{"id":61472,"date":"2020-08-23T08:43:42","date_gmt":"2020-08-23T06:43:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=61472"},"modified":"2022-08-04T16:57:40","modified_gmt":"2022-08-04T14:57:40","slug":"journal-samstag-22-august-2020-bett-investitionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/08\/journal-samstag-22-august-2020-bett-investitionen.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 22. August 2020 &#8211; Bett-Investitionen"},"content":{"rendered":"<p>Stand des Hexenschusses: Ich kann wieder die Bauchmuskeln und den Beckenboden anspannen, ohne dass Lendenwirbels\u00e4ule und Iliosakralgelenk aufbr\u00fcllen, hurra!<\/p>\n<p>Morgens war es bew\u00f6lkt, aber warm genug f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CELfCUzH_J6\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Kaffee auf dem Balkon<\/a>.<\/p>\n<p>Ich freute mich nach fast einer Woche Pause \u00fcber eine Runde Crosstrainer-Strampeln mit Filmmusik auf den Ohren.<\/p>\n<p>Familientelefonate: Auf allen Seiten Medizinisches, zumindest in meiner Generation waren wir uns einig, dass der K\u00f6rper um den 50. Geburtstag sehr deutlich signalisiert, dass evolution\u00e4r nach 45 Jahren das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. <i>You&#8217;re on your own now, mate.<\/i><\/p>\n<p>Einkaufsrunde unter sich verdunkelndem Himmel. Beim Betten Rid bestellte ich nach ausf\u00fchrlicher Beratung und Probeliegen neue Lattenroste und eine neue Matratze f\u00fcr mein Bett &#8211; erstere, weil seit Jahren Latten aus den Halterungen brechen, Matratze, weil sie nach ebenfalls 22 Jahren erneuert werden sollte (ohne dass ich mich als Marketing-Opfer f\u00fchle). Kostet alles zusammen im Gegensatz zu den Vorl\u00e4ufermodellen von Ikea fast ein Monatsgehalt, ist aber auf die n\u00e4chsten 22 Jahre runtergerechnet in meinen Augen vertretbar. UND wird geliefert, die Vorl\u00e4ufermodelle werden mitgenommen. (Die neue Taschenfederkernmatratze lag sich so gut Probe, dass sich die alte Latexmatratze danach geradezu gammlig anf\u00fchlte.)<\/p>\n<p>Auch auf meiner Einkaufsliste: Nicki-T\u00fccherl aka Bandanas, die ich mir beim Sport um den Kopf binde, damit mir Vielschwitzerin der Schwei\u00df nicht ab Minute 10 in die Augen rinnt. Mittlerweile sind aus meinem Altbestand (so alt, dass ich bei keinem wusste, woher ich es hatte) alle bis auf eines zerrissen. Da ich diese Baumwollt\u00fccher aus der Bergsteiger-Welt kannte, lief ich erst mal ins Sportkaufhaus. Zu meiner Verdutzung hie\u00df es, man f\u00fchre &#8220;nur so Schl\u00e4uche zum \u00dcberziehen&#8221;, vielleicht ist mein Bergsteigerbild schlicht in den 1960ern h\u00e4ngengeblieben. Ansonsten kenne ich Bandanas <a href=\"https:\/\/www.eliberico.com\/el-rock-de-heroes-del-silencio-llega-a-londres-en-un-concierto-unico\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">an Musikern<\/a>, aber auch die sind ein paar Jahrzehnte her, also ging ich nicht als n\u00e4chstes in einen Musikinstrumenteladen, sondern fragte Twitter. Die L\u00f6sung sind wohl Kaufh\u00e4user! (Wie bin ich als begeisterte Kaufhaus-Kundin blo\u00df nicht selbst draufgekommen?)<\/p>\n<p>Obst und Brot holte ich beim Eataly (sehr voll), da begann es bereits gischtig zu nieseln. Zum Gl\u00fcck regnete es erst richtig los, als ich heimgehumpelt war, das blieb dann aber die n\u00e4chsten Stunden so, inklusive deutlicher Abk\u00fchlung.<\/p>\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck Tomaten-Gurken-Salat aus Ernteanteil (so gut!) mit italienischem Weizensauerteigbrot, ein Pfirsich. Ich legte mich eine Runde flach, um die H\u00fcftschmerzen zu mildern.<\/p>\n<p>Nachmittags las ich, unter anderem die Wochenend-<i>SZ<\/i>. Als Snack ein St\u00fcck K\u00e4se mit Brot. Dann holte ich doch den Arbeitsrechner hervor und schaute die E-Mails der drei Urlaubswochen durch, in der Hoffnung, dass der erste Arbeitstag so ein weniger gro\u00dfer Horror wird. (Am Sonntag bin ich unterwegs.) Klappte nur so mittel, weil die beiden akuten gro\u00dfen Brocken, von denen ich wusste, halt wirklich akut, gro\u00df und brockig sein werden.