{"id":630,"date":"2004-11-10T10:47:41","date_gmt":"2004-11-10T09:47:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/11\/90-gotten-married.htm"},"modified":"2022-05-07T09:45:21","modified_gmt":"2022-05-07T07:45:21","slug":"90-gotten-married","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/11\/90-gotten-married.htm","title":{"rendered":"90. Gotten married"},"content":{"rendered":"<p><i>(Eine weitere Geschichte zu <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/10\/beleg-meines-naturspiessertums.htm\">dieser Liste<\/a>.)<\/i><\/p>\n<p>Ich war 1996 sehr arm, weil ich auf eigene Faust promovierte. Doktorandenstellen gibt es in den Geisteswissenschaften praktisch nicht, die eine vorhandene an meiner Provinz-Uni war besetzt. Doktoratsstipendien bekam ich nicht, weil ich mich vorher noch nie um Stipendien beworben hatte. (Als erstes Familienmitglied seit Menschengedenken, das \u00fcberhaupt studieren ging, durchschaute ich das System nicht. Ich hatte es all die Uni-Jahre trotz Spitzennoten f\u00fcr unn\u00f6tig gehalten, mich um ein Stipendium zu bewerben, da ich ja in drei Monaten Semsterferien als Zeitungsredakteurin gut Geld machte. Die Stipendien \u00fcberlie\u00df ich denen, die es aus meiner Sicht n\u00f6tiger hatten \u2013 weil sie zum Beispiel \u00fcber keine Berufsausbildung verf\u00fcgten. Woher h\u00e4tte ich denn wissen sollen, dass Stipendien nichts mit Bed\u00fcrftigkeit zu tun haben?) H\u00e4tte ich mein Promotionsthema politisch und geografisch g\u00fcnstiger gew\u00e4hlt, w\u00e4re vielleicht noch ein lokales Stipendium rausgekommen \u2013 aber ich wollte nunmal \u00fcber ein Thema forschen, das mich wirklich interessierte und von dem ich glaubte, dass es die Welt weiterbrachte.<\/p>\n<p>Geld war also ausgesprochen knapp, mein einziges Einkommen bezog ich aus Englischstunden, die ich Managern \u00f6rtlicher Unternehmen gab.<br \/>\nMein Partner und Geliebter seit drei Jahren absolvierte zu dieser Zeit sein Lehramts-Referendariat weit weg in einer anderen bayerischen Provinzstadt. An Wochenenden wohnte er in einer Altstadt-WG mit einer gemeinsamen Freundin bei mir ums Eck.<\/p>\n<p>Eines Abends sa\u00df er in meinem vor Alter krummen und schiefen Wohnzimmer und informierte mich, verheiratete Referendare bek\u00e4men 500 Mark monatlich zus\u00e4tzlich, nur f\u00fcrs Verheiratetsein. Ah! Das war doch wohl eindeutig der sprichw\u00f6rtliche Silberstreif am Horizont! 250 Mark monatlich f\u00fcr jeden von uns beiden \u2013 damit hatte ich damals fast meine Wohnungsmiete abgedeckt. Ich lie\u00df also meine Augen spitzb\u00fcbisch glitzern und sprach: \u201eLass uns das machen,\u201c womit der Herr einverstanden war. Eine Versorgungsehe, die zudem eine Versetzung des Mannes in die N\u00e4he wahrscheinlicher machte.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nV\u00f6llig ahnungslos wollten wir diesen Spa\u00df nicht angehen. Wir holten uns auf dem \u00f6rtlichen Standesamt eine ausf\u00fchrliche Brosch\u00fcre \u00fcber die Konsequenzen einer Heirat und wie man da \u00fcberhaupt hin kam. Die Konsequenzen sahen wenig abschreckend aus, schon gar nicht f\u00fcr ein Liebespaar. Am\u00fcsiert haben wir uns lediglich \u00fcber den Passus, in dem es hie\u00df, der Ehepartner habe ein Wohnrecht bei seinem \/ seiner Angetrauten \u2013 weil wir doch nicht mal zusammen wohnten.