{"id":66849,"date":"2021-04-21T06:27:04","date_gmt":"2021-04-21T04:27:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=66849"},"modified":"2021-04-21T11:17:56","modified_gmt":"2021-04-21T09:17:56","slug":"journal-dienstag-20-april-2021-die-sonderstellung-russischer-immigration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/04\/journal-dienstag-20-april-2021-die-sonderstellung-russischer-immigration.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 20. April 2021 &#8211; Die Sonderstellung russischer Immigration"},"content":{"rendered":"<p>Die gute Nacht war noch vor f\u00fcnf zu Ende &#8211; aber ich hatte genug Schlaf bekommen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen wurde es zu einem weiteren bleigrauen Tag hell, halbwegs.<\/p>\n<p>Die Schreinerei hatte ein Computer-generiertes Bild meines k\u00fcnftigen Einbauschranks geschickt, dazu Zeichnungen des Innenaufbaus &#8211; ich war schockverliebt.<\/p>\n<p>Immer noch sehr kalter Fu\u00dfweg in die Arbeit.<\/p>\n<p>Was mich an den rausgewachsenen Haaren st\u00f6rt (\u00fcber sechs Monate sind&#8217;s jetzt), ist keineswegs der Anblick &#8211; den halte ich weiterhin f\u00fcr ertragbar, auch wenn ich mich nicht damit identifiziere. Mich st\u00f6rt, dass meine Haare mir bewusst sind und mir damit Aufmerksamkeit rauben. Ich sp\u00fcre sie \u00fcber den Ohren, im Nacken, muss sie von den Augen wegstreichen oder per Kopfbewegung wegsch\u00fctteln, merke, wie sie der Wind mir ins Gesicht weht. Wenn sie mindestkurz sind, bemerke ich sie \u00fcberhaupt nicht, bei ein wenig Rauswachsen h\u00f6chstens, wenn ich sie f\u00fcrs Schwimmen (SCHWIMMEN! BUHUHUHU!) mit Schwimmkappe aus dem Gesicht halten muss. Ist ein bisschen wie Fingern\u00e4gel: Idealkurz sind sie gar nicht da; wenn sie so lang sind, dass ich sie bemerke, nerven sie und ich m\u00f6chte sie dringend schneiden. Die Anspr\u00fcche an Pflegeprodukte f\u00fcr meine Haare <a href=\"http:\/\/hotelmama.it\/2021\/04\/welle-und-form\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">sind folglich mit denen von Casino identisch<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>es funktioniert wie es soll, die haare sehen nach der w\u00e4sche gewaschen aus, und nach dem b\u00fcrsten frisiert. mehr kann, nach meiner lebenserfahrung, kein mensch erwarten.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Plus alle paar Wochen Lila-Shampoo gegen Gelbstich, die Flasche h\u00e4lt anderthalb bis zwei Jahre.)<\/p>\n<p>Mittags gab es eine K\u00e4sesemmel und einen Apfel, nachmittags ein paar getrocknete Pflaumen und N\u00fcsse.<\/p>\n<p>In der Arbeit viel Manuelles und Fu\u00dfwege.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg sah sogar die Sonne ein wenig raus, ich konnte die Handschuhe wegstecken.<\/p>\n<p>Zu Hause Familienkontakt (es gibt weitere Impfmeldungen, hurra!), eine Einheit Yoga. Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell Nudeln mit gelben Beten aus Ernteanteil und Feta, ein wenig Sch\u00e4rfe durch Pul Biber. Nachtisch war die letzte Osterschokolade.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/04\/journal-sonntag-18-april-2021-kaltes-grau-beifang-aus-dem-internetz.htm#comment-258383\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Der Hinweis von Kommentatorin Anna<\/a> brachte mich zum Nachdenken \u00fcber die Sonderform der Einwanderung in Deutschland durch Russen und Russinnen, die sich auch nach mehreren Generationen im Ausland als Deutsche definierten, &#8220;Russlanddeutsche&#8221; genannt (rein sprachlich eine Ausnahme, sehr wahrscheinlich ist nie von &#8220;Spaniendeutschen&#8221; oder &#8220;Brasiliendeutschen&#8221; die Rede, egal wie sehr sie sich in ihren Heimatl\u00e4ndern als Community oder &#8220;Colonia&#8221; \u00fcber Generationen isolieren.) Denn schlagartig wurde mir bewusst, dass diese Einwanderungsgruppe (mir ist klar, dass sie genausowenig homogen ist wie jede andere) in den Migrationsdiskussionen in meinem Blickfeld fast nicht vorkommt &#8211; weil sie sich eben gar nicht als Einwanderer sehen.