{"id":65806,"date":"2021-03-08T06:39:11","date_gmt":"2021-03-08T05:39:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=65806"},"modified":"2021-03-08T10:44:14","modified_gmt":"2021-03-08T09:44:14","slug":"journal-sonntag-7-maerz-2021-zwischen-ausruhen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/03\/journal-sonntag-7-maerz-2021-zwischen-ausruhen.htm","title":{"rendered":"Journal Sonntag, 7. M\u00e4rz 2021 &#8211; Zwischen-Ausruhen"},"content":{"rendered":"<p>Von gestern gibt es erfreulich wenig zu erz\u00e4hlen, es war Zeit f\u00fcr Ausruhen.<\/p>\n<p>Nochmal eine gute Nacht, wieder gr\u00fc\u00dfte morgens ein Halbmond \u00fcber den B\u00e4umen vorm Fenster, allerdings deutlich weiter links.<\/p>\n<p>In aller Ruhe Morgenkaffee, nach Duschen und Anziehen ging es weiter mit Umzug: Das Kammerl in der alten Wohnung musste ausger\u00e4umt, ein Platz f\u00fcr Putzmittel und -ger\u00e4t gefunden werden, ebenso eine vor\u00fcbergehende Heimat f\u00fcr meine Schuhe. Ich fegte ein wenig in der alten Wohnung herum, gr\u00fcndliches Saugen gibt es erst, wenn wirklich alles leer ist. Eine gro\u00dfe Erleichterung f\u00fcr uns: Da die Wohnung grundsaniert wird, m\u00fcssen wir keine L\u00f6cher in den W\u00e4nden verspachteln.<\/p>\n<p>Ich ging raus und holte Fr\u00fchst\u00fccksemmeln, es war kalt und trocken. Zwei Semmeln, Birne und Mandarine (ziemlich trocken, die Saison ist vorbei) zum Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>In der neuen Wohnung best\u00fcckte ich einen weiteren Schrank &#8211; vorl\u00e4ufig, der kommt bei verf\u00fcgbarem Einbauschrank in meinem Zimmer woanders hin mit neuer Funktion. Dann war genug umgezogen f\u00fcr einen Sonntag, ich las die Wochenendzeitung auf einem Sessel am Fenster zwischen B\u00fccherkisten.<\/p>\n<p>Erste M\u00f6bel bestellt (neue B\u00fccherschr\u00e4nke mit Glast\u00fcren f\u00fcrs Wohnzimmer), Lieferzeit f\u00fcnf bis sieben Wochen.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcndchen geb\u00fcgelt; ich bin gespannt, wo sich in der dann eingerichteten Wohnung mein B\u00fcgelplatz ergeben wird. Liegengebliebene Zeitungen gelesen.<\/p>\n<p>Nachtmahl wurde ein Kartoffelauflauf aus Ernteanteilkartoffeln, Zubereitung arbeitsgeteilt: Ich kochte und pellte die Kartoffeln, Herr Kaltmamsell stapelte, \u00fcbergoss und buk (neuer Ofen noch verwirrend) sie zu Auflauf. Schmeckte in Ordnung, Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Lange dachte ich, dass Meritokratie demokratisch sei, weil sie nach meiner Auffassung Aufstieg durch Anstrengung, Flei\u00df und Engagement bedeutete &#8211; mit dem Ergebnis, dass die Personen an die Spitze der Gesellschaft kamen, die sich besonders verdient gemacht hatten um die Gesellschaft. Ein Trugschluss, allein schon weil es keinen objektiven Ma\u00dfstab f\u00fcr Leistung oder Verdienst gibt.<\/p>\n<p>Ein Schl\u00fcsselmoment war, als ich eine besonders leistungsorientierte Frau aus gutem Hause sagen h\u00f6rte, dass sie sich um ihr kleines Kind gar keine Sorgen mache: Selbst wenn es sich als faul und unbegabt erweisen sollte, h\u00e4tte sie so gute Verbindungen, dass sie ihm sicher ein gutes Auskommen verschaffen k\u00f6nne. Herkunft schl\u00e4gt (mit wenigen, dann oft erz\u00e4hlten Ausnahmen) Verdienste im Gro\u00dfen wie im Kleinen, an jedem Schritt im Leben.<\/p>\n<p>In <i>Republik<\/i> macht sich Daniel Binswanger gr\u00fcndlichere Gedanken um Ursprung (eine Dystopie!) und Auswirkung des Konzepts Meritokratie und fasst die \u00dcberlegungen zusammen, die sich andere darum gemacht haben (Schreibung Schweizerisch):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2021\/02\/06\/gegen-die-meritokratie\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Gegen die Meritokratie&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Was genau ist also Meritokratie? Es ist die Herrschaft derer, die es auch verdienen zu herrschen. Etwas technischer ausgedr\u00fcckt: die Hierarchisierung der Gesellschaft gem\u00e4ss dem objektiven Verdienst ihrer Mitglieder, gem\u00e4ss ihren F\u00e4higkeiten und Qualifikationen \u2013 oder eben ihren Meriten. Etymologisch leitet der Begriff sich ab vom lateinischen meritum, was Verdienst bedeutet. Praktisch bedeutet er etwas Simples: Die Hoch\u00adqualifizierten und Kompetenten sollen oben in der Hierarchie stehen. Die Niedrig\u00adqualifizierten und nicht durch geistige Brillanz Auffallenden sollen sich mit einem Platz am unteren Ende begn\u00fcgen. Moralisch bedeutet dieses einsichtige Organisations\u00adprinzip jedoch noch etwas anderes: Wer oben steht in einer solchen Hierarchie, der hat es auch verdient.