<\/p>\n<p>Dass die Heirat heimlich ablaufen w\u00fcrde, war eh klar \u2013 wir hatten beide keine Lust, uns gegen die Flausen zu wehren, die die Gesellschaft zu diesem Verwaltungsakt im Kopf hat. Als einmalige Gelegenheit sah ich so eine Heirat schon auch. Nur w\u00e4hrend andere das f\u00fcr ihre einzige Chance auf eine Hollywood-Party halten, war es f\u00fcr mich ein unvergleichlicher Anlass f\u00fcr Komik.<\/p>\n<p>Bei der n\u00e4chsten Gelegenheit marschierten wir aufs sp\u00e4tbarocke Standesamt und meldeten uns an (damals wurde noch ein Aufgebot erstellt). Bereits mit meinem binational ausl\u00e4ndischen Namen gab es die \u00fcbliche Gaudi, gemildert durch unseren Hinweis, dass wir beide unsere Namen nach der Eheschlie\u00dfung behalten wollten. Nein, Ringe w\u00fcrden wir auch nicht haben. Nein, eine Ansprache des Standesbeamten wollten wir auch nicht (da wussten wir noch nicht, wie irrelevant dieser Wunsch war).<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Termin, den uns die Verwaltungsangestellte anbieten konnte, war ein Montag im Mai. 11 Uhr? Wunderbar, da konnte ich vorher noch meine Ingenieurgruppe in Englisch unterrichten. Mein Liebster musste den Tag allerdings frei nehmen (damals h\u00e4tten ihm als bayerischem Studienreferendar sogar zwei freie Hochzeitstage zugestanden, die gibt\u2019s mittlerweile nicht mehr).<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter komplizierte sich die Sache ein wenig. Es stellte sich heraus, dass in dem Stammbuch meiner Familie, das im Rathaus meines oberbayerischen Geburtsorts lag, kein Familienname eingetragen war. Ich sollte deshalb meine Geburtsurkunde vorlegen; die aber befand sich in der Schrankwand des elterlichen Wohnzimmers (rechts unten, mittlere Schublade) . Da die Zeit bereits knapp wurde, ben\u00f6tigte ich die Hilfe meines kleinen Bruders: Ich bat ihn telefonisch, im Haus meiner Eltern heimlich diese Urkunde zu beschaffen, mir zu schicken \u2013 und keine weiteren Fragen zu stellen. Br\u00fcderchen tat, wie ihm gehei\u00dfen, legte allerdings einen Zettel bei, auf dem er mich unter Drohungen davor warnte, eine Party ohne ihn zu veranstalten.<\/p>\n<p>Auf dem letzten vorbereitenden Gang zum Standesamt blieben wir kurz auf einem belebten Gehweg stehen, um einander sicherheitshalber nochmal explizit und ernsthaft zu fragen, ob der\/die andere ganz echt ehrlich wirklich am End nicht doch eine Hochzeit oder sowas haben wollte. Nicht dass es sp\u00e4ter Tr\u00e4nen gebe. Nein, wir wollten das wirklich so und nicht anders haben.