{"id":62311,"date":"2020-09-30T06:56:41","date_gmt":"2020-09-30T04:56:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=62311"},"modified":"2020-09-30T07:54:43","modified_gmt":"2020-09-30T05:54:43","slug":"journal-dienstag-29-september-2020-arbeit-von-daheim-und-susanna-schwager-die-frau-des-metzgers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/09\/journal-dienstag-29-september-2020-arbeit-von-daheim-und-susanna-schwager-die-frau-des-metzgers.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 29. September 2020 &#8211; Arbeit von daheim und Susanna Schwager, <i>Die Frau des Metzgers<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Mittelschlimme Nacht, ich hielt mich am Countdown T -4 fest.<\/p>\n<p>Da Sport gar nicht mehr geht und der Arbeitsweg im Aufklappen des Dienst-Laptops bestand, war der Morgen gem\u00fctlich.<\/p>\n<p>Arbeiten von Daheim. Da Herr Kaltmamsell in der Schule war, konnte ich bis zum Nachmittag seinen Schreibtisch und -stuhl als Arbeitsplatz nutzen und musste nicht unbequem am Esstisch sitzen. Aber auch hier fror ich klassisch trotz Heizung, dickem Pulli, zwei Paar Socken.<\/p>\n<p>Mittags K\u00e4se und selbst gebackenes Brot. Um trotz Quarant\u00e4ne frische Luft zu bekommen, brachte ich Gelbsack- und Flaschen zur Wertstoffinsel, die 200 Meter im Freien (k\u00fchl, immer wieder Regen) mussten gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zwei Telefon-Meetings \u00fcbern Tag, w\u00e4hrend einem beobachtete ich ein rotes Eichh\u00f6rnchen in der Kastanie &#8211; Home Office deluxe. Nachmittagssnack eine Mango.<\/p>\n<p>Telefonat mit Br\u00fcderchen, wir brachten einander ein wenig auf neuesten Stand.<\/p>\n<p>Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Risotto mit Ernteanteil-Wei\u00dfkraut, aufgegossen mit der Br\u00fche vom Corned-Beef-Kochen.<\/p>\n<p>Im Bett las ich Susanna Schwager, <i>Die Frau des Metzgers<\/i> aus. Das Buch ist die Familiengeschichte der Autorin in der Schweiz (Solothurn, Z\u00fcrich), erz\u00e4hlt wie ein Roman. Schwager macht das technisch sehr geschickt: Sie gibt die Stimmen ihren Familienangeh\u00f6rigen, vor allem dem Gro\u00dfvater Hans (der Metzger aus dem Titel), aber auch zwei Schwestern ihrer Gro\u00dfmutter und zwei von ihren T\u00f6chtern (eine davon Schwagers Mutter). Die Gro\u00dfmutter selbst, &#8220;das Hildi&#8221;, lebt schon lang nicht mehr; warum Schwager im Nachwort schreibt, sie sei &#8220;verl\u00f6scht&#8221;, wird im Lauf der Erz\u00e4hlung klar.<\/p>\n<p>Ganz behutsam entwickelt sich in diesem Stimmen ein Frauenleben vor der Zeit um den Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er in der Schweiz. Sehr m\u00fcndlich notiert und mit vielen Helvetismen erz\u00e4hlen die unterschiedlichen Perspektiven nur scheinbar immer wieder widerspr\u00fcchliche Geschichten, tats\u00e4chlich aber indirekt \u00fcber sich selbst mindestens so viel wie \u00fcber Hildi. Eine realistische Vorf\u00fchrung, wie viele Wirklichkeiten es innerhalb einer Familie gibt und wie es dazu kommt.<\/p>\n<p>Es geht um eine harte Zeit, in der Frauen so wenig zu melden hatten, dass ihnen nur Ausweichen blieb, ob vor grabschenden M\u00e4nnerh\u00e4nden oder m\u00e4nnlicher Entscheidungswillk\u00fcr, in der sie flohen in &#8220;Sanftheit&#8221; und andere als &#8220;typisch weiblich&#8221; geltende Verhaltensweisen. Und in der nur wenige die Kraft hatten, sich \u00fcber Konventionen hinweg zu setzen. Besonders ber\u00fchrte mich der Gegensatz zwischen der F\u00fcgsamkeit Hildis, die ihr Mann und ihre T\u00f6chter wieder und wieder betonen, Hans aber auch, dass sie ihm die Bestimmer- und Besch\u00fctzerrolle ja zugewiesen habe, und den kleinen Fluchten, die ihre T\u00f6chter beschreiben, zum Beispiel das Ansparen von Geld f\u00fcr heimliche Gen\u00fcsse in der Konditorei. Was in diesem Leben bereits f\u00fcr das Gef\u00fchl von Auflehnung reichte. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/4dc6d108e4ea465b97b7fb6cdf82dc9d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittelschlimme Nacht, ich hielt mich am Countdown T -4 fest. Da Sport gar nicht mehr geht und der Arbeitsweg im Aufklappen des Dienst-Laptops bestand, war der Morgen gem\u00fctlich. Arbeiten von Daheim. 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