{"id":62087,"date":"2020-09-20T09:17:41","date_gmt":"2020-09-20T07:17:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=62087"},"modified":"2020-09-20T09:17:41","modified_gmt":"2020-09-20T07:17:41","slug":"journal-samstag-19-september-2020-ersatzoktifestchen-und-karosh-taha-im-bauch-der-koenigin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/09\/journal-samstag-19-september-2020-ersatzoktifestchen-und-karosh-taha-im-bauch-der-koenigin.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 19. September 2020 &#8211; Ersatzoktifestchen und Karosh Taha, <i>Im Bauch der K\u00f6nigin<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Nach verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ruhiger Nacht (dreimal unterbrochen, aber jedesmal schnell wieder eingeschlafen) erst mal eine Maschine W\u00e4sche versorgt und gebloggt. So sah ich erst versp\u00e4tet die Twitter-Timeline der Nacht, die durch die Nachricht vom Tod der US-Richterin Ruth Bader Ginsburg dominiert war (lesenwerter und pers\u00f6nlicher Nachruf in <i>New York<\/i>: <a href=\"https:\/\/nymag.com\/intelligencer\/2020\/09\/the-glorious-rbg.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;The Glorious RBG&#8221;<\/a>).<\/p>\n<p>Ich versuchte, meinem geschundenen K\u00f6rper (gestrern zwickte es auch im Kreuz) genau richtig viel Bewegung zu verschaffen: Bankst\u00fctz und eine Runde R\u00fccken-Yoga.<\/p>\n<p>F\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck ging ich um die Mittagszeit raus zum Semmelholen. Es war das perfekte Wetter f\u00fcr den Start des schon vor Monaten abgesagten Oktoberfests: golden sonnig, kurz\u00e4rmelwarm. M\u00fcnchen hatte sich einen Ersatz f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Drogenparty der Welt ausgedacht: <a href=\"https:\/\/www.muenchen.de\/essen-trinken\/aktuell\/2020\/wirtshauswiesn-2020-alle-infos.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;WirtshausWiesn&#8221;<\/a>. Der wurde nicht abgesagt, obwohl am Freitag der kritische Grenzwert von 50 positiven Corona-Tests pro 100.000 Einwohner \u00fcberschritten worden war, bei dem die Regionen eigentlich einschr\u00e4nkende Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ngen sollen. Und so kam ich auf meinem kurzen Weg an einigen Ersatz-Saufereien vorbei.<\/p>\n<p>Auch im Nu\u00dfbaumpark wurde Oktifestchen gespielt, ohne Mund-Nasen-Schutz (geht schlecht beim Saufen) oder Abstand. Ein Blaskapellchen spielt auf, Repertoire wie ich es vom Biergarten am Chinesischen Turm kenne: Alles von Landler bis Oh sole mio, ohne Oktoberfest w\u00e4re &#8220;Rosamunde&#8221; vermutlich eine l\u00e4ngst vergessene Weise.<\/p>\n<p>Fr\u00fchs\u00fcck mit Semmel sowie Resten der Focaccia und des Steaks vom Vorabend. Ich las im Pulli die Wochenendzeitung auf dem Balkon und beschloss, dass Kastanien-Klonken ohne Rosamunde ohnehin eine unvollst\u00e4ndige Ger\u00e4uschkulisse ist. Gro\u00dfe Eichk\u00e4tzchen- und Meisen-Show vorm Balkon. Nach der Zeitung begann ich den im Regal wiederentdeckten pers\u00f6nlichen Kindheits-Klassiker <i>F\u00fcnf Kugeln im Kamin<\/i> von Polly Hobson, Katharina Boje (\u00dcbers.) zu lesen und freute mich, dass das wirklich eine sehr sch\u00f6ne Geschichte ist, dass mich die Illustrationen immer noch faszinierten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Abend waren wir verabredet, in der <a href=\"https:\/\/www.einkehr-schwaige.de\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">F\u00fcrstenrieder Schwaige<\/a> im M\u00fcnchner Westen &#8211; zu Fu\u00df in zehn Minuten von der U-Bahn-Station F\u00fcrstenried West erreichbar, doch so klein und verwunschen, dass man sich weit weg von der Stadt w\u00e4hnt. Wir holten unsere Freunde von daheim ab (sie standen schon bereit und ich war um das Vergn\u00fcgen gebracht, zu klingeln und in die Gegensprechanlage zu rufen: &#8220;Darf der Rainer runterkommen zum Spiiiiiiielen?