{"id":6636,"date":"2010-02-04T16:03:46","date_gmt":"2010-02-04T15:03:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=6636"},"modified":"2013-02-08T18:43:59","modified_gmt":"2013-02-08T17:43:59","slug":"antonio-munoz-molina-der-polnische-reiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/02\/antonio-munoz-molina-der-polnische-reiter.htm","title":{"rendered":"Antonio Mu\u00f1oz Molina, <i>Der polnische Reiter<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>So lange habe ich schon lange an keinem Buch mehr gelesen. Doch von <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/\" target=_new>Anke Gr\u00f6ner<\/a> habe ich gelernt, dass man \u00fcber ein Buch auch schon mittendrin bloggen kann (ich bin auf Seite 544).<\/p>\n<p><i>Der polnische Reiter<\/i> wurde als <i>El jinete polaco<\/i> von Antonio Mu\u00f1oz Molina geschrieben und von Willi Zurbr\u00fcggen ins Deutsche \u00fcbersetzt. Von Mu\u00f1oz Molina hatte ich f\u00fcrs Studium <i>Beatus Ille<\/i> gelesen (bei einem Professor f\u00fcr spanische Literatur, der letztes Jahr mit 59 Jahren \u00fcberraschend starb, im selben Alter \u00fcbrigens, in dem bereits elf Jahre zuvor mein Professor f\u00fcr englische Literaturwissenschaft ebenso \u00fcberraschend gestorben war. Vielleicht liegt ja ein Fluch darauf, mich in Literaturwissenschaft zu unterrichten.). Der Herr, Jahrgang 1956, gilt als einer der wenigen literarischen Vergangenheitsverarbeiter Spaniens, einer Nation, die erst jetzt, in der Enkelgeneration, anf\u00e4ngt, sich mit B\u00fcrgerkrieg und Franco-Diktatur so richtig auseinander zu setzen. Ich habe mir das immer mit der Natur von B\u00fcrgerkriegen erkl\u00e4rt: Die Gr\u00e4ben verliefen 1936 bis 1939 buchst\u00e4blich durch die Familien \u2013 und das nicht unbedingt aus ideologischen Gr\u00fcnden: Sowohl die eine also auch die andere kriegsf\u00fchrende Partei zog rekrutierend \u00fcbers Land. Die einen nahmen den einen Bruder mit und lie\u00dfen ihn f\u00fcr sich schie\u00dfen, die anderen den anderen. In meiner ohnehin Geschichten-armen spanischen Familie wird sowas angedeutet; geredet wurde \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg nie. Die Wunden, die der spanische B\u00fcrgerkrieg innerhalb der Gesellschaft geschlagen hatte, waren vielleicht so tief, dass die Leute nach Ende der Franco-Diktatur (die, wohlgemerkt, durch den Tod des Diktators beendet wurde, nicht etwa durch ein politisches Aufbegehren) alle Chancen im Blick nach Vorne sahen und die Vergangenheitsverdr\u00e4ngung der Franco-Jahre begeistert weiterf\u00fchrten. Denn anders als erwartet, sprangen in der neuen Demokratie Spaniens aus den Schubladen von Schriftstellern nicht etwa massenhaft geheim gehaltene, regimekritische Manuskripte \u2013 da war nichts. Es dauerte eine ganze Reihe von Jahren, bis die Kunst soweit war, sich des Themas anzunehmen.<\/p>\n<p>Am <i>polnischen Reiter<\/i> (erschienen 1991) lese ich zum einen deshalb so lange, weil es ein sehr dickes Buch ist: 700 Seiten, kleine Schrift, lange Kapitel. Zum anderen aber, weil die Geschichte sehr dicht ist: Sie enth\u00e4lt praktisch keine weitschweifigen Beschreibungen, kein Vor-sich-hin-Gebrabbel, das ich absatzweise \u00fcberfl\u00f6ge. Der rote Faden des Romans wird gekn\u00fcpft aus einem Ort und einer Person: Dem fiktiven s\u00fcdspanischen M\u00e1gina und Manuel, der nach dem Krieg als Sohn von Feldarbeitern in M\u00e1gina aufw\u00e4chst. Der Roman beginnt mit Liebesszenen zwischen dem erwachsenen Mann Manuel und der etwa gleichaltrigen Nadia; und immer wieder ziehen sie aus einem Koffer in der Wohnung, dem Koffer des \u00f6rtlichen Fotografen Ramiro Retratista,  alte Fotos. In R\u00fcckblicken wird die Geschichte einiger der Personen auf diesen Fotos erz\u00e4hlt, doch nie linear, oft personal, oft aus der Perspektive Manuels, manchmal aus auktorialer Perspektive, oft sehr impressionistisch anhand intensiver Sinneseindr\u00fccke. Die S\u00e4tze scheinen endlos \u2013 und bewirken einen tranceartigen Zustand, der dem Versinken in Erinnerungen gleicht, inklusive Assoziationen und Gef\u00fchlen. Den Hintergrund dieses Gewebes bildet Spanien zwischen etwa 1930 und der Gegenwart des Buches.