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Es ist grossartig, wenn Talent sich entfalten kann und wenn die F\u00e4higen und Hochqualifizierten gesch\u00e4tzt, gef\u00f6rdert und mit allen Mitteln vor Diskriminierung gesch\u00fctzt werden. Aber eine Frage wird damit nicht beantwortet: Was geschieht mit den weniger hoch Qualifizierten und den weniger F\u00e4higen? Mit denen, die die Mehrheit bilden? Sie sind in der Tat \u00abmoralisch nackt\u00bb. Dass sie in der meritokratischen Hackordnung auf der Verlierer\u00adseite stehen, haben sie sich selber zuzuschreiben. Die Gesellschaft teilt ihnen nicht nur ein bescheideneres Los zu, sie straft sie mit Verachtung. Worauf soll der Respekt auch gr\u00fcnden f\u00fcr B\u00fcrgerinnen, die aus eigener Schuld, in eigener Verantwortung und aller wohlmeinenden F\u00f6rderung zum Trotz Heraus\u00adragendes nicht leisten k\u00f6nnen?<\/p><\/blockquote>\n<p>(An diesem Problem kaue ich seit Jahren unter <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/10\/wohin-mit-unseren-deppen.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Wohin mit unseren Deppen?&#8221;<\/a>)<\/p>\n<blockquote><p>Elite\u00aduniversit\u00e4ten sind nicht das Sprung\u00adbrett f\u00fcr sozialen Aufstieg, sondern der Ort, an dem soziale Privilegien von einer Generation zur n\u00e4chsten transferiert werden. Und das eigentliche Problem dabei ist, dass dies nicht haupts\u00e4chlich auf \u00abgekaufte\u00bb Studien\u00adpl\u00e4tze zur\u00fcck\u00adgef\u00fchrt werden kann, sondern vielmehr darauf, dass die meritokratischen Selektions\u00adkriterien tats\u00e4chlich respektiert werden.<\/p>\n<p>Die amerikanische Oberschicht ist n\u00e4mlich dazu \u00fcbergegangen, enorme Summen in die Ausbildung ihres Nachwuchses zu investieren. Das beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf den Zugang zu Privat\u00adschulen, die ihren Abg\u00e4ngern einen Startvorteil verschaffen, sondern erstreckt sich auch auf das jahrelange Coaching f\u00fcr die College-Aufnahme\u00adpr\u00fcfungen, das mittlerweile noch teurer werden kann als das Studium selber.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>\u00abDer meritokratische Erfolg hat eine paradoxe moralische Psychologie\u00bb, schreibt Sandel. \u00abKollektiv und im R\u00fcckblick betrachtet, erscheint sein Resultat, wenn man sich die erdr\u00fcckende Dominanz von Kindern aus reichen Haushalten an Elite\u00aduniversit\u00e4ten ansieht, fast vorher\u00adbestimmt. Aber f\u00fcr diejenigen, die mitten im hyper\u00adkompetitiven Kampf um die Zulassung zum Studium stehen, ist es unm\u00f6glich, Erfolg als etwas anderes zu betrachten als das Ergebnis ihres ganz individuellen Efforts und ihrer ganz pers\u00f6nlichen Leistung.\u00bb<\/p>\n<p>Es ist gewissermassen das Leitmotiv von Sandels Buch: Die Meritokratie erzeugt tats\u00e4chlich leistungs\u00adbereite und f\u00e4hige Eliten, die aber selbstgerecht und \u00fcberheblich werden. Sie ist eine permanente Aufforderung zur moralischen Hybris. Und das schafft politische Fakten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine m\u00f6gliche Konsequenz zieht John Rawls, der philosophischen \u00dcbervater des Links\u00adliberalismus:<\/p>\n<blockquote><p>Es macht im Prinzip gar keinen Unterschied, ob soziale Hierarchien auf Klassen\u00adunterschieden oder auf der nat\u00fcrlichen Verteilung von F\u00e4higkeiten beruhen: \u00abVon einem moralischen Standpunkt aus betrachtet ist beides gleich arbitr\u00e4r.\u00bb Deshalb gibt es f\u00fcr Rawls auch kein Argument dagegen, dem T\u00fcchtigen einen Teil seines Einkommens wieder abzunehmen und es an die weniger T\u00fcchtigen zu verteilen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wichtige Beobachtung vor allem wenn es um die Zukunft der Arbeit geht:<\/p>\n<blockquote><p>Thomas Frank, der schon 2004 ein wichtiges Buch \u00fcber den heraufziehenden Rechtspopulismus publiziert hat und den Sandel ausf\u00fchrlich zitiert, f\u00e4llt ein harsches Urteil \u00fcber die linksliberale Bek\u00e4mpfung der Ungleichheit durch Bildungs\u00adpolitik: \u00abDas ist im Grunde gar keine Antwort auf das Problem. Es ist ein blosses moralisches Urteil, gef\u00e4llt von erfolgreichen Menschen vom Stand\u00adpunkt ihres Erfolges aus. Die akademische Mittel\u00adschicht definiert sich durch ihre Ausbildungs\u00aderfolge, und jedes Mal, wenn sie dem Land wieder erkl\u00e4rt, dass es mehr Bildung braucht, sagt sie im Grunde nur: Die Ungleichheit ist nicht der Fehler des Systems. Sie ist dein Fehler.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/RoyAlbatrossCam\/status\/1368153295634636804\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dieser Link ist ganz speziell f\u00fcr meinen Bruder, einst alias Libellchen.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/262ee63a038f474da58250767a66f03a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von gestern gibt es erfreulich wenig zu erz\u00e4hlen, es war Zeit f\u00fcr Ausruhen. 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