<\/p>\n<p>Was mir erst mal einfiel:<br \/>\n&#8211; Meine Mutter, die in der Integrationsdebatte der 1980er (als das offizielle Deutschland noch versuchte, durch schlichte Behauptung einfach kein Einwanderungsland zu sein) gerne auf die Bigotterie hinwies, dass von Einwanderern nach Deutschland verlangt wurde, die mitgebrachte Kultur aufzugeben und ganz in einer anderen aufzugehen, dasselbe Deutschland aber stolz darauf war, dass seine Auswanderer im Zielland die mitgebrachte Kultur \u00fcber Jahrhunderte unintegriert pflegte (wie es in einigen L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas bis heute ist).<br \/>\n&#8211; Die Geschichten von russische Einwandererfamilien mit mehreren Generationen, deren Teenager ungefragt und unfreiwillig mitkamen, kein Deutsch sprachen, mit der von Eltern und Gro\u00dfeltern glorifizierten &#8220;deutschen Kultur&#8221; nichts anfangen konnten (die ohnehin in dieser konservierten Form gar nicht existierte) und sich in der neuen Heimat doppelt ausgegrenzt sahen.<br \/>\n&#8211; Diese russischen Einwandererfamilien, die in Deutschland feststellen mussten, dass sie von ihrer Alltagsumgebung wie beliebige andere Einwanderer angesehen wurden (also traditionell ablehnend und ausgegrenzt) und oft lieber unter sich blieben.<br \/>\n&#8211; Ein Erkl\u00e4rungsansatz der N\u00e4he zu nationalistischen bis rechtsradikalen politischen Tenzenden. <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/abstiegsaengste-und-neid-lassen-auch-in-der-boomtown-ingolstadt-die-afd-erstarken-ld.1420746\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dieser <i>NZZ<\/i>-Artikel stellte 2018 einen Bezug her<\/a> zwischen AfD-W\u00e4hlertum in Ingolstadt und der besonders gro\u00dfen russischen Einwanderer-Community dort. Ich hatte das reflexhaft mit meinem (peinlichen) Stereotyp <i>des<\/i> Russen erkl\u00e4rt, der nun mal Nationalist ist was will man machen. Viel schl\u00fcssiger aber ist die Erkl\u00e4rung, dass sich diese russischen Einwanderer \u00fcber Blutlinien als Deutsche definieren und deshalb ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu anderen Deutsch-Definitionen haben.<\/p>\n<p>Herr Kaltmamsell gab mir den Tipp, Hintergr\u00fcnde auf der Website der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung zu recherchieren &#8211; Volltreffer.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/russlanddeutsche\/283533\/identitaet-und-ethnizitaet-bei-bundesbuergern-mit-russlanddeutschem-migrationshintergrund\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;Identit\u00e4t und Ethnizit\u00e4t bei Bundesb\u00fcrgern mit russlanddeutschem Migrationshintergrund&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Identit\u00e4t und Identifikationen von Russlanddeutschen sind seit Beginn ihrer massenhaften Migration in die Bundesrepublik Deutschland seit Ende der 1980er Jahre ein Thema, das die soziologische, anthropologische, kulturwissenschaftliche, erziehungswissenschaftliche und psychologische Forschung besch\u00e4ftigt. Ausgangspunkt ist der elementare Identit\u00e4tskonflikt, den viele Russlanddeutsche durchmachen mussten, nachdem sie aus der (ehemaligen) Sowjetunion nach Deutschland kamen und der oft in dem Satz zusammengefasst wird: &#8220;Dort waren wir die Deutschen (oder: die Faschisten), hier sind wir die Russen.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>In diesem Aufsatz wird aufgeschl\u00fcsselt, wie vielf\u00e4ltig die Selbstdefinition dieser Einwanderergruppe ist.