&#8221;), wir spazierten mit Hund hin\u00fcber ins Gr\u00fcne. Dabei kamen wir vorbei an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schloss_F%C3%BCrstenried\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Schloss F\u00fcrstenried<\/a>, von dem ich noch nie geh\u00f6rt hatte (M\u00fcnchen ist dann doch gr\u00f6\u00dfer, als eine Innenstadtbewohnerin meint); das einstige Jagd- und Lustschloss ist heute ein Exerzitienhaus des Bistums M\u00fcnchen und Freising.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200919_03_SchlossFuerstenried.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200919_03_SchlossFuerstenried.jpg\" alt=\"\" width=\"464\" height=\"629\" class=\"alignnone size-full wp-image-62101\" srcset=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200919_03_SchlossFuerstenried.jpg 464w, https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200919_03_SchlossFuerstenried-443x600.jpg 443w\" sizes=\"auto, (max-width: 464px) 100vw, 464px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Herrliche Sichtachse vom Schloss aus auf den heutigen Stolz Bayerns:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200919_04_SchlossFuerstenried.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/200919_04_SchlossFuerstenried.jpg\" alt=\"\" width=\"486\" height=\"450\" class=\"alignnone size-full wp-image-62102\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der benachbarten Schwaige sa\u00dfen wir lauschig drau\u00dfen im Gr\u00fcnen (samt bei D\u00e4mmerung attackierender Stechm\u00fccken, ein Begleiter teilte zum Gl\u00fcck Abwehr zum Einreiben aus), a\u00dfen herzhaft, tauschten Neuigkeiten aus Familie und Beruf aus. Sp\u00e4t und bereits ziemlich verfroren spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell ohne Umweg zur U-Bahn heim.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_taha.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_taha.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"233\" class=\"alignnone size-full wp-image-61977\" \/><\/a><\/p>\n<p>Noch eine Buchempfehlung, n\u00e4mlich das freitags ausgelesene <i>Im Bauch der K\u00f6nigin<\/i> von Karosh Taha. Ich hatte es f\u00fcr unsere Leserunde vorgeschlagen, nachdem mir die Besprechung in der <i>S\u00fcddeutschen<\/i> aufgefallen war (hier kostenlos zu lesen: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/karosh-tahas-zweiter-roman-die-komoedie-der-unkonjugierten-verben-1.5000148\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Die Kom\u00f6die der unkonjugierten Verben&#8221;<\/a>): Offensichtlich erscheinen jetzt die Romane von Einwandererkindern, auf die ich schon lange warte (Tahas Buch war nur eines von mehreren, die mir in den vergangenen Monaten ins Auge fielen).<\/p>\n<p>Attraktiv wurde mir der Roman auch gemacht durch die Ver\u00f6ffentlichung als Wendebuch von zwei Seiten. Das stellte sich allerdings als einzige Entt\u00e4uschung der Lekt\u00fcre heraus: Das Feature hat keine Funktion. Die beiden Teile sind nicht nur aus der Perspektive von zwei deutsch-kurdischen Protagonist*innen geschrieben, sondern folgen auch chronologisch aufeinander &#8211; das h\u00e4tte man gradsogut hintereinander in derselben Richtung ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen. (Ich habe sofort die Dumont-Marketingabteilung als Schuldige im Verdacht.) Dabei war diese Ver\u00f6ffentlichungsform der einzige Grund gewesen, den Roman als gedrucktes Buch zu kaufen, denn sie l\u00e4sst sich im E-Book nicht abbilden. Damit endet mein Gen\u00f6rgel bereits, abgesehen davon m\u00f6chte ich den Roman n\u00e4mlich loben.