<\/p>\n<p>Nachtmahl war von Herrn Kaltmamsell zubereiteter <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/gazpacho-andaluz.htm\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Gazpacho<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/archiv\/200822_03_Gazpacho.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/archiv\/200822_03_Gazpacho.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"333\" class=\"alignnone size-full wp-image-1060\" \/><\/a><\/p>\n<p>Danach teilten wir uns ein gebratenes Entrec\u00f4te, zum Nachtisch frische Feigen und Eis. Kein Alkohol, weil Medikamente.<\/p>\n<p>Vermisst irgendwer im Norden zwei Mauersegler? Gestern flatterten sie zu unserer \u00dcberraschung am Abendhimmel, gut drei Wochen nach der letzten Sichtung.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Reden_wir_%C3%BCber_Geld\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Die Reihe &#8220;Reden wir \u00fcber Geld&#8221;<\/a> der <i>SZ<\/i>-Wirtschaftsredaktion mag ich besonders gern. In ganzseitigen Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen (und in sonst f\u00fcr den Wirtschaftsteil ungewohnter Diversit\u00e4t) beleuchtet sie das Thema Geld aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Am Freitag war der Gespr\u00e4chspartner der Soziologe Aladin El-Mafaalani, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, heute Professor f\u00fcr Erziehungswissenschaft an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck (\u20ac).<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/aladin-el-mafaalani-1.5004819?reduced=true\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Verzichten kann nur, wer hat'&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Zum einen erl\u00e4utert er, wie das Aufwachsen in Armut die k\u00fcnftige Einstellung zu materiellem Besitz pr\u00e4gt.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin in Waltrop aufgewachsen, ein Ort, den man ohne Auto schlecht verlassen kann, und da gab es zwei Gruppen, die Hip-Hopper, die Graffiti cool fanden, und die Punks, die Skateboard gefahren sind. Ich mochte Graffiti und Skateboard &#8211; deshalb hatte ich mit beiden viel zu tun. Interessant ist im Nachhinein der Umgang dieser beiden Freundeskreise mit Geld.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>In der Hip-Hop-Kultur sind Statussymbole wichtig. Die Punkkultur ist das genaue Gegenteil davon. Meine Eltern stammen aus Syrien, mein Vater ist Arzt, meine Mutter hat Psychologie studiert, ich bin sehr privilegiert aufgewachsen. Ich hatte zu beiden Gruppen eine gewisse N\u00e4he, habe aber auch zu beiden Differenzen gesp\u00fcrt. Bei den Punks war ich lange Zeit der einzige, der nicht blond war, und in der Hip-Hop-Gruppe war ich der einzige, der aus einer wohlhabenden Familie kam.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Wer wenig Geld und Anerkennung hat, will reich und ber\u00fchmt werden und orientiert sich an Statussymbolen. Und wer Geld hat, hat einen selbstverst\u00e4ndlichen Umgang damit und kann sich die Haltung leisten, Statussymbole abzulehnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p><b>Warum gibt es diese Milieugrenzen schon bei Jugendlichen?<\/b><\/p>\n<p>Einer der Hauptfaktoren ist Geld. Das trennt und pr\u00e4gt. Wenn man in einer Familie mit sehr viel Geld aufw\u00e4chst, dann ist der gesamte Alltag darauf ausgerichtet, mit diesem \u00dcberfluss umzugehen. Man muss also selektieren. Hat man kaum Geld, muss man den Mangel managen. Schon Kinder entwickeln eine Strategie: Die \u00e4rmeren m\u00fcssen jeden Tag kurzfristige Knappheitsprobleme l\u00f6sen. Sie fragen: Was bringt das genau, ist das wirklich notwendig? Sie denken funktional, denken kurzfristig, gehen kein Risiko ein und vermeiden Unsicherheiten. Die reicheren Kinder hingegen probieren viel mehr aus, sie gehen Risiken ein, weil sie auch viel weicher fallen. Sie orientieren sich langfristig, entwickeln eine