{"id":61938,"date":"2020-09-13T07:15:27","date_gmt":"2020-09-13T05:15:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=61938"},"modified":"2020-09-13T16:13:28","modified_gmt":"2020-09-13T14:13:28","slug":"journal-samstag-12-september-2020-rebellische-haltungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/09\/journal-samstag-12-september-2020-rebellische-haltungen.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 12. September 2020 &#8211; Rebellische Haltungen"},"content":{"rendered":"<p>(An #12von12 erinnerte ich mich leider zu sp\u00e4t.)<\/p>\n<p>Mit Kopfweh aufgewacht &#8211; das mich trotz Aspirin leider nach dem ersten Schluck Milchkaffee doch zur\u00fcck ins Bett trieb, weil migr\u00e4noid. Statt Morgensport schlief ich nochmal zwei Stunden.<\/p>\n<p>Dann musste ich aber raus in den Sommertag, denn wir waren bei Schwiegers in Augsburg zum Mittagessen eingeladen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Bahnhof entdeckte ich in der Goethestra\u00dfe eine mir unbekannte Hausentkernungstechnik und bat Herrn Kaltmamsell, ein Foto zu machen (mein Handy steckte im Rucksack):<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/20200912_104033.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/20200912_104033.jpg\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"578\" class=\"alignnone size-full wp-image-61941\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bisher war ich riesige, verst\u00e4rkte Plastikschl\u00e4uche gewohnt, durch die Bauschutt nach unten in einen M\u00fcllcontainer geleitet wird; hier hing nun der Container direkt am Fenster bei den Schuttarbeiten.<\/p>\n<p>Am M\u00fcnchner Hauptbahnhof viel Polizei: Gestern war eine Gro\u00dfdemo gegen Corona-Ma\u00dfnahmen angek\u00fcndigt, zumindest war die Kundgebung am Odeonsplatz untersagt (und damit vor der historisch belasteten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feldherrnhalle\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Feldherrnhalle<\/a>) und auf die Theresienwiese verlegt worden.<\/p>\n<p>Bei Schwiegers Wiedersehensfreude und Austausch von OP-Geschichten, manche Eingriffe werden dann doch kompliziert. Au\u00dferdem k\u00f6stliches Mittagessen: Vorspeisensalat, dann geschmorte Ochsenbackerl mit Sp\u00e4tzle und Gem\u00fcse, nachmittags Zwetschgendatschi mit Sahne.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200912_02_Schwiegervase.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200912_02_Schwiegervase.jpg\" alt=\"\" width=\"415\" height=\"464\" class=\"alignnone size-full wp-image-61942\" \/><\/a><\/p>\n<p>Schwiegers sind schon fr\u00fch ziemlich rumgekommen. (Ich liebe diesen Zeichenstil, den ich aus Illustrationen von Romanen der 1950er kenne.)<\/p>\n<p>Ich lieh mir f\u00fcr die eigene OP die Greifzange aus, die ich laut Klinik-Checkliste mitbringen soll &#8211; auch wenn sie laut den beiden OP-Veteranen nicht wirklich ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in M\u00fcnchen setzte ich mich auf den Balkon in die warme Luft, von der Theresienwiese schallte noch bis in die Abendd\u00e4mmerung das Blaffen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-corona-demo-theresienwiese-masken-anzeigen-1.5028800\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">der Redner gegen Corona-Ma\u00dfnahmen<\/a>.<\/p>\n<p>Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Karottensalat mit Gew\u00fcrzjoghurt und Kr\u00e4utern, au\u00dferdem ein wenig Blattsalat. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Ich las weiter in <i>Nineteen Eighty-Four<\/i>. In den Zitaten des &#8220;Book&#8221; und in den Folterszenen wird deutlich die Methode der totalit\u00e4ren Volksentmachtung nachgezeichnet, erst theoretisch, dann praktisch: Wie man leider an der Politik Donald Trumps erlebt, geht es eben nicht darum, eine konsequente L\u00fcge aufzubauen, sondern eine st\u00e4ndig wechselnde Realit\u00e4t zu behaupten, bis das Volk das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung aufgibt &#8211; also in einem Moment das eine auszusagen, im n\u00e4chsten das Gegenteil, als h\u00e4tte es die vorherige Aussage nie gegeben.