<\/p>\n<p>Nun mussten wir die Trauzeugen beschaffen, die vor acht Jahren noch Pflicht waren. Wir entschieden uns gegen zuf\u00e4llige Passanten: Es war uns zu unsicher, denn die h\u00e4tten nicht nur ihren Personalausweis dabei, sondern auch Zeit haben m\u00fcssen. Die Vorstellung, zunehmend hektisch irgendwelche Menschen in einer schw\u00e4bischen Innenstadt anzufallen und sie um Trauzeugenschaft anzubetteln, missfiel uns. Also jemand aus unserem Umkreis: Unsere Wahl fiel auf unsere Freundin Petra und unseren Freund Roland, weil beide diskret waren und als Studenten am wahrscheinlichsten Zeit haben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Um die Heimlichkeit der Heirat zu wahren, mussten wir die beiden m\u00f6glichst ahnungslos zum Standesamt lotsen. Bei einem gemeinsamen Kneipenabend zu viert \u00fcberpr\u00fcfte ich schon mal, ob sie ihren Personalausweis immer im Geldbeutel hatten \u2013 ich initiierte einfach das unsterbliche Spiel \u201eWer hat das peinlichere Passfoto\u201c. In der Woche vor dem Termin auf dem Standesamt fragte ich beide unabh\u00e4ngig voneinander, ob sie am n\u00e4chsten Montagvormittag Zeit h\u00e4tten. Als Roland nicht so recht zog, weil er in seinem Studentenjob eigentlich ein paar Stunden nacharbeiten wollte, formulierte ich die Frage neu: \u201eKannst du dir den Montagvormittag frei machen?\u201c Beiden sch\u00e4rfte ich ein, mit niemandem dar\u00fcber zu sprechen und erst mal keine Fragen zu stellen. Sonntagabend w\u00fcrde ich sie anrufen und Details durchgeben. Petra und Roland reagierten lediglich leicht verwundert, aber gelassen.<\/p>\n<p>In dem angek\u00fcndigten sonnt\u00e4glichenTelefonat bat ich die zwei, sich am n\u00e4chsten Tag um Viertel nach neun Uhr in einem Studentencaf\u00e9 in der Innenstadt zum Fr\u00fchst\u00fcck einzutreffen. Mein Hintergedanke war, dass sie bei dieser Gelegenheit ihren Geldbeutel samt Personalausweis bei sich haben w\u00fcrden. Dadurch, dass sie alle Informationen und Anweisungen nur von mir bekommen hatten, w\u00fcrden sie keinen Zusammenhang mit meinem Liebsten herstellen. Und vom Fr\u00fchst\u00fcckslokal aus lie\u00df sich das Standesamt in zehn Minuten zu Fu\u00df erreichen.<\/p>\n<p>Der Morgen meiner Heirat war ein strahlender. Zum Wetter passend kleidete ich mich in wei\u00dfe Jeans und wei\u00dfes Baumwollhemd, dazu schwarzer G\u00fcrtel, schwarze Lederjacke, schwarze Schuhe. Mit dem Rad fuhr ich zu einer nahe gelegenen Fabrik, wo ich in einem Besprechungszimmer im Design der 70-er 30-er wie an jedem Montagmorgen eine Gruppe Ingenieure unterrichtete, Gesch\u00e4ftsenglisch. Am Ende der Doppelstunde entschuldigte ich mich, weil ich ungewohnt p\u00fcnktlich Schluss machte: Ich m\u00fcsse auf\u2019s Standesamt um zu heiraten.<\/p>\n<p>Erst mal radelte ich allerdings \u00fcber das Kopfsteinpflaster der Altstadtgassen zum Fr\u00fchst\u00fcckslokal. Dort warteten bereits die beiden ahnungslosen Trauzeugen samt meinem Liebsten. Der heimliche Br\u00e4utigam hatte so getan, als wisse er von nichts; die Trauzeugen sahen ihn also als ein weiteres Opfer meiner Geheimniskr\u00e4merei. Ab dem Moment, in dem ich die drei in der sonnendurchfluteten Studentenkneipe sah, wie sie im Halbkreis um einen der runden Tische sa\u00dfen und mich mit gro\u00dfen Augen ansahen \u2013 ich f\u00fcrchte, ab diesem Moment war ich nur noch am Feixen.