{"id":6266,"date":"2009-12-10T15:02:20","date_gmt":"2009-12-10T14:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=6266"},"modified":"2009-12-10T21:13:43","modified_gmt":"2009-12-10T20:13:43","slug":"blitzeis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/12\/blitzeis.htm","title":{"rendered":"Blitzeis"},"content":{"rendered":"<p>Erst war es besonders, dann unglaublich aufregend und eine von den Geschichten, die man noch seinen Enkeln erz\u00e4hlt, doch am Schluss blo\u00df noch saubl\u00f6d: der Nachmittag und Abend bei der feinen Tochter.<\/p>\n<p>Wir waren wohl beide in der 6., h\u00f6chsten 7. Klasse des humanistischen Gymnasiums der Stadt (also elf oder zw\u00f6lf Jahre alt), E. und ich, und wir waren ein bisschen befreundet &#8211; gerade genug, dass wir einander nach der Schule mit nach Hause zum Mittagessen und anschlie\u00dfenden gemeinsamen Spielen mitnahmen. E. war ein angenehmer Mensch, trug feine Kleider und oft eine altmodische Schleife im Haar, war ein wenig sch\u00fcchtern und f\u00fcr meinen Geschmack ein wenig zu kicherig, aber ich mochte sie. Sie wohnte drau\u00dfen in der besten Gegend der Stadt &#8211; allerdings wusste ich damals noch nicht, dass dieses Stadtviertel als solche galt, genauso wenig wie ich wusste, dass das Wohnblockviertel, in dem meine Familie lebte, das Glasscherbenviertel der Stadt war. Von ihrem Vater hie\u00df es, er sei Bankdirektor.<\/p>\n<p>Es war ein d\u00fcsterer Freitag im Winter, und wir hatte uns zum Schlittschuhlaufen verabredet: In der N\u00e4he von E.s Elternhaus gab es einen Weiher, der bereits seit Tagen zugefroren war. Also radelten wir nach dem Unterricht hinaus in den Westen der Stadt, ich mit meinem Paar Schlittschuhen um die Schultern. (Hat jedes Kind damals wie ich gelernt, wie man alle vier langen Schuhb\u00e4nder von Schlittschuhen zu einer Schlinge knotet, die man zum Transport \u00fcber den Nacken legen kann, aber ganz einfach wieder l\u00f6sen?) <\/p>\n<p>Ich glaube, E.s Mutter, die uns im schlichten 60er-Jahr-Eigenheim willkommen hie\u00df, kannte ich vorher schon: eine kleine, ganz feine Dame mit warmem L\u00e4cheln und einer sehr herzlichen Art, mit hochtoupierten blonden Haaren und schwarzen Augenbrauen. Aber E.s kleine Schwester (Sommersprossen, das lange, krause Haar fest aus dem Gesicht gebunden) lernte ich erst beim Mittagessen kennen. Es war im Esszimmer gedeckt &#8211; wie bei uns zu Hause, wo die Klassenkameradinnen, die ich heimbrachte, gerne versch\u00fcchtert waren und abwiegelten, das h\u00e4tte es doch nicht gebraucht; ich wusste nicht, was sie meinten, bis ich mal bei einer Schulfreundin daheim im Speckg\u00fcrtel der Stadt am nackten Resopaltisch in der K\u00fcche auf unterschiedlichen Tellern mit W\u00fcrstchen aus der Mikrowelle abgef\u00fcttert wurde.<\/p>\n<p>Beim Essen erz\u00e4hlte E.s Mutter von ihrer Kindheit und wie sie das aufrechte Sitzen bei Tisch mit Hilfe eines speziellen Korsetts gelernt hatte, das bei Erschlaffen der Haltung schmerzhaft einschnitt &#8211; eine Gruselgeschichte, die mich noch jahrelang verfolgte. E. wird mir dann wohl das Haus gezeigt haben, denn bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Mal ein wei\u00dfes Klavier: E.s wei\u00dfes Klavier in einem in sehr hell dekorierten Zimmer mit  Gold und Rosa &#8211; ihr Zimmer? Auch das beeindruckte mich sehr.<\/p>\n<p>Das Schlittschuhfahren auf dem Weiher machte nicht viel Spa\u00df: Das Eis war schon sehr zerfahren, au\u00dferdem st\u00f6rten \u00c4ste und Laub der umgebenden riesigen alten B\u00e4ume. Und dann begann es auch noch zu regnen. Dennoch nutzten wir die Erlaubnis des Ausgangs bis zur D\u00e4mmerung aus und tobten und spielten auf dem Eis. Als wir zur\u00fcck zu E.s Elternhaus radeln wollten, bemerkten wir, dass die Stra\u00dfen spiegelglatt mit Eis \u00fcberzogen waren &#8211; Fahrradfahren war unm\u00f6glich. Wir schoben die R\u00e4der und schlitterten vergn\u00fcgt die wenigen hundert Meter.