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Hilmar Klute macht sich in der Wochenend-<i>SZ<\/i> Gedanken \u00fcber die rebellische Haltung, die viele der Demonstrierenden gegen Coronama\u00dfnahmen (oder auch hier gegen selbst erfundene Regelungen) verbindet (\u20ac):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/corona-regeln-gesellschaft-folgen-1.5024922\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Die Ma\u00dflosen&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Zum Vorabend der Studentenrevolte, am 5. Mai 1967, hielt der Schriftsteller Peter Schneider eine Ansprache, die sp\u00e4ter als &#8220;Rasenrede&#8221; in die j\u00fcngere Kulturgeschichte des Zorns eingehen sollte &#8211; und mit der eine gezielte Regelverletzung gewisserma\u00dfen den Durchsto\u00df zur Wahrheit bringen sollte. Man wisse ja, sagte Schneider damals vor der Vollversammlung aller Fakult\u00e4ten der Freien Universit\u00e4t Berlin, dass dem Spie\u00dferdeutschen die Gr\u00e4uel des Vietnamkrieges herzlich egal seien, wohingegen &#8220;wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen&#8221;. Am darauf folgenden Tag wurden Studenten dabei beobachtet, wie sie, zitternd vor K\u00fchnheit, \u00fcber den Campus-Rasen der FU latschten.<\/p>\n<p>Von heute aus betrachtet, kommt einem diese wilde \u00dcbertretung erstens niedlich und zweitens beinahe wie politischer Aberglaube vor: Indem ich meinen Fu\u00df auf ein St\u00fcck Rasen setze, das von der b\u00fcrgerlichen Mehrheit als sch\u00fctzenswert betrachtet wird, trete ich zugleich in den Kampf gegen jene imperialistischen Kr\u00e4fte ein, die einem Teil der Welt Verderben und Untergang bescheren. Dieses eigent\u00fcmliche Gemisch aus symbolischem Gefuchtel und der br\u00e4sigen Vorstellung, man bewege mit seinem patzigen kleinen Widerstand politisches Weltger\u00f6ll, hat sich bis heute gehalten. Aber das Image des Regelverletzers hat sich zusehends zu dessen Nachteil gewandelt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn heute leben wir in einer liberalen Gesellschaft; in Jeans in die Oper zu gehen, als Paar unverheiratet zusammen zu leben, als Arztsohn Musiker zu werden, Rotwein zum Fisch zu trinken &#8211; das alles gilt nicht als Rebellentum, sondern als pers\u00f6nliche Entscheidung oder individueller Stil.<\/p>\n<blockquote><p>Die Regelverletzung ist die auf Abwege geratene Stiefschwester der Ordnung, ihre Auftritte in den Unruhephasen der Bundesrepublik haben sich ins Ged\u00e4chtnis eingenistet. Die illustren Beispiele reichen von der Weigerung des Kommunarden Fritz Teufel, sich vor dem Berliner Landgericht zu erheben (einschlie\u00dflich der die Autorit\u00e4t parodierenden Einlenkungsphrase: &#8220;Wenn es der Wahrheitsfindung dient&#8221;), \u00fcber den bizarren Einfall des radikalen Studenten Karl-Heinz Pawla, vor dem Sch\u00f6ffengericht Tiergarten zu def\u00e4kieren, bis hin zu Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen. Aber im Dezember 1985, als Fischer in Wiesbaden den Amtseid leistete, war diese Regelverletzung bereits ein fast musealer Anstrich an der Biografie eines Politikers, der sich l\u00e4ngst der Regeltreue des Establishments verpflichtet hatte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Vollendung der Umkehrung, in der Regelverletzung sich gegen Grundwerte richtet und nicht mehr gegen aufgesetzte Autorit\u00e4t, identifiziert Klute den Wahlsieg Donald Trumps:<\/p>\n<blockquote><p>Wie es aussieht, hat sich der Leumund des Regelverletzers in letzter Zeit zu dessen Ungunsten ver\u00e4ndert. Und wenn man es weltgeschichtlich terminieren m\u00f6chte, dann k\u00e4me man wom\u00f6glich auf den Herbst 2016, als Donald Trump zum 