{"id":64057,"date":"2020-12-30T15:07:58","date_gmt":"2020-12-30T14:07:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=64057"},"modified":"2022-12-20T15:46:28","modified_gmt":"2022-12-20T14:46:28","slug":"buecher-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/12\/buecher-2020.htm","title":{"rendered":"B\u00fccher 2020"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Jahr ergab sich deutlich mehr Zeit zum B\u00fccherlesen als in den Jahren zuvor. Was nur in den letzten beiden Monaten mit der Pandemie zu tun hatte, sonst mit meiner H\u00fcft-Arthrose: Statt ausgiebigem Joggen, Schwimmen oder ganz-, wenn nicht sogar mehrt\u00e4gigem Wandern las ich. Empfehlungen sind mit * markiert, die anderen gefielen mir gut genug, sie bis zu Ende zu lesen.<\/p>\n<p>Mein Lesejahr war gepr\u00e4gt von Marieluise Flei\u00dfer, die mich mit allem beeindruckte, was sie schrieb. Zuf\u00e4llig hingegen war die H\u00e4ufung von Romanen, die im England der ersten H\u00e4lfte 20. Jahrhundert spielten.<\/p>\n<p>Meine gesammelten Buchbesprechungen finden Sie \u00fcbrigens seit einiger Zeit <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/user\/show\/101292062-kaltmamsell\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">auf Goddreads<\/a>.<\/p>\n<p>1 \u2013 Nancy Mitford, <i>The Pursuit of Love<\/i>*<br \/>\nIch war von Anfang an sehr angetan von dieser nach Judith Kerr weiteren und ganz anderen Sicht auf die Zeit Ende der 30er, Anfang der 40er in Europa. Nancy Mitford hat nach eigenen Angaben viel von ihrer eigenen Familiengeschichte f\u00fcr diesen Roman genutzt, in dem der Landadel noch ungebildeter und blasierter dargestellt wird als bei P.G. Wodehouse. Und doch spricht die Erz\u00e4hlerstimme gleichzeitig voller Zuneigung von der Hauptfigur Linda, die im Schloss ihres Vaters aufw\u00e4chst, nie eine Schule besucht &#8211; und so in Zeiten ohne Massenmedien wirklich weltfremd gro\u00df wird. Wir erleben die Zeiten des spanischen B\u00fcrgerkriegs, der Vorkriegszeit in Paris und der Bombenangriffe auf London diesmal \u00fcber die Geschichte einer naiven und r\u00fccksichtslosen Person, die einfach durchs Leben getrieben wird. Das Vorwort meiner Ausgabe (eine Sammelausgabe von drei Mitford-Romanen) ist von Philip Hensher und beginnt:<\/p>\n<blockquote><p>Nancy Mitford&#8217;s novels have always repelled as many people as they have enchanted, and the criticism they have drawn has not often been good-natured in tone.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich jemand an der Frivolit\u00e4t von <i>The Pursuit of Love<\/i> st\u00f6\u00dft, doch in meinen Augen zeichnet der Roman ein wundervolles Sittengem\u00e4lde, umso glaubw\u00fcrdiger, weil die Autorin Teil der direkt und indirekt karikierten Gesellschaftsschicht war.<\/p>\n<p>2 &#8211; Ay\u1ecd\u0300b\u00e1mi Ad\u00e9b\u00e1y\u1ecd\u0300, <i>Stay with me<\/i><\/p>\n<p>3 \u2013 Bov Bjerg, <i>Serpentinen<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/01\/journal-dienstag-21-januar-2020-bov-bjerg-serpentinen.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier ausf\u00fchrlich besprochen.<\/a> Mit wachsendem Abstand gefiel es mir immer besser.