<\/p>\n<p>Bei E. daheim kamen wir auf die Idee, unsere Schlittschuhe wieder anzulegen und auszuprobieren, ob man damit auf der Stra\u00dfe laufen konnte. Vermutlich war es meine Idee; ich glaube mich zu erinnern, dass die zur\u00fcckhaltende E. schon den ganzen Nachmittag genossen hatte, von mir dominantem Energieb\u00fcndel zu immer neuen wilden Spielen angestachelt zu werden. Mittlerweile war es dunkle Nacht, der Regen hatte aufgeh\u00f6rt. Und es ging: Wir konnten auf der nahezu unbefahrenen Stra\u00dfe vor E.s Haus Schlittschuhfahren. Ein unglaubliches Erlebnis &#8211; ich konnte kaum fassen, dass ich tats\u00e4chlich mit Schlittschuhen mitten auf der Stra\u00dfe fuhr, auf der pechschwarz gl\u00e4nzenden Stra\u00dfe, in fast v\u00f6lliger Stille, denn der Autoverkehr war praktisch erlegen. Es war immer noch sehr kalt, das Eis auf der Fahrbahn w\u00fcrde noch eine Weile bleiben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde E.s Mutter schnell klar, dass genau das ein Problem war: Wie sollte ich heimkommen? Sie bot mir das Naheliegende an: Ich k\u00f6nnte doch bei ihnen \u00fcbernachten. Wie aufregend! Au\u00dfer bei meiner Oma oder der Familie in Spanien hatte ich noch nie ohne meine Eltern irgendwo \u00fcbernachtet. E. und ich sahen eine selige Nacht im gleichen Zimmer vor uns und strahlten einander an. Man bot mir Abendbrot, Nachthemd, Zahnb\u00fcrste an &#8211; alles w\u00fcrde ganz anders sein als daheim, fremd und allein dadurch schon gro\u00dfartig und wundervoll. Jetzt musste nur noch meine Mutter Bescheid bekommen, die sich ja sicher schon Sorgen machte.<\/p>\n<p>Das Telefonat zwischen E.s und meiner Mutter ging ganz anders aus, als wir uns das gedacht hatten. E.s Mutter teilte uns sehr verwundert und bedauernd mit, dass meine Mutter die \u00dcbernachtung nicht erlaubte. Sie habe versucht, sie zu \u00fcberzeugen, dass der (etwa vier Kilometer weite) Heimweg bei diesen Witterungsverh\u00e4ltnissen so gut wie unm\u00f6glich sei, doch meine Mutter habe darauf beharrt. Sie werde mir zu Fu\u00df entgegen kommen.<\/p>\n<p>Auch ich verstand das nicht, aber in diesem Alter versteht man als Kind ja so manche Entscheidung und Anweisung der Erwachsenen nicht. Sehr wahrscheinlich fand ich meine Mutter an diesem Abend also einfach nur doof. Ebenfalls wahrscheinlich schlug mein Zorn umgehend in Bockigkeit um, gemischt mit Tr\u00e4nen. Und in sowas wie ein schlechtes Gewissen, daran erinnere ich mich genau &#8211; die Anordnung meiner Mutter war so abwegig, dass ich f\u00fcrchtete, ich k\u00f6nnte irgendetwas B\u00f6ses getan haben und bestraft werden.<\/p>\n<p>Rutschend und mein Fahrrad schiebend machte ich mich also langsam auf den Weg nach Hause. Wo genau ich auf meine Mutter traf, wei\u00df ich nicht mehr. Doch ich wei\u00df noch, dass sie fuchsteufelswild war (so nannte sie selbst diesen Gem\u00fctszustand). Sie \u00fcbersch\u00fcttete mich mit Vorw\u00fcrfen, warum ich mich nicht an die Uhrzeit gehalten h\u00e4tte, die wir urspr\u00fcnglich f\u00fcr meine Heimkehr vereinbart hatten, dass ich mich unm\u00f6glich benehmen w\u00fcrde, dass sie mich nie wieder zu einer Schulkameradin nach Hause lassen w\u00fcrde. Ich empfand mich ungerecht behandelt und verkroch mich weiter in die Bockigkeit.<\/p>\n<p>Erst vor ein paar Wochen kam ich mit meiner Mutter auf diese Begebenheit zu sprechen. Sie erz\u00e4hlte mir, dass E.s Mutter sie viel sp\u00e4ter bei einer Zufallsbegegnung darauf angesprochen habe: Dass sie ihr nie verzeihen habe k\u00f6nnen, wie sie mich seinerzeit nachts und bei diesem Wetter zum Heimweg gezwungen habe. Und da gestand mir meine Mutter, warum sie damals so unerkl\u00e4rlich hart war: Sie hatte kurz zuvor in der Zeitung von einem Prozess gelesen, in dem feine Leute, ein Akademikerpaar, verurteilt worden waren, weil sie ein Nachbarsm\u00e4dchen sexuell missbraucht hatten. Und nun hatte sie Angst um mich gehabt, gerade weil es sich bei E.s Familie um feine Leute handelte. Es war ihr im Nachhinein sehr peinlich. Und ich merkte, dass ich bis zu ihrer Erkl\u00e4rung das schlechte Gewissen gehabt hatte, ich k\u00f6nnte mich an jenem Nachmittag daneben benommen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst war es besonders, dann unglaublich aufregend und eine von den Geschichten, die man noch seinen Enkeln erz\u00e4hlt, doch am Schluss blo\u00df noch saubl\u00f6d: der Nachmittag und Abend bei der feinen Tochter. Wir waren wohl beide in der 6., h\u00f6chsten 7. 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