45. Pr\u00e4sidenten der USA gew\u00e4hlt wurde. Trump hat seine Politik, oder was er daf\u00fcr h\u00e4lt, auf dem Prinzip der permanenten Regelverletzung begr\u00fcndet. Die Verabschiedung von globalen \u00dcbereink\u00fcnften, politischen Anstandsregeln und von der Achtung zivilgesellschaftlicher Normen war von Anfang an sein staatspolitisches Credo. Trump verletzt die Regeln derart brutal, konsequent und in solch monstr\u00f6ser Zeigefreude, dass selbst dem gr\u00f6\u00dften Sympathisanten bizarrer \u00dcbertretungskultur die Lust an der Provokation vergehen muss. Wie rasch die programmatische Regelverletzung dazu f\u00fchren kann, dass ein Land und seine Gesellschaft zugrunde gehen, war in Minneapolis, in Portland und \u00fcberall dort zu beobachten, wo Menschen sp\u00fcren, dass die \u00dcbereink\u00fcnfte der zivilen Welt von staatlicher Seite verh\u00f6hnt werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aktuelle Erg\u00e4nzung ist der britische Premier Boris Johnson, der beschlossen hat, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/brexit-london-will-internationales-recht-brechen-1.5026624\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">dass ihm der mit der EU vereinbarte und bereits g\u00fcltige Austrittsvertrag egal ist und UK jetzt einfach etwas anderes macht<\/a>. Womit er in einer Weise gegen die Regeln verst\u00f6\u00dft, die Trump seit vier Jahren vormacht.<\/p>\n<p>Unser derzeitiger geselleschaftlicher Konsens ist sogar darauf ausgerichtet, m\u00f6glichst viel Individualismus und pers\u00f6nliche Entscheidung zuzulassen und nur dann einzugreifen, wenn das gro\u00dfe Ganze besch\u00e4digt w\u00fcrde. Wie im aktuellen Fall einer Pandemie.<\/p>\n<blockquote><p>Die Verbindlichkeit der Regeln leuchtete den meisten Menschen bald ein, weil ihre Beherzigung wom\u00f6glich schon den Weg in Richtung Aufhebung der Regeln vorzeichnen k\u00f6nnte. Irgendwann wurde es zur Pflicht, eine Atemschutzmaske zu tragen, und von dem Zeitpunkt an begann ein immer lauter werdender Chor damit, zur Regelverletzung aufzurufen. Mag sein, dass es der symbolische Nimbus der verschleiernden Maske war, m\u00f6glicherweise auch ihr Sitz an einer so empfindlichen Stelle, dem Gesicht, das ja f\u00fcr Identit\u00e4t und individuelle Kenntlichmachung steht. Die Maske wurde den Regelkritikern zum Fetisch der Unfreiheit, was eigentlich unsinnig ist, denn mit der Maske vor der Nase hatte man sich ja den Passierschein f\u00fcr beinahe \u00fcberallhin vor das Gesicht gebunden. Es gab auch gleich die gro\u00dfe Palette an Farbreichtum, schickem Zuschnitt oder &#8211; f\u00fcr die ganz Korrekten &#8211; hygienischem Einmalgebrauch auf den Markt. Gegen die Angst, ein dumpf vor den Mund gepapptes St\u00fcck Stoff tragen zu m\u00fcssen, bediente der Kapitalismus auch weiter die Nachfrage nach individueller Einzigartigkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber sicher muss man wachsam bleiben und soll Regelungen hinterfragen, soll man Regeln weiterhin verletzten. Klute zitiert Habermas:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Der Regelverletzer&#8221;, schreibt Habermas, &#8220;muss skrupul\u00f6s pr\u00fcfen, ob die Wahl spektakul\u00e4rer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elit\u00e4rer Gesinnung oder narzisstischem Antrieb, also einer Anma\u00dfung entspringt.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/1ce16c5247a0491496580316cd945647\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(An #12von12 erinnerte ich mich leider zu sp\u00e4t.) Mit Kopfweh aufgewacht &#8211; das mich trotz Aspirin leider nach dem ersten Schluck Milchkaffee doch zur\u00fcck ins Bett trieb, weil migr\u00e4noid. Statt Morgensport schlief ich nochmal zwei Stunden. Dann musste ich aber raus in den Sommertag, denn wir waren bei Schwiegers in Augsburg zum Mittagessen eingeladen. 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