<\/p>\n<p>Jede Seite des Romans fesselt mich, wahrscheinlich aus sehr pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden. Das beginnt mit der Sprache. Mein Spanisch ist leider bei Weitem nicht gut genug, dass ich den Roman im Original lesen k\u00f6nnte. Doch habe ich genug Spanien- und Spanischkenntnisse, dass das Original st\u00e4ndig durch die \u00dcbersetzung hindurchscheint, vor allem bei eigentlich un\u00fcbersetzbaren Details. Wenn es von einem sehr alten Mann hei\u00dft, er kleckere beim Trinken nie, nicht einmal wenn er \u201edirekt aus dem Krug\u201c trinke \u2013 dann wei\u00df ich eben, dass mit \u201eKrug\u201c ein <a href=\"http:\/\/images.google.de\/images?q=%22porron%22&#038;um=1&#038;ie=UTF-8&#038;ei=q-BqS4CrM5_kmgO5l7jUBA&#038;sa=X&#038;oi=image_result_group&#038;ct=title&#038;resnum=4&#038;ved=0CCQQsAQwAw\" target=_new><i>porr\u00f3n<\/i><\/a> gemeint ist, aus dem man das Getr\u00e4nk ohne Ber\u00fchrung direkt in den Mund sch\u00fcttet (aus dem ich nie anst\u00e4ndig trinken konnte, so oft ich als Kind in den Sommerferien auch heimlich hinterm Haus meiner spanischen <i>Yaya<\/i> \u00fcbte). Oder das Kohlenbecken unter dem Tisch, von dem st\u00e4ndig die Rede ist: Es handelt sich um einen <i>brasero<\/i>. Selbst habe ich nie einen im Einsatz erlebt \u2013 das mag daran liegen, dass ich bis vor wenigen Jahren nur im Sommer in Spanien war. Aber ich erinnere mich, dass alte Esstische etwa 20 cm \u00fcber dem Boden ein Brett hatten, deutlich kleiner als die Tischoberfl\u00e4che, mit einer gro\u00dfen runden Aussparung. Dort hinein, so erz\u00e4hlte man mir, kam im Winter ein metallenes Becken voll gl\u00fchender Kohle. \u00dcber den Tisch wurde eine Decke gelegt, die bis zum Boden reichte; wer es warm haben wollte, setzte sich an den Tisch mit den Beinen unter der Decke. Soweit zur Ingenieurskunst in einem Land, das durchaus bitterkalte Winter kennt.<\/p>\n<p>Lange Passagen des Romans spielen in einer geradezu archaischen Welt. Die schiere Last der Existenz, die die Menschen durch ein Netz gesellschaftlicher Fesseln erkl\u00e4rbar machen: Armut, aus der man sich nicht zu befreien hat, entsetzlich schwere k\u00f6rperliche Arbeit, die Kinderknochen verbiegt und M\u00e4nner noch am Abendbrottisch vor Ersch\u00f6pfung einschlafen l\u00e4sst. Das erm\u00fcdende Ritual des Werbens zwischen den Geschlechtern, in dem jedes Detail so strikt vorgegeben ist wie in der Liturgie einer katholischen Messe. Alle leiden darunter, doch zumindest k\u00f6nnen sie jederzeit erkl\u00e4ren, woraus die Last des Lebens besteht. Von der Mutter Manuels hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Die Vermutung einer unwillentlich auf sich geladenen Schuld und die Furcht, ohne Erkl\u00e4rung bestraft zu werden, wirkten wie eine unaufh\u00f6rliche Erpressung auf ihre Seele.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das komplizierte Verh\u00e4ltnis der Generationen mit seiner Zerrissenheit zwischen Verpflichtung und Freiheitsdrang, Erwachsenwerden im Andalusien der 70er, Freundschaften, die lange Pausen \u00fcberdauern, Abtr\u00fcnnigkeit, die sich unter perfekter Stromlinienform verbirgt \u2013 ich bilde mir ein, das vergangene Spanien durch diesen Roman besser zu verstehen. Meine Distanz zum heutigen Spanien aber bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lange habe ich schon lange an keinem Buch mehr gelesen. Doch von Anke Gr\u00f6ner habe ich gelernt, dass man \u00fcber ein Buch auch schon mittendrin bloggen kann (ich bin auf Seite 544). Der polnische Reiter wurde als El jinete polaco von Antonio Mu\u00f1oz Molina geschrieben und von Willi Zurbr\u00fcggen ins Deutsche \u00fcbersetzt. 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