<\/p>\n<p>4 \u2013 Ali Smith, <i>Autumn<\/i><\/p>\n<p>5 \u2013 Thomas Bernhard, <i>Der Untergeher<\/i><\/p>\n<p>6 \u2013 Nancy Mitford, <i>Love in a Cold Climate<\/i><\/p>\n<p>7 \u2013 Bov Bjerg, <i>Deadline<\/i><\/p>\n<p>8 \u2013 Marieluise-Flei\u00dfer-Gesellschaft (Hrsg.), <i>Flei\u00dfers Ingolstadt. Eine literarische Topographie<\/i>*<br \/>\nEine Besprechung findet sich <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/02\/journal-donnerstag-13-februar-2020-auf-den-spuren-von-marieluise-fleisser-ali-smith-autumn.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">hier unten<\/a>.<\/p>\n<p>9 \u2013 Granta 150, <i>There Must Be Ways to Organise the World with Language<\/i><\/p>\n<p>10 \u2013 Maya Angelou, <i>I Know Why the Caged Bird Sings<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/03\/journal-montag-9-maerz-2020-maya-angelou-i-know-why-the-caged-bird-sings.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier ausf\u00fchrlich besprochen.<\/a><\/p>\n<p>11 \u2013 Marieluise Flei\u00dfer, <i>Erz\u00e4hlungen<\/i>*<br \/>\nSie haben mich mitgenommen, diese bitteren Geschichten, fast alle aus dem eigenen Leben. Die fr\u00fchesten spielen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten in den 1950ern. Alle sind sie sehr ingolst\u00e4dterisch, nicht nur durch die Ortsmarken: Ich kenne diese kleinen, erb\u00e4rmlichen Leute, meine polnische Gro\u00dfmutter lebte in dieser Gesellschaft.<\/p>\n<p>Es sind W\u00f6rter wie Knochen, die Flei\u00dfer f\u00fcr ihre Texte verwendet, in diesen Erz\u00e4hlungen wie in ihren Dramen. Ein verhochdeutschtes Oberbayerisch, mal aus der Perspektive des M\u00e4dels oder der jungen Frau, aber auch mal aus der Perspektive des Burschen. Starrsinnig und selbsts\u00fcchtig sind sie allesamt, jeder und jede ums eigene \u00dcberleben besorgt. Es gibt kein Erbarmen, keine Gemeinschaft, keine W\u00e4rme, keine Leichtigkeit. Was Wunder, dass Flei\u00dfer in Ingolstadt als Nestbeschmutzerin galt.<\/p>\n<p>12 \u2013 Kathrin Passig, <i>Strom und Vorurteil<\/i><\/p>\n<p>13 \u2013 Aldous Huxley, <i>Brave new world<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/04\/journal-dienstag-31-maerz-2020-aldous-huxley-brave-new-world.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier ausf\u00fchrlich besprochen.<\/a><\/p>\n<p>14 \u2013 Ferdinand von Schirach, <i>Kaffee und Zigaretten<\/i><\/p>\n<p>15 \u2013 Volker Kutscher, <i>Der nasse Fisch<\/i><\/p>\n<p>16 &#8211; Carolin Emcke, <i>Wie wir begehren<\/i><\/p>\n<p>17 \u2013 Matt Ruff, <i>Lovecraft Country<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/04\/journal-dienstag-14-april-2020-matt-ruff-lovecraft-country.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier die ausf\u00fchrliche Besprechung<\/a>, einer meiner Favoriten des Jahres.<\/p>\n<p>18 \u2013 Mark Holt, <i>Munich &#8217;72. The Visual Output of Otl Aicher&#8217;s Dept. XI<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/12\/journal-donnerstag-4-dezember-2020-widerwillen-gegen-inneneinrichtung.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Ausf\u00fchrliche Besprechung hier unten.