<\/p>\n<p>Und hier ein Aufsatz \u00fcber die Instrumentalisierung der Unterdr\u00fcckungsgeschichte vieler russischer Einwanderer mit deutschen Wurzeln:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/russlanddeutsche\/274757\/als-ob-sie-kein-leben-gehabt-haetten\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Als ob sie kein Leben gehabt h\u00e4tten&#8217;<br \/>\nRusslanddeutsche Alltagsgeschichte zwischen Stalinismus und Perestroika&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Zun\u00e4chst zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr das bis heute sehr partielle Wissen \u00fcber das Sowjetische in russlanddeutschen Biographien: Ausgehend von den traumatischen Erfahrungen der stalinistischen Zwangsumsiedlungen und der anschlie\u00dfenden Zwangsarbeit in der &#8220;Arbeitsarmee&#8221; (Trudarmija) ist die dominierende Erz\u00e4hlung russlanddeutscher Geschichte bis heute die eines &#8220;Volks auf dem Weg&#8221;, eine Erz\u00e4hlung von Leistungstr\u00e4gern, die vermeintlich &#8220;leere&#8221; und &#8220;w\u00fcste&#8221; Steppen in &#8220;bl\u00fchende Landschaften&#8221; verwandelt haben und dann ab Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere ab 1917 zu Opfern wurden. Eine solche Deutung hat zweifellos ihre Berechtigung, nicht nur mit Blick auf die sowjetische Politik w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>Zugleich werden jedoch durch den in hohem Ma\u00dfe emotional besetzten Absolutheitsanspruch, mit dem eine solche Interpretation der &#8220;eigenen&#8221; Geschichte vertreten wird, all jene Facetten der russlanddeutschen Erfahrungen verdeckt, die nicht dieser Interpretation entsprechen. Dabei liegen inzwischen gen\u00fcgend Untersuchungen vor, in denen gezeigt wird, dass das Opfernarrativ eines &#8220;Volks auf dem Weg&#8221;, das sich trotz aller Repressionen wie in einem Identit\u00e4tscontainer \u00fcber mehr als zwei Jahrhunderte und mehrere Kontinente hinweg eine unver\u00e4nderte &#8220;deutsche Identit\u00e4t&#8221; bewahrt habe und dessen &#8220;Weg&#8221; nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit der Ankunft in der deutschen &#8220;Urheimat&#8221; ein erfolgreiches Ende gefunden habe, weder den vergangenen noch den gegenw\u00e4rtigen Realit\u00e4ten russlanddeutscher Lebenswelten gerecht wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und als w\u00e4re das nicht schon kompliziert genug, gibt es unter uns ja auch noch j\u00fcdische Kontingentfl\u00fcchtlinge. Wer sich f\u00fcr Geschichte und Abgrenzung interessiert:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/kurzdossiers\/252561\/juedische-kontingentfluechtlinge-und-russlanddeutsche?p=all\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;J\u00fcdische Kontingentfl\u00fcchtlinge und Russlanddeutsche&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/dossier-migration-ALT\/56394\/aussiedler\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Das Thema Aussiedler<\/a> ignoriere ich erst mal, wird zu viel. Aber ich parke den Begriff &#8220;Deutsche Volkszugeh\u00f6rigkeit&#8221; &#8211; <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_116.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Art 166 Grundgesetz<\/a> &#8211; in meinem Hinterkopf und versuche ihn zu verarbeiten.) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/9ec11855471b4172a09e1d49c603e2a3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gute Nacht war noch vor f\u00fcnf zu Ende &#8211; aber ich hatte genug Schlaf bekommen. Drau\u00dfen wurde es zu einem weiteren bleigrauen Tag hell, halbwegs. Die Schreinerei hatte ein Computer-generiertes Bild meines k\u00fcnftigen Einbauschranks geschickt, dazu Zeichnungen des Innenaufbaus &#8211; ich war schockverliebt. Immer noch sehr kalter Fu\u00dfweg in die Arbeit. 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