{"id":678,"date":"2004-12-15T11:00:58","date_gmt":"2004-12-15T10:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/12\/falsche-frauen.htm"},"modified":"2004-12-15T11:02:47","modified_gmt":"2004-12-15T10:02:47","slug":"falsche-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/12\/falsche-frauen.htm","title":{"rendered":"Falsche Frauen"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4tte mich das Tamtam um die letzte Folge <i>Sex and the City<\/i> nicht um mein geliebtes <i>Emergency Room<\/i> gebracht, h\u00e4tte ich mir Kommentare weiterhin verkniffen. Aber mir mein praktisch einziges echtes Fernsehserienvergn\u00fcgen zu nehmen, hat das \u00fcbergelaufene Krautfass ausgesch\u00fcttet.<\/p>\n<p><i>SATC<\/i> begann eigentlich als Satire und brach die Erz\u00e4hl-Illusion immer wieder, indem Darsteller wie bei einer Umfrage in die Kamera sprachen. Ich stellte mich also auf eine Komm\u00f6die \u00fcber die Klischees alleinlebender Frauen ein. Auf dieser Ebene am\u00fcsierte ich mich pr\u00e4chtig und weidete mich an ausgefallenen Sets, an den Klamotten, an Manhatten.<\/p>\n<p>Doch noch w\u00e4hrend der ersten Staffel behaupteten zu meiner Best\u00fcrzung immer mehr Leute, \u00f6ffentlich oder in meiner pers\u00f6nlichen Umgebung, dass die Fernsehserie endlich Frauen zeige, wie sie \u201ewirklich\u201c seien, welche Gespr\u00e4che sie \u201ein echt\u201c mit ihren Freundinnen f\u00fchrten, wie sie \u00fcber M\u00e4nner d\u00e4chten.<\/p>\n<p>Und wie so oft, wenn man mir erkl\u00e4rt, wie und was Frauen \u201ewirklich\u201c sind, f\u00fchle ich mich wie ein Freak in der Sideshow eines Zirkus\u2019: Ich bin n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht so und kenne pers\u00f6nlich auch praktisch keine Frau, die so ist und lebt.<\/p>\n<p>Dabei muss ich mich nicht mal bei m\u00e4rchenhaften Details aufhalten, zum Beispiel dass jemand von einer w\u00f6chentlichen Zeitungskolumne leben kann (die ohnehin eher Beziehungsphilosophie ist als Sex und deren Seichtigkeit eine Bloggerin dadurch entlarvte, dass sie sie fast Woche f\u00fcr Woche in ihrem Blog nach\u00e4ffte), oder dass jemand f\u00fcr jeden Tag des Monats mindestens zwei komplette Outfits besitzt. Das nehme ich gerne noch auf die <i>suspension of disbelief<\/i>. Aber: Alle Frauen diskutieren mit ihren Freundinnen detailliert ihre Sexualpartner? Tut mir leid, Gespr\u00e4che \u00fcber meine eigenen sexuellen Neigungen kenne ich, aber Intimes \u00fcber andere Menschen preis zu geben, hielte ich f\u00fcr indiskret. Also bin ich keine wirkliche Frau.<\/p>\n<p>Zudem fand ich die Serie in weiten Bereichen ausgesprochen pr\u00fcde. Frauen, wie sie wirklich sind (in diesem Fall Carrie), tragen im Bett immer BH? Ob beim Sex oder unterm Nachthemd beim Schlafen? Entschuldigung, dann bin ich nicht nur eine falsche Frau, sondern habe noch nie eine wirkliche kennen gelernt.<\/p>\n<p>Einen Typus der vier wirklichen Frauen kannte ich allerdings pers\u00f6nlich: die Superpromiskuitive. Sie war schon w\u00e4hrend unseres gemeinsamen Studiums (Englische Literatur) die geborene Macherin und handfeste Managerin &#8211; und schlief sich durch ganze Berufgruppen. Als ich sie sanft darauf aufmerksam machte, wie sehr ihr damaliger fester Partner darunter litt, schaute sie mich entwaffnend offen an und erkl\u00e4rte: \u201eAch Kaltmamsell, ich schlafe einfach wahnsinnig gern mit M\u00e4nnern.\u201c<br \/>\nGleichzeitig fehlte ihr aber alles Anz\u00fcgliche, Vulg\u00e4re oder auch nur Kokette der Samantha. Sie war eher schelmisch, wenn sie einen Mann als n\u00e4chsten Bettgef\u00e4hrten ins Auge gefasst hatte. So sa\u00dfen wir mal zusammen an der Theke einer Kneipe, und ihr fiel der neue Barmann auf. Sie l\u00e4chelte nur ganz fein und sagte: \u201eDen nehme ich heute mit heim.\u201c Dann wandte sie sich wieder mir zu. Als ich heim ging, blieb sie sitzen. Und als ich sie am n\u00e4chsten Morgen im Seminar fragte, wie es gewesen sei, strahlte sie mich an: \u201eDer war so s\u00fc\u00df!\u201c<\/p>\n<p>Fazit: Von allen Frauen, denen ich je begegnet bin, weist eine einzige \u00c4hnlichkeit mit Frauen auf, wie sie wirklich sind.<\/p>\n<p>Es gruselt mich gewaltig vor Menschen, deren Frauenbild dem der Fernsehserie entspricht &#8211; und beileibe nicht nur vor dem m\u00e4nnlichen Anteil.<\/p>\n<p><i>(Nein, nein, nein, das war nicht geh\u00e4ssig. Geh\u00e4ssig w\u00e4re gewesen darauf hinzuweisen, dass Sarah Jessica Parker ihre Rolle immer blasierter und koketter spielte, zudem mit immer mehr klebrigem Kleinm\u00e4dchencharme, je tiefer die kundig zugekleisterten Falten um ihre Augen wurden. Oder dass ich ihr Pferdegesicht inzwischen absto\u00dfend finde, wo ich sie doch wegen ihrer gro\u00dfen Nase in <\/i>L.A. Story<i> oder <\/i>Miami Rhapsody<i> noch richtig mochte.)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte mich das Tamtam um die letzte Folge Sex and the City nicht um mein geliebtes Emergency Room gebracht, h\u00e4tte ich mir Kommentare weiterhin verkniffen. Aber mir mein praktisch einziges echtes Fernsehserienvergn\u00fcgen zu nehmen, hat das \u00fcbergelaufene Krautfass ausgesch\u00fcttet. 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