<\/a><\/p>\n<p>19 \u2013 Granta 151, <i>Membranes<\/i><\/p>\n<p>20 \u2013 Kathrin Passig, Aleks Scholz, <i>Handbuch f\u00fcr Zeitreisende<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/05\/journal-samstag-30-mai-2020-kathrin-passig-aleks-scholz-handbuch-fuer-zeitreisende.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier besprochen.<\/a><\/p>\n<p>21 \u2013 Elizabeth Strout, <i>Olive, again<\/i><\/p>\n<p>22 \u2013 Ted Chiang, <i>Stories of your life and others<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/06\/journal-mittwoch-24-juni-2020-ted-chiang-stories-of-your-life-and-others.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Ausf\u00fchrliche Besprechung hier.<\/a><\/p>\n<p>23 \u2013 Natascha Wodin, <i>Sie kam aus Mariupol<\/i><br \/>\n(<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/07\/meine-probleme-mit-natascha-wodin-sie-kam-aus-mariupol.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mein massives Problem mit diesem Buch habe ich hier beschrieben.<\/a> Ich bin immer noch aufgebracht.)<\/p>\n<p>24 \u2013 Zo\u00eb Beck, <i>Paradise City<\/i>*<\/p>\n<p>25 \u2013 Nancy Mitford, <i>The Blessing<\/i>*<br \/>\nDer dritte Roman des Sammelbands Nancy Mitford in unserem Haus, 1951 ver\u00f6ffentlicht. Wieder spielt er in der frivolen Atmosph\u00e4re der reichen, alteingesessenen Elite Englands und Frankreichs. Im Mittelpunkt diesmal die (auch hier) h\u00fcbsche, aber ungebildete und hohlk\u00f6pfige Grace aus reichem Hause, die im zweiten Weltkriegs den hochadligen Franzosen Charles-Edouard heiratet. Mit dem bald geborenen Sohn ziehen sie nach Paris, wir lesen vom reichen, geselligen Leben dort. Unkonventionell und witzig ist die Titelfigur: Als \u201ethe Blessing\u201c bezeichnet seine Mutter n\u00e4mlich den Sohn Sigismond. Und den baut Mitford zum herrlichen Gegenst\u00fcck des <i>Little lord Fauntleroy<\/i> aus (das St\u00fcck wird explizit erw\u00e4hnt): Als n\u00e4mlich seine Eltern sich trennen (Grace hat ihren Mann im Bett mit einer anderen gesehen) und seine Mutter nach England zur\u00fcckgeht, erkennt der dann siebenj\u00e4hrige Sigismond, dass er in dieser Konstellation das beste Leben hat. Seine beiden Eltern setzen alles daran ihn zu verw\u00f6hnen, er bekommt jeden noch so absurden Wunsch erf\u00fcllt \u2013 w\u00e4hrend die beiden zu guten Zeiten haupts\u00e4chlich miteinander besch\u00e4ftigt waren und wenig Aufmerksamkeit f\u00fcr ihn \u00fcbrig blieb. Als versucht er durch L\u00fcgen und Intrigen sicherzustellen, dass die beiden nicht wieder zueinander finden. Dass ist wunderbar wider die Konventionen solch leichter Romane gemacht und passt zum hintergr\u00fcndig bissigen Tonfall der detaillreichen Schilderungen. Vergn\u00fcgliche Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>26 \u2013 Margaret Atwood, <i>Surfacing<\/i>*<br \/>\nDichte Informationen und Beschreibungen, menschliche Beobachtungen, viele Fakten zum Leben in kanadischer Wildnis \u2013 sehr wahrscheinlich fundiert, Atwood selbst ist in solch einer Umgebung gro\u00df geworden. Eigent\u00fcmliche Sprache, eine eigent\u00fcmliche Perspektive, eine seltsame Hauptfigur, die den Anschluss an die Realit\u00e4t verliert. Einer der wirklich guten Atwoods.