Abstraktionsf\u00e4higkeit, denken in Alternativen. Dass die alternative Szene relativ privilegiert ist, kann man alleine an diesem Begriff festmachen. Ob Geld da war oder nicht, wird Teil der Pers\u00f6nlichkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch hier erkenne ich wieder einmal, dass ich die zweite Generation des sozialen Aufstiegs bin: Mein spanischer Vater wuchs noch in echter Armut auf, da ging es darum, genug Essen f\u00fcr die Familie zu beschaffen (deshalb auch die Verschickung der Kinder im Sommer zu den Verwandten aufs Land, wo zwar die Arbeit hart war, sie aber ein paar Monate durchgef\u00fcttert wurden). Selbst aber hatten meine Eltern die Chance, sich durch enormen Flei\u00df und kluges (bis halb-legales) Wirtschaften ein Eigenheim zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Mindestens so interessant fand ich El-Mafaalanis Gedanken zur Auswirkung von Bildung:<\/p>\n<blockquote><p>Bildung ist kein Allheilmittel gegen soziale Probleme, sondern eine Grundlage, auf der man nach L\u00f6sungen suchen kann und streitet. Klimawandel hat zum Beispiel viel mit Gebildeten zu tun: je gebildeter, desto mehr Einkommen, desto tiefer der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Wenn Menschen von Bildung sprechen, missverstehen sie sich oft. Dabei gibt es mindestens zwei Begriffsfamilien. Einmal ist Bildung das, was gesellschaftlich verwertbar ist, man spricht oft von Kompetenzen oder von Humankapital. Dann gibt es noch die Pers\u00f6nlichkeitsbildung, also das humboldtsche oder humanistische Bildungsideal: Von Kindheit an bildet man sich ein Selbst- und ein Weltbild, Bildung ist hier Selbstzweck. Wer Bildung in diesem Sinne meint, der denkt, dass ein gebildeter Mensch doch vern\u00fcnftig ist, das Klima retten muss und nicht rechtsradikal sein darf. Recht romantisch. Die Idee der Pers\u00f6nlichkeitsbildung tut so, als g\u00e4be es keine Gesellschaft, sie ist blind f\u00fcr soziale Ungleichheit. Denn die Motivation von armen Kindern ist relativ gering, Bildung als Selbstzweck zu verstehen. Das w\u00e4re ja das Gegenteil von anwendungsorientiert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er beleuchtet auch die Fallen von Unterrichtsmodellen, die auf den ersten Blick fortschrittlich wirken:<\/p>\n<blockquote><p><b>Offene Bildungsans\u00e4tze sollen Sch\u00fclern das selbstorganisierte L\u00f6sen von komplexen Problemen beibringen. Ist das Bildung, wie Sie sich das vorstellen?<\/b><\/p>\n<p>Ich habe meine Haltung zu solchen Projekten grundlegend ge\u00e4ndert. Die Forschung zeigt, dass solche Unterrichtsans\u00e4tze Ungleichheit derzeit eher verst\u00e4rken. Das Potenzial ist zwar enorm, aber die Umsetzung ist offenbar nicht gut: Leute aus einem h\u00f6heren Milieu &#8211; Lehrkr\u00e4fte &#8211; \u00fcberlegen sich Probleme, die Kinder aus einer v\u00f6llig anderen Lebenswelt als anregendes Problem erkennen sollen. Lehrkr\u00e4fte finden Probleme sehr spannend, f\u00fcr die man Risiken eingehen und langfristig denken muss. Ein benachteiligtes Kind hat diese Denkweise nicht gelernt. \u00c4rmere Kinder lernen oft keine Selbstorganisation, weil sie in einem Umfeld aufwachsen, das sie diszipliniert. Sie sind im Alltag fremdbestimmt. Der Umgang mit Freiheit muss systematisch gef\u00f6rdert und gelernt werden. Derzeit wird das zu stark vorausgesetzt.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Erw\u00e4hnte ich, dass ich als n\u00e4chstes Studienfach unbedingt Soziologie w\u00e4hlen w\u00fcrde?) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/204a855f6a044ffb9f6079febe4394e6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stand des Hexenschusses: Ich kann wieder die Bauchmuskeln und den Beckenboden anspannen, ohne dass Lendenwirbels\u00e4ule und Iliosakralgelenk aufbr\u00fcllen, hurra! Morgens war es bew\u00f6lkt, aber warm genug f\u00fcr Kaffee auf dem Balkon. Ich freute mich nach fast einer Woche Pause \u00fcber eine Runde Crosstrainer-Strampeln mit Filmmusik auf den Ohren. 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