{"id":6689,"date":"2010-02-14T18:59:20","date_gmt":"2010-02-14T17:59:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=6689"},"modified":"2010-02-14T19:05:05","modified_gmt":"2010-02-14T18:05:05","slug":"joseph-wechsberg-gerda-v-uslar-ubers-forelle-blau-und-schwarze-truffel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/02\/joseph-wechsberg-gerda-v-uslar-ubers-forelle-blau-und-schwarze-truffel.htm","title":{"rendered":"Joseph Wechsberg, Gerda v. Uslar (\u00dcbers.),<br><i>Forelle blau und schwarze Tr\u00fcffel<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich habe ich mich ebenso wie Sie gewundert, dass es sich um eine \u00dcbersetzung handelt. Doch als es bereits in der ersten der 17 Geschichten des Buches hie\u00df, der Professor Internist habe im \u201eneunten Distrikt\u201c Wiens gewohnt, verschwand die Illusion der Originalsprache &#8211; auch Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Szene spielt, war Wien in Bezirke unterteilt. Die jemand auf Englisch sehr wahrscheinlich \u201edistricts\u201c nennt. Das ist aber zum Gl\u00fcck die Stelle, die am deutlichsten als \u00dcbersetzung auff\u00e4llt; sonst liest sich die  autobiographische Vignetten- und Anekdotensammlung des Herrn Wechsberg wie ein deutsches Original.<\/p>\n<p>Er w\u00e4re heute sehr wahrscheinlich ein Foodblogger, <a href=\"http:\/\/www.josephwechsberg.com\/html\/joseph-wechsberg-biography.html\" target=_new>der 1907 geborene Herr Wechsberg<\/a>, noch dazu ein guter. Und so musste ich bei der Lekt\u00fcre von <i>Forelle blau und schwarze Tr\u00fcffel<\/i> (erschienen 1953) sehr an <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/08\/stevan-paul-monsieur-der-hummer-und-ich.htm\">das hoch gesch\u00e4tzte B\u00fcchlein von Herrn Paulsen<\/a> denken. Joseph Wechsberg beginnt bei seiner Kindheit und der gro\u00dfen Abneigung gegen jegliche Nahrungszufuhr, mit der er seinen Eltern damals Sorgen bereitete. Sp\u00e4ter entdeckte er das Essen zu unserem Gl\u00fcck als Leidenschaft. Und so nahm er mich zun\u00e4chst mit zu dem sonntagsmitt\u00e4glich gedeckten Tafeln der besseren Wiener Gesellschaft. Ich zwinkerte Friedrich Torberg zu &#8211; der diese Szenen allerdings erheblich derber beschreibt.<\/p>\n<p>Die Speisen seiner Studienorte Prag und Paris sind eigene Kapitel wert, sp\u00e4ter einzelne Lokale oder Speisen vor allem in Frankreich &#8211; immer aufgeh\u00e4ngt an pers\u00f6nlichen Erlebnissen und den damit verbundenen Menschen, immer in angenehmstem Plauderton. Joseph Wechsberg nimmt seine sinnliche Wahrnehmung ernst, nicht nur beim Schmecken. Dem entsprechend werden Personen eingef\u00fchrt, zum Beispiel:<\/p>\n<blockquote><p>Monsieur Raymond Thuilier war ein freundlicher, schnurrb\u00e4rtiger Franzose, der aussah, als habe er soeben etwas sehr Angenehmes \u00fcber sich geh\u00f6rt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Am besten hat mir das Kapitel \u00fcber die Bouillabaisse gefallen. Darin schildert Wechsberg, wo er die beste so benannte Fischsuppe seines Lebens gegessen hat: \u201eAuf dem Vorderdeck der \u201aAzay-le-Rideau\u2018 (&#8230;), als sie im Mittelmeer kreuzte.\u201c Zubereitet hatte sie  \u201e\u00c9tienne-Marcel, der pergamentgesichtige Zimmermann an Bord der \u201aAzay-le-Rideau\u2018.\u201c Wechberg verdiente sein Geld auf diesem drittklassigen Kreuzfahrtschiff als Bordmusiker. Die sonstige Besatzung bestand aus Griesgramen, die sich in Anstellungen auf Luxusschiffen etwas zuschulden hatten kommen lassen, und nun auf dieser \u201eschwimmenden Teufelsinsel der Gesellschaft\u201c arbeiten mussten. In vielen Details beschreibt Wechsberg, wie \u00c9tienne-Marcel seine Bouillabaisse zubereitete, nicht nur auf dem Schiff, sondern auch in seinem Zuhause in Marseille. Ich h\u00e4tte sie nach der Lekt\u00fcre des Kapitels nachkochen k\u00f6nnen &#8211; st\u00fcnde nicht am Anfang der Zubereitung das Gebot, nicht etwa frischen Fisch zu verwenden, sondern allerfrischesten Fisch, buchst\u00e4blich direkt aus dem Meer. M\u00fcnchen &#8211; Meer?<\/p>\n<p>Am ausf\u00fchrlichsten schildert Joseph Wechsberg eine Reise im S\u00fcdwesten Frankreichs auf der Suche nach dem idealen Tr\u00fcffelgericht sowie die Reise entlang aller damaligen Drei-Michelin-Stern-Lokale Frankreichs &#8211; inklusive Zubereitungsart der Spezialit\u00e4ten, Beschreibung der K\u00fcchen und Nennung der bemerkenswertesten Weine.<\/p>\n<p><i>Forelle blau und schwarze Tr\u00fcffel<\/i> hat mich in eine vergangene Epoche des Reisens und Essens (und der Verwendung des Worts \u201evorz\u00fcglich\u201c) mitgenommen, ich f\u00fchlte mich wie in einem amerikanischen Film gleich nach dem Krieg. Nebeneffekt: Ich habe mir ganz fest eine Fressreise durch Frankreich vorgenommen. (Vielen Dank f\u00fcr den Lesetipp an <a href=\"http:\/\/www.rettet-das-mittagessen.de\/blog\/\" target=_new>Herrn Mittagesser<\/a>!) Ein Foto vom Buch gibt es <a href=\"http:\/\/common-reader.de\/?p=293\" target=_new>hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich habe ich mich ebenso wie Sie gewundert, dass es sich um eine \u00dcbersetzung handelt. Doch als es bereits in der ersten der 17 Geschichten des Buches hie\u00df, der Professor Internist habe im \u201eneunten Distrikt\u201c Wiens gewohnt, verschwand die Illusion der Originalsprache &#8211; auch Anfang des 20. 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