{"id":66875,"date":"2021-04-22T06:43:49","date_gmt":"2021-04-22T04:43:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=66875"},"modified":"2022-04-06T16:44:02","modified_gmt":"2022-04-06T14:44:02","slug":"journal-mittwoch-21-april-2021-andreas-glumm-geplant-war-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2021\/04\/journal-mittwoch-21-april-2021-andreas-glumm-geplant-war-ewigkeit.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 21. April 2021 &#8211; Andreas Glumm, <i>Geplant war Ewigkeit<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Ein sonniger Morgen und sonniger Tag, noch brauchte ich aber auf dem Weg ins B\u00fcro Handschuhe.<\/p>\n<p>In der Arbeit wieder viel Arbeit mit Dingen. Mittags Orangen, Grapefruit, Quark.<\/p>\n<p>In freundlichem Wetter verl\u00e4ngerte ich meinen Heimweg ein bisschen auf der Theresienwiese, die vielf\u00e4ltig besportelt wurde (neben Roller Blades \u00fcbrigens dieses Jahr auffallend viele Roller Skates &#8211; an meist besonders sorgf\u00e4ltig gestylten Damen, gibt es da einen Trend?). Zu Hause erst mal Yoga, eher gem\u00fctlich &#8211; diese Folge wiederhole ich also nicht.<\/p>\n<p>Nachtmahl kam vom freundlichen Nachbarschafts-Vietnamesen: Reisnudeln mit viel Gem\u00fcse und Zitronengras-Tofu. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Abends wurde gemeldet, <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/corona-impfstoff-von-astrazeneca-ab-sofort-fuer-alle-erwachsenen-in-bayern-freigegeben,SVEN5Mh\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dass auch Bayern den Corona-Impfstoff von AstraZeneca f\u00fcr alle Altersgruppen freigegeben hat und er in Arztpraxen ohne Priorisierung verimpft werden darf<\/a>. Ich meldete mich sofort bei meiner Haus\u00e4rztin per Kontaktformular daf\u00fcr an. (Ab jetzt nur noch \u00e4rmelfreie Oberteile. F\u00fcr alle F\u00e4lle.)<\/p>\n<p>Bov Bjergs Erstling <i>Deadline<\/i> (gutes Buch) wird neu aufgelegt. Er musste daf\u00fcr zwar einen eigenen Verlag gr\u00fcnden, <a href=\"https:\/\/issuu.com\/kanonverlag\/docs\/kanon_1.programm_vorschau_einzel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den Kanon Verlag<\/a>, aber das ist&#8217;s wert.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_glumm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-66465\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_glumm.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"229\" \/><\/a><\/p>\n<p>Glumm bloggt schon immer &#8211; also mindestens seit den 20 Jahren, die ich Blogs lese (das Archiv <a href=\"https:\/\/500beine.myblog.de\/500beine\/archivebymonth\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">seines fr\u00fcheren Blogs <em>500 Beine<\/em><\/a> beginnt allerdings erst 2015, egal). Und <a href=\"https:\/\/glumm.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus seinem Blog<\/a> kannte ich auch seine Solinger Multitoxler-Loser-Geschichten, ganz deutlich autobiografisch. Jetzt ist aus seinen Geschichten ein Buch geworden &#8211; und der Verlag hat es mir freundlicherweise kostenlos als PDF zur Verf\u00fcgung gestellt: <a href=\"https:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/Geplant-war-Ewigkeit-Andreas-Glumm-9783753178455\/111555\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andreas Glumm, <i>Geplant war Ewigkeit<\/i>.<\/a><\/p>\n<p>Gut bis hervorragend geschrieben sind alle von Glumms Geschichten aus verschiedenen Jahrzehnten, alle in Solingen und bei seinen Menschen angesiedelt, alle mit einer wiedererkennbaren Stimme erz\u00e4hlt &#8211; und doch in Tonalit\u00e4t und Grundhaltung seht unterschiedlich. Mit nicht jeder Grundhaltung konnte ich etwas anfangen.<\/p>\n<p>Wenig zum Beispiel mit den Szenen aus j\u00fcngeren Jahren, in denen ich lediglich Karikaturen eines M\u00e4nnlichkeitsbilds erkannte, das vielleicht 14-j\u00e4hrige cool finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>Er fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr aus\u00fcbte: in hektischen Intervallen, \u00fcberfallartig, bockig. Und immer so, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Benzini fuhr, als h\u00e4tte er ein Military-Pferd unterm Hintern: vor ihm tiefes Gel\u00e4uf und nur noch wenige Minuten bis zum Zieleinlauf. Er fuhr, als w\u00e4ren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts als ein H\u00fctchenspiel, mit dem der Herrgott uns alle auf Trab hielt. Jederzeit konnte man Haus und Hof aufs falsche H\u00fctchen setzen und als Bankrotteur enden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Volle Punktzahl in der B-Note f\u00fcr bildhafte Beschreibung, doch dieser Duktus macht mich heutzutage m\u00fcde (ich bin alt). Kurzer Gegentest: Ich versuchte mir diese und \u00e4hnliche Beschreibungen und Formulierungen \u00fcber Frauen vorzustellen &#8211; funktionierte \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Komplett bizarr wurde meine Wahrnehmung der Drogengeschichten, als ich w\u00e4hrend der Zeit der Lekt\u00fcre als Sch\u00f6ffin am M\u00fcnchner Amtsgericht in einer Verhandlung wegen Versto\u00dfes gegen das Bet\u00e4ubungsmittelgesetz sa\u00df: Dieselben Themen, dieselben Menschen, aber nichts daran launig und lustig.