<\/p>\n<p>Die Geschichte spielt irgendwo im Ruhrgebiet und beginnt aus der Sicht des M\u00e4dchens Amal. Ihre Familie ist aus dem irakischen Kurdistan hierher gekommen, doch der Vater h\u00e4lt ein Leben nicht aus, in dem er als studierter und einst erfolgreicher Architekt seinen Lebensunterhalt mit ungelernten Hilfsarbeiten verdienen soll. Er geht zur\u00fcck. Dieser Teil bleibt ganz nah an dem widerborstigen M\u00e4dchen, das sich in keine Erwartungen einf\u00fcgen will, an ihrer klugen und assoziativen Wahrnehmung der Wohnblockumgebung und seiner Menschen, an ihren sprunghaften Gedanken, an ihrer Freundschaft mit dem Nachbarsbuben Younes. Dessen Mutter ist die titelgebende K\u00f6nigin, ebenfalls eine zur\u00fcckgelassene Ehefrau, doch sie sondert sich mit einem Leben au\u00dferhalb der Konventionen von der kurdischen Exil-Gemeinschaft ab. Amal bewerkstelligt schlie\u00dflich eine Begegnung mit ihrem Vater im Irak.<\/p>\n<p>Ich war gespannt, ob Taha es schaffen w\u00fcrde, dem anderen Romanteil eine klare andere Stimme zu geben: Oh ja, das tut sie und zwar hervorragend. Jetzt folgen wir Raffiq, einem weiteren Nachbarsbuben Amals. Doch er ist \u00e4lter, erz\u00e4hlt stringenter und gleichzeitig m\u00fcndlicher eine ganz andere Atmosph\u00e4re. Dadurch erfahren wir weitere Seiten des Aufwachsens in der kurdischen Exil-Gemeinschaft, der Protagonisten, der Umgebung, der Freundschaften, Feindschaften. Einer der deutlichen Unterschiede: Raffiq erz\u00e4hlt eine M\u00e4nnerwelt, w\u00e4hrend Amal die Frauenwelt transportierte.<\/p>\n<p>Mir fiel auf, wie viel interessanter und anziehender ich den M\u00e4nnerteil des Romans fand. Nicht \u00fcberraschend: Auch im Spanien meiner Kindheits- und Jugendurlaube bei der Familie meines Vaters hatte ich mich viel lieber an meinen Kusin und seine Freunde geh\u00e4ngt als an meine Kusine und ihre Freundinnen. Die Spiele und Themen interessierten mich mehr, w\u00e4hrend die M\u00e4dchengruppe nie \u00fcber langweilige \u00c4u\u00dferlichkeiten und Geplauder hinauszukommen schien und nie etwas Spannendes spielte.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte den Roman ohne Weiteres als Jugendliteratur vermarkten k\u00f6nnen &#8211; das w\u00e4re ein Fehler gewesen wie bei so vieler <i>young adult fiction<\/i>: Jugendliche im Mittelpunkt einer Geschichte beschr\u00e4nken doch wohl nicht den Leserkreis.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Apropos angebliche Jugendliteratur: Vor zehn Jahren erschien Wolfgang Herrndorfs <i>Tschick<\/i>. Die <i>FAZ<\/i> erinnert an den umgehenden Erfolg und ver\u00f6ffentlicht Leser*innenzuschriften an Herrndorf aus seinem Nachlass:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/themen\/zehn-jahre-tschick-briefe-an-wolfgang-herrndorf-16951453.html\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&#8220;Herr Herrndorf, wie haben Sie das gemacht?&#8221;<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/39eae0e09dd34eff8b2922261e97cb3b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ruhiger Nacht (dreimal unterbrochen, aber jedesmal schnell wieder eingeschlafen) erst mal eine Maschine W\u00e4sche versorgt und gebloggt. So sah ich erst versp\u00e4tet die Twitter-Timeline der Nacht, die durch die Nachricht vom Tod der US-Richterin Ruth Bader Ginsburg dominiert war (lesenwerter und pers\u00f6nlicher Nachruf in New York: &#8220;The Glorious RBG&#8221;). 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