<\/p>\n<p>Wir bestellten, wir fr\u00fchst\u00fcckten, plauderten dabei \u00fcber dies und das. Als ich mit Blick auf die Uhr die Bedienung zum Zahlen herbei bat, lie\u00df ich sie gleich noch mit einer mitgebrachten Kamera ein Foto von uns Vieren aufnehmen. Dann bat ich die kleine Gesellschaft hinaus: Wir m\u00fcssten jetzt zu Roland nach Hause gehen, behauptete ich. Seinen Einwand, bei ihm sei doch aber nicht aufger\u00e4umt, lie\u00df ich einfach nicht gelten. In Wirklichkeit wollte ich ja gar nicht zu ihm: Das Standesamt lag nur zweihundert Meter hinter Rolands Wohnung, und ich wollte die beiden Trauzeugen auf dem Weg dorthin so lange wie m\u00f6glich im Unklaren \u00fcber unser Ziel lassen.<\/p>\n<p>Wir spazierten durch die milde Luft und das Vogelzwitscher eines herrlichen Maitages: Ich fahrradschiebend vorne weg, die anderen drei ratlos plaudernd hinterdrein. Als wir uns Rolands Wohnung n\u00e4herten und er bereits nach dem Schl\u00fcssel kramte, sagte ich: \u201eWar gelogen. Wir m\u00fcssen noch ein St\u00fcck weiter.\u201c Wir bogen um die n\u00e4chste Stra\u00dfenecke und steuerten auf\u2019s Standesamt zu, da h\u00f6rte ich Petra bereits z\u00f6gernd \u201eNein&#8230;\u201c murmeln. Ich sperrte mein Fahrrad ab und \u00fcbergab mit der Geste eines Zirkusdirektors dem Br\u00e4utigam das Wort. Der nahm meine Hand und erkl\u00e4rte: \u201eWir gehen jetzt alle da rein. Und wenn wir in einer halben Stunde wieder raus kommen, vergesst ihr bitte alles, was ihr da drin gesehen und geh\u00f6rt habt.\u201c<\/p>\n<p>In der Inszenierung, die ich vor Augen gehabt hatte, w\u00e4ren Petra und Roland an diesem Punkt in schallendes Gel\u00e4chter ausgebrochen. Doch dazu h\u00e4tte ich sehr deutliche Regieanweisungen geben m\u00fcssen: Die beiden waren starr vor Baffheit. Petra machte mit weit aufgerissenen Augen ein Ger\u00e4usch, das fast ausschlie\u00dflich aus einem dunklen \u201eA\u201c bestand. Roland war katatonisch. Endlich fing Petra wenigstens an zu kichern. An Roland war die einzige sichtbare Ver\u00e4nderung, dass er den Kopf zwischen die Schultern nahm und sowas wie ein L\u00e4cheln versuchte. Aus dieser K\u00f6rperhaltung sollte er die n\u00e4chsten Tage nicht wieder heraus finden.<\/p>\n<p>Im Standesamt erledigten wir noch die Formalit\u00e4t der Trauzeugen-Bestimmung, dann stiegen wir die Prachttreppe in den ersten Stock hoch und stellten uns an eine Wand des gro\u00dfen und bev\u00f6lkerten Vorraums des Trauungszimmers. Hier tobte der Hochzeits-Wahnsinn: Eine wartende Hochzeitsgesellschaft mit Sahnebaiser-Braut (inklusive unruhigen Blumenkindern, aufgedonnerten Schwiegermamas und Fotograf), die M\u00fche hatte, der anderen Hochzeitsgesellschaft Platz zu machen, die kurz darauf mit Sahnebaiser-Braut, Blumen eher legenden als streuenden Blumenkindern, aufgedonnerten Schwiegermamas und Fotograf das Trauungszimmer verlie\u00df.<\/p>\n<p>Wir waren bereits informiert worden, dass sich die Termine nach hinten verschoben hatten (der enge Bezug zum Ignorieren unseres Wunschen nach Weglassen der Ansprache w\u00fcrde sich bald erweisen), also schwelgte ich nur kurz im gegens\u00e4tzlichen Anblick des Hochzeitsgeglitzers und unserer Alltagskleidung, bevor ich vorschlug: \u201eGehen wir noch eine rauchen?