{"id":65575,"date":"2021-02-27T08:08:37","date_gmt":"2021-02-27T07:08:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=65575"},"modified":"2023-02-06T16:42:47","modified_gmt":"2023-02-06T15:42:47","slug":"journal-freitag-26-februar-2021-auf-dem-weg-zur-neuen-wohnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/02\/journal-freitag-26-februar-2021-auf-dem-weg-zur-neuen-wohnung.htm","title":{"rendered":"Journal Freitag, 26. Februar 2021 &#8211; Auf dem Weg zur neuen Wohnung"},"content":{"rendered":"<p>Weitere unruhige Nacht, zumindest ohne deutliche Pausen. Zerschlagen um f\u00fcnf aufgewacht, bis Weckerklingeln geruht. Den ganzen Tag \u00fcber f\u00fchlte ich mich in der Arbeit bleiern, aber hilft ja nix.<\/p>\n<p>Bevor ich ins B\u00fcro aufbrach, wollte ich die beiden Klos in der neuen Wohnung mit Papier ausstatten (ich hatte am Vorabend gesehen, dass es ausging) &#8211; und begegnete dort den Handwerkern, f\u00fcr die es gedacht war. Kurzer Ratsch.<\/p>\n<p>Seit Anfang des Jahres komme ich morgens am Corona-Testzentrum auf der Theresienh\u00f6he vorbei, das Pandemie-bedingt geschlossene Verkehrsmuseum wird daf\u00fcr genutzt. Und mit der Zeit glaubte ich eine Korrelation zwischen L\u00e4nge der Schlange davor und den M\u00fcnchner Infektionszahlen in den darauffolgenden Tagen zu erkennen. Wenn ich damit richtig liege, macht mir die L\u00e4nge gestern Morgen Angst. (ICH WILL IMPF!)<\/p>\n<p>Arbeitstag ohne Auff\u00e4lligkeiten. Als Mittagessen gab es einen Apfel und ein gro\u00dfes St\u00fcck Schneekuchen. Wetter weiter sonnig und mild, ein wenig k\u00fchler als am T-Shirt-Donnerstag.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlicher Feierabend, auf dem Heimweg kurzer Einkaufsabstecher f\u00fcr Obst.<\/p>\n<p>Daheim machte ich mich sofort an Umzugs-vorbereitendes Schrubben von K\u00fcchenteilen. Wie verabredet brachte die Bruderfamilie auf der Durchfahrt zu einem Wochenendausflug mit dem Auto einen Teppich, Kleinm\u00f6bel und Werkzeug vorbei. Wir zeigten die leere neue Wohnung vor und tr\u00e4umten von einer gemeinsamen Nutzung f\u00fcr Feiern.<\/p>\n<p>Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl nochmal seine Guacamole mit Nachos und dann ein Goa-Fischcurry mit wunderbar saftigen Fischst\u00fccken. Dazu gab es einen spanischen Sauvignon. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Vielleicht muss ich mir eingestehen, dass der Wechsel der Home Base nach 21 Jahren mein befindliches Gesamtsystem doch mehr mitnimmt, als die Vernunft es bei einem Umzug <i>im selben Haus!<\/i> vorausgesehen h\u00e4tte. Dabei wei\u00df ich, wie wichtig Wohnen f\u00fcr mich ist, der durch und durch vertraute Ort, an dem ich nur mit mir selbst zu tun habe und am wenigsten angestrengt einfach sein kann. Und jetzt steigt wieder die Furcht auf, dass hinter dem robusten Haudegen, als der ich mich einordne, ich Wirklichkeit ein komplett unbelastbares Prinzesschen auf der Erbse steckt.<\/p>\n<p>Im Bett las ich weiter in meiner aktuellen Lekt\u00fcre, Anke Stellings Roman <i>Bodentiefe Fenster<\/i>. Mich nahm ihre bittere Hilflosigkeit mit. Bereits nach den ersten Kapiteln habe ich den Verdacht, dass die Schilderungen des Lebens in einem Mehrgenerationenhaus in Berlin einerseits realistisch sind, ich andererseits nicht mitbekomme, welche Wertung die Darstellung impliziert: Diese Art des Erwachseins, das Kinderhaben definitorisch einschlie\u00dft, inklusive Aussicht auf Enkelkinderhaben, war mir immer sehr fern. So fern, dass es f\u00fcr mich nie &#8220;eine Entscheidung gegen Kinder&#8221; gab. Weshalb ich mich auch nie mit der Ausgestaltung dieser klassischen Art des Erwachsenseins besch\u00e4ftigt habe und davon ausgehe, dass die Leute sich das halt so ausgesucht haben, wie sie es leben &#8211; Menschen sind verschieden. (Politisch m\u00f6chte ich aber schon, dass es daf\u00fcr m\u00f6glichst gro\u00dfe Wahlfreiheit gibt und dass den Kindern, die ja per Definition kein Mitspracherecht bei der Beteiligung durch Geborenwerden hatten, nichts B\u00f6ses geschieht.) Mit all den Zw\u00e4ngen und all der Zerrissenheit, die Stellings Hauptfigur Sandra lebt, stelle ich mir das vor: eigene Familie zu haben.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Passgenau zu meiner aktuellen Lekt\u00fcre: Ein Essay von Daniela Dr\u00f6scher \u00fcber die deutsche Mittelklasse &#8211; Begriff, Definition, aktuelle Entwicklung.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2021-02\/mittelschicht-klassengesellschaft-marx-norm-reichtum-armut-corona-pandemie-10nach8\/komplettansicht?\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Ich bin zwar privilegiert, aber immerhin nicht reich'&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Mittelschicht&#8221; erscheint auf den ersten Blick auch deshalb angemessener, weil die Mittelklasse nach Karl Marx eine Klasse ohne Bewusstsein von sich ist. Eine Klasse lebt, anders als die Schicht, von einem Wir-Gef\u00fchl.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Das einzige verbindende \u2013 aber sehr wesentliche \u2013 Kriterium ist die Lohnabh\u00e4ngigkeit. Die Abwesenheit von nennenswertem Kapital, also Besitz und Anlagen. Angeh\u00f6rige der lohnabh\u00e4ngigen Mittelklasse, die aufh\u00f6ren zu arbeiten, m\u00fcssen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Sozialleistungen in Anspruch nehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>In der alten Mittelklasse garantieren Flei\u00df und solide Arbeit den Erfolg. Lebensideale sind ein geregeltes Auskommen, ein Eigenheim, eine sichere Rente. In der neuen hingegen dominiert das Ideal des Besonderen; die harten W\u00e4hrungen sind Einzigartigkeit und Originalit\u00e4t. Erstrebenswerter als materielle Statussymbole sind Zust\u00e4nde der Sinnhaftigkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/894a86c94b1e4ad089e0c1c7dfe1a499\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weitere unruhige Nacht, zumindest ohne deutliche Pausen. Zerschlagen um f\u00fcnf aufgewacht, bis Weckerklingeln geruht. Den ganzen Tag \u00fcber f\u00fchlte ich mich in der Arbeit bleiern, aber hilft ja nix. 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