<\/p>\n<p>Ich unterstelle Glumm nicht, dass er das Thema harte Drogen verharmlost, doch im Grunde ist in den Geschichten dieses Leben, das sich zu 95 Prozent um Rausch und Beschaffung dreht,\u00a0vor allem ein gro\u00dfes Spiel &#8211; wer verliert, stirbt halt den Drogentod, h\u00f6h\u00f6h\u00f6. Die Haltung hat etwas naiv Kindliches, vor allem in ihren M\u00e4nnlichkeits- und Abgebr\u00fchheits-Posen, aber es geht nunmal um Menschenleben. Selbst mir, die das Leben grunds\u00e4tzlich sinnlos findet, ist das zu frivol. Was nicht bedeutet, dass man nicht Geschichten aus dieser Seite der Gesellschaft oder nicht in diesem Tonfall schreiben soll &#8211; ich mag sie lediglich nicht lesen.<\/p>\n<p>Dennoch empfehle ich den Erz\u00e4hlband, er enth\u00e4lt n\u00e4mlich mehr als genug Geschichten, die aus diesem Bukowski-Duktus rausfallen. Glumm erz\u00e4hlt, wie er die Gr\u00e4fin an seiner Seite kennenlernte, er schreibt ausf\u00fchrlich \u00fcber seine Eltern (aus einer dieser Geschichten ist der Buchtitel entnommen) in vielen aufmerksam registrierten Details, die weit \u00fcber die individuellen Geschichten hinaus weisen und eine Zeit erz\u00e4hlen, eine Gesellschaftsschicht, wirklich Bedeutsames. Hier finden sich kaum coole Floskeln, statt dessen liebevolle Beobachtung, menschenfreundliche Gelassenheit.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAch wo, in der K\u00fcche h\u00f6re ich schon lange kein Radio mehr. Es ist dir blo\u00df noch nicht aufgefallen\u201c, erkl\u00e4rte Mutter geduldig. Ich wartete auf das leise L\u00e4cheln in ihrem Gesicht, das immer dann kam, wenn sie es gut mit jemandem meinte. Ein stilles In-sich-hinein-L\u00e4cheln, wie bei einem Goldsch\u00fcrfer, der tief im Unterbauch schon ahnt, dass er gleich auf eine Ader sto\u00dfen wird.<br \/>\nSie konnte ein Lachen aber auch laut herausplatzen lassen, laut wie ein italienischer Polier, wobei sie den Kopf schwungvoll in den Nacken warf, damit mehr Platz im Hals<br \/>\nwar \u2013 mehr Platz zum Lachen. Aber diesmal war nichts davon zu sehen und zu h\u00f6ren. Kein Lachen, kein L\u00e4cheln, keine Musik.<br \/>\n\u201eUnd warum?\u201c fragte ich.<br \/>\n\u201eWarum es dir noch nie aufgefallen ist?\u201c<br \/>\nSie reichte mir zwei abgetrocknete Dessert-Tellerchen, und ich \u00f6ffnete den H\u00e4ngeschrank, um sie zum anderen Geschirr zu stellen.<br \/>\n\u201eNein, warum du keine Musik mehr h\u00f6rst.\u201c<br \/>\n\u201eWarum mag man keine Musik mehr h\u00f6ren &#8230;\u201c, formte Mutter die Worte neu, wie eine Frage an sich selbst. Vom Flur her h\u00f6rten wir Ger\u00e4usche, Vater schlurfte ins Schlafzimmer, um sein Mittagsschl\u00e4fchen zu halten. Ich schaute in die Augen meiner Mutter. Da stellte ich die zwei kleinen Teller ab, und ich schloss sie in den Arm.<\/p><\/blockquote>\n<p>Besonders mochte ich die Geschichten \u00fcber Freundschaft, darunter fiel mir die \u00fcber den lebenslagen Freund auf, der offensichtlich durch und durch ein Ekel war: &#8220;&#8216;Leh\u2019m is hart&#8217; \u2013 der schwierige Abschied vom dicken Hansen&#8221; &#8211; Glumms Loyalit\u00e4t ist nahezu unzerst\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Selbst unter den Drogengeschichten gibt es einige, die einen weiten Blick \u00fcber den Horizont haben &#8211; ich bin versucht, sie nach dem Ende von Glumms Heroin-Zeit zu datieren. Diese mochte ich durchaus. Oder wie er von seinem Herzinfarkt erz\u00e4hlt (die Vorform dieser Geschichte kannte ich ebenfalls aus Glumms Blog), ganz nah bei sich und gleizeitig mit dem beobachtenden Blick des Geschichtenerz\u00e4hlers: Hervorragend gemacht.<\/p>\n<p>Gelohnt hat sich die Sammlung im Buch auf jeden Fall, lesen Sie sie.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Greifv\u00f6gel sind durch und durch Fleischfresser und m\u00f6gen kein Brot. Auch nicht wenn es in ihrer Beute steckt. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/birdturntable\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">@birdturntable<\/a> hat fotografisch einen Rundschwanzsperber erwischt, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/birdturntable\/status\/1384582076503109633\/photo\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wie er aus dem Kropf der eben geschlagenen Taube sorgf\u00e4ltig deren letzte Mahlzeit entfernt<\/a>. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/c938b78b49ef4db396eb20432b3ca2cf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein sonniger Morgen und sonniger Tag, noch brauchte ich aber auf dem Weg ins B\u00fcro Handschuhe. In der Arbeit wieder viel Arbeit mit Dingen. Mittags Orangen, Grapefruit, Quark. 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