\u201c Das machten wir dann auch. Petra kicherte immer noch, unsere Stimmung war sehr heiter \u2013 auch wenn Roland weiterhin lediglich ein verkniffenes L\u00e4cheln beisteuerte.<\/p>\n<p>Das Trauungszimmer war beeindruckend gro\u00df, machte mords was her und bot sicher 50 Personen Platz. Das erkl\u00e4rt vielleicht, warum der unauff\u00e4llige Standesbeamte zun\u00e4chst weniger uns vier anschaute, die wir direkt vor seinem Schreibtisch sa\u00dfen, sondern suchend hinter uns blickte: \u201eEs darf gerne fotografiert werden.\u201c Unsere Heiterkeit stieg, als ich ihm erkl\u00e4rte, dass es keinen Fotografen geben w\u00fcrde. Und so begann der Standesbeamte seinen Monolog, indem er erkl\u00e4rte, wie sch\u00f6n es sei, dass wir ganz offensichtlich gerne und mit Freude hierher gekommen seien. Das sei ja nicht immer so, manchmal habe er da einen ganz anderen Eindruck. (Vor meinem inneren Auge sah ich eine kleine ver\u00e4ngstigte Braut, die immer wieder hinter sich auf die finsteren Typen schaut, die links und rechts neben den beiden Fl\u00fcgeln der Saalt\u00fcr stehen und nur mit M\u00fche die mitgebrachten Pistolen verbergen.) Ich sp\u00fcrte, wie Petra rechts neben mir ein Prusten unterdr\u00fcckte und ihren Blick weg vom Standesbeamten hin zum Fenster hinter ihm wendete. Die n\u00e4chsten 20 Minuten sah sie sicherheitshalber nirgendwo anders mehr hin.<\/p>\n<p>Die Rede des Standesbeamten schweifte in immer gr\u00f6\u00dferen Wahnwitz. Wie kam er blo\u00df nochmal auf das Thema Gentechnik? Ach ja: Es ging darum, dass Menschen verschieden seien und das sei ja auch gut so, denn wenn man sich vorstelle, dass durch das Klonen alle Menschen gleich w\u00fcrden, das sei ja schrecklich etc. etc. Der Mann salbaderte ohne Richtung. Auch Roland hatte es l\u00e4ngst vorgezogen, am Standesbeamten vorbei durch\u2019s Fenster zu schauen. Wir als Brautpaar konnten den immer abstruseren Ausf\u00fchrungen nur unsere Selbstbeherrschung entgegen setzen. Kein Wunder, dass sich die Heiratstermine dieses Vormittags verschoben.<\/p>\n<p>Endlich ging es ans \u201eJa\u201c-Sagen (\u00fcbrigens keineswegs f\u00fcr alle Zeit und das ganze Leben, sowas verlangen nur Religionen) und Unterschreiben. Dann kam Herr Standesbeamter ein wenig ins Rudern, weil er nichts zur Namens\u00e4nderung erkl\u00e4ren musste und nur murmeln konnte: \u201eHmja, die Namen behalten sie also,\u201c und weil es keine Ringe zu tauschen gab. Fertig? Fertig. Drau\u00dfen hatten wir endlich die Gelegenheit, ordentlich abzulachen.<br \/>\nIn einem dunklen B\u00fcro im Erdgescho\u00df vermiesten wir dem Standesamt noch das \u00fcbliche Hochzeitsgesch\u00e4ft, weil wir ihm keines der aufw\u00e4ndigen Familienb\u00fccher abkauften. Wir wollten durch die Heirat Geld machen, nicht ausgeben. Die Heiratsurkunde kam also in einen taubenblauen Pappdeckel.<\/p>\n<p>In der weiterhin strahlenden Sonne machten Petra und Roland von uns noch Hochzeitsfotos, dann musste Petra an die Uni, um ihren Hiwi-Dienst anzutreten und Roland in das B\u00fcro seines Studentenjobs. Der Br\u00e4utigam hatte am Vortag das Grimmsche W\u00f6rterbuch im Sonderangebot gesehen und wollte es kaufen. Ich kam mit, um ihm beim Tragen zu helfen. Danach setzte er sich in den Zug, ich ging heim, um die n\u00e4chste Englisch-Sch\u00fclerin zu unterrichten.