<\/p>\n<p>27 \u2013 Kinky Friedman, <i>A Case of Lone Star<\/i><\/p>\n<p>28 \u2013 Stefan Geyer, Andrea Diener (Hrsg.), <i>S\u00fc\u00df, sauer, pur<\/i><\/p>\n<p>29 \u2013 Kent Haruf, <i>Benediction<\/i><\/p>\n<p>30 \u2013 J.L. Carr, <i>How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup<\/i><\/p>\n<p>31 \u2013 James Baldwin, Axel Kaun, Hans-Heinrich Wellmann (\u00dcbers.), <i>Giovannis Zimmer<\/i><\/p>\n<p>32 \u2013 Granta 152, <i>Still Life<\/i><\/p>\n<p>33 \u2013 Halld\u00f3r Laxness, Hubert Seelow (\u00dcbers.), <i>Das gute Fr\u00e4ulein<\/i><\/p>\n<p>34 \u2013 George Orwell, <i>Nineteen Eighty-Four<\/i>*<\/p>\n<p>35 &#8211; Karosh Taha, <i>Im Bauch der K\u00f6nigin<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/09\/journal-samstag-19-september-2020-ersatzoktifestchen-und-karosh-taha-im-bauch-der-koenigin.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier unten besprochen.<\/a><\/p>\n<p>36 \u2013 Polly Hobson, Katharina Boje (\u00dcbers.), <i>F\u00fcnf Kugeln im Kamin<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/09\/journal-sonntag-20-september-2020-schofar-erfahrung-und-fuenf-kugeln-in-kamin.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Sehr erfreuliche R\u00fcckkehr zu einem Liebling meiner sp\u00e4ten Kindheit.<\/a><\/p>\n<p>37 \u2013 Ir\u00e8ne N\u00e9mirovsky, <i>Die Familie Hardelot<\/i><\/p>\n<p>38 &#8211; Susanna Schwager, <i>Die Frau des Metzgers<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/09\/journal-dienstag-29-september-2020-arbeit-von-daheim-und-susanna-schwager-die-frau-des-metzgers.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Hier besprochen.<\/a><\/p>\n<p>39 \u2013 Rebecca Makkai, <i>The Great Believers<\/i>*<br \/>\nEin weiterer Favorit des Jahres, <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/10\/journal-freitag-9-oktober-2020-gelassenheit-und-rebecca-makkai-the-great-believers.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">hier besprochen<\/a>.<\/p>\n<p>40 &#8211; Connie Willis, <i>Doomsday Book<\/i><\/p>\n<p>41 \u2013 Mary Wesley, <i>The Camomile Lawn<\/i><\/p>\n<p>42 \u2013 Celeste Ng, <i>Little Fires Everywhere<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/10\/journal-samstag-24-oktober-2020-klinikweihnachten-und-celeste-ng-little-fires-everywhere.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Ausf\u00fchrliche Besprechung hier.<\/a><\/p>\n<p>43 \u2013 <del>Alicia<\/del> Alice LaPlante, <i>Turn of Mind<\/i>*<br \/>\nDie Grundidee ist wirklich gut und hervorragend umgesetzt: Wir begleiten den ganzen Roman \u00fcber Dr. Jennifer White aus Ich-Perspektive, eine orthop\u00e4dische Chirurgin in Ruhestand. Das Besondere an dieser Perspektive: Jennifer ist dement, die Geschichte wird mit ihren verworrenen Alzheimer-Schnipseln erz\u00e4hlt. Und: Ihr wird offensichtlich vorgeworfen, dass sie ihre beste Freundin Amanda ermordet hat, ihr anschlie\u00dfend mit chirurgischer Kunstfertigkeit vier Finger einer Hand entfernt. Wir folgen Jennifer durch bessere Tage, an denen sie mit ihren beiden erwachsenen Kindern halbwegs vern\u00fcnftig kommunizieren kann, durch die immer h\u00e4ufigeren schlechten Tage, an denen sie v\u00f6llig ohne Orientierung ist, manchmal triggern Details Erinnerungen an ihre Vergangenheit