern gehalten werden.<\/p>\n<blockquote><p>Die schulische \u201eSelektion\u201c, wie dieses scheu\u00dfliche Rampenwort der P\u00e4dagogik lautet, (hat) keineswegs die Aufgabe, begabte Kinder zu entdecken und sie f\u00fcr F\u00fchrungspositionen vorzubereiten. Vielmehr gelten Kinder von Eltern in F\u00fchrungspositionen automatisch als begabt und schon f\u00fcr H\u00f6heres bestimmt, bevor sie das erste W\u00f6rtlein \u00fcber die Lippen bringen.<br \/>\n(\u2026)<br \/>\nIn den sechziger Jahren gab es \u00c4u\u00dferungen, in denen die Tatsache, dass 49 Prozent der Bev\u00f6lkerung, aber nur 17 Prozent der fertig Studierten weiblich waren, als Beweis femininer Minderbegabung hingestellt wurde. Heute ist die strukturelle Benachteiligung der M\u00e4dchen im deutschen Schul- und Hochschulwesen \u00fcberwunden, jedenfalls was die Lage vor dem Berufseintritt angeht, und die Behauptung einer geschlechtsbedingten geistigen Minderbemittlung w\u00fcrde nicht einmal mehr als Ideologie ernst genommen, sondern blo\u00df noch als ordin\u00e4re Dummheit belacht. <\/p>\n<p>Im Unterschied dazu gilt die Idee von der sozial bedingten geistigen Minderbemittlung weder als ordin\u00e4r noch als dumm.<br \/>\n(\u2026)<br \/>\nDumme Ratten sind dumm, kluge sind klug. Das wurde in Laborversuchen bewiesen. Forscher, denen Tiere anvertraut wurden, denen (grundlos) besondere Geschicklichkeit attestiert worden war, erzielten bei Dressurexperimenten mit ihren animalischen Z\u00f6glingen deutlich bessere Ergebnisse als Forscher, die mit (grundlos) als weniger lernf\u00e4hig etikettierten Tieren arbeiten mussten. Die L\u00f6sung des R\u00e4tsels liegt in der f\u00f6rdernden Sympathie, die den \u201ehochbegabten\u201c wei\u00dfen M\u00e4usen im Unterschied zu ihren angeblich minderbegabten Artgenossen zuteil wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass ich vielleicht doch um die eine oder andere Chance gebracht worden sein k\u00f6nnte, ging mir erst auf, als ich mich um Promotionsstipendien bewarb und mit der Begr\u00fcndung abgelehnt wurde, es k\u00e4men nur deutsche Staatsb\u00fcrger in Frage \u2013 von denen ich eine war, was lediglich mein Name nicht erkennen lie\u00df. Nun kann ich mir bis an mein Lebensende einbilden, ich w\u00e4re bereits weit vorher eine eindeutige Studienstiftungskandidatin gewesen, die nur wegen ihrer vermeintlich unpassenden Staatsb\u00fcrgerschaft nie vorgeschlagen wurde.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_6143\" class=\"footnote\">Ich finde diese Bezeichnung sehr passend. Wie lautete nochmal die Kritik daran?<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_6143\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Gastarbeiterkind mache ich mich nur erkennbar, wenn ich einen Lacher erzielen m\u00f6chte oder es mir darauf ankommt, Stereotypen zu widerlegen. Zwar interessiere ich mich sehr f\u00fcr das Ph\u00e4nomen Einwanderung, gerade nach Deutschland, und verfolge aufmerksam die Haltung der verschiedenen Gesellschaftsgruppen dazu. Mir liegt viel an Chancengleichheit \u2013 so schwierig sie auch zu definieren ist. 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