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Runde Spa\u00df hatten wir, als wir Monate sp\u00e4ter mit der Information \u00fcber unsere Eheschlie\u00dfung rausr\u00fcckten, immer abwechselnd mal er mal ich. Endlich konnte ich meine Berufung als Dialog-Autorin drittklassiger Sitcoms ausleben.<\/p>\n<p>Zu meinen Eltern brachten wir eine Flasche spanischen Cava der Marke \u201eSegura Viuda\u201c mit (\u00fcbersetzt \u201esichere Witwe\u201c). Mit gef\u00fcllten Gl\u00e4sern standen wir vier um den Esstisch, meine Mutter mit ahnungsvollem Leuchten im Gesicht. Also hub ich an:<br \/>\n\u201eWir haben euch etwas mitzuteilen.\u201c<br \/>\nDas Leuchten im Gesicht meiner Mutter wurde st\u00e4rker.<br \/>\n\u201eWir wollen heiraten.\u201c<br \/>\nMutter quietschte, hob bereits die Arme f\u00fcr eine Umarmung.<br \/>\n\u201eNa ja, das war gelogen.\u201c<br \/>\nAns\u00e4tze von Misstrauen in den m\u00fctterlichen Z\u00fcgen.<br \/>\n\u201eWir haben n\u00e4mlich schon geheiratet.\u201c<\/p>\n<p>Mit seinen Eltern versuchten wir wochenlang einen gemeinsamen Termin zu finden. Als das einfach nicht klappte, bekam seine Mutter die Information eben einzeln. Ihre Reaktion: \u201eAch schade, und dabei wartet die Familie doch schon so lange auf einen Anlass f\u00fcr ein Treffen.\u201c (Damit war der Rest der M\u00f6glichkeit, irgendeine Art von Feier anzuh\u00e4ngen, verloschen.)<\/p>\n<p>Ich \u00fcbernahm \u2013 mittlerweile war es September \u2013 einen gemeinsamen Freund:<br \/>\n\u201eHolger, findest du, dass sich zwischen meinem Freund und mir in den vergangenen Monaten irgendwas ver\u00e4ndert hat?\u201c<\/p>\n<p>Der Mann war etwas sp\u00e4ter bei einer Freundin dran, mit der er gerade an einem Tanzkurs teilnahm:<br \/>\n\u201eAngelika, wann hast du zuletzt mit einem verheirateten Mann getanzt?\u201c<\/p>\n<p>Ein knappes Jahr nach dem Gang zum Standesamt bezogen wir eine gemeinsame Wohnung. Und im Lauf der Jahre wurde tats\u00e4chlich eine Lebenspartnerschaft aus dieser Beziehung, eine Ehe. Aber die Unterschrift auf einem St\u00fcck Papier hatte daran sicher den geringsten Anteil.<\/p>\n<p><i>Nachtrag:<br \/>\nInteressanterweise behauptet der Mitbewohner jetzt, die Idee mit dem Heiraten sei auf seinem Mist gewachsen. Bittesch\u00f6n, in den Kommentaren ist Platz f\u00fcr alternative Versionen.<\/p>\n<p>Nachtrag 2: <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/05\/journal-sonntag-9-mai-2021-silberhochzeit-verpasst.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier unten ein paar Fotos von diesem Tag.<\/a><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ea94b89f44434aae99d21afa4a97bd5a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Eine weitere Geschichte zu dieser Liste.) Ich war 1996 sehr arm, weil ich auf eigene Faust promovierte. Doktorandenstellen gibt es in den Geisteswissenschaften praktisch nicht, die eine vorhandene an meiner Provinz-Uni war besetzt. 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