und wir erfahren dadurch Vorgeschichte. Im selben Ma\u00df, in dem Jennifer in ihrer Erkrankung versinkt (jetzt lebt sie l\u00e4ngst in einem Pflegeheim), wird die implizite Erz\u00e4hlerstimme deutlicher und \u00fcbernimmt, l\u00e4sst die anderen Romanfiguren genug sagen, um den Fall schlie\u00dflich aufzukl\u00e4ren. <\/p>\n<p>44 \u2013 James Rebanks, <i>English Pastoral<\/i>*<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2020\/11\/journal-mittwoch-4-november-2020-verschwitzter-mund-nasen-schutz.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Mehr dazu hier unten.<\/a><\/p>\n<p>45 \u2013 Marieluise Flei\u00dfer, <i>Eine Zierde f\u00fcr den Verein<\/i>*<br \/>\nDie erste Fassung von Flei\u00dfers einzigem Roman erschien 1931, er spielt sehr erkennbar und \u00f6rtlich verwurzelt in meiner Geburtsstadt Ingolstadt.<\/p>\n<p>Die Geschichte des jungen Gustl Gillich, aus dessen Perspektive meist erz\u00e4hlt wird, stadtber\u00fchmter Schwimmer, der gerade seinen eigenen Tabakladen er\u00f6ffnet hat. Der Frieda Geier kennenlernt, eine selbst\u00e4ndige junge Frau, die als Handelsvertreterin nicht nur f\u00fcr ihren eigenen Lebensunterhalt sorgt, sondern auch die Schulbildung ihrer j\u00fcngeren Schwester finanziert. Die karge und wortarme Romanze zwischen den beiden geht nicht gut.<\/p>\n<p>Sperrig und eigent\u00fcmlich erz\u00e4hlt Flei\u00dfer ihre Geschichte und ihre Figuren, unrund und \u00fcberhaupt nicht gef\u00e4llig \u2013 doch geh\u00f6rt das genau so. Die Bilder, die Flei\u00dfer mit W\u00f6rtern erzeugt (deren Schreibung sie oft wider orthografische Regeln ver\u00e4ndert), erinnerten mich immer wieder an expressionistische Malerei (nicht an expressionistische Literatur): Die zugefrorene Donau, \u00fcber deren tauende Schollen ein Bub springt \/ wie ein paar Schwimmvereinsburschen nachts den Pionieren am K\u00fcnettegraben Balken vom Br\u00fcckenbau stehlen \/ der Tabakh\u00e4ndler, der an einem Wintermorgen hinter den Eisblumen seines Schaufensters verschwindet.<br \/>\nWie viel sie immer miterz\u00e4hlt! B\u00fccher aus lang vergangenen Zeiten transportieren ja immer sehr viel Hintergrundinfo, weil sie aus einer anderen Welt kommen, doch das ist meist eine unbeabsichtigte Nebenwirkung. Flei\u00dfer aber will ganz viel miterz\u00e4hlen: Stra\u00dfen, H\u00e4user, Landschaft, wie es auf dem Wochenmarkt zugeht, wo der Zug nach Passau entlang f\u00e4hrt. Scharfsichtig wie eine Magnum-Fotografin h\u00e4lt sie bedeutsame Momente fest, die f\u00fcr eine Zeit und eine Gesellschaft stehen.<\/p>\n<p>46 \u2013 John le Carr\u00e9, <i>Tinker Tailor Soldier Spy<\/i><\/p>\n<p>47 \u2013 Alina Bronsky, <i>Der Zopf meiner Gro\u00dfmutter<\/i><\/p>\n<p>48 \u2013 Eva Meijer, Hanni Ehlers (\u00dcbers.), <i>Das Vogelhaus<\/i> <\/p>\n<p>49 &#8211; Granta 153, <i>Second Nature<\/i><\/p>\n<p>50 \u2013 \u00c9ric Vuillard, Nicola Denis (\u00dcbers.), <i>Die Tagesordnung<\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/1287eefba254433083c644a8d03b2597\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Jahr ergab sich deutlich mehr Zeit zum B\u